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Maria-Luise Jesch: Wenn Möbel erzählen#

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Maria-Luise Jesch: Wenn Möbel erzählen. Vom K. u. k. Hofmobilien- und Matrial-Depôt zum Möbel Museum Wien, 1899 – 1989.Publikationsreihe M MD der Museen des Mobiliendepots, Hrsg: Ilsebill Barta, Band 29. Böhlau Verlag Wien - Köln - Weimar 2014. 212 S., ill., € 29,90

Vor 90 Jahren, 1924 wurde die "Schausammlung des Bundesmobiliendepots" in der Wiener Mariahilfer Straße eröffnet. Damals versprach ein Informationsblatt: "Alles in allem ist die Schausammlung mit ihren reichen Schätzen nicht nur für Fachleute und Sachverständige eine Quelle reicher Anregungen sondern auch dem Laien wird ein Gang durch Oesterreichs Vergangenheit Belehrung, edle Zerstreuung und viel Vergnügen bieten. " Vor 20 Jahren war der Umbau zum zeitgemäßen Möbelmuseum im Gange, von Belehrung ist keine Rede mehr, Zerstreuung und Vergnügen kann man aber noch immer finden.

Das "K. u. k. Hofmobilien- und Material-Depôt" wurde ab 1899 - auf halbem Weg zwischen der Hofburg und Schloss Schönbrunn - erbaut und 1901 als kaiserliches Möbellager, Restaurierungswerkstatt und Wagenremise in Betrieb genommen. Die Kunsthistorikerin Maria-Luise Jesch, die im MAK - Österreichisches Museum für Angewandte Kunst wissenschaftlich tätig ist, hat dem Haus und der Geschichte der Sammlungen ihre Dissertation gewidmet. Nach aufwändigen Archivstudien hat sie nicht nur diese, sondern auch den reich illustrierten Band erarbeitet. Die Sammlung ist in der internationalen Museumslandschaft einmalig. Entstehungsgeschichte und Struktur sind untrennbar mit dem Wiener Hof und dem Haus Habsburg verbunden. Das Möbelmuseum umfasst den weltweit umfangreichsten Bestand an Biedermeiermöbeln höfischer Provenienz. Eigentlich sollte der Bau, im damals neuen Stahlbeton ausgeführt, eine Hofwagenremise werden, nebenbei ein Hofmobilienlager und Werkstätten beinhalten. Schon Maria Theresia hatte 1747 eine "Hofmobilieninspektion" eingerichtet. Die Einrichtungsgegenstände der Schlösser wurden damals nach Bedarf hin und her transportiert. 1917 zählte die Sammlung 35.000 Stücke.

Nach dem Ende der Monarchie kamen das Depotgebäude und der hofärarische Möbelbestand an die Republik Österreich. Nachdem die letzten eingestellten Wagen die Remise verlassen hatten, übernahm das Bundesministerium für Handel und Gewerbe die Verwaltung. Trotzdem schien der Bestand der Institution gefährdet. Der Einsparungskommissär der Regierung beantragte, "das Hofmobiliendepot unverzüglich aufzulassen." Die Exponate hätten auf verschiedene Museen aufgeteilt, das Haus der Privatindustrie überlassen werden sollen. Es kam aber doch zum Umdenken seitens des Ministeriums. Einnahmen sollten erzielt werden, indem Firmen für die Rechte bezahlen, die Möbel zu kopieren. Besonders das Biedermeier erschien als nachahmenswerte Stilepoche. Auch die Idee einer öffentlich zugänglichen Schausammlung tauchte in der Zwischenkriegszeit auf. Schlösser wie Schönbrunn oder die Hofburg wurden damals - mit rekonstruierten Interieurs - ebenfalls gegen Eintritt für das Publikum geöffnet. Anhand zahlreicher bisher nicht publizierter Text- und Bildquellen erläutert die Autorin den Wandel von einer Verwaltungsdienststelle zum modernen Möbelmuseum. Dabei ist "Das ehemalige Hofmobiliendepot während der nationalsozialistischen Herrschaft (1938-1945)"

ein wichtiges Kapitel. Schon im Jahr 2000 hatte eine Ausstellung mit dem Titel "inventarisiert" stattgefunden. Wie 20 Jahre zuvor drohte 1942 wieder die Auflösung, diesmal wurde sie durchgeführt, nachdem man zuvor Museen mit Exponaten bedacht hatte. Nur die Silber- und Tafelkammer entging diesem Schicksal. Zumindest wurden die "kunsthistorisch oder sonst wertvollen Gegenstände aus Staatsbesitz" zur Bergung abtransportiert. Der Gebäudekomplex in der Mariahilfer Straße diente nun der Wehrmacht, der Polizei und dem Reichsarchiv. Am 21. Februar 1945 erlitt er zwei Bombentreffer, bei denen vier Personen starben.

In der Besatzungszeit war die - nun "Bundesmobilienverwaltung" genannte - Institution dem Bundesministerium für Handel und Wiederaufbau zugeteilt. "Soweit sie nicht durch Bomben, Brand oder Plünderungen verloren gingen, wurde das Repräsentationsmobiliar aus ehemals kaiserlichem Besitz bereits im Jahre 1945 an das Mobiliendepot zurückgestellt." Dazu waren zahlreiche LKW-Ladungen erforderlich. Wieder zählte es zu den Aufgaben, Amtsräume und Wohnungen, etwa des Staatskanzlers Karl Renner, des Bundeskanzlers Leopold Figl oder die Präsidentschaftskanzlei in der Hofburg auszustatten. Am 25. Mai 1949 kam es zur Eröffnung der "Schausammlung antiker Möbel". Man hatte die Bezeichnung geändert, um bei dem erhofften zahlreichen Publikum nicht den Eindruck eines "zur Besichtigung freigegebenen Möbellagers" zu erwecken. Die wieder eröffneten musealen Schauräume in den Schlössern dienten als Kulisse zu Filmen über Maria Theresia, Elisabeth oder Franz Joseph und trugen so zu einem Österreich-Bewusstsein bei.

1993 bis 1998 erfolgte eine Generalsanierung, Erweiterung und museale Neugestaltung der nun "Hofmobiliendepot - Möbel Museum Wien" genannten Sammlung. Seit der Neueröffnung wird sie von der Schloss Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H. betrieben. Damit schließt die Darstellung von Maria-Luise Jesch. Sie wird ergänzt durch einen Teil mit Farbtafeln und einen Beitrag von Eva B. Ottillinger über die Neugestaltungen nach 1998. Neuerwerbungen, Restaurierungen, Rekonstruktionen und Ausstellungen führen zu einer ständig "wachsenden Sammlung". Sie umfasst an die 60.000 Möbel - die auch in Zukunft viel zu "erzählen" haben werden.