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Otto E. Plettenbacher: Gustinus Ambrosi#

Bild 'Ambrosi'

Otto E. Plettenbacher: Gustinus Ambrosi. Ein Künstlerschicksal in den kulturellen und politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts. Gustinus Ambrosi-Gesellschaft / Verlag Kremayr & Scheriau Wien 2015. 300 S., ill., € 39,80

Gustinus Ambrosi schuf mehr als 2400 bildhauerische Werke, darunter 650 "Charakterköpfe". Damit war er einer der weltweit gefragtesten Porträtisten des 20. Jahrhunderts. Stefan Zweig, Benito Mussolini, die Päpste Pius XI., Pius XII. und Johannes XXIII., die Bundespräsidenten Karl Renner, Theodor Körner und Adolf Schärf - er kannte sie alle und schuf lebensnahe Büsten. Aber Ambrosi hatte Probleme mit der Politik, wie er 1952 schrieb: "… derweil interessieren mich die Politiker nicht, mir ist meine Arbeit alles … Schließlich werde ich nach meinem Tod den Ruhm haben, ein Bestiarium Europas geschaffen zu haben … Das ist nämlich das Gesamtantlitz meiner Zeit."

Ambrosi, seit Kindheit gehörlos, war nicht nur Plastiker, sondern auch Philosoph und Poet. Es erschienen sechs Gedichtbände. Der Künstler unterschied zwischen "dekorativen Plastiken" und "Ideenwerken", die er als Hauptziel seines Schaffens sah. Es war sein Bestreben, "Materie mit Geist zu erfüllen". Er folgte dem Grundsatz, der Künstler habe die Pflicht, Freude zu stiften und nannte seine Kunst doch "Aufschreie des hilflosen, gepeinigsten, unerlösten Menschen." Sein Lebenslauf ist nicht frei von Widersprüchen.

Otto E. Plettenbacher legt nun eine Monographie des vielschichtigen Künstlers vor. Sie stellt das Lebenswerk des Präsidenten der 1978 gegründeten Gustinus Ambrosi-Gesellschaft dar. Er lernte Ambrosi bei der letzten Ausstellung 1951 kennen, und blieb lebenslang mit ihm befreundet. Das Archiv der Gesellschaft, über Leben und Werk des Künstlers, bildet die Basis des vorliegenden Bandes. Durch zusätzliche Recherchen mit bisher unbeachteten Quellen bereichert, beschreibt der Autor wichtige Stationen aus dem Leben des Meisters.

Gustinus Ambrosi wurde 1893 als dritter Sohn musisch begabter Eltern im heutigen Eisenstadt geboren. Durch Versetzungen des Vaters, eines k.u.k. Hauptmanns, übersiedelte die Familie nach St. Pölten und Prag. In der dortigen Volksschule brach eine Meningitis-Epidemie aus. Neun Schüler starben, sieben trugen schwere gesundheitliche Schäden davon, der musikalische Gustinus verlor das Gehör. Die Mutter setzte sich für seine weitere Ausbildung ein, er erlernte in Prag und Graz den Beruf des Dekorationsbildhauers. Die Künstlerkarriere begann damals mit einem tragischen Ereignis. Während er an einer Fassade arbeitete, erlitt ein Dachdecker einen tödlichen Arbeitsunfall. Ambrosis Frühwerk "Der Mann mit dem gebrochenen Genick" fand Anerkennung. Die Genossenschaft bildender Künstler Steiermarks nahm den 16-jährigen als Mitglied auf. Wenige Jahre später erhielt er den Staatspreis der österreichisch-ungarischen Monarchie und ein Staatsatelier auf Lebenszeit im Wiener Prater. Dort entstand, im Ersten Weltkrieg, ein Hauptwerk, das "Promethidenlos". Die aus einem 31 t schweren Marmorblock gemeisselte Plastik symbolisiert den Kampf der Geschlechter und seine Überwindung durch die Liebe.

Als von Gehörlosigkeit geprägte Künstlerpersönlichkeit archivierte Gustinus Ambrosi seine Korrespondenz und Gesprächsaufzeichnungen, führte Tagebücher und ein "Portraitregister". Dadurch erhellt sich u. a. die Entstehungsgeschichte des 1924 modellierten Kopfes von Benito Mussolini. 1925 sollte Ambrosi die Präsentation Österreichischer Künstler an der dritten Biennale in Rom leiten. Er demissionierte aufgrund von Intrigen, wurde aber neuerdings beauftragt. Schließlich stellten 22 Österreicher aus, darunter Egon Schiele, Gustav Klimt und Alfred Kubin. Ambrosis Dollfuß-Denkmal in Graz stand nur acht Monate, es wurde bereits einen Tag nach dem Einmarsch der Deutschen Truppen in Österreich demoliert. Die GESTAPO verhörte Ambrosi und beschlagnahme seine Korrespondenzen. Ein einflussreicher Feind erwuchs ihm in Leopold Blauensteiner, dem Landesleiter der Reichskammer der bildenden Künste für den Gau Wien. Dennoch erfuhr er auch Förderung durch die Machthaber.

Aus der Distanz skurril klingen die Geschichten um "die 'Königin' - die schönste Kuh Tirols." Der Hintergrund war allerdings alles andere als komisch. Nach dem Bau der Reichskanzlei in Berlin sollte deren Garten künstlerisch gestaltet werden. Ambrosi schuf Brunnenfiguren und erhielt den Auftrag, das Pendant zur Jugendstil-Gruppe "Herkules mit dem Stier" (von Louis Tuaillon aus dem Jahr 1907) herzustellen. Als Motiv wählte er "Jungfrau mit Kuh". Für das Rind betrieb er nicht nur ausführliche Studien an der Tierärztlichen Hochschule, er kaufte sogar ein lebendes Modell bei einem Bauern in Kitzbühel. Der Künstler schwärmte von der Schönheit seiner "Königin" und nahm Anteil an deren Wohlergehen. Dem früheren Besitzer zahlte er monatlich eine stattliche Pension. Inzwischen war der Zweite Weltkrieg im vollem Gange, doch Ambrosi hielt an seinem Kuhprojekt fest. Erst 1946 stimmte er auf Anfrage des Bauern der Schlachtung des Tieres zu: "Machen Sie mit der Kuh ordnungsmäßig, was Sie wollen - ich brauche sie nicht."

Der Krieg hatte auch Ambrosis Prateratelier zerstört: 582 Gips- und Marmorwerke, zehn Kleinbronzen, 61 Werke in Alabaster, 42 Zeichnungen, 483 Bücher, Werkzeug und wertvolle Korrespondenz gingen verloren. 1957 unterschrieb Gustinus Ambrosi einen Notariatsakt mit der Republik Österreich. Diese erhielt 165 Werke in Bronze und Marmor als Schenkung und verpflichtete sich, die Stiftung als Museum zu führen. 1971 folgten weitere 56 Werke. Das Bundesministerium für Wiederaufbau ließ im Augarten ein Ausstellungs-, Atelier und Wohngebäude errichten. Den Aufwand für die Erhaltung trug der Künstler. Eigentlich wollte er einen Alterssitz im Burgenland bauen, doch nach jahrelangen heftigen Kontroversen um ein Haydn-Denkmal entschied er sich für die Steiermark. In Stallhofen wollte er seine Biographie verfassen, für die er lebenslang Material gesammelt hatte. Dieser Wunsch erfüllte sich nicht. Krank und depressiv schied Gustinus Ambrosi am 1.Juli 1975 freiwillig aus dem Leben.

Weitere Kapitel des Bandes schildern "das Vermächtnis Gustinus Ambrosis", das Schicksal seines Museums, die Geschichte der Gesellschaft. Dazu kommen umfangreiche Verzeichnisse, Register, Faksimiles und die Biographie des Autors. Otto E. Plettenbaher schrieb: "Besonders in den letzten Lebensjahren war der Künstler schweren, seinen Ruf schädigenden Angriffen und Verleumdungen ausgesetzt. Diese aufzuklären und dem Künstler Anerkennung und Gerechtigkeit zukommen zu lassen, ist Ziel und Aufgabe dieses Buches."