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Gottfried Korff: Simplizität und Sinnfälligkeit#

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Gottfried Korff: Simplizität und Sinnfälligkeit. Volkskundliche Studien zu Ritual und Symbol (Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen ; 113) Tübingen 2014. 553 S., € 29,00

Gottfried Korff zählt mit Hermann Bausinger, Utz Jeggle und Martin Scharfe zu den prominenten deutschen Volkskundlern, deren Buch "Grundzüge" (1978) Pflichtlektüre für die Studierenden des späteren "Vielnamenfachs" war.

Den Begriff "Vielnamenfach" für die Volkskunde / Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Empirische Kulturwissenschaft hat übrigens Korff geprägt. 1942 in Düsseldorf geboren - und damit der jüngste des zuvor angesprochenen Autorenkollektivs - studierte Gottfried Korff Geschichte, Ethnologie und Kunstgeschichte, wirkte an Museen in Bonn und Berlin. Von 1982 bis zu seiner Emeritierung war er Professor der Empirischen Kulturwissenschaft (EKW) am Tübinger Ludwig-Uhland-Institut. Daneben hatte er Gastprofessuren in Wien und Zürich inne. Zwei der Herausgeber, Reinhard Johler und Bernhard Tschofen, hatten ebenfalls am Wiener Institut gelehrt. Gemeinsam mit Monique Scheer und Thomas Thiemeyer haben sie rund 30 Abhandlungen aus 30 Jahren für den Sammelband ausgewählt. Er vereint die Themenschwerpunkte des Kulturwissenschaftlers Museologie, Symbolanalyse, populäre Frömmigkeit und Erinnerungskultur.

Der erste Block ist "Bräuche" überschrieben. Er beginnt mit einem Artikel über den 1. Mai - Maibrauch zwischen Volkskultur, bürgerlicher Folklore und Arbeiterbewegung -, gefolgt von "Feierabend". Der Begriff "klingt im 21. Jahrhundert überholt und démodée, es ist ein Wort wie Geselle, Werkbank oder Abendland … in dem der Gefühlshaushalt der Vormoderne konserviert ist." Wilhelm Heinrich Riehl und Ludwig Richter, der "Bildermann des deutschen Volkes", nahmen ihn als Titel von Novellen. Der steirische Dichter Peter Rosegger wählte 1886 den Plural "Feierabende" als Motto einer Geschichtensammlung. "Halloween in Europa" bildet ein Kontrastprogramm zur biedermeierlichen Idylle. Hier referiert der Autor eine Reihe von Stichworten aus einer Umfrage - Neu und komplex? Konsumanthropologie ? Medienbrauch? Kürbiskult ? Masked Culture ? Säkularisierung und Entmythologisierung ? Kirchliche Opposition ? Ersatzreligiöse Funktionen ? Vielfalt der Lesarten ? - und kommt zu interessanten Schlüssen über den auch hierzulande begangenen Festtermin. Gegenwartsbezogen ist schließlich der vierte Beitrag dieser Gruppe, "Neue Strukturen einer urbanen Festkultur", die sich im Vergleich der Anfänge in den 1970er Jahren bis zur Jahrtausendwende (und darüber hinaus) "auf dem Weg zur Festivalisierung und Kommerzialisierung" befindet.

Im zweiten Hauptkapitel "Rituale in der Moderne" geht es um Volksfrömmigkeit, so weit man von dieser überhaupt sprechen kann. Denn schon zu Zeiten des Kulturkampfs im Deutschland des 19. Jahrhunderts wurde aus der populären eine popularisierte Religion, deren Impulse von der Amtskirche kamen. "Kultdynamik durch Kultdifferenzierung?" zeichnet die Entwicklung der Verehrung der einstigen Pestpatrone Rochus und Sebastian nach, wobei auch der "unheilige Sebastianskult" des 20. Jahrhundert zur Sprache kommt. Die Entwicklungen der Gegenwart führen zu "Ersatzheiligen" - z.B. Lady Di - und kulturwissenschaftlichen Betrachtungen über "Transzendenzen im Plural". Stichworte hier sind Säkularisierung, "invisible religion", Wandel der Sozialformen des Religiösen - z.B. Santiago-Wallfahrt als Lifestyle-Ritual - und religiöse Wiederverzauberung.

Gottfried Korff scheut sich nicht, Begriffe aus der alten Volkskunde zu gebrauchen, wie "Volkskunst"- ein Begriff, den der Wiener Kunsthistoriker Alois Riegl 1894 prägte. Er kann dies guten Gewissens tun, weil die Thesen, die er daran knüpft, völlig anders sind als die traditionalistischen. Dies spiegelt sich schon in der Titelwahl, wobei die Liebe zum Fragezeichen auffällt. "Volkskunst als ideologisches Konstrukt?" enthält Fragen und Beobachtungen zum politischen Einsatz der "Volkskunst im 20. Jahrhundert". "Volkskunst und Primitivismus" umfasst Bemerkungen zu einer kulturellen Wahrnehmungsform um 1900. In "Volkskunst: ein mythomoteur ?" (mythomoteur - Verbindung der französischen Wörter für Mythos und Motor) geht es um die Vereinnahmung durch nationalistische und politische Ideologien. "Einstein, Prinzhorn, Geist" behandelt anhand dreier Persönlichkeiten "nichtvolkskundliche Ansätze zu einer Volkskunsttheorie der Zwischenkriegszeit."

Die Sachforschung zählt neben der Erzähl-, Sprach-, Brauch-, Lied- und Hausforschung zu den klassischen Sparten der Volkskunde. So widmet sich der Sammelband den Dingen, beginnend mit "Einige(n) Bemerkungen zum Wandel des Bettes." Es mag überraschen, dass das Schlafzimmer erst um 1900 allgemein üblich wurde, und noch bis zum Ersten Weltkrieg das Einzelbett pro Person in den Unterschichten eine Seltenheit darstellte. "Umgang mit Dingen" zeigt die explosionsartige Zunahme der alltäglichen Gegenstände: Vor der industriellen Revolution besaß eine Familie in einem rumänischen Dorf 250 Objekte, von denen viele Arbeitsgeräte waren. Moderne Konsumgesellschaften kommen auf sechsstellige Sachbestandszahlen. "Dinge: unsäglich kultiviert" erschien 1999 in der Festgabe für Klaus Beitl, den langjährigen Direktor des Österreichischen Museums für Volkskunde. Der Artikel bezieht sich eingangs auf die wenige Jahre zuvor unter seiner Leitung erfolgte Neuaufstellung der Wiener Sammlung und das neue Signet des Museums. Der Vogel Selbsterkenntnis sei etwas, "zu dem der kulturwissenschaftlichen Dingforschung nur geraten werden kann: zu Ironie, Reflexion und Selbstkritik". Der Aufsatz "Holz und Hand" bringt "Überlegungen zu einer 'deutschen' Werkstoffkunde der Zwischenkriegszeit".

Es folgen drei weitere große Kapitel, die sich schwerpunktmäßig mit Deutschland beschäftigen. "Ost/West", "Hauptstadt" und "Erinnerungskultur". "Simplizität und Sinnfälligkeit" ist kein Buch über Österreich, auch wenn sich immer wieder Bezüge ergeben, wie Hinweise auf Wien oder Erstveröffentlichungen in Zeitschriften und Büchern, die hier erschienen sind. Gerade das Vielnamenfach ist es aber gewohnt, Grenzen nicht so eng zu sehen. Es wäre beispielsweise interessant, Parallelen Wien - Berlin detailliert herauszuarbeiten. Auf jeden Fall sind die hier referierten Theorien überaus anregend.