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Inge Friedl: Was sich bewährt hat#

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Inge Friedl: Was sich bewährt hat. Begegnung mit alter Lebensweisheit. Verlag Styria, Wien- Graz- Klagenfurt 2015. 176S., € 19,90

"Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen …" , schrieb Matthias Claudius vor 250 Jahren. Die Historikerin und Museumspädagogin Inge Friedl ist viel gereist und kann viel erzählen. Landauf, landab recherchierte sie bei hunderten älteren Menschen "Wie's gewesn is" und präsentierte die Ergebnisse in hübschen Lese-Bilder-Büchern. Historische Fotos, ausführliche Interviews, informative Zusammenfassungen, Lieder und Küchengeheimnisse waren bisher ihr Erfolgsrezept für Bücher wie wie "Almleben", "So war's der Brauch"oder "Wie's früher war.

Diesmal hat sich die Autorin für ein anderes Format entschieden. Der schlichte Textband, der zur "Begegnung mit alter Lebensweisheit" einlädt, ist der Sukkus zahlreicher Gespräche vom alten Leben. "Es geht in diesem Buch nicht um Ratschläge, sondern um den Erfahrungsschatz unserer Vorfahren" , schreibt Inge Friedl im Vorwort und räumt gerne ein, die Rosinen herauszupicken und sich an jene Dinge zu erinnern, "die absolut erstrebenswert sind." Noch vor ein, zwei Generationen war das Leben in den ländlichen Regionen Österreichs ein völlig anderes. Wenn sie ihre Gesprächspartner fragte, was sie von der "alten Zeit" am meisten vermissten, nannten diese am häufigsten "Zufriedenheit und Gemeinschaft." Zu ihren Vergleichen zieht die Autorin internationale Forschungen und aktuelle Medienberichte heran. Man muss ihr recht geben: Der Blick in die - für die meisten unbekannte - Welt von einst lohnt sich. Trotzdem bleibt ein großes Fragezeichen: "Würde uns ein neuer Lebensstil mit altem Wissen helfen, dem Hamsterrad von Überforderung und Zeitdruck zu entkommen?" Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen. Die Lebenswelt ist kompliziert geworden, das Gegenteil des überschaubaren, geordneten bäuerlichen Kosmos. Es wäre schon hilfreich, sich einiges bewusst zu machen und ansatzweise zu probieren.

Der "Gemeinschaft", einem der der beiden meistgenannten Begriffe, welche die Interviewpartner vermissten, ist das erste Kapitel gewidmet. Es beginnt mit dem allerersten Handy (3. April 1973 in Manhattan), führt über das Fernsehen - in den 60er Jahren auf dem Land gemeinsam, oft gegen Eintrittsgeld, konsumiert - zur Kommunikation via soziale Netzwerke im Internet. Zwar ist wertfrei von "völlig verschiedenen Arten der Gesprächskultur" die Rede, aber schon schnappt die Nostalgiefalle zu. Niemand wird gezwungen, mittels Facebook zu kommunizieren, und: War das traditionelle Leute-Ausrichten in der "guten alten Zeit" wirklich so erstrebenswert? "Gemeinschaft" hieß soziale Kontrolle - wehe dem, oder derjenigen, die sie zu spüren bekamen. Nebenbei erwähnt die Autorin dies als "Kehrseite der Medaille", doch scheinen ihr die Vorteile der Nachbarschaftshilfe zu überwiegen, obwohl sie feststellen muss: "Gemeinschaft entsteht, wenn man aufeinander angewiesen ist".

Als zweites Manko empfanden die Gesprächspartner die fehlende Zufriedenheit. Man erinnert sich an Ferdinands Raimunds " Der Bauer als Millionär". Die zentrale Botschaft des Zaubermärchens lautet: "Reichtum bietet keine Zufriedenheit". Die personifizierte Zufriedenheit als Allegorie charakterisiert die biedermeierliche Weltsicht. Inge Friedl zitiert nicht Raimund, sondern Heinrich Bölls bekannte Kurzgeschichte vom Fischer und dem Touristen: Während der Einheimische, scheinbar müßig, mit seinem Tagewerk zufrieden ist, belehrt ihn der Fremde, dass er doch mehr arbeiten und seinen Betrieb vergrößern solle - bis er Zeit hätte, ruhig am Ufer zu sitzen … Menschen, die wie dieser Fischer entscheiden, wann sie genug haben, statt sich treiben zu lassen, nennt man heute Satisficer (von satisfied - zufrieden und suffice - genügen). Die Wissenschaft erfindet nicht nur neue Worte, sondern auch Tests und Ergebnisse. Eines davon: Je mehr Auswahl jemand im Supermarkt hat, umso unzufriedener ist er mit der getroffenen Entscheidung, sie könnte ja die falsche gewesen sein. Beim Dorfgreißler stellte sich das Problem nicht. Eine Bäuerin meinte, auch ohne Geld hätte sie alles gehabt, was sie brauchte. Eine andere betonte, Zufriedenheit sei immer eine Sache des Vergleichs. So lange alle Kinder barfuss gingen, war das normal, erst als einige Schuhe hatten, begann die Unzufriedenheit.

Breiten Raum nimmt der Umgang mit der Zeit ein. Kaum vorstellbar, dass sie im Landleben nur vom Sonnenstand, den Feiertagen und der Kirchturmuhr strukturiert wurde. "Eines nach dem anderen, das war der Grundsatz der alten Arbeitsweise … es kam nicht darauf an, die Arbeit so schnell wie möglich zu machen, sondern so gut wie möglich." Obwohl die Landwirte das Wort "Arbeitszeit" nicht kannten, war diese genau strukturiert. Das "Wochenende", ebenfalls nicht so genannt, begann mit Reinigungs-"Ritualen" am Samstag. Höhepunkt des Sonntags war der Gottesdienst. Rund um die Sonntagsmesse war Zeit für Kommunikation, Einkauf und "Modenschau". "Mit dem Sonntagskleid kam die Sonntagsstimmung. " Alles hatte seine Zeit. Dazu gehörte die "Kunst der Vorfreude". (Ebenso die Nachfreude, von der hier aber nicht die Rede ist) und das Warten können. Der Rhythmus von Festen und Fasten bestimmte das Bauernjahr.

Kinder wuchsen von klein auf in diesen Rhythmus hinein, sie standen nicht ständig unter der (elektronischen) Kontrolle ihrer "Helikoptereltern". In den USA entstand jüngst die Gegenbewegung der "Free range kids" - frei laufende Kinder - analog zu den Freilandhühnern im Gegensatz zu jenen im Käfig. "Die Kinder lernten von klein auf, Gefahren und Risiken richtig einzuschätzen und entwickelten so nach und nach ein Bewusstsein für mögliche Gefahren und deren Bewältigung." Im Idealfall wurden sie zu Tätigkeiten herangezogen, die ihrem Können entsprachen und lernten ständig etwas dazu, bis sie als 14-Jährige fast so viel konnten wie die Erwachsenen. Grüßen, Erzählen und Singen waren wesentliche Elemente des Alltags.

Einige Kapitel sind dem Essen gewidmet, wie dem Hauptnahrungsmittel, der sauren Suppe, die alle aus einer Schüssel löffelten. Der Kost war fast salzlos, weil man Salz, wie Zucker, kaufen musste. Vom hart gewordenen täglichen Brot, durfte nicht das kleinste Stück weggeworfen werden. Beim Schlachtvieh gab es keine "edlen" und unedlen Teilen. Von einem Schwein ging nichts verloren, weder die Innereien, noch die Borsten. Dies führt zu Betrachtungen über Kreislaufwirtschaft, Tauschhandel, Bescheidenheit und Müllvermeidung. Was braucht man denn schon wirklich? Das letzte Hemd hat keine Taschen. So endet dieses weise Buch mit Betrachtungen über Memento mori, "Das Sterben gehört zum Leben dazu" .