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Christian Jostmannn: Die Brünner Straße#

Bild 'Jostmann'

Christian Jostmannn: Die Brünner Straße. Eine Geschichte des Verkehrsweges von Wien nach Brünn in Bildern. Unter Mitarbeit von Lukáš Fasora und Ulrich Winkler-Hermaden. Edition Winkler-Hermaden, Schleinbach. 114 S., 133 Abb., € 19,90

Bei "Brünner Straße" denkt man als Wiener an den "Brünnerstraßler", das eher herbe Getränk aus dem Weinviertel. Die Assoziation trügt nicht. Unzählige Pferdewagen mit Fässern fuhren nach Wien und machten Rast in den Einkehrgasthöfen entlang der jahrhundertalten Verkehrsader. Der Historiker Christian Jostmann hat den 120 Kilometern zwischen der Haupt- und Residenzstadt und der mährischen Hauptstadt ein eindrucksvolles Buch gewidmet.

Der Autor lebt im Weinviertel, der Bau der Weinviertelautobahn A5, der die Umgebung einschneidend veränderte, motivierte ihn zu diesem Buch. Im Weinviertel kreuzten sich historische Handelswege, der west-östliche entlang der Donau und die "Bernsteinstraße", die entlang der March vom Baltikum zur Adria führte. Im Mittelalter verlagerte sich der Weg nach Westen. Er überquerte nun bei Wien die Donau, verlief über die Leiser Berge nach Brünn und weiter nach Schlesien. Man nannte ihn Mährische, Schlesische, Nikolsburger oder Salzstraße. Die wichtigsten Handelsgüter waren Pelze, Wachs und Textilien, die man nach Wien brachte, sowie Salz, Wein und Schafwolle, die in der anderen Richtung transportiert wurden. 1723 befahl Kaiser Karl VI. den Ausbau des Straßennetzes, so auch der Brünner Straße. Die Trasse sollte über Wilfersdorf führen, wo die Fürsten Liechtenstein residierten. Doch der Ausbau der "Kaiserstraße" verzögerte sich, Post- und Mautwesen wurden nur langsam reformiert. Ab 1750 verkehrten Postkutschen - die fast einen Tag von Wien bis Poysdorf und einen zweiten bis Brünn unterwegs waren. Die erste "Eilpost" der Monarchie fuhr vierspännig und brauchte 14 Stunden. Postautobusse, die ab der Zwischenkriegszeit im Einsatz waren, über drei Stunden. Nach dem Bau der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn, die ab 1839 Wien mit Brünn verband, verlor der Transport auf der Straße an Bedeutung. Der Autor verfolgt die Geschichte bis in die Gegenwart und spart auch tragische Ereignisse nicht aus, wie Kriege, den Brünner Todesmarsch oder die Trennung durch den Eisernen Vorhang.

Stationen an der ehemaligen Reichsstraße, die zahlreiche Fotos aus privaten und öffentlichen Archiven illustrieren, sind nach Wien, mit Floridsdorf und Stammersdorf, Eibesbrunn, Wolkersdorf, Hochleithen, Kollnbrunn, Gaweinstal, Schrick, Hobersdorf, Wilfersdorf, Erdberg, Wetzelsdorf, Poysdorf, Drasenhofen, Nikolsburg/Mikulov, Muschau/Musov, Pohrlitz/Pohorelice und Brünn/Brno. Oft vermitteln die Bilder den Eindruck langweiliger Dörfer, doch weiss Christian Jostmannn über jedes Interessantes zu berichten. Bei Stammersdorf erinnert der Rendezvousberg, auf dem zur Zeit Joseph II. eine Poststation mit Gasthaus entstand, an den Treffpunkt der kaiserlichen Jagden. Hier soll Erzherzog Karl Napoleon begegnet sein. Der Kaiser der Franzosen bezog in Wolkersdorf Quartier. Die damalige Markt- (seit 1969 Stadt-)Gemeinde profitierte von der Eisenbahn und nannte sich nach 1868 "Wolkersdorf an der Staatsbahn". Diese verhalf dem Ort mit mehreren Einkehrgasthöfen auch zu seinem Ruf als Sommerfrische. Hochleithen wird mit dem legendären Räuberhauptmann Johann Georg Grasel verbunden. Hingegen hat der Name Gaunersdorf nichts mit unehrlichen Leuten zu tun. Der seit 1917 Gaweinstal genannte Ort ist einer der ältesten des Weinviertels. Er wurde im Mittelalter wohl von einem Lehensherrn namens Guni gegründet und besaß schon 1235 das Marktrecht. Fotos zeigen den großzügigen Marktplatz mit stattlichen Häusern, wie jenem des Erbpostmeisters. Der Schricker Berg bildete, besonders im Winter, eine Herausforderung für die Wagenlenker, sie benötigten zusätzliche Vorspannpferde. Schrick war einer der typischen Weinbauorte. Bilder erinnern an das einst mühsame Verladen der Fässer. Wilfersdorf verdankt seine Bedeutung den Fürsten Liechtenstein. Sie konnten von ihrem Stammschloss nur auf ihren eigenen ausgedehnten Gütern bis nach Schlesien reisen. Die Marktgemeinde, die 2014 ihr 500-Jahr-Jubiläum feiert, war 1902 Schauplatz eines Kaisermanövers. In Poysdorf logierten 1820 Kaiser Franz I. und Zar Alexander. Seither wurde Poysdorfer Wein an den St. Petersburger Hof geliefert. Die romantische Kellergasse der "Weinhauptstadt" beginnt gleich bei der Pfarrkirche. Zehn Kilometer weiter verläuft bei Drasenhofen die Grenze. Neben einer romantischen Biedermeieransicht ist sie durch Fotos vom Eisernen Vorhang und Autokolonnen nach dessen Aufhebung 1989 dokumentiert.

Dazu findet man die Reproduktion einer Landkarte aus dem Jahr 1725, kurz vor dem Bau der kaiserlichen Post- und Kommunalstraße nach Brünn. Sie verzeichnet Weingärten, Bildstöcke und Höhenunterschiede und verweist auf die sumpfige Bodenbeschaffenheit. Bevor sich der Brünner Historiker Lukáš Fasora den mährischen Orten widmet, beschäftigt sich Christian Jostmann mit dem vielzitierten Brünnerstraßler. Er stellt die charakteristischen Fuhrwerke - mit geflochtenen Wänden und blauer Plache - vor, erzählt von Schwund und Schwindel beim Weintransport und schließt: "Inzwischen hat der berüchtigte Reifbeißer sich in pfeffrigen Weinviertler DAC verwandelt - auch eine Art Weinwunder!"