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Werner Freudenberger: Kultweg Bernsteinstraße#

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Werner Freudenberger: Kultweg Bernsteinstraße. Auf dem Weg von Carnuntum nach Aquileia. Verlag Styria, Wien - Graz - Klagenfurt 2014. 208 S., ill., € 24,99

Wäre "uralt" nicht ein Unwort - auf Bernstein würde es passen: Das versteinerte Harz von Koniferen entstand vor 40 Millionen Jahren. Schon in der Bronzezeit fand das "Gold des Nordens" durch Tauschhandel seinen Weg vom Baltikum bis nach Ägypten. Im römischen Imperium war Carnuntum ein wichtiger Umschlagplatz. Für das ausgedehnte Netz der Handelswege entstand im 19. Jahrhundert der Begriff Bernsteinstraße. Im vergangenen Jahrzehnt hat die EU begonnen, sie mit verschiedenen Initiativen zu beleben. Touristische und kulturelle Projekte sollen die historische Transitroute zum Symbol des gemeinsamen kulturellen Erbes machen.

War die Bernsteinstraße auch ein wichtiger römischer Handelsweg, so lag ihre Hauptaufgabe nicht im wirtschaftlichen, sondern im militärischen Bereich. Entlang der römischen Fernstraßen fanden der Handel und die Entwicklung einzelner Regionen beste Voraussetzungen. Die Bernsteinstraße war aufwändig gebaut. Bei möglichst geringen Steigungen und unter Umgehung von unwegsamem Gelände und Überschwemmungen erstreckte sie sich über 474 km (320 römische Meilen). Sie verband die Garnisonsstadt Carnuntum an der Donau mit der Hafenstadt Aquileia an der Adria.

Werner Freudenberger, leitender Redakteur im ORF-Landesstudio Kärnten, folgte ihr zunächst mit Fernsehfilmen, nun mit diesen Buch, zu dem er aussagekräftige Fotos und kulinarische Highlights beisteuerte. Zunächst lernt man das faszinierende Material kennen, das die Griechen "Tränen der Götter" oder "Elektron" nannten. Sie erkannten, dass sich der leicht zu bearbeitende und brennbare Bernstein beim Reiben elektrisch auflädt. Doch war er schon viel früher bekannt: Polnische Archäologen stießen wiederholt auf prähistorische Werkstätten. Im Lauf der Zeit entstanden aus dem kostbaren Harz Gebrauchsgegenstände, Schmuck und Kunstobjekte - von denen das legendäre Bernsteinzimmer aus der Barockzeit das berühmteste ist. Unter Sammlern höchst begehrt und entsprechend kostspielig sind die Inklusen, Tiere und Pflanzen die vor Jahrmillionen in das Harz eingeschlossen wurden. In der chemischen Industrie, als Arznei und Wundermittel war Bernstein sehr gefragt.

Danach beginnt die überaus spannende Reise durch Zeiten und Kulturen "Von der Ostsee durch das Land der Barbaren". Hainburg, die östlichste Stadt Österreichs, ist die erste Station. Hier empfiehlt sich die Besichtigung der Stadtmauer ebenso wie der schönsten Rokokosäule und der modernsten evangelischen Kirche des Landes. Wenige Kilometer weiter südwestlich lag die "Kaiserstadt Carnuntum". Petronell zeichnet sich durch den großen Archäologiepark aus, in dem zahlreiche Objekte originalgetreu nachgebaut wurden. "Dieser Art römische Geschichte wissenschaftlich seriös und lebensnah zu präsentieren, begegnet man nur äußerst selten", weiß der Autor und fügt auch gleich zwei überlieferte antike Kochrezepte bei.

Im Nordburgenland führt die Bernsteinstraße durch das UNESCO-Welterbegebiet Nationalpark Neusiedler See - Leithagebirge, durch romantische Kellergassen und zum Römersteinbruch St. Margarethen. Bei Scarabantia / Sopron / Ödenburg - erreicht man Ungarn, wobei der deutsche Name der Stadt von den riesigen Quadersteinen der verlassenen römischen Festung gemahnt. Schon bald ist die österreichische Grenze wieder überschritten und man gelangt zum "rätselhaften Kultobjekt von Haschendorf". Immer wieder findet man im Südburgenland Hinweise auf die Bernsteinstraße als touristische Attraktion. Weiter führt sie wieder nach Ungarn, wobei ein Abstecher in eine der schönsten Städte des Landes - Köszeg / Güns - lohnend erscheint. Die nächste Station Savaria / Szombathely / Steinamanger, bietet außer dem römischen Ruinengarten ein sehenswertes Altstadtzentrum mit der drittgrößten Kirche Ungarns, dem Mariendom.

Der vierte Grenzübertritt leitet nach Slowenien über, wo sich die Region Prekmurje "naturbelassen, romantisch und authentisch" präsentiert. Schon die Römer wussten hier die warmen Heilquellen zu nutzen. Poetovio / Ptuj / Pettau war Jahrtausende lang ein wichtiger Knotenpunkt auf dem Handelsweg zwischen Donau und Adria. An fünf Stellen wurden Mithräen ausgegraben. Dieses Kapitel stellt den Mithraskult nebst anderen Sehenswürdigkeiten der Stadt und ihrer Umgebung vor. Das nächste beschäftigt sich mit dem Transportwesen der Römer zu Wasser und zu Lande und der "Zähmung der Barbaren". Sie erfolgte mithilfe zivilisatorischer Annehmlichkeiten, wie Bäder oder Gastmähler. Die Stadtentwicklung entlang der Bernsteinstraße förderte das kulturelle und kultivierte Leben. Celeia / Celje / Cilli ist die drittgrößte Stadt Sloweniens. Hier hat man den Fürstenhof aus dem 16. Jahrhundert in ein modernes Museum verwandelt, in dessen Keller ein Stück Bernsteinstraße konserviert wurde. Unweit davon vermittelt der Archäologiepark von Sempeter Eindrücke eines antiken Friedhofs. Emona / Ljubljana / Laibach, die Hauptstadt Sloweniens, feierte 2014 ihr 2000-Jahr-Jubiläum. Römische Ausgrabungen und Museen zählen zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt, die altösterreichisches Flair vermittelt. Ihr slowenischer Name erinnert an den Karstfluss Ljubljanica, der an zwölf Stellen der Umgebung aus dem Erdreich oder Felsen hervorquillt. Auf der Karstebene gelangt man ins Vipavatal und zum Isonzo. Das Tal der Vipava, eine fruchtbare Gegend, der die Meeresluft mediterranes Klima bringt, war in k.u.k.-Zeiten als "Garten von Görz" bekannt. Der Fluss mündet in den Isonzo. Ihm folgend, erreicht man in Italien Gradisca und Goricia, das ehemalige Görz, mit ihren mittelalterlichen Kastellen. Die Umgebung war im Ersten Weltkrieg besonders hart umkämpft. Seit 1947 ist Görz / Gorizia / Gurize / Gorica eine geteilte Stadt. Auf dem Bahnhofsplatz verläuft die Grenze zwischen Slowenien und Italien.

In Aquileia ist der "fulminante Höhepunkt" der Reise entlang der Bernsteinstraße erreicht, wie Werner Freudenberger schreibt: "Aquileia hält die absolut umfangreichsten und interessantesten Einblicke in die römische und frühchristliche Welt bereit …" Als älteste Stadt des Friaul gründeten die Römer Aquileia 181 v. Chr., sie wurde zur viertgrößten ihres Reiches in Italien. Anfangs ein Militärlager, verdankte die Stadt dem Handel - vor allem mit norischem Eisen, Vieh, Pelzen und Bernstein - ihren Reichtum. Das frühe Christentum hat eindrucksvolle Spuren hinterlassen. Der Dom, das imponierendste Bauwerk der italienischen Romanik birgt in der Krypta Mosaikfußböden aus altchristlicher Zeit und Wandmalereien aus dem frühen 13. Jahrhundert. Baptisterium, Campanile, Ausgrabungen und ein archäologisches Museum mit kunsthandwerklichen Objekten aus Bernstein zählen zu den Sehenswürdigkeiten. Schließlich ist noch Grado, einst der Meereshafen von Aquileia, einen Besuch wert. Hier trat der in Aquileia veredelte baltische Bernstein seine Seereise nach Rom an, womit "das ultimative Ende der römischen Bernsteinstraße" erreicht ist.

Wollte man dem Buch ein Zeugnis ausstellen, müsste es lauten: "ein vielseitiger, kulturhistorischer Reiseführer der Extraklasse".

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