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Andreas Nierhaus (Hg.): Der Ring #

Bild 'Ring'

Andreas Nierhaus (Hg.): Der Ring. Pionierjahre einer Prachtstraße. Residenz Verlag Salzburg 2015, 288 S. ill., € 29,-

Eine Straße feiert Geburtstag. Wenn es sich um eine so bedeutende wie die Wiener Ringstraße handelt, wird das Jubiläum in Ausstellungen und Buch-Neuerscheinungen gebührend zelebriert. So widmet sich nun ein Prachtband - als Katalog der Ausstellung im Wien Museum - der Prachtstraße. Bei beiden fungiert der Ringstraßenexperte Andreas Nierhaus, Kurator der Architektursammlung des Wien Museums als "Autor". Mit ihm decken ausgewiesene Fachleute ein breites Themenspektrum ab. Den Einstieg bietet der Herausgeber mit Informationen zum "Planen und Bauen in den Pionierjahren der Ringstraße". Vom Staat getragen, konnte das Projekt "in größter Distanz zu den Begehrlichkeiten der Tagespolitik, aber auch ungeachtet lokaler Befindlichkeiten umgesetzt" werden. "Die Organisation war vorbildlich. Der Erlös aus dem Verkauf der Bauparzellen floss in den Stadterweiterungsfonds, aus dessen Mitteln wiederum die vom Staat übernommenen Kosten der Stadterweiterung und die Errichtung der Hofbauten … bestritten wurden." Günstige Darlehen und Steuererleichterungen motivierten Private zum Grundstückskauf, vor allem aber die 1860 verlautbarte "Realbesitzfähigkeit der Israeliten". Während sich der Adel mit dem Erwerb von Parzellen in der Stadterweiterungszone zurückhielt, spielte das Großbürgertum hier die wesentliche Rolle. "Unabhängig von der Konfession ihrer Mitglieder formierte sich auf und mit der Ringstraße jene liberale Gesellschaft, die den letzten Jahrzehnten der Monarchie ihren kulturellen Stempel aufdrücken sollte," schreibt Andreas Nierhaus.

Der deutsche Philosoph Christian Demand macht sich Gedanken über "Historismus und Moderne". Er zitiert den jungen Adolf Loos, teilt aber dessen Meinung nicht. Loos erinnerte die Ringstraße an ein Potemkinsches Dorf, die Bauherren des Historismus bezichtigte er der Hochstapelei. Die französische Historikerin Alice Thomine-Berrada zieht Parallelen zwischen den Stadtumbauten von Paris und Wien. Beide mussten Mitte des 19. Jahrhunderts wachsen, weil sich die Bevölkerung im Lauf von 50 Jahren verdoppelt hatte. Der Stadtforscher und Schriftsteller Gottfried Pirhofer reflektiert bei seinem "Gang über den Ring" über den von der Stadt Wien Ende 2014 vorgestellten "Masterplan Glacis", der für ihn "kein stimmiges Bild ergibt." Er überlegte sich Fragen, die er dann doch nicht an die Stadtplanung richtete. (Ob sie so ungehört verhallt wären wie sein Appell "Maria Hilf!" vor dem drohenden Umbau der Mariahilfer Straße ?)

Mit der - vergleichsweise späten - grundlegenden Umgestaltung der Haupt- und Residenzstadt durch die Schleifung der Befestigungsanlagen beschäftigen sich die Kunsthistoriker Anna Mader-Kratky und Harald R. Stühlinger. Mader-Kratky zeichnet die "ersten Überlegungen zu einer Stadterweiterung Wiens" nach, die im 18. Jahrhundert von Reisenden kamen. Sie meinten, ohne Mauern und nach der Verbauung des Glacis würde Wien nicht seinesgleichen in der Welt haben. Zumindest ließ Kaiser Joseph II. dieses als Erholungsraum gestalten. Doch war der "Weg zum 'Grundplan' der Stadterweiterung" ein langer. 1858 wurde der Wettbewerb für die Regulierung der Inneren Stadt ausgeschrieben. Stühlinger vergleicht die Pläne. Von den eingereichten 85 Projekten haben sich die Unterlagen zu 30 erhalten. Es gab drei Sieger: Friedrich Stache, Ludwig Förster sowie Sicardsburg und van der Nüll. Der Kunsthistoriker Werner Telesko beschäftigt sich mit der Rolle der "Monumente am Ring", am Beispiel der Denkmäler für Erzherzog Carl, Prinz Eugen und Karl Philipp von Schwarzenberg. Der Kulturhistoriker Richard Kurdiovsky richtet den Blick nach Paris, "als Vor- und Gegenbild der Architektur der frühen Ringstraßenzeit". Die Wien Museum-Kuratorin Eva-Maria Orosz vergleicht "die Interieurs in Palästen der Hoch- und Finanzaristokratie" (Hoyos-Sprinzenstein und Todesco). Monika Faber, eine Expertin der Fotogeschichte, untersucht die "Rolle des technischen Mediums in der Gründungsphase der Wiener Ringstraße". Der Beitrag bringt eine Galerie von Persönlichkeiten, die sich im Atelier des Hoffotografen Ludwig Angerer einfanden: Politiker, Adelige und Ringstraßenarchitekten. Sándor Békesi stellt die Ringstraße als "Hauptverkehrsader, Promenade und Barriere" vor. Sie ist 57 m breit, mit dem Franz-Josephs-Kai 5,3 km und ohne Kai 4,4 km lang. Für die Entlastung vom Güterverkehr sollte die 26 m breite Lastenstraße sorgen. Seit 1868 fuhr die Tramway Ring-rund. Die Führung im überwölbten Stadtgraben, wie sie zwei Projekte vorsahen, unterblieb. Es wäre die erste U-Bahn der Welt gewesen. Die Architektin Gabu Heindl schlägt die Brücke ins 20. und 21. Jahrhundert: Für "das Ringen um die Ringstraße" gibt das Hochhausprojekt im Gebiet Eislaufverein/Hotel InterContinental ein aktuelles Beispiel.

Der zweite Teil des Buches wiederspiegelt die Ausstellung. Die hervorragend gegliederten, informativ aufbereiteten Kapitel bringen bekannte und unbekannte Ansichten des Prachtboulevards. Das Wien Museum legt Wert darauf, seinen Besuchern noch nie gezeigte Pläne, Entwürfe, Modelle und Fotografien zu präsentieren. Zunächst lernt man die handelnden Personen kennen: Kaiser Franz Joseph, der 1857 an seinen Innenminister Alexander von Bach das viel zitierte Handschreiben - "Es ist mein Wille, daß die Erweiterung der Inneren Stadt … ehemöglichst in Angriff genommen … werde …" - richtete. Jener Freiherr von Bach, der als mächtigster Mann nach dem Kaiser galt, und dessen Widersacher Karl Ludwig Freiherr von Bruck. Schon bald nach dem Aufkommen der Daguerretypie ließ sich der Vordenker der Stadterweiterung, Ludwig von Förster, um 1845 fotografieren. Die verschiedenen Wettbewerbsprojekte kann man im Buch, hervorragend reproduziert, in Ruhe vergleichen. Vor dem Abbruch wurden die Befestigungsanlagen von der k.k. Hof- und Staatsdruckerei systematisch fotografiert. Zeitlich vor der Ringstraße lagen der Bau der Votivkirche und die Anlage des Äußeren Burgplatzes mit seinen Gärten, der Heldenplatz entstand nach 1860. Damals wurden die ersten Häuser am Ring errichtet. Johann Romano und August Schwendenwein zählten zu den aktivsten Architekten dieser frühen Jahre. Für den Bankier Johann Königswarter entwarfen sie ein Familienpalais und Zinshäuser. Die Frage "Wie soll Wien bauen" beschäftigte die Planer noch lange. Zwischen 1860 und 1914 wurden 759 Baustellen verkauft, ein Fünftel gleich in den ersten Jahren. Ein Fünftel des Areals blieb für Gartenanlagen reserviert, von denen der Stadtpark die größte war. Die geplanten Monumentalbauten waren bereits im kaiserlichen Handschreiben fixiert. Einen besonderen Rang nahm die neue Hofoper ein. Anfangs herb kritisiert, galt sie später als ideales Gesamtkunstwerk. Der historische Teil der Ausstellung endet mit der Eröffnung des Prachtboulevards am 1. Mai 1865. Vom Beschluss bis dahin waren sieben Jahre vergangen, die Fertigstellung dauerte weitere fünf Jahrzehnte. Im 20. Jahrhundert wurde die Ringstraßenarchitektur keineswegs wertgeschätzt, der Abbruch bedrohte namhafte Gebäude. Es war das Verdienst der Kunstgeschichte-Professorin Renate Wagner-Rieger, das Umdenken eingeleitet zu haben. Sie betrieb ab 1965 ein großes, interdisziplinäres Forschungsprojekt, in dessen Rahmen 16 Bände publiziert wurden. Die Herausgabe endete (unabgeschlossen) im Todesjahr der Initiatorin 1980.

Die Bände der Ringstraßen-Reihe bilden die wissenschaftliche Basis der von Andreas Nierhaus kuratierten Ausstellung. Zum letzten Kapitel schreibt er: "An der Ringstraße soll auch in Zukunft gebaut werden, doch verleitet der ökonomische Druck derzeit zu Bauten und Projekten, die ihren architektonischen und städtebaulichen Qualitäten nicht gerecht werden. Der Maßstab der Ringstraße sollte vor Maßlosigkeit schützen."