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Clemens M. Hutter: Augen auf!#

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Clemens M. Hutter: Augen auf! Wegweiser für Neugierige. 256 Seiten, ill., Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015, € 22,-

Der Autor, der als Ressortchef der "Salzburger Nachrichten" fungierte, hat bisher 45 Bücher über sein Bundesland geschrieben, zeithistorische, alpinistische, Bildbände, Wanderführer … Der studierte Politologe und Ethnologe ist ein ausgewiesener Experte. Als solcher hat er nie Mangel an spannenden Themen. Der jüngste Regionalführer empfiehlt: "Augen auf!". Weil man bekanntlich nur sieht, was man weiss, sollte man dieser Empfehlung, mit dem handlichen Buch unterwegs, unbedingt folgen. Die Fotos, die großteils vom Autor stammen, verlocken zusätzlich zu den Entdeckungsreisen in der Mozartstadt und im Salzburger Land. Klassische Sehenswürdigkeiten finden ebenso Erwähnung, wie die vielen interessanten Details, die nur sieht, wer sie kennengelernt hat.

Die Exkursion beginnt im barocken Salzburg, als Fürsterzbischof Wolf Dietrich von Raitenau beschloss, dass mittelalterliche Gassen, 55 Häuser, das Domkloster und die Domruine einer großzügigen Stadtplanung Platz machen mussten. Hunderttausende Besucher kommen alljährlich in den Dom, aber wenigen wird eine Ritzzeichnung im marmornen Portal aufgefallen sein. Sie stammt aus der Zeit des 30-jährigen Krieges und zeigt einen Soldaten samt Kanone mit der Jahreszahl 1638.

Weiter geht die Reise in die "Mönchsstadt", zum Stift St. Peter und zum Franziskanerkloster. In St. Peter, der "Urzelle Salzburgs", fand man erst vor wenigen Jahren einen römischen Mosaikfußboden aus dem 3. Jahrhundert. Das Kaiviertel, unter anderem mit einer Gedenktafel für Paracelsus, der nach der Stadtwaage benannte Waagplatz und die historische Einkaufsmeile Getreidegasse mit ihren Aushängeschildern sind die nächsten Stationen in der City.

Mülln, die Vorstadt auf dem Hügel, bildete den nördlichen Eckpfeiler der mittelalterlichen Stadt, manche Häuser der Hauptstraße erinnern noch an diese Zeit. Der Kapuzinerberg, auf dem seit mehr als 400 Jahren Angehörige des Bettelordens leben, wurde zum Landschaftsschutzgebiet. Hingegen ist der barocke Mirabellgarten als künstlerisch gestaltete Landschaft mit Steinskulpturen und Brunnen berühmt. Nach Exkursen über Hochwassermarken und Balkone an Stadthäusern entführt der kundige Autor sein Publikum zu Ausflugszielen: Auf die "Festung Mönchsberg", in die Wallfahrtskirche Maria Plain mit ihrem Kalvarienberg und zum Gaisberg, auf den 1887 erstmals in Österreich eine Zahnradbahn fuhr.

Über "befestigte Grenzen" geht es dann zu Sehenswertem im Bundesland. In den weiter entfernten Städten, Märkten und Dörfern gibt es vieles zu entdecken, etwa alte Hausformen, die in ihrer Schönheit und Funktionalität erläutert werden, oder den Schlackenputz. Der Flachgau verdankt dieses Charakteristikum der Eisenbahn. Als hier nach der Mitte des 19. Jahrhunderts die Bauern ihre Holzhäuser durch gemauerte ersetzten, arbeiteten oft Friulanische Maurer, die zuvor beim Bahnbau beschäftigt waren. Aus Schlackestücken, die beim Betrieb der Dampfloks anfielen, gestalteten sie phantasievolle Ornamente an den Fassaden. Offene Augen lohnen sich auch bei Erzeugnissen der Zimmermannskunst, wie sie Eckverbindungen der Blockbauten zeigen, den vielfältigen, landschaftsprägenden Formen der Holzzäune oder meisterlichen Produkten aus Schmiedeeisen.

Die "Doppelstadt" Laufen-Oberndorf hat das Weihnachtslied "Stille Nacht" weltberühmt gemacht. Doch nicht zu vergessen, und hier durch eine Promenade geehrt, ist der Oberndorfer Philosoph Leopold Kohr (1909-1994) mit seiner Lehre "vom rechten Maß - small is beautiful". Oberndorf ist eine der drei Städte im Flachgau, dem die Rundtouren "Zwischen Salzach und Lamprechtshausen" und "Durch die Täler der Voralpen" gewidmet sind. In dieser Region ist der Untersberger Marmor ein vielseitiges, historisches Thema. Dem Besuch des Tennengaues, des Halleiner Bezirks, folgt über die Grenze des Pass Lueg die Sightseeingtour durch den Pongau, zu Zielen wie Altenmarkt oder Radstadt. Viel Wissenswertes gibt es über die vier goldenen Tauerntäler zu erzählen, die um 1550 ein Zehntel der damals bekannten Welt-Goldproduktion lieferten: Gasteiner, Rauriser, Fuscher und Kapruner Tal.

Die "Kleinigkeiten", die Clemens M. Hutter vorstellt, sind keineswegs unbedeutend. Viele Dinge, auf die er aufmerksam macht, "wurzeln vorwiegend im religiösen Verhalten der Menschen, in der bäuerlichen Lebensweise, in den handwerklichen Produktionsformen und im Handel." So beschäftigen sich die letzten Kapitel unter anderem mit Poststationen an den Pässen, dem "Pinzgauer Dom" Maria Kirchenthal, Bauernhöfen, Samsonfiguren und Wetterkreuzen im Lungau. Zu guter Letzt lernt man noch die "Kennzeichen der 'Volksheiligen' " kennen. Offene Augen, meint der Autor zu Recht, helfen zu verstehen, "was wem warum und wann wichtig war oder heute ist. " Informativ und detailreich lenkt er den Blick auf große und kleine Kulturgüter in allen fünf Gauen des Bundeslandes. So wird sein Führer, der sich aus der Flut der Salzburgbücher abhebt, zum idealen Reisebegleiter für Individualisten, die das Besondere suchen.