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Thomas Hofmann: Es geschah im Weinviertel#

Bild 'Hofmann'

Thomas Hofmann: Es geschah im Weinviertel. Neuigkeiten und Bilder von damals. Edition Winkler-Hermaden, Scheinbach 2014. 132 S., ill., € 19,90

Ausgerechnet das modernste und schnellste Massenmedium erschließt Nachrichten, die zur Zeit ihrer Aktualität erst nach Tagen bekannt wurden. Dank Internet kann man nun aus dem Vollen schöpfen. Das freut die Autoren kulturhistorischer Werke ebenso wie deren Leserschaft. Versteckte Quellen tun sich auf, etwa in ANNO, wo man die meisten Jahrgänge der ältesten Tageszeitung der Welt - der seit 1703 erscheinenden Wiener Zeitung - und vieler anderer Publikationen findet.

Thomas Hofmann spezialisierte sich auf das östliche Weinviertel und Marchfeld. Überraschend, was sich da im Lauf der Jahrhunderte alles an Interessantem, manchmal auch Kuriosem zugetragen hat. Der Autor, der einen Teil seiner Kindheit und Jugend im Weinviertel verbrachte, ist von Beruf Bibliotheks- und Archivleiter. Professionell hat er die Fülle dessen, was Journalisten zwischen 1790 und 1933 berichtenswert fanden, gegliedert und reich illustriert. Die Nachrichten von anno dazumal kamen aus Ameis, Angern an der March, Asparn an der Zaya, Bad Pirawarth (Pyrawarth), Bisamberg, Deutsch-Wagram, Dörfles, Dürnkrut, Ebenthal, Eckartsau, Ernstbrunn, Falkenstein, Frättingsdorf, Gänserndorf, Gaweinstal (Gaunersdorf ), Gerasdorf, Groißenbrunn, Groß-Enzersdorf, Hautzendorf, Korneuburg, Kreuzenstein (Burg Kreutzenstein), Laa an der Thaya, Ladendorf, Langenzersdorf, Lundenburg (Břeclav), Marchegg, Matzen, Mistelbach, Niederkreuzstetten, Niederweiden, Poysdorf, Prinzendorf, Rabensburg, Ringelsdorf, Sachsengang (Schloss), Schleinbach, Schrick, Spannberg, Straßhof, Stronsdorf, Ulrichskirchen, Unterstinkenbrunn, Wilfersdorf, Wolkersdorf und Zistersdorf.

Jedem der sechs großen Kapitel ist eine zusammenfassende Einleitung vorangestellt. Der Hierarchie entsprechend ist das ersten "Imperiale Begegnungen" übertitelt. Es beginnt mit dem Besuch Kaiser Franz II./I., der 1834 in Poysdorf "ehrerbietig empfangen" und "von dem zahlreich herbeiströmenden Landvolke mit kindlichem Jubel begrüßt" wurde. Die Orte überboten einander mit Triumphbögen, Salutschüssen und musikalischen Darbietungen. Im Heilbad Pirawarth weilte Kaiserin Sophie zur Kur. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. besuchte 1906 Burg Kreuzenstein, und der bulgarische König Ferdinand I. lobte 1917 "die überaus gute Schulung der Sängerinnen", die 1917 bei einem Festgottesdienst in Ebenthal auftraten. Weniger erfreulich gestaltete sich 1919 die Abreise von Kaiser Karl aus Eckartsau in das Exil.

Die Nachrichten "Von Winzern und Wirten" reichen von 1818 bis 1912. Man erfährt über die Gründung einer Rebschule in Nexing, wo "Boden und Klima dem Weinbaue vorzüglich günstig sind", den ersten Weinmarkt in Wolkersdorf oder Raufhändel unter Alkoholisierten. Dies leitet schon zum dritten Teil "Unglücke, Unfälle, Katastrophen" über. 1914 entgleiste in Niederkreuzstetten ein Milchzug. In den 1860er Jahren verursachten Unwetter und Sturm schwere Schäden in der Landwirtschaft. Auch "Von Dieben und Mördern" blieb das Weinviertel nicht verschont. Dabei geht es aber nicht um den berühmt-berüchtigten Räuberhauptmann Grasel, sondern um Ausbrecher aus dem Korneuburger Gefängnis, Matzner Marillendiebe oder einen betrügerischen Mühlenbesitzer.

Die älteste Nachricht bildet den Beginn des fünften Abschnitts "Fortschritt kehrt ein". 1791 landete Jean-Pierre Blanchard mit seinem Ballon in Groß-Enzersdorf. Für den französischen Aeronauten, der 1785 als erster den Ärmelkanal mit einem Ballon überquert hatte, war es die 38. Luftreise. Vom Prater aus erreichte er in einer Stunde Groß-Enzersdorf, dessen Bewohner ihn "mit vielen Ehrenbezeugungen" empfingen. Fast ein halbes Jahrhundert später führte die Jungfernfahrt der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn durch das Weinviertel. 1839 wurde erstmals Lundenburg (Breclav) erreicht: "Alles hatte hier einen festlichen Anstrich … Die ganze Gegend schien die Bedeutung dieses Tages auf das Freudigste zu fühlen … die Honoratioren … fanden sich in zahlreichen Equipagen ein, und das Landvolk hatte Pflug und Spaten weggelegt, um durch Gesang und Tanz ein Ereignis zu feiern, das seinen künftigen Mühen einen reichen Lohn verspricht." Wieder fast ein Jahrhundert später, in den 1930er Jahren, wurden am Bisamberg die Sendeanlagen mit zwei 130 m hohen Masten errichtet, und fast gleichzeitig in Zistersdorf das erste Erdöl gefunden.

Der letzte Teil ist naturgemäß der umfangsreichste: "Freud und Leid im Weinviertler Alltag". Hier findet sich alles, was man normalerweise in das interessante Kapitel "Sonstiges" einreihen würde. Artikel der satirischen Wiener Wochenschrift "Jörgel-Briefe" sorgen für Auflockerung. Eine 1790 entlaufene Stute, die Enthüllung eines Denkmals für Kaiser Joseph II. 1881 in Poysdorf, ein Münzfund im Schloss Sachsengang (1846) oder eine Wallfahrt nach Groißenbrunn, deren Teilnehmer aus Oberweiden um ein baldiges Ende des Ersten Weltkriegs beteten.

So entsteht ein buntes Kaleidoskop vom Leben im nächsten Umkreis der Hauptstadt, das sich doch von jenem stark unterscheidet. Für die Illustration hat Thomas Hofmann historische Fotos und alte Ansichtskarten herangezogen. Jeder Ort, der auf sich hielt, bildete seine Sehenswürdigkeiten - Schlösser, Gasthäuser, Kirchen - oder Vogelschau-Panoramen, möglichst in Farbe ab. Vor mehr als 100 Jahren billige Massenartikel, kann man sich heute ihrem nostalgischen Reiz nicht entziehen. Als kulturhistorische Quelle ergänzen sie die Texte in idealer Weise.