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Karl Brunner: Was ist Schönheit ?#

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Karl Brunner: Was ist Schönheit ? Anmerkungen über Ästhetik und Augenblick. Edition Konturen Wien - Hamburg 2015. 120 S. ill., € 24,-

Verlage haben es heutzutage nicht leicht. Es erfordert schon viel Mut, eine neue Edition zu gründen. Georg Hauptfeld beweist Mut zum Risiko und nennt sein Unternehmen "Edition Konturen". Der Name ist Programm: "Die Edition Konturen möchte die Wissenschaft unterstützen, sich in der Gesellschaft besser zu positionieren … Wir wollen Inhalten, die uns wichtig sind, auch über das wissenschaftlich Belegbare hinaus Konturen verleihen." , liest man auf der Homepage. Fragen, die alle betreffen, aber abseits des Tagesjournalismus stehen, finden hier mögliche Antworten.

Karl Brunner, em. Professor für Mittelalterliche Geschichte, fragt: "Was ist Schönheit ?" Fragen wie diese sind nicht einmal vom Experten eindeutig zu beantworten, zu zeit- und kulturbedingt wären die Ergebnisse. Der Autor löst die schwierige Aufgabe, indem er persönliche "Blitzlichter" als Einstieg wählt. Es folgen Historische Skizzen - Schönheit im Alltag - Schönheit als Kommunikation - Schluss. Anmerkungen, Literatur- und Bildnachweise - Das Buch enthät mehr als 20 farbige und schwarz-weiß-Reprodukionen von Kunstwerken - ergänzen den anregenden Text.

Der langjährige Direktor des Instituts für österreichische Geschichtsforschung beginnt mit einer Erinnerung: "Als ich ein Kind war, war ich fest davon überzeugt, dass es grundsätzlich zwei Sorten von Äpfeln gäbe, die einen, die ich mit meinem Großvater im Herbst von den Bäumen holen und unter den Bäumen aufklauben durfte, und die anderen, die man in den Geschäften kaufen konnte." Großvaters Äpfel schmeckten gut, die gekauften waren makellos schön. Herangewachsen, ließ sich das Gleichnis auf zwei "Sorten" von Mädchen übertragen: die einen aus dem Alltag, die anderen auf Kunstwerken. Ähnlich verhielt es sich mit den Landschaften. Da gab es die gewohnte Umgebung und die als "schön" gezeigten, mit Urlaub verbundenen. Womit aber nicht gesagt sein sollte, dass das Alltäglich nicht auch "schön" war.

Die "Historischen Skizzen" beschreiben zunächst die Grundlagen in der Antike und im christlichen Mittelalter. Der Begriff der Ästhetik stammt aus dem Griechischen, "wo damit zunächst die Kunde von der Sinneswahrnehmung gemeint war". In der griechischen Adels- und Bürgergesellschaft bestand das Ideal in körperlicher und geistiger Vortrefflicheit. "Schön" war die Symmetrie, der Zusammenklang der Maße. Gleiches galt für gotische Kathedralen. Bei Einteilungen in Stilepochen, wie Renaissance, Barock, Historismus oder Moderne mahnt der Autor zur Vorsicht: "Bei den 'Stilen' kann man allenfalls von Phasen mehr oder weniger dichter kultureller Kommunikation sprechen, sie schließen einander in der Lebenswirklichkeit nicht unbedingt aus."

Ebenso lenkt er im Abschnitt "Schönheit im Alltag" die Betrachtungsweise auf etwas Selbstverständliches, das allzu oft übersehen wird: "Kunst und Schönheit haben immer auch mit Macht zu tun … schön ist, was Mächtigen gefällt und womit sie gefallen wollen." Die Beispiele sind vielfältig: Goethes "Heidenröslein" mit seinem "unangenehmen Hintersinn", Repräsentation mittels Kleidung oder Autos … Die Sehnsucht nach schönen (meist weiblichen) Menschen zieht sich durch Jahrtausende von Literatur und Malerei. Sogar Darstellungen von Heiligen - exemplarisch Magdalena und Sebastian - erregten die Phantasie der Künstler und des Publikums. Ausgehend vom Soziologen Max Weber formuliert Karl Brunner, dass der Idealtyp Schönheit nicht existiert, aber versucht wird, ihn als Utopie künstlich herzustellen. Die Wandelbarkeit zeigt sich am Beispiel der Ansichtskartenmotive: Sie stellten dar, was ihre Produzenten als schön empfinden, je nach Zeitgeschmack technische Errungenschaften oder die Natur.

"Schönheit und Kunst" bietet oft "irritierende Eindrücke". In dieses Kapitel fallen "schöne Sprache" sowie "Kunst und Kitsch". Der Historiker stellt fest: "Es gibt viel Schönes in der Kunst, aber keine Kunst, die nur Schönheit zeigen wollte." Im Kapitel "Schönheit als Kommunikation" bekräftigt der Autor: " 'Die' Schönheit gibt es nicht …" . Die Kommunikation mit der Vollkommenheit führt zur "Schönheit der Mathematik", zur "Altersschönheit" und damit zum Titelbild. Es zeigt, anders als man bei diesem Thema vielleicht erwarten würde, das Porträt einer alten Frau, der Mutter Albrecht Dürers. Barbara Dürer war damals 63 Jahre alt, blind und todgeweiht, sie starb wenig später. Und doch ist ihr Bildnis "schön - wie die Gesichter anderer sehr alter Menschen. Ein ganzes Leben hat sich in ihr Antlitz eingeschrieben."

Gegen Ende behandelt das Buch "Philosophia perennis oder die 'wahre' Schönheit". Schließlich gibt der Autor fünf Empfehlungen für eine ästhetische Erziehung. Dann meint er mit Paul Klee: "Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar. … Schönheit wird nicht gemacht, sondern sichtbar gemacht."