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Hanne Egghardt: Maria Theresias Männer#

Bild 'Egghardr'

Hanne Egghardt: Maria Theresias Männer. Ihre Lieben, ihre Ratgeber und die Stützen ihres Throns. Verlag Kremayr & Scheriau Wien 2015. 224 S., ill. € 24,-

Auf ihrem Denkmal an der Wiener Ringstraße ist die thronende Kaiserin von vier Reiterstandbildern umgeben, die ihre Feldherren Gideon von Laudon, Leopold Graf Daun, Ludwig Graf Khevenhüller und Otto Graf Traun darstellen. Weitere Skulpturen zeigen Repräsentanten der Außenpolitik, des Militärs, der Wissenschaft und Kunst. Einigen der Dargestellten hat nun Hanne Egghardt ein literarisches Denkmal gesetzt. Ihr Buch hat neun Kapitel, deren Untertitel die Persönlichkeiten charakterisieren. Die ersten beiden sind Familienangehörige: Franz Stephan von Lothringen, "Mitregent, Kaiser und geliebter Gatte", sowie Joseph II., "lang ersehnter Sohn, Kaiser, König und radikaler Reformer".

Bei der ersten Begegnung mit Franz Stephan von Lothringen (1708-1765), ihrem vielseitig interessierten, lebenslustigen Ehemann, war Maria Theresia erst sechs Jahre alt. Als die Familie zur Krönung ihres Vaters, Kaiser Karl VI., zum König von Böhmen nach Prag reiste, kündigte er seinen kleinen Töchtern einen "Spielgefährten" an. Dieser, Erbprinz von Lothringen, war für die Ehe mit einer Habsburgerin vorgesehen. Karl VI. ließ den Fünfzehnjährigen am Wiener Hof wie seinen Sohn erziehen. Nach fünf Jahren unterbrach der Tod des Vaters von Franz Stephan seinen Aufenthalt. 1736 fand die Hochzeit statt. Die arrangierte Ehe soll eine echte Liebesheirat gewesen sein. Maria Theresia, die 1740 die Regierung übernahm, machte Franz Stephan zu ihrem Mitregenten, doch blieb ihm genug Zeit, sich den Wissenschaften und "galanten Abenteuern" zu widmen. Mit seinem Tod verlor die erst 48-jährige Witwe ihre Lebensfreude. "Sie war fortan eine gebrochene Frau, die nur noch schwarz trug."

Joseph II. (1741-1790) nennt die Autorin "Maria Theresias rebellischen Sohn, mit dem sie zahlreiche Sträuße ausfocht". Er sei ein außergewöhnlich hübsches, aber verwöhntes Kind - und mit Mitte 20, nach dem Tod seines Vaters - "ein ungestümer Revoluzzer" gewesen. Die "Übermutter", die als Witwe die Macht behalten wollte, machte ihren Sohn nicht zum Nachfolger, sondern nur zum Mitregenten. Doch anders als Franz Stephan, der sich in Regierungsgeschäfte und politische Entscheidungen nicht eingemischt hatte, wollte Joseph II. Veränderungen bewirken. "Damit waren nahezu unüberwindliche Konflikte, Reibereien und Misshelligkeiten vorprogrammiert", schreibt Hanne Egghardt. Erst nach 1780 konnte er als Alleinherrscher seine sozialen und religiösen Reformen durchsetzen. Das Toleranzpatent sicherte Rechte für Nichtkatholiken, die Friedhöfe bekamen neue Plätze in den Vororten."Abergläubische Bräuche" wurden verboten, eine neue Pfarrstruktur aufgebaut, doch von 2163 Klöstern 738 aufgehoben. Joseph II. lockerte die Zensur, hob die Leibeigenschaft auf, besteuerte adeligen Besitz, ließ Schulen, Armen-, Waisen- und Krankenhäuser bauen. Als hätte er seine kurze Lebens- und Regierungszeit geahnt, führte der aufgeklärte Monarch sein großes Reformwerk hastig aus. Viele Zeitgenossen erschien es überhastet, sie konnten nicht folgen.

Die nächsten fünf Kapitel sind den Beratern der Kaiserin gewidmet. Der elegante Portugiese Emanuel Silva-Tarouca (1696-1771) fungierte als Privatsekretär und Mentor. Er gilt als ältester und bester Freund Maria Theresias, nachdem sie die Verpflichtung übernommen hatte, ein riesiges, bedrohtes und nahezu bankrottes Reich zu regieren. Graf Tarouca, der schon zu den Vertrauten des Kaiserhauses gezählt hatte, bewunderte die mutige Regentin. Sie erwiderte die Wertschätzung und bestimmte ihn zu ihrem "Wahrheitssager". So konnte er ihre Spiel- und Vergnügungssucht rügen und sie zu einem geordneten Tagesablauf bringen, was auch zuvor keine Selbstverständlichkeit gewesen war. Außerdem übte er das Amt des Hofbaudirektors in Schönbrunn aus.

Joseph von Sonnenfels (1732-1817), "Publizist, Aufklärer, Jurist und Staatsmann" war einer der wichtigsten Berater Maria Theresias". Dem Pionier des Fortschritts gelang es, die Kaiserin u. a. von der allgemeinen Schulpflicht, der Abschaffung der Folter und der Notwendigkeit der Straßenbeleuchtung zu überzeugen. Er sagte den derben Stegreifspielen den Kampf an, betrieb die Gründung des Burgtheaters und setzte sich für die hochdeutsche Schriftsprache ein. Sonnenfels leitete das Universitätswesen, spielte bei Rechts- und Verwaltungsreformen eine wesentliche Rolle und bekleidete zahlreiche Ämter.

Der Leibarzt Gerard van Swieten (1700-1772) begründete die Erste Wiener medizinische Schule und brach das Bildungs- und Zensurmonopol der Jesuiten. Außerdem wirkte er als Präfekt der Hofbibliothek und widerlegte wissenschaftlich den blühenden Glauben an Vampire.

Dem Abschnitt über Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg (1711-1794) gab die Autorin den Untertitel "Staatskanzler, Aufklärer, eitler Hypochonder, Intrigant und wichtigster Berater Maria Theresias". Dies sollte nicht abwertend verstanden werden, denn Kaunitz blieb 41 Jahre im Amt, nicht nur bei der Kaiserin und ihrem Sohn, sondern auch unter Leopold II. und Franz II. "Er hatte so viele Kompetenzen wie kein Minister vor ihm. Und er wurde zum Hauptinitiator der geistigen und politischen Erneuerung Österreichs."

Ein anderer wichtiger Berater war Friedrich Wilhelm von Haugwitz (1702-1765), "Sanierer der Staatsfinanzen, höchster Verwaltungsbeamter, Kanzler, Reformer". Er betrieb die Finanzierung des Heereswesens und machte sich den Adel zum Feind. " Nicht nur, dass die Stände dort (in Kärnten) regelrecht Misswirtschaft getrieben, sich durch 'unerlaubte largitiones und donationes', also Spenden und Geschenke, bereichert und immense Schulden angehäuft hatten, es war ihnen darüber hinaus gelungen, den Landeshauptmann und die höchste Beamtenschaft durch 'Schmieralia' ruhig zu stellen." Haugwitz gelang es, Ordnung zu schaffen, die Adeligen kämpften mit allen Mitteln gegen die Reform, doch die Kaiserin gab ihrem Minister Rückendeckung.

Schließlich würdigt das Buch zwei Feldherren. Leopold Graf Daun (1705-1766) war "Feldmarschall, Begründer der Theresianischen Militärakademie, Maria Theresias General im Kampf gegen Friedrich II." Dauns Kriegskunst gelang es, im Siebenjährigen Krieg den Preußen bei Kolin die erste Niederlage nach acht siegreichen Schlachten zuzufügen. Damit war Böhmen frei und die Herrscherin feierte ihren Feldherrn als Retter der Monarchie und neuen Prinz Eugen. Einige Jahre später erlitt Daun Niederlagen, die man seinem Zögern zuschrieb, es hieß auch, er habe seinen Konkurrenten Laudon nicht unterstützt.

Gideon von Laudon (1717-1790) schließt den Reigen der "schillernden, brillanten Persönlichkeiten, mit denen Maria Theresia sich umgab." Der Name des Feldmarschalls - "umjubelter Volksheld und schwermütiger Grübler" - lebt in einem Fluch- und Schreckensruf fort: "Fix Laudon!" ärgerte sich Maria Theresia über die infamen Übergriffe des Preußenkönigs Friedrich II. Als junger Soldat stand Laudon im Dienst Russlands, war dann Hauptmann im berüchtigten Panduren-Korps des Franz von der Trenck. Im Siebenjährigen Krieg siegte er bei Kunersdorf, Landshut und Glatz. "Der Siebenjährige Krieg, der eine halbe Million Menschen das Leben gekostet hatte, ging 1763 aufgrund der allgemeinen Erschöpfung zu Ende, ohne dass es einen klaren Sieger gegeben hätte", schreibt Egghardt.

Kein Kapitel in diesem lesenswerten Buch, in dem nicht von Neid und Intrigen die Rede wäre. Jeder der mächtigen Männer wurde angefeindet, oft aus persönlichen Konkurrenzgründen und Parteiungen. So lässt sich verstehen, dass noch mehr als ein Jahrhundert danach die zweite Kaiserin-Ikone Österreichs, Elisabeth, das Leben am Wiener Hof unerträglich fand.