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Meta Niederkorn-Bruck (Hg.): Ein Heiliger unterwegs in Europa#

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Meta Niederkorn-Bruck (Hg.): Ein Heiliger unterwegs in Europa. Tausend Jahre Koloman-Verehrung in Melk (1014-2014). Verlag Böhlau Wien Köln Weimar 2014. 528 Seiten ill., € 49.00

"Heiligenkulte sind die Ergebnisse von sozialen Aushandlungsprozessen. Wer in einer Gemeinschaft als Heiliger gilt, das bestimmt die Gemeinschaft selbst." So beginnt der deutsche Mediävist Andreas Bihrer seinen Beitrag über den hl. Koloman. Er verweist auf die Rolle des Papstes und der Politiker. Der "Wettbewerb um die Heiligkeit" benötigte bildliche und textliche Quellen, wobei eine gute Legende die "Kultkonkurrenz" entscheidend beeinflussen konnte.

Ein früher Chronist war Bischof Thietmar von Merseburg (975-1018). In geringer zeitlicher Distanz schrieb er kurz über den hl. Koloman: "Im Grenzgebiet zwischen Baiern und Mähren griffen die Einwohner den Pilger Koloman auf, den sie für einen Spion hielten und zwangen ihn durch schlimme Misshandlungen zum Bekenntnis einer Schuld, von der er frei war. Obwohl er kräftig seine Harmlosigkeit beteuerte und versicherte, er ziehe als armer Bruder Christi umher, hängte man ihn an einem längst verdorrten Baume auf: schuldlos, denn als man sein Fleisch ein wenig anschnitt, floss Blut heraus; Nägel und Haare wuchsen. Der Baum selbst jedoch begann zu grünen und erwies ihn dadurch als Märtyrer Christi. Sobald Markgraf Heinrich davon erfuhr, ließ er seine Leiche in Melk bestatten." Am 13. Oktober 1014 wurde er dort auf dem Burgberg beigesetzt. Damit stellte man die einem Heiligen gebührende Verehrung sicher und schuf sich gleichzeitig einen „Hausheiligen“, wie es einem großen Adelsgeschlecht geziemte.

1000 Jahre nach der Translation hat sich das Benediktinerstift Melk in einem wissenschaftlichen Projekt (Symposion und Bücher) mit der Kolomaniverehrung beschäftigt. Historisches, Legendenhaftes und Liturgisches wurde international und interdisziplinär neu beleuchtet. Die Benediktiner, die das Stift Melk seit 925 Jahren betreuen, sind bemüht, das Allgemeingültige herauszustreichen und zu tradieren. Pater Martin Rotheneder, Koordinator der Veranstaltungen im Jubiläumsjahr, meint dazu: "Es geht um den Inhalt einer Geschichte, die seit 1000 Jahren als Grenzzwischenfall begonnen hat. Diese Geschichte muss weiter erzählt werden, weil es um ein immer währendes, existentiell menschliches Thema geht, das auch unserer Generation vieles zu bewältigen aufgibt: Fremdes macht Angst." So ist der irische Pilger ein aktueller, moderner Heiliger.

Meta Niederkorn-Bruck, Professorin für mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Wien, hat im Tagungsband mehr als 20 Beiträge mit großer Bandbreite versammelt. So beschäftigt sich die Herausgeberin mit dem Koloman-Gedächtnis in den Kalendern des 12. bis 21. Jahrhunderts. Der Wirtschaftshistoriker Ernst Bruckmüller referiert über "Österreich. Ein Begriff im Wandel der Zeit vom 10. bis 20. Jahrhundert" . Der Pädagoge Rainald Dubski gibt einen Überblick über "Das heilige Römische Reich und seine Nachbarn um 1000 n. Chr." P. Udo Fischer stellt Bischof Altmann von Passau, den Gründer des Benediktinerklosters Göttweig, vor. Zwischen Melk und Göttweig bestehen seit mehr als 700 Jahren Gebetsverbrüderungen für verstorbene Angehörige. Altmann wurde etwa zu jener Zeit in Sachsen geboren, als Koloman in Stockerau starb.

1000 Jahre Geschichte umfassen auch den barocken Umbau des Stiftes Melk, im Zuge dessen auch das spätmittelalterliche Hochgrab in der Krypta beseitigt wurde. Der Kunsthistoriker Werner Telesko erläutert Typus und Programm des Koloman-Altars in der Stiftskirche Melk. Im Querhaus befinden sich, ungewöhnlich, monumentale Altäre für die Heiligen Koloman und Benedikt mit fast identischen Aufbauten. Der Leiter der Topographischen Sammlung der Niederösterreichischen Landesbibliothek, Ralph Andraschek-Holzer, bringt und beschreibt "Melk-Ansichten aus dem 18. Jahrhundert", die sich als signifikant für diese Epoche erweisen.

Die Europäische Ethnologie ist durch zwei Beiträge vertreten. Edeltraud Ambros hatte dem ersten Landespatron Niederösterreichs 2010 ihre Dissertation gewidmet und im Zuge dessen den Kolomani-Kirtag in Melk forschend besucht. Der Jahrmarkt fand 2012 zum 561. Mal statt und zog 10.000 Menschen in die Stadt. Kathrin Pallestrang hat 2010 im Österreichischen Museum für Volkskunde die Ausstellung "Heilige in Europa. Kult und Politik" kuratiert. Dabei zeigte sie, dass ein katholisches Heiligsprechungsverfahren "nicht ein reiner Akt der Glaubensübung ist, sondern immer auch ein kirchenpolitischer oder machtpolitischer Aspekt mitspielt. " Umgekehrt werden religiöse Themen und Figuren für politische Zwecke eingesetzt. Weiter schreibt die Ethnologin: "Der Begriff des Landes- bzw. Schutzpatrons ist per se ein politisch aufgeladener Begriff. Im Mittelalter war für die Verlobung eines Herrschaftsgebietes an einen bestimmten Heiligen ausschlaggebend, Reliquien von ihm zu besitzen. … Ein Beispiel dafür sind die Gebeine des heiligen Koloman, den die Babenberger als ihren Schutzpatron ansahen." So blieb es fast ein halbes Jahrtausend: von 1244 bis 1663 war Koloman der Landespatron von Österreich ob und unter der Enns. In diesem Jahr erhob Kaiser Leopold I. seinen Namenspatron, den heiligen Babenberger Leopold III. zum österreichischen Landespatron. Das Kloster Melk hält bis heute an der Verehrung des heiligen Koloman fest, dem es zu einem wesentlichen Teil seine Existenz verdankt. Pilger aus ganz Europa kommen nach Melk.