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Utz Jeggle: Das Fremde im Eigenen#

Bild 'Buch Jeggle'

Utz Jeggle: Das Fremde im Eigenen. Beiträge zur Anthropologie des Alltags. Hg. von Bernhard Tschofen, Reinhard Johler, Monique Scheer und Thomas Thiemeyer. Mit Beiträgen von Katharina Eisch-Angus, Gottfried Korff, Hans-Joachim Lang und Martin Scharfe. TVV-Verlag Tübingen 2014. Untersuchungen de Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen, Band 115. 349 S., € 23,-

Wer Ende der 1970er Jahre Volkskunde studierte, kannte die Abhandlungen von Utz Jeggle (1941-2009) als Pflichtlektüre. Beispielgebend war sein Kapitel "Alltag" in H. Bausinger - U. Jeggle -G. Korff - M. Scharfe "Grundzüge der Volkskunde" (1978). Utz Jeggle gilt als einer der anregendsten Vertreter der aus der Volkskunde entwickelten Empirischen Kulturwissenschaft (EKW), die er am Tübinger Ludwig-Uhland-Institut prägte. Darüber hinaus wirkte er, als Kolumnist einer Tageszeitung, in die Öffentlichkeit hinein. Gottfried Korff nennt ihn einen "Lebensweltkundschafter und Alltagsdeuter, der Begriffe, Sichtweisen und Urteilsmuster 'seiner Stadt' souverän kommunizierte, diskutierte und oftmals in überraschende Zusammenhänge stellte." Zu Jeggles 5. Todestag - und als eine Art nachträgliches Geburtstagsgeschenk zum 50-Jahr-Jubiläum der Tübinger Vereinigung für Volkskunde - ist ein Sammelband mit 15 Artikeln aus den Jahren 1980 bis 2005 erschienen. Zwei der Herausgeber, Bernhard Tschofen und Reinhard Johler, sind gebürtige Vorarlberger, haben am Wiener Institut gelehrt und in Tübingen Karriere als Universitätsprofessoren gemacht. Utz Jeggle selbst hatte u. a. in Wien studiert und hier seine erste Frau kennengelernt. Damit sind schon einige Österreich-Bezüge des Sammelbandes genannt. Dessen Leitmotiv aber ist der Bezug zu Sigmund Freud. Zeitlebens beschäftigten den Kulturwissenschaftler Themen wie "das Unbewußte im Volksleben und in der Wissenschaftskultur: Was wird wie verdrängt, was wie nicht, und ähnlich dunkle Fragen, die von einer anständigen Wissenschaft nicht beantwortet werden." Seine Abschiedsvorlesung schloss er im Jahr 2001 mit einem Passus aus Sigmund Freuds Essay „Das Unbehagen in der Kultur“: "Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingt, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden." Das vorliegende Buch versammelt Texte zu Grundfragen der Kulturforschung, über Grundsätzliches, Erinnertes und Schwieriges, Körperliches und Habhaftes sowie Alltägliches und Abseitiges. Beiträge von Wegbegleitern und Schülern stellen den Menschen und Forscher Jeggle vor und verorten sein Werk in der volkskundlichen Kulturwissenschaft.

"Verständigungsschwierigkeiten im Feld" (1984) erläutert er anhand eigener Erfahrungen mit der Feldforschung an zehn Thesen, und räumt ein, "dass es Gründe genug gibt, mir nicht immer und ungeschützt alles mitzuteilen." Feldforschung ist eine der klassisch volkskundlichen Methoden, das Leben bestimmter Gruppen zu erforschen, indem man zeitweise ihren Alltag teilt. "Das Fremde im Eigenen" (1986), der Titel eines Vortrags, der dem Sammelband den Namen gab, beschäftigt sich mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Volks- und Völkerkunde, aber auch mit der Heimatkunde im Nationalsozialismus. Der Beitrag "Inseln hinter dem Winde" (2003), der zur Kultur des Unbewussten führt, spiegelt die jahrzehntelange Beschäftigung des Autors mit Freuds Psychoanalyse.

Der zweite Teil versammelt "Erinnertes und Schwieriges". Denn zu den Schwerpunkten des vielseitigen Forschers und Denkers zählten NS-Heimatgeschichte, Judendörfer und Erinnerungskultur. Die Beiträge "Auf der Suche nach Erinnerung", "Tödliche Gefahren. Ängste und ihre Bewältigung in der Sage", "Kaldaunen und Elche. Kulturelle Sicherungssysteme bei Heimatvertriebenen", "Zur Bedeutungsgeschichte der Kriegsbeute" und "Was bleibt ? Die Erbschaft der Dorfjuden und der 'Judendörfer' " entstanden zwischen 1993 und 2000. "Beiträge, in denen die Produktivität Jeggle'scher Arbeitsweise in den klassischen Feldern des Erzählens und mit Blick auf ein im engeren Sinne historisch-anthopologisches Arbeiten sichtbar wird," heißt es dazu im Vorwort.

Im dritten Teil geht es um "Körperliches und Habhaftes", wie den "Umgang mit Sachen". Der historische Vergleich zeigt einen unglaublichen Wandel, innerhalb nicht einmal eines Jahrhunderts. Das Sonntagskleid, auf das man sorgfältig achten musste, ist in der Wegwerfgesellschaft kaum noch vorstellbar. Die Zahl alltäglicher Gegenstände in einem ungarischen Bauerndorf und im Versandhaus-Angebot anno 1981 differiert um tausende. "Die Zahl der Dinge sagt etwas über Archaik und Genügsamkeit einer Kultur, aber nichts oder nur sehr wenig über Zufriedenheit und Glück, über Menschlichkeit und Lebensqualität…," schreibt der Kulturwissenschaftler. Am Ende des Beitrags wird er noch deutlicher, und spricht die Angst "vor dem Ende der Welt" aus, "die uns Wissenschaftler auffordert, Stellung zu beziehen, bevor wir alles … verlieren." 1980 verfasste er "Im Schatten des Körpers. Vorüberlegungen zu einer Volkskunde der Körperlichkeit", und nahm darin vieles vorweg, was die internationalen Kulturwissenschaften erst Jahrzehnte später formuliert haben. "Schlaf und Ordnung. Unfertige Betrachtungen eines nächtlichen Kontinents" erschien 1999 in der Festschrift für Klaus Beitl, den ehemaligen Direktor des Österreichischen Museums für Volkskunde. Dabei nimmt er wieder auf Sigmund Freud Bezug: " …faktisch hat die Volkskunde - auch die Wiener - mit Freud wenig anzufangen gewusst. … Dabei ist die Verbindung von Folklore und Traum auch schon Freud selbst und dem Folklore-Forscher David Ernst Oppenheim aufgefallen." Gemeinsam verfassten sie 1911 'Träume im Folklore'. " Jeggle nennt folglich Träume "die Privatfolklore, die das Unbewusste in jedem einzelnen produziert." Da diese nur im psychoanalytischen Dialog gedeutet werden kann, ist der Königsweg der Traumforschung "für uns Volkskundler nicht begehbar." Doch widmen sie sich der Kulturgeschichte des Bettes und des Schlafes. Mit "Blick ins Paradies. Sexualität im Alter" (2003) schließt dieser Teil.

Der vierte Block "Alltägliches und Abseitiges" umfasst drei Artikel. "Trost und Rat: Trostlos, Ratlos. Was lehren uns Ratgeber ?" (1995), "Verlieren und Finden. Seelen- und sachkundliche Präliminarien zur Geschichte von Fundanzeigen und Fundbüros" (1998) und als letzten und jüngsten "Scheitern lernen" (2005). Der Kulturwissenschaftler ist immer und überall interessiert, was es in seiner Umgebung zu beobachten gibt. Sogar im Zahnarzt-Wartezimmer entdeckte er Bemerkenswertes, die Ratgeberkolumnen der Illustrierten. Die Fragen ließen sich in drei große Gruppen zusammenfassen. Haushalt, Verhaltens- und Benimmregeln und schließlich das weite Feld der Seele und des Körpers. Während sich besonders bei letzterem zumindest einige Bezüge zu Sigmund Freud ergeben, geht es bei "Verlieren und Finden" um ein Seminar über die "Psychopathologie des Alltagslebens", ein Buch, das Freud 1901 veröffentlichte. Ein Zitat des österreichischen Schriftstellers Robert Musil eröffnet das letzte Kapitel, in dem Jeggle auch Märchen und Sagen, wie "Hans im Glück", referiert und auf das Blinde-Kuh-Spiel eingeht. Das Buch schließt mit der persönlichen Einsicht des Emeritus: "Jedes Scheitern stärkt das Realitätsprinzip, lehrt sich anzunehmen." Seine Parkinson-Erkrankung zwang Utz Jeggle schon mit 60 Jahren (2001) zur Emeritierung. Er starb am 18. September 2009. Zum Gedenken fand im folgenden Jahr ein Kolloquium statt, bei dem Weggefährten sein Leben und Wirken würdigten. Diese Texte, von Katharina Eisch-Angus, Gottfried Korff, Hans-Joachim Lang und Martin Scharfe, haben in den vorliegenden Sammelband Eingang gefunden. Jeggles Schriften haben nichts von ihrer originellen Annäherungsweise und ihrer Aktualität eingebüßt. In seinen Arbeiten verbinden sich - stets kreativ gedacht und sprachlich gewandt - theoretische Fragen und eine zutiefst humanistische Auseinandersetzung mit der Kultur des Alltags.