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Hans W. Bousska, Ernst Weber: Klingendes Wien#

Bild 'Musik'

Hans W. Bousska, Ernst Weber: Klingendes Wien. Von Schrammeln und Salonorchestern. Sutton Verlag Erfurt 2015. 128 S., 160 Abb., € 19,99

Der "Tag der Wiener Bezirksmuseen" hat sich etabliert. 2015 präsentieren sich die kleinen Museen der großen Stadt bereits zum neunten Mal. Die Institution der früher "Wiener Heimatmuseen" genannten Sammlungen ist bemerkenswert. Von kompetenten Idealisten betreut, sind sie Fundstätten für Schatzsucher der Regionalkultur. Wer tiefer in die Geschichte eines der 23 Wiener Bezirke eintauchen, oder sich in einem der "Sondermuseen" über ein Spezialgebiet informieren will, wird nie leer ausgehen. Außerdem ist der Eintritt frei. Als Dachorganisation fungiert die ARGE der Wiener Bezirksmuseen, die den Museumstag, mit wechselnden Themen, organisiert. Heuer geht es um die Musik.

Zu den vielfältigen Aktivitäten zählt alljährlich ein Begleitbuch, in bewährter Weise vom Meidlinger Museumsleiter Hans W. Bousska zusammengestellt. Diesmal hat er sich noch eines Spezialisten als Co-Autor versichert. Der Volksmusikforscher Ernst Weber verfasste den Einleitungstext und unterstützte bei der Zusammenstellung. Das Bildmaterial stammt, wie gewohnt, hauptsächlich aus den Bezirks- und Sondermuseen.

"Die Wiener sind leidenschaftliche Freunde der Musik", beginnt Ernst Weber seinen Text, mit einem Zitat aus dem Jahr 1833. Weiter heißt es dort: "Die Wiener Melodien zu loben oder zu empfehlen, ist ganz überflüssig, denn sie loben und empfehlen sich selbst am besten…" Nicht nur die Meister der Hochkultur, wie Mozart, Beethoven oder Schubert, die am Beginn gewürdigt werden, haben sie geschrieben. Der Reverenz an die ganz Großen folgt gleich ein Blick auf die "kleinen Leute". Straßenmusikanten zählten zu den ärmsten Schichten. Die Lizenz als Werkelmann war Kriegsinvaliden vorbehalten, 1838 waren es 800, ein Jahrhundert später 40. Nicht alle, die auf der Straße musizierten, hatten eine Lizenz. So erzählte man im alten Wien, dass Durchhäuser beliebte Spielorte waren, die sie bei nahender Polizeikontrolle leicht verlassen konnten. Auch Häuser, in denen sich ruhebedürftige Patienten befanden, wurden gerne aufgesucht - in der Hoffnung, für das Ende des Aufenthalts reichlich bezahlt zu werden.

Andererseits besuchten die Wiener begeistert Heurigen- und Vergnügungslokale, in denen Schrammelgruppen auftraten. Die Brüder Johann und Josef Schrammel hatten eine Ausbildung am Konservatorium genossen, ehe sie 1875 ein Ensemble gründeten und ein Jahrzehnt später unter ihrem Namen auftraten, der zum Inbegriff der Wiener Musik werden sollte. Ein Foto zeigt das Schrammel-Terzett im Kreis von Wäscherinnen. Der Herr mit Zylinder ist der Wirt und Wienerlieder-Dichter Engelbert Herzog. Doch nicht er (wie es im Bildtext heißt) wurde "Pascher-Pepi" genannt, sondern die für ihr rhythmisches Klatschen (Paschen) berühmte Josepha Erhart, die Wäschermädchenbälle organisierte. Auf dem Foto steht sie hinter Johann Schrammel und dem Kontragitarristen Anton Strohmayer.

Die Bilder erinnern an viele, heute vergessene Interpreten. Im 19. Jahrhundert waren Volkssänger und Volkssängerinnen - wie die "Fiakermilli" Emilie Turecek - überaus populär. Sie kamen aus anderen Berufen - wie Josef Bratfisch, Erzherzog Rudolfs Leibfiaker. Die meisten traten in Wirtshäusern auf. Als Reformator des Volkssängertums, der sich für die "Hebung des Volksgeschmacks" einsetzte und das Absammeln durch Eintrittsgeld ersetzte, gilt Johann Baptist Moser (1799-1863).

Unterlagen schon die Volkssängergesellschaften behördlichen Auflagen, so galt dies auch für die (Männer-)gesangsvereine, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreich entstanden. Einen Höhepunkt erlebte die Bewegung 1928, als sich 180.000 Teilnehmer aus 9.000 Vereinen zum 10. Deutschen Sängerbundesfest im Prater versammelten. Dafür baute man eine eigene Holzhalle für 60.000 Personen. Anlass für das internationale Ereignis war die 100. Wiederkehr des Todestages von Franz Schubert. Konzerte fanden u. a. im Musikverein, in Kirchen und in der Hofburg statt, Mengen von Schaulustigen säumten deen Weg des Festzugs, bei dem man eine riesige Schubertbüste aus Papiermaschee mitführte.

Immer wieder fanden sich Musikbegeisterte zusammen, die mehr oder weniger professionelle Chöre und Orchester bildeten. Die Zeitspanne der in diesem Kapitel gezeigten Fotos reicht von der 1905 gegründeten Kinderkapelle "Knabenhort " bis zu einem Musikschulensemble, das beim Museumstag 2014 auftrat. Mit der Technik von Radio und Plattenspieler schließt das überaus interessante Bilderbuch.