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Ulrike Zimmerl: Die Bank am Schottenring#

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Ulrike Zimmerl: Die Bank am Schottenring. Böhlau Verlag Wien - Köln - Weimar, 120 S. ill., € 19.90

Zum Zeitpunkt der Erscheinung des Buches war der Verkaufsprozess des Bankgebäudes am Schottenring bereits im Gange. Man fühlt sich an Leopold Schmidts "Bräuche des schlechten Gewissens" erinnert: hier ein hochinteressantes Buch, dort die ungewisse Zukunft eines denkmalgeschützten Objekts. In seinem Vorwort beteuert der Vorstandsvorsitzende, dass "die geplante Veräußerung selbstverständlich nicht einfach an den Meistbietenden erfolgen wird, sondern die Nachnutzung für uns ein zentrales Kriterium darstellt." Autorin der Dokumentation ist "die" Expertin, Ulrike Zimmerl. Die Kunstgeschichtlerin leitet die - 2006 von ihr aufgebaute - historische Dokumentationsstelle der UniCredit Bank Austria AG.

1912 eröffnete der Wiener Bank-Verein seine monumentale Zentrale am Schottenring. Nach Meinung der Zeitgenossen vereinte das Repräsentationsgebäude in idealer Weise Eleganz, Funktionalität und Modernität. Heute gilt es als Spiegelbild seiner Entstehungszeit, architektonisch vorbildliche Umsetzung von Funktion und Selbstverständnis einer führenden österreichischen Geschäftsbank und Musterbeispiel für stilbildende Wiener Bank-Architektur.

Als sich die Direktion des Bankvereins für den Standort Ecke Schottengasse und Schottenring entschied, war die Verbauung der Ringstraßenzone so gut wie abgeschlossen. Auch auf dem geplanten Areal standen relativ neue Häuser. Der Bankverein zögerte nicht, sie ihren Besitzern - Baron Rothschild, Emil Jellinek Mercedes und Gräfin Schenk, geb. Mautner-Markhof - um insgesamt fast 5 Millionen Kronen (mehr als ein Drittel der Projektkosten) abzukaufen. Die Gesamtkosten beliefen sich auf rund 14 Millionen Kronen - etwa 61,3 Mio. Euro -, was dem durchschnittlichen Reingewinn eines Jahres entsprach. Für den Bau wurde ein beschränkter Wettbewerb ausgeschrieben, aus dem Ernst von Gotthilf und Alexander Neumann als Sieger hervorgingen. Nachdem die Architekten gemeinsam mit den Bankiers Studienreisen durch Europa unternommen hatten, gingen sie rasch ans Werk. Der Abbruch der Ringstraßenpalais erfolgte gleichzeitig auf dem ganzen Areal, was Probleme mit dem Untergrund verursachte: Der frühere Stadtgraben war nur locker zugeschüttet worden, die Senkung beeinträchtigte auch die umliegenden Straßen. Die Kosten explodierten, die Arbeiten stagnierten, obwohl 400 Mann auf der Baustelle werkten. Dennoch war der Rohbau nach einem Jahr fertig. Die rasche Bauzeit erklärt sich durch die teilweise Verwendung des damals neuen Stahlbetons. Allerdings fand dieser nur bei den Zwischenwänden, Dachstuhl- und Deckenkonstruktionen Anwendung, die Außenmauern wurden aus Ziegeln hergestellt.

Das Bauwerk umfasst drei Kellergeschoße (für Haustechnik und Safes), wie von der Bauordnung vorgeschrieben, vier "sichtbare" Stockwerke und zwei weitere im Mansardendach. Großen Wert legten die Architekten auf optimale Lichtverhältnisse und Flexibilität der Räume. Der Zutritt erfolgte ursprünglich von allen vier Seiten. Das Direktionsportal am Schottenring, von dem eine repräsentative Treppe in die Vorstandsetage führte, wurde 1923 abgebrochen, um der neu eingeführten "Stiegensteuer" zu entgehen. Das Bankgebäude war mit der modernsten Technik ausgestattet, dazu zählten eine elektrische Notbeleuchtung, Heizungs- und Belüftungsanlage, Aufzüge, Rohrpost und ein internes Telefonsystem.

Der Kassensaal, die Visitenkarte des Hauses, erfuhr vor 100 Jahren in der "Neue Freien Presse" großes Lob: "Dieser Kassensaal gehört zu den größten seiner Art in ganz Europa und ist jedenfalls der geräumigste und größte, den ein Wiener Institut besitzt". (Damals war Otto Wagners Postsparkasse schon fertig, doch Wagner nicht unter den neun auserwählten Architekten des Bankverein-Wettbewerbs.) Noch gibt der Kassensaal einen Eindruck seiner ursprünglichen Wirkung, mit Glasdächern, Atlantenfiguren und teilweiser Originalmöblierung. Ähnlich anspruchsvoll war die Ausstattung der Direktionsetage. Mit 4,70 m hohen Räumen, edlen Möbeln, Eichen- und Marmorvertäfelungen entsprach es perfekt dem Repräsentationsanspruch des Unternehmens. Dieser steigert sich noch im zweigeschossigen Oktogon, das fast sakral anmutet und Ort der Generalversammlungen war.

"Die Bankenarchitektur des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts prägten Pathos und Repräsentation," schreibt Ulrike Zimmerl. "Als teuerste und langlebigste Investition sollte die Unternehmenszentrale identitätsstiftend wirken und integrative Inhalte in sich vereinen." Um Solidität, Vertrauen, Sicherheit und Kompetenz zu vermitteln, griffen die Baukünstler zu Elementen wie Säulen und Symbolen (Helm und Stab des Hermes, Füllhorn, Bienenkorb, Flügelrad…). Massives Mauerwerk sollte die Schutzfunktion unterstreichen, Schwellenangst war erwünscht. Trotz des augenfälligen Repräsentations- und Machtanspruchs dachten die Bauherren wirtschaftlich. Nur die Hauptfassade ist mit Naturstein verblendet, die anderen Fronten sind in Putz ausgeführt, der diesem täuschend ähnlich sieht. Das Mansardendach ist nur straßenseitig mit Kupfer verblecht, bei den Innenhöfen musste einfacheres Material genügen. Für Ernst von Gotthilf und Alexander Neumann war das in nur zwei Jahren gelungene Werk der Durchbruch ihrer Karriere. Sie schufen noch neun weitere Bankgebäude - bis Lemberg und Konstantinopel. In Wien errichteten sie 1913-1915 Am Hof 2, die Zentrale der Niederösterreichischen Escompte-Gesellschaft (später Länderbank). Auch dieses denkmalgeschützte Objekt wurde von der Bank Austria (2008) verkauft und wird in ein Luxushotel umgewandelt.

Welches Schicksal der Bank am Schottenring beschieden sein wird, ist noch nicht zu erfahren. Das kompetente Werk mit seinem reichhaltigen Farbbildteil wird zumindest die Erinnerung an den einst hoch gelobten Bau wachhalten.