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Nikolaus Hofer (Hg.): Der Schatzfund von Wiener Neustadt#

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Nikolaus Hofer (Hg.): Der Schatzfund von Wiener Neustadt. Mit Beiträgen von Birgit Bühler, Bernadette Frühmann, Nikolaus Hofer, Klaudia Hradil, Franz Kirchweger, Thomas Kühtreiber, Joachim Lutz, Irene Marina, Manfred Mehofer, Michael Melcher, Ernst Pernicka, Gunn Pöllnitz, Manfred Schreiner, David Schwarcz, Marianne Singer, Rita Wiesinger und Andreas Zajic. Verlag Ferdinand Berger, Horn 2014, 496 S., ca. 1.300 Abb., € 49,-

Das prächtige Werk ist seinem Thema adäquat: Fast 500 großformatige Seiten, ca. 1300 meist farbige Bilder, Layout und Druck hervorragend, ein Autorenteam von 25 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlichster Fachdisziplinen. Alles im wahrsten Sinn des Wortes hochkarätig. Thema ist einer der aufsehenerregendsten Funde Österreichs, der "Schatz von Wiener Neustadt". Er besteht aus 238 Stücken - Schmuck, Kleidungsverschlüsse und Tafelgeräte, aus fast reinem Silber, meist vergoldet. Die Objekte stammen aus der 1. Hälfte des 13. bis zur 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Seit kurzem bildet der 2,3 kg schwere, spätmittelalterliche Depotfund das Highlight des "MAMUZ" in Asparn/Zaya (Niederösterreich) MAMUZ nennt sich das neue Erlebnis- und Kompetenzzentrum für Urgeschichte, Frühgeschichte und Mittelalterarchäologie des Landes Niederösterreich, das den bisherigen Standort Asparn/Zaya und die Lebenswelt Weinviertel des MZM Museumszentrums Mistelbach vereint.

Die Geschichte der Auffindung des Schatzes liest sich romanhaft: Ein Grundbesitzer wollte in seinem Garten in Wiener Neustadt ein Goldfischbiotop vergrößern. Beim Ausheben stieß er 2007 auf ein Konglomerat von Buntmetallteilen und Erde, das er im Keller verwahrte und in den folgenden Jahren darauf vergaß. Als er den Garten einige Jahre später verkaufte, ordnete er den Keller und begann, einige Fundstücke herauszulösen und zu reinigen. Beim Versuch, diese im Internet zu verkaufen, erhielt er den Hinweis eines an Archäologie interessierten "Laien" (und Politikers). Er machte den Finder, dessen Anonymität gewahrt wird, auf die gesetzliche Fundmeldepflicht aufmerksam. Demnach gebührt dem Finder und dem Grundeigentümer jeweils die Hälfte des Eigentums.

Der zufällige Schatzgräber wandte sich nun an das Bundesdenkmalamt, das 2011 die Fundstelle weiter untersuchte, aber keine weiteren Gegenstände fand. Auf Wunsch des Eigentümers übernahm das Amt die Koordination der wissenschaftlichen Bearbeitung durch ein interdisziplinäres Expertenteam. Projektleiter war der Herausgeber des Buches Nikolaus Hofer. Nach seinem Studium der Ur- und Frühgeschichte sowie der Klassischen Archäologie an der Universität Wien spezialisierte er sich auf Mittelalterarchäologie. Seit 2004 ist er in der Abteilung für Archäologie als Fachreferent und Herausgeber der archäologischen Publikationen des Bundesdenkmalamtes tätig.

Der Fundort befand sich - 2 km außerhalb der Wiener Neustädter Stadtmauer - nächst der Gabelung zweier Verkehrswege, von denen einer als Teil der ehemaligen "Venediger Straße" zu einer Handelsroute von europäischem Rang zählt. Auch das städtische Hochgericht lag in der Nähe. Wie weit die Lage für die Wahl des Deponierungsortes ausschlaggebend war, ist eine der offenen Fragen.

Es fällt auf, dass der Schatz keine Münzen enthält. Mit 50 Objekten bilden Fingerringe die größte Gruppe. Darunter sind Stücke mit Ringplatten, die teils heraldische Motive aufweisen. Enige Ringe tragen Inschriften, andere Schmucksteine (meist Bergkristall) oder plastisch gestaltete Motive. 38 Objekte wurden als Kleiderspangen identifiziert, die schönsten mit Schmuckstein- oder plastischem Dekor. In qualitativer Hinsicht ragt das Tafelgeschirr heraus, von dem allerdings meist nur Fragmente erhalten blieben: fünf Becher, vier Schalen, ein Doppelbecher, ein Pokal, vier verzierte Löffel und zwei Becher mit Trinksprüchen. Die Materialanalyse ergab, dass die Fundstücke aus einer Legierung von meist mit hohem Feingehalt, und Kupferlegierung angefertigt und an der Oberfläche vergoldet wurden. Die feinschmiedetechnische Untersuchung bestätigte den Befund, dass es sich um gebrauchte "Altstücke" handelt. Sie dürften in einem Zeitraum von 150 Jahren entstanden sein. Zieht man alle Erwägungen in Betracht, erscheint die Zeit um 1400 als Verbergungszeitraum am plausibelsten. "Nach Erwerb und Gebrauch von Personen aus sozial und ökonomisch besser gestellten Schichten dürfte zumindest zwischenzeitlich ein Goldschmied die aus verschiedenen Gründen außer Gebrauch geratenen Objekte erworben haben. Als Letztbesitzer könnte er sie als Recyclinggut für die eigene Werkstätte gesammelt haben", formulieren die Experten mit aller Vorsicht. Sie schließen auch den Verkauf an einen Altmetallhändler nicht aus, und meinen, dass das Versteck nur temporär gedacht gewesen sein könnte. Da der Handel mit Bruchsilber streng reglementiert war, scheint eine Umgehung der Bestimmungen durch Verbergen vor der Stadt nicht unrealistisch. Die Nähe zur Richtstätte ließe sich mit deren Funktion als Landmarke und einer gewissen Schutzfunktion des tabuisierten Ortes gegen unliebsame Schatzsucher erklären.

Auf mehr als 300 Seiten werden in streng wissenschaftlicher Betrachtungsweise alle Für und Wider im Hinblick auf den Sensationsfund diskutiert und die Forschungsergebnisse der einzelnen Sparten detailliert dargestellt: Mobile Röntgenfluoreszenzanalyse (Michael Melcher, Gunn Pöllnitz, Bernadette Frühmann und Manfred Schreiner), Rasterelektronenmikroskopische Analysen (Mathias Mehofer), Chemische Analysen der Korrosionsprodukte (Rita Wiesinger, Klaudia Hradil, Irene Martina und Manfred Schreiner), Legierungsanalysen im Methodenvergleich (Ernst Pernicka und Joachim Lutz), Feinschmiedetechnische Auswertung (Birgit Bühler und David Schwarcz), Kulturhistorische Analyse (Marianne Singer), Epigrafische und heraldisch-sphragistische Bemerkungen (Andreas Zajic), Historisches Umfeld (Andreas Zajic), Kunsthistorische Aspekte (Franz Kirchweger). Daran schließen sich eine Synthese der Forschungsergebnisse (Thomas Kühtreiber, Marianne Singer und Nikolaus Hofer), der Objektkatalog (Marianne Singer) und der Tafelteil mit der detaillierten, äußerst aufwändig gestalteten Fotodokumentation der Schatzobjekte.