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Irene Nierhaus, Andreas Nierhaus (Hg.): Wohnen zeigen#

Bild 'Nierhaus'

Irene Nierhaus, Andreas Nierhaus (Hg.): Wohnen zeigen. Modelle und Akteure des Wohnens in Architektur und visueller Kultur (Band 1 der Schriftenreihe wohnen +/- ausstellen. Hg von Irene Nierhaus und Kathrin Heinz). Transcript Verlag Bielefeld 2014. 366 S., ill., € 38,99

"Wohnen im Sinn eines häuslich eingerichteten Seins ist nicht natürlich gegeben, sondern immer diskursiv vermittelt," beginnt der Tagungsband mit 17 internationalen und interdiszipliären Beiträgen. Entstanden ist er im Rahmen der Ausstellung "Werkbundsiedlung Wien 1932. Ein Manifest des neuen Wohnens" im Wien Museum - genau 80 Jahre nach dem Architekturereignis der Werkbundschau, die 70 vollständig eingerichtete Musterhäuser gezeigt hatte. Die Tagung selbst stand unter dem Motto "Wie wohnen ? Beziehungen zwischen Wohnmodellen, Vorbildern und BewohnerInnen".

Bemühungen um ästhetische Bildung begannen Ende des 19. Jahrhunderts, als industrielle Massenprodukte auf den Markt kamen und sich Gegenbewegungen zum "Kitsch" etablierten. Ihre idealistischen Initiatoren misstrauten dem Geschmack der Konsumenten, die erst zum "richtigen Wohnen" befähigt werden sollten. Weitere Schübe der Wohnpädagogik folgten in den 1920er und 1950er Jahren, im Zusammenhang mit dem Ausbau der Städte und Neubauten. Aktuell vermitteln Wohnzeitschriften, Werbedrucksachen und elektronische Medien Leitbilder und Wohnwissen. Die neuen "Erziehungsinstanzen" verfolgen vorwiegend kommerzielle Interessen.

Die Herausgeber - Irene Nierhaus, Professorin für Kunstwissenschaft und Ästhetische Theorie an der Universität Bremen, und Andreas Nierhaus, als Kurator des Wien Museums Gestalter der Werkbundsiedlung-Ausstellung - teilen die Beiträge in drei Themenblöcke: "Modellräume", "Wohnkulturen", und "Bewohnermodelle".

Die deutsche Kunstpädagogin Johanna Hartmann zeigt in "Möbel, Pläne, Körper" verschiedene "Lehrstücke des Wohnens in den 1950er Jahren". In den Wiederaufbaujahren nach dem Zweiten Weltkrieg mussten "Räume, Dinge, Subjekte und Praktiken des Wohnens neu geordnet" werden. Austellungen und Lehrfilme sollten dabei helfen. Während sie die "Stadt von morgen" und formschöne moderne Gebrauchsgegenstände propagierten, blieb das Bild der Hausfrau ein traditionelles. Der amerikanische Architekturhistoriker Greg Castillo untersucht "Das 'ausgestellte' Haus und seine politische Rolle im Kalten Krieg in Deutschland"- wobei der Westen den "American Way of life" als Vorbild propagierte. Der italienische Architekt Manfredo di Robilant beschäftigt sich mit der Darstellung von US-amerikanischen Wohnarchitekturen. Printmedien um die Mitte des 20. Jahrhunderts bevorzugten den "Blick von oben". Eingerichtete Räume wurden ohne Plafond dargestellt, dadurch erlebten die Interessenten "Das Wohnhaus als Puppenhaus" . Der deutsche Historiker David Kuchenbuch verfolgt "Spuren im Schnee - Wohnbedürfnisforschung, Bewohnerkonstrukte und Bewohnererziehung in Deutschland und Schweden, 1920er bis 1950er Jahre". Der Titel leitet sich vom Argument eines Architekten ab, der die unbewusste Raumaneignung untersuchte, um daraus Schlüsse auf Wohnbefürfnisse zu ziehen. Andreas Nierhaus beschäftigt sich mit der Didaktik von Bau- und Wohnausstellungen um 1930 am Beispiel der "Neuen Zeit" in Köln und der Wiener Werkbundsiedlung. Die lange vorbereitete Kölner Ausstellung wurde infolge der Weltwirtschaftskrise abgesagt. Die Wiener zählte 100.000 Besucher, konnte aber ihre Vorbildwirkung ebenfalls aus wirtschaftlichen und politischen Gründen nicht entfalten. Initiator und künstlerischer Leiter war Josef Frank, der 1933 nach Schweden emigrierte. Der Architekt verstand die Wohnung als Lebensmittelpunkt, der von den Bewohnern jederzeit ergänzt und verändert werden konnte. Die Einrichtung der Kleinwohnhäuser mit Garten war sparsam und doch formal anspruchsvoll. Ein wichtiger Mitarbeiterder damals größten Bauausstellung Europas war der Ökonom und Volksbildner Otto Neurath. Der Erfinder der Wiener Methode der Bildstatistik stand der Stadtregierung des "Roten Wien" nahe, die einen Schwerpunkt ihrer Arbeit in der Errichtung von Gemeindebauten sah. "Glückliches Wohnen" war - und ist bis heute - ein erstrebenswertes Ziel. Die Bedürfnisse und finanziellen Möglichkeiten der Konsumenten haben sich in 80 Jahren grundlegend geändert. Der Wiener Künstler Michael Zinganel lernte sie auf einer Exkursion in die "Blaue Lagune" kennen. Seinen Bericht nennt er "1:1. Populäre Wohnerziehung im Fertighauspark".

Irene Nierhaus findet in Literatur Beschreibungen und Kritik an der modernen Wohnkultur. Ein extremes Beispiel in ihrem Beitrag "Störrisches Wohnen" ist der Text "Nordseekrabben" von Bertolt Brecht. Die Schweizer Kunsthistorikerin Bernadette Fülscher untersucht in "99 mal Wohnen" den Roman "Das Leben Gebrauchsanweisung" von Georges Perec, in dem es um ein Pariser Haus und seine Mieter geht. Der Wiener Filmtheoretiker Drehli Robnik beschäftigt sich mit dem "Horrorfilm als Explikation des Gewohnten und Einübung ins Un-Heim". Die deutsche Medienwissenschaftlerin Angelika Bartl schreibt über "Politische Privatheit"am Beispiel von Laura Horellis Videoarbeit "The Terrace". Die deutsche Kunstwissenschaftlerin Christiane Keim hat sich mit dem Buch von Alison und Peter Smithson über den "Upper Lown Pavilion" des Architektenehepaares beschäftigt, das die "Kunst des Bewohnens" vorführt.

Eva-Maria Orosz, Kuratorin im Wien Museum, setzt sich mit historischen Wohnräumen in der Schausammlung - Grillparzer-Zimmer, Kaminzimmer von Adolf Loos und "Pompejanischer Salon" - auseinander. Die amerikanische Zeithistorikerin Cathleen M. Giustino verfolgt "Fiktion, Wirklichkeit und Interieurs im 'Großmuttertal'. 1855 veröffentlichte Bozena Nemcova ihren Roman "Die Großmutter", der für die Konstruktion und Popularisierung einer nationalen tschechischen Identität von grundlegender Bedeutung war. Ein Jahrhundert später wurde der Schauplatz, Schloss Ratiborice/Ratiboritz, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: "Die unterschiedlichen displays von Wohnräumen aus einer fiktionalisierten Vergangenheit … verlieh diesem Ostblock-Kulturdenkmal die Qualitäten eines US-amerikanischen Themenparks", doch soll der Besuch nicht der Unterhaltung dienen, sondern dabei "Ideologie und Verheißungen des Sozialismus verinnerlicht werden." Die deutsche Kunsthistorikerin Christina Threuter betrachtete das Fotobuch "Das deutsche Wohnzimmer" von Herlinde Koelbl und übertitelt ihre Kritik "Ausschlüsse des Unerwarteten". Die deutsche Medienwissenschaftlerin Theres Sophie Rohde begibt sich auf die "Spuren der 'Wohnlichkeits-Attrappen' in Hand-und Warenbüchern sowie in Bauausstellungen der 1920er und 1930er Jahre". Wie sie zeigt, sind die alten Fotos sorgfältig inszeniert, besonders dort, wo etwas zufällig erscheint. Der deutsche Kunsthistoriker Andreas Vetter beschäftigt sich mit einem ähnlichen Thema, den "Bedingungen der humanen Präsenz im fotografischen Architekturbild". Diese war zumeist unerwünscht - ganz im Gegensatz zu barocken Kupferstichen, wo die Staffagen alltagshistorisch interessante Details bieten und den aktuellen Katalogen der Einrichtungshäuser.

Ausstellungen werden geschlossen, Symposien sind schnell vorbei. Zum Glück halten Kataloge und Tagungsbände die Forschungsergebnisse fest. Dem Herausgeberpaar von "Wohnen zeigen" darf man besonders dankbar sein, weil sein Buch den Blick auf scheinbar Selbstverständliches richtet und so manchen Denkanstoss geben wird.