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Werner Rosenberger: Im Cottage#

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Werner Rosenberger: Im Cottage. Wiens erste Adressen und ihre berühmten Bewohner. Metroverlag Wien 2014, 240 Seiten, ill. € 19,90

Das Cottageviertel - auf gut wienerisch "die Kottääsch" genannt - ist eine Nobelgegend im 18. und 19. Bezirk. Der 1872 gegründete Cottageverein wollte für seine bürgerlichen Mitglieder die Ideale der englischen Gartenstadtbewegung verwirklichen. Schon im ersten Jahr entstanden 50 Häuser, dazu kamen Gemeinschaftseinrichtungen wie Sportplätze. Der Verein engagierte sich auch für die Anlage des anschließenden Türkenschanzparks. Die Reichen und Schönen der Gründerzeit, Künstler und Intellektuelle zogen in die Gründerzeit-Villen ein.

Werner Rosenberger, Kulturredakteur bei der Tageszeitung "Kurier", hat sich auf ihre Spur begeben. Er ist überzeugt: "Das grundlegende Wesen eines Menschen lässt sich am besten mit Anekdoten aus seinem Leben charakterisieren." Rosenberger hat Stoff für 28 spannende Kapitel gefunden und diese mit zügigen Titeln versehen. Oft meint man sich in ein Schnitzler-Stück versetzt. Der Arzt und Schriftsteller Arthur Schnitzler, vom Autor als "der Wiener Erotiker" charakterisiert, logierte in der Sterwartestraße 71. Wenige Häuser weiter, Sternwartestraße 58, ist das Domizil seines Enkels, "Mister Regenwald". Michael Schnitzler war als gefeierter Geiger weltweit unterwegs. 1991 gründete der Musiker das Projekt "Regenwald der Österreicher" in Costa Rica, seither konnten 4000 Hektar freigekauft und viele Initiativen gesetzt werden. Das artenreiche Biotop zählt 3000 Pflanzen - und 143 Säugetierarten.

Kaum jemand der Cottage-Villenbesitzer verfolgte altruistische Ziele. Die Glitzerwelt der Promis sah anders aus. Alexander Girardi und Helene Odilon, um 1900 die Stars der Wiener Bühnen, zelebrierten jahrelang ihren Rosenkrieg. Wie in diesen Kreisen damals nicht unüblich, wollte sie ihn sogar in eine private Irrenheilanstalt sperren lassen. Schaupielerkollegin Katharina Schratt intervenierte beim Kaiser und der "Fall Girardi" veranlasste Franz Joseph, das Entmündigungswesen neu zu überdenken.

"Johannes Heesters, der Jahrhundertcharmeur" erreichte das stolze Alter von 108 Jahren. Die Villa in der Cottagegasse 72 muss ein guter Platz zum Leben gewesen sein. Der Star, "ein Mann, mit allen Champagnern gewaschen", hat sämtliche Entwicklungen des Showbusiness mitgemacht. Zuletzt war er für viele nur noch der drollige Showmethusalem. Als er mit 105 Jahren lange auf der Bühne stehen musste, schimpfte er: "Wie lange muss ich noch stehen? Man ist ja schließlich keine 100 mehr!"

Der Operettenkomponist Emmerich Kálmán war ein herber und knauseriger Typ. Trotzdem ließ er sich von einem Showgirl, das sich als verarmte Adelige ausgab, einfangen und ausnützen. "Veruschka" spielte ihre Rolle als Tantiemenwitwe und Jet-Set-Schmetterling perfekt. Selbst in der Emigration blieb sie die unangefochtene schillernde Partykönigin. In der 5. Avenue arbeitete sie als Mannequin bei einem Wiener Kürschnermeister. Bei dieser Gelegenheit verliebte sie sich in den Begleiter von Greta Garbo und ließ sich scheiden. Als dieser bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kann, heiratete Emmerich Kálmán die Mutter seiner drei Kinder zum zweiten Mal.

Es wäre einseitig, die Cottagegesellschaft auf Lebemänner und Luxusweibchen zu reduzieren. Gerade Wissenschaftler, Künstler und Politiker waren (und sind) in großer Zahl anzutreffen, wie Arik Brauer, der Phantastische Realist, Auguste Fickert, eine Vorkämpferin für Frauenrechte, Theodor Scheimpflug, als Vater des "Fliegenauges" ein Pionier der Luftbildfotografie , Alfons Gabriel, der Wüstenforscher, Ludwig Boltzmann, der überzeugte Atomist oder Theodor Herzl, der Vater Israels.

So ein Buch liest man gerne. Es unterhält, und man kann doch eine ganze Menge dabei lernen. Es spart die düsteren Seiten nicht aus, schließlich waren die Besitzer vieler Villen Juden, die in der NS-Zeit um ihren Besitz kamen und selbst Schreckliches erleben mussten. Dennoch bleibt der Eindruck vom "Leben wie auf Sommerfrische". Einen solchen Urlaub zwischendurch, mit dem Buch als Reiseführer, sollte man lieber heute als morgen antreten.