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Emmerich Tálos: Das austrofaschistische Herrschaftssystem. Österreich 1933-1938.#

Buchbesprechung von Helmut Wohnout

Nach dem von ihm gemeinsam mit Wolfgang Neugebauer seit den 1980er Jahren in mehreren Auflagen herausgegebenen Sammelband Austrofaschismus hat Emmerich Tálos nun die Monographie "Das austrofaschistische Herrschaftssystem" vorgelegt.
Der Titel ließe sine Untersuchung unter Zugrundelegung eines politikwissenschaftlichen Ansatzes vermuten. Doch ist es eine in erster Linie historische, teils auf umfangreichen Primärquellenbeständen beruhende Studie, die Tálos verfasst hat.
Im Zentrum seiner Archivrecherchen stand dar Bestand der Vaterländischen Front (VF). Dieser kam nach dem Zweiten Weltkrieg auf Umwegen nach Moskau, wurde vor einigen Jahren zurückgegeben und steht nunmehr im österreichischen Staatsarchiv der zeithistorischen Forschung zur Verfügung. Es handelt sich dabei um einen umfangreichen Primärquellenbestand, der allerdings in seiner Aussagekraft auch nicht überschätzt werden sollte, bildete die VF eben vielfach nicht das Epizentrum der staatlichen und politischen Macht im Österreich der Dollfuß- und Schuschnigg-Jahre. Letztlich bestätigt die von Tálos vorgelegte Studie, dass die VF - wie es Binder/Goldinger schon in ihrem Überblickswerk "Zur politischen Geschichte der Ersten Republik" formulierten - "eine bürokratische Organisationshülse der Regierung, ohne Eigendynamik und Eigengewicht" blieb.
Dennoch liegt in der Tatsache, dass dieser Bestand erstmals im großen Umfang im Rahmen einer wissenschaftlichen Monographie aufgearbeitet wurde, ein wesentliches Verdienst der Arbeit von Tálos. Abgesehen davon und von einigen sonstigen interessanten Quellenfunden stützt sich der Verfasser jedoch über weite Strecken auf seine schon früher vertretenen Positionen und versucht diese zu untermauern.
Was die Begrifflichkeit zur Charakterisierung des politischen Systems der Jahre 1933/34 betrifft, vertritt der Rezensent eine Tálos entgegengesetzte Sicht der Dinge und hält den Begriff des "Austrofaschismus" für nicht geeignet, eine präzise Typologie und Einordnung der staatlichen Verhältnisse in Österreich nach dem Ende des demokratischen Parlamentarismus zu definieren. Doch soll die vorliegende Rezension nicht den Vorwand bieten, die Kontroverse, die publizistisch bereits an anderer Stelle geführt wurde, fortzusetzen (u.a. in Helmut Wohnout: Anatomie einer Kanzlerdiktatur. In: Hedwig Kopetz/Joseph Marko/ Klaus Poier (Hg): Soziokultureller Wandel im Verfassungsstaat. Phänomene politisch Transformation. Festschrift für Wolfgang Mantl zum 65. Geburtstag. Wien-Köln-Graz 2004 S. 961-974).

Daher soll diesbezüglich nur ein Aspekt kritisch beleuchtet werden: Tálos legt dem "Austrofaschismus" ein weitgehend einheitlich ideologisches Konzept zugrunde. Zu wenig berücksichtigt er, dass es sich beim Dollfuß-Schuschnigg-Regime am ein Konglomerat verschiedener, teils miteinander rivalisierender Gruppierungen handelte, hervorgegangen aus einer Koalitionsregierung zwischen der Christlichsozialen Partei und der Heimwehr, anfänglich noch unter Einbindung des Landbundes. Auch der Umstand, dass es innerhalb der Christlichsozialen höchst unterschiedliche Strömungen gab, passt nicht gut in das Bild ein vermeintlich homogenen "Austrofaschismus". Daher vermisst man bei der Darstellung der ideologischen Grundlagen des Regimes auch eine Differenzierung zwischen den sehr divergenten programmatischen Vorstellungen der Christlichsozialen und der Heimwehr den sogenannten "berufsständischen Aufbau" betreffend.
Schon die an den Beginn des Bandes gestellte Entwicklung der frühen 1930er Jahre wird fast ausschließlich aus der ex post Perspektive der späteren autoritären Regierung geschildert. In der Beurteilung des Geschehens bleibt die gleichzeitige außenpolitische Bedrohung durch den Nationalsozialismus weitgehend ausgeblendet. Die Ursachen für den Ausbruch der Februar-Kämpfe werden ausschließlich bei der Regierung gesucht, das Agieren der Sozialdemokratie nicht einer kritischen Reflexion unterzogen. Dass dabei die 2011 erschienene zentrale Biographie Otto Bauers von Ernst Hanisch überhaupt nicht rezipiert wurde, ja nicht einmal im Literaturverzeichnis enthalten ist, scheint leider symptomatisch für ein generelles Manko des Bandes. Die während der vergangenen beiden Jahrzehnte erschienene wissenschaftliche Literatur zum Thema findet nur unvollständig in der Monographie Niederschlag - ein Defizit, an dem schon die letzten Neuauflagen des Sammelbandes "Austrofaschismus" litten.
Die daraus resultierende Problematik kann an einem konkreten Fall illustriert werden: Die Funktionsweise der Frontwerke und Referate der VF wird im Buch exemplarisch anhand des Beispiels des 1937 eingerichteten Traditionsreferats dargelegt. Dies überrascht schon insofern, als dieses Referat eher einen Fremdkörper innerhalb des institutionellen Gefüges der VF darstellte. Noch verwunderlicher ist, dass sich Tálos dem Thema annähert, ohne eine im Jahr 1992 in dieser Zeitschrift erschienene grundlegende Studie zum Traditionsreferat zu berücksichtigen (Helmut Wohnout: Das Traditionsreferat der Vaterländischen Front. Ein Beitrag über das Verhältnis der legitimistischen Bewegung zum autoritären Österreich 1933-1938, in: ÖGL 36 (1993), S. 65-82). Dementsprechend bleibt Wesentliches unerwähnt. Besonders spürbar wird die unvollständige Rezeption der vorhandenen wissenschaftlichen Literatur beim Kapitel Außenpolitik. Wenn grundlegende Arbeiten und Aufsätze, wie etwa jene von Thomas Angerer, Siegfried Beer, John R. Rath oder Gerald Stourzh gar nicht berücksichtigt werden, muss das Kapitel schon aus diesem Grund als problematisch erscheinen.

Leider bringt der Verfasser einzelne Zitate und Sachverhalte nur selektiv. So schreibt er etwa über die antisemitischen Ausfälle des Gewerbebundes in Wien unter der Patronanz des Wiener Vizebürgermeisters Kresse, die Ende 1937 einen Höhepunkt erreichten. Es würde ein vollständigeres Bild der damaligen Verhältnisse zeichnen, wäre aus der von ihm zitierten Studie auch jene Passage übernommen worden, wonach damals das publizistische Sprachrohr des Bundeskanzlers, das Neue Wiener Tagblatt, den Wiener Vizebürgermeister auf die Unvereinbarkeit seiner Agitation mit seiner öffentlichen Funktion hingewiesen hatte und ihm so eine eindeutige Zurechtweisung zuteil geworden war.

Tálos schildert übersichtlich die einzelnen, teils überlappenden Wehrformationen innerhalb des Regierungslagers, von den Wehrverbänden und ihrem eingeschränkten militärischen. Kapazitäten über die Exekutive bis zur Frontmiliz und den militärischen Assistenzkörpern. In diesem Zusammenhang fragwürdig ist jedoch die immer wiederkehrende Annahme, dass die Maßnahmen zur Stärkung der inneren und äußeren Sicherheit primär als Repression gegenüber der linken Opposition erfolgt seien und die militärische Aufrüstung bewusst an die Stelle sozialpolitischer Maßnahmen gesetzt worden sei. All diese Schritte sind wohl sehr stark unter dem Blickwinkel der militärischen Bedrohung und des innenpolitischen Terrors durch das nationalsozialistische Deutschland zu beurteilen und nicht primär als Repressionsmaßnahmen gegenüber der Arbeiterschaft. Interessant wäre es gewesen, mehr über das ominöse "Sturmkorps" der VF zu erfahren, das in der Literatur mitunter als Imitat der deutschen SS apostrophiert wird. Doch gerade hier muss sich der Verfasser auf die spärlichen bekannten Tatsachen beschränken und kann mit keinen neuen Fakten, aus den ihm zur Verfügung gestandenen Quellenbeständen aufwarten.

Zum Schluss sollen einige Stärker des Bandes genannt werden. So gelingt es Tálos, gewisse Entwicklungslinien anhand der von ihm zitierten Quellen in einer bisher noch nicht gekannten plastischen Anschaulichkeit zu illustrieren. Etwa die schrittweise Infiltration des staatlichen Apparates genauso wie der VF durch Repräsentanten des nationalen Lagers mit unterschiedlicher Nähe zum Nationalsozialismus bei gleichzeitig steigender Verunsicherung der traditionellen "vaterländischen" Eliten nach dem Juli-Abkommen 1936. Dem Autor gelingt es deutlich zu machen, wie diese Entwicklung unter dem Druck des Deutschen Reiches mehr und mehr zunahm, ehe sie der Regierung ab dem Jahreswechsel 1937/38 und vollends nach dem Zusammentreffen Schuschniggs mit Hitler in Berchtesgaden zu entgleiten begann.
Auch der Überblick über die Verfassung des Jahres 1934 und die mit ihr eingerichteten staatlichen Institutionen inklusive der der Organe der Bundes- und Landesgesetzgebung ist Tálos gelungen. Schade ist, dass die ab 1937 im Regierungslager einsetzenden Reformüberlegungen in diesem Bereich nur marginal Erwähnung finden.

Die Studie von Tálos ist mit über 600 Seiten umfangreich ausgefallen. Angesichts der zahlreichen Redundanzen hätte dem Buch eine Straffung des Textes gut getan. So werden wiederholt dieselben Zitate gebracht, etwa - um ein konkretes Beispiel zu nennen - wenn wir auf Seite 333 von den Befürchtungen des Bischofshofener Pfarrers betreffend die braune Unterwanderung gegenüber der Bundesführung der VF erfahren. Auf Seite 451 ist dasselbe Zitat zu lesen mit dem einzigen Unterschied, dass diesmal als Adressat Bundeskanzler Schuschnigg persönlich angegeben wird. Besonders mühsam wird es allerdings, wenn ganze Textpassagen wiederkehren. Im Zusammenhang mit der Propagandatätigkeit der Regierung sind etwa auf den Seiten 172-174 und 429-431 ganze Absätze wortident.
Insgesamt stellt der Band, ungeachtet der angeführten kritischen Anmerkungen, eine interessante Ergänzung zu der zuletzt wieder in Gang gekommenen Forschung zu den Dollfuß/Schuschnigg-Jahren in der österreichischen Zeitgeschichte dar. Tálos hat es sich - so das Vorwort - zur Aufgabe gemacht, ein "Gesamtbild des Herrschaftssystems 1933-1938 zu zeichnen". In einigen Abschnitten ist ihm dies auch gut gelungen. Andere Teile des Buches werden wohl, wie schon die eingangs erwähnten früheren Arbeiten des Verfassers, weiterhin kontrovers beurteilt werden.

--> Emmerich Tálos: Das austrofaschistische Herrschaftssystem. Österreich 1933-1938. Berlin u.a. 2013, LIT Verlag, 632 Seiten, ISBN 978-3-643-50494-4; 34,90 Euro


Der Rezensent ist offensichtlich wtwas irritiert, weil seine Studie über das Traditionsreferat der VF nicht gewürdigt wird, man müsste aber nicht so eitel sein, denn Talos hat eine sehr wertvolle Studie4 vorgelegt, die allerdings wie Wohnut - ein sehr guter Wissenschatler anmerkt - richtig anmerkt, deutlich zu lang ist, denn das liest leider kaum wer...

-- Glaubauf Karl, Mittwoch, 9. April 2014, 22:47