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René Freund: Lesereise Salzkammergut#

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René Freund: Lesereise Salzkammergut. Skizzen aus der Mitte. Picus Verlag Wien 2015. 132 S., € 14,90

Der Wiener Schriftsteller René Freund lebt im Salzkammergut. Ortskundig und hintergründig weiht er die Leserschaft in die Geheimnisse der "Mitte Österreichs" ein. Die Lesereise beginnt wortwörtlich: "Salz" steht für das Lebenselixier, das hier schon vor Jahrtausenden abgebaut wurde. Der Name "Kammer" für das Gebiet an der Traun hat damit zu tun. Seit dem Mittelalter verwaltete ein Salzamtmann im Gmundener Kammerhof die Gegend. Als kaiserlicher Beamter hatte er viele Kompetenzen, bis hin zur Gerichtsbarkeit. "Gut" geht es - nicht nur - dem so genannten Brauchtum, denn es "muss hier nicht gepflegt werden."

"Hal", das keltische Wort für Salz, findet sich in etlichen Ortsnamen, wie Hallstatt. Der "Schattenwelt" zwischen See und Berg, wo die Sonne wenig scheint, ist das erste Kapitel gewidmet. Der Autor schreibt über das Bergwerk, die ältesten Pipeline der Welt - die vor vier Jahrhunderten errichtete, 42 km lange Soleleitung nach Ebensee, den Dachstein und den See: "Den Hallstätter See liebe ich besonders. Ich weiß nicht warum …"

Weiter führt die Reise nach Gosau, "das Zaubertal" und in das Ausseerland. Das steirische Salzkammergut gilt als geographischer Mittelpunkt Österreichs und als "Domäne der Literaten: Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke, Arthur Schnitzler, Hermann Bahr, Hermann Broch, Friedrich Torberg, Gina Kaus, Felix Braun lebten, urlaubten, arbeiteten hier." Auch der mythenumwobene Toplitzsee liegt im Ausseerland. Zumindest das "Monster von Loch Toplitz" entpuppte sich als "Ente".

Bad Goisern charakterisiert Freund durch "stinkendes Wasser", die heilkräftige Jod-Schwefel-Quelle. Wie in jedem Kapitel stellt er interessante Bewohner vor. Hier sind es u. a. Hubert von Goisern und Sebastian Leitner, der Inhaber jener Werkstätte, die seit 1875 die nach der Marktgemeinde benannten Schuhe herstellt. Der Meister fertigt sie nach Maß für Promis und Politiker und ist, wie seine Vorgänger, Hoflieferant mehrerer Herrscherhäuser.

Kaiser Franz Joseph verhalf der Sommerfrische und "Operettenhauptstadt" Bad Ischl zu Berühmtheit. Dass sich dort auch Widerstandskämpfe abspielten, wird ebenso wenig verschwiegen wie das KZ in Ebensee. Während sich in besseren Tagen die gute Gesellschaft in Bad Ischl ihre Zeit bei der Kur und in der Konditorei vertrieb, pflegten die Ebenseer rustikale Traditionen. Zu diesen zählt das Krippenbauen ebenso wie die - inzwischen als UNESCO-Kulturerbe gelisteten - Bräuche des Fetzenfaschings und der nicht unumstrittene Vogelfang.

Der Wolfgangsee, samt Wallfahrtskirche, Postalm und Schafberg lädt zu Ausflügen ein. Auch in St. Wolfgang nimmt der Autor den Roten Faden der Prominenz und literarischer Zitate auf. Der "Geistesaristokrat" Alexander Lernert-Holenia kritisierte: "Es ist nichts los in diesem Ort", seine Nachbarin und Schriftstellerkollegin Hilde Spiel beobachtete, wie ihr Zweitwohnsitz "in einem Taumel irregeleiteter architektonischer Putzsucht zugunsten des Fremdenverkehrs verfiel."

"Unterwegs" kommt man in Traunkirchen vorbei und lernt die vier Verbindungswege zwischen Traunsee und Attersee kennen: "Viertens: Die Straße von Altmünster über das Aurachtal und den Taferlklaussee bis nach Steinbach am Attersee. Prädikat wertvoll." Am Attersee findet sich viel Bemerkenswertes, in Seewalchen "Gexi Tostmanns Trachtenmanufaktur, einer von Österreichs renommiertesten Betrieben auf diesem Gebiet", in Unterach der "Attersee-Winzer", in Nussdorf das Bild einer Madonna, deren Modell die Sozialdemokratin Emma Adler war, in Steinbach das Komponierhäuschen Gustav Mahlers. Gustav Klimt schuf berühmte Bilder des Attersees und der Segel-Staatsmeister Christian Ludwig erwählte den Namen des Gewässers zu seinem Pseudonym als Maler. Den Dichter und Fischer Hans Eichhorn kann man im Ort Attersee treffen.

In Gmunden endet die abwechslungsreiche und informative Lesereise. Keramik, Straßenbahn und Erzherzog Johann Salvator, der nach seinem Schloss am Traunsee den bürgerlichen Namen Johann Orth annahm, sind hier einige der Stichworte. "Nachher" meint der Autor des Buches, das so faszinierend ist wie die Gegend, die es beschreibt: " In der Geometrie ist die Mitte ein idealer Punkt, einer, dem man sich nur annähern kann. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Salzkammergut, der kleinen Welt in der Mitte Österreichs."