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Bernhard Hachleitner - Isabella Lechner (Hg): Traumfabrik auf dem Eis#

Bild 'Eisrevue'

Bernhard Hachleitner - Isabella Lechner (Hg): Traumfabrik auf dem Eis. Von der Wiener Eisrevue zu Holiday on Ice. Metro Verlag Wien 2014. 176 S. ill.; € 19,90

Wenn "Holiday on Ice" in der Stadthalle über die eisglatte und -kalte Bühne wirbelt, erweckt die Show bei der Generation 50+ auch nostalgische Gefühle. Man denkt an die Wiener Eisrevue, die bis 1970 Bestand hatte. Als sie vor fast 45 Jahren an die Konkurrenz verkauft wurde, beklagten Medien wie Publikum das Ende einer österreichischen Institution: "Als wäre der Steffl oder das Riesenrad in fremde Hände übergegangen."

Die Wiener Eisrevue war einzigartig. Sie hatte zeitweise drei Europameisterinnen - Ingrid Wendl, Hanna Eigel und Eva Pawlik - als Stars, Robert Stolz als Komponisten der "Eisoperette", hinreißende Gewandungen der prominenten Kostümbildnerin Gerdago, ein perfektes Ballett und professionelle Organisation, Regie und Choreographie durch Will und Edith Petter.

Das Ehepaar Petter, das die Wiener Eisrevue mehr als drei Jahrzehnte hindurch geleitet hatte, überließ sein Archiv der Wienbibliothek. Der Historiker Bernhard Hachleitner sortierte die Bestände- Gemeinsam mit der Journalistin Isabella Lechner getasltete er eine Ausstellung - im Foyer der Wiener Stadthalle - und das vorliegende Buch. Darin zeigen die Herausgeber, dass die "Traumfabrik auf dem Eis" mehr war als "eine besondere Mischung aus Sport, Erotik und Humor". Hinreißende Illustrationen helfen der Erinnerung auf die Sprünge: Plakate, Szenenfotos, Postkarten, Kostümentwürfe, Bilder aus Filmen, von Reisen und offiziellen Anlässen.

Die Basis für die Eisrevue wurde in der Zwischenkriegszeit gelegt. Damals war Wien "die" Metropole des Eiskunstlaufs, die Herren erwarben zehn Weltmeistertitel, die Damen fünf, die Paare vier. Der Sport erfreute sich größter Popularität, besonders die Schaulaufen, vom Wiener Eislaufverein schon 1932 "Eisrevue" genannt. Karl Schäfer - zweimal Olympiasieger, sieben Mal Weltmeister und acht Mal Europameister - war nach seiner Amateur-Karriere Star einer amerikanischen Eislaufshow. Danach gründete er in Wien seine eigene Eisrevue, die auch im Zweiten Weltkrieg auf Tournee ging. Nach 1945 musste sich Schäfer aus politischen Gründen zurückziehen. Will Petter übernahm die künstlerische Leitung.

Die Wiener Eisrevue avancierte zur „Traumfabrik“ der Nachkriegszeit. Die „Eis- Operetten“, - ab 1952 mit der Musik von Robert Stolz - erreichten europaweit ein Millionenpublikum. Der Bildband weckt Reminiszenzen an die opulenten Inszenierungen. Verkleidete und echte Tiere begeisterten die Kinder, Stars und präzise einstudierte Ballett-Darbietungen die Erwachsenen. Szenische Verwandlungen in prächtigen Kostümen zählten, ebenso wie die Live-Musik, zu den Besonderheiten der Wiener Eisrevue. 200 Schneiderinnen arbeiteten drei Monate lang an 600 Kostümen, wobei allein die Saumlänge der Walzerkleider, die sich in Cancan-Kostüme verwandelten, der Entfernung Wien - St. Pölten entsprach.

Das Buch porträtiert die Stars und gewährt Blicke hinter die Kulissen. Hinter dem "Zauberland der Eisprinzessinnen" steckte harte Arbeit. Verstöße gegen die Betriebsordnung - wie Rauchen oder Nichtteilnahme an offiziellen Einladungen - konnten drei Gagen kosten. In den ersten Jahren fanden die Vorführungen im Freien statt, die Wiener Stadthalle stand erst ab 1958 zur Verfügung. Das Unternehmen war zwar gewinnorientiert, aber der Erlös kam dem Wiener Eislaufverein zu Gute. Er förderte damit talentierte Nachwuchskräfte wie Ingrid Wendl und Emmerich Danzer.

Das Buch lenkt den Blick auch auf die populärkulturellen und politischen Funktionen der Wiener Eisrevue. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sie staatspolitische Aspekte, dabei bewährte sich der Rückgriff auf Elemente wie Alt-Wien, Walzer, Gemütlichkeit oder Wiener Mädel. Bis Mitte der 1960er Jahre stiegen die Zuschauerzahlen an, doch schon kündigte sich ein kultureller Bruch an. Wenige weltweit tätige Konzerne dominierten das internationale Showgeschäft, die Wiener Unterhaltungskultur spielte keine Rolle mehr.