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Rudolf Muhr: Die Herzenswörter der Österreicher#

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Rudolf Muhr: Die Herzenswörter der Österreicher. Amalthea Signum Verlag Wien 2015. 256 S., € 19.95

Herausgeber von Dialektwörterbüchern erfreuen sich oft an Schimpfwörtern und Kraftausdrücken. Rudolf Muhr geht den entgegen gesetzten Weg. Er hat die "Herzenswörter der Österreicher" aufgelistet und humoristisch kommentiert. "Herzenswörter sind Wörter, die vom Herzen kommen und zum Herzen gehen. Sie gehören zu jenen Schätzen, die wir – wie gute Erinnerungen aus der Kindheit – tief im Innern hüten: Sie sind etwas durch und durch Persönliches, über das man nur selten spricht, und wenn, dann nur mit Menschen, denen man vertraut.", schreibt der Autor. Rudolf Muhr ist Gründer und Leiter des Forschungszentrums Österreichisches Deutsch und unterrichtet u. a. an der Universität Graz. Bekanntlich zählt Deutsch zu den plurizentrischen Sprachen, d.h. es gibt mehrere Standardvarietäten der Schriftsprache, deren Entwicklung von mehreren sprachlichen Zentren beeinflusst wurde. Daher ist das Österreichische Deutsch ebenso standardsprachlich wie die in Deutschland verwendeten Varianten. Es wird nur fälschlicherweise als regionale Abweichung oder Dialekt aufgefasst.

Vergleicht man Wienerisch und Vorarlbergerisch, erscheint das Österreichische Deutsch als Konstrukt, so unterschiedlich und unverständlich sind manche Ausdrücke im Osten und im Westen des Landes. Rudolf Muhr ist das Österreichische Deutsch ein Herzensanliegen. Deshalb bringt sein Buch einen Querschnitt durch alle Sprachlandschaften. Er gliedert es in zwei Teile. Der erste beschäftigt sich mit Kosenamen, der zweite mit der Alltagssprache. Mehr als 350 ÖsterreicherInnen haben an einer Onlinebefragung über Kosewörter teilgenommen - der ersten überhaupt, die sich mit dem Thema beschäftigte. Es ist, so hat der Autor herausgefunden, "von enormer Bedeutung in privaten Beziehungen". 1270 Namen für Liebes- und Ehepaare, Freunde, Kinder und Haustiere wurden genannt. Wenig überraschend führt "Schatz" (mit Variationen) die Hitliste an. Die weiteren Plätze gehen an die Tierwelt: Mausi, Hasi, Bärli, Spatzi, Katzi. "Hier regiert das Prinzip der Verkleinerung", fasst der Forscher zusammen, er stellt auch fest, dass bei Kosenamen Originalität nicht unbedingt wichtig und alles möglich ist, "sei es noch so kindisch und für andere vielleicht sogar lächerlich".

Der weitaus umfangreichere zweite Teil, das A bis Z der Herzenswörter, präsentiert einen Querschnitt der von Ost- bis Westösterreich beliebtesten Ausdrücke und Redewendungen. Die mehr als 1200 Wörter sind eine Auswahl aus jenen, die 2014 bei der Aktion einer österreichischen Zeitschrift gesammelt wurden. Das Besondere daran ist nicht nur die regionale Streuung, sondern auch die "Patenschaften". Wörter die nicht verloren gehen sollten, wurden von PatInnen eingesandt, die sich für deren Verwendung einsetzen. Diese Personen sind bei den Einträgen ebenso genannt wie die Region, Redewendungen, in denen das Wort vorkommt, Bedeutung, Etymologie und Varianten. Erst in jüngster Zeit entstandene Wortbildungen, wie das als erstes genannte "16er Blech" (Dose Ottakringer Bier) finden sich neben den - alphabetisch letzten - Alt-Wiener Ausdrücken "Zwidawurzn" (grantiger Mensch), "Zwirnblader" (magerer Mensch) und "Zwutschgerl" (kleines Kind). Aus Niederösterreich kommt der "Antlasspfingda", ein alter Ausdruck für den Gründonnerstag. Im Burgenland steht das Adjektiv "gach" für schnell und "Hintaliachtn" für die Abenddämmerung. Die Steiermark ist u. a. mit der "Puklkraksn" (Tragkorb) und "Gankerl" (sowohl lebhaftes Kind als auch lustiger Mensch oder Teufel) vertreten. In Oberösterreich nennt man den Vater "Dati" und einen, der Lärm macht "Radaubruada". In Salzburg ist ein "brennta Hund" ein schlauer Mensch und "Hoagascht" eine gemütliche Zusammenkunft. In Kärnten heißt der Frühling "Auswart" und der Herbst "Einwärts". In Tirol haben sich alte Wörter erhalten, wie "falch" für blond, was sich vom mittelhochdeutschen "valwes" (bleich) ableitet. "Falescht" steht in Osttirol für "mit der Zeit". Vorarlberger trinken "Bämpelewassar" statt Limonade und schnäuzen sich mit dem "Fazanetle". Wörter wie "daglainga" (erwischen, erreichen), "Deere" (Habe die Ehre"), "Budlhupfer" (Verkäufer), "fanadarn " (denunzieren), "odudln" (sich betrinken) oder "Bahö" (Tumult) sind weit verbreitet. "Wir benutzen sie bei Begrüßung und Verabschiedung, in Momenten der Freude, des Ärgers und in jeglicher emotionaler Verfassung dazwischen", weiß Rudolf Muhr. Mit seinem Buch möchte er diesen Varianten zur Geltung verhelfen, und zeigen, dass es sich nicht um eine defekte Sprache handelt, sondern um eine, mit der sich der Alltag erfolgreich bewältigen lässt. "Dass auch die Alltagssprache ihre Berechtigung und einen wichtigen Stellenwert im Leben der Menschen in diesem Lande hat." Darauf aufmerksam zu machen, erscheint angesichts des sich verbreitenden Synchrondeutsch der Fernsehsender - "lecker", "gerade mal", "ankucken", …" schon überfällig. Noch dazu, wenn es mit so herzlicher und positiver Annäherung passiert.