unbekannter Gast

Michael Schmid: Die Welt hinter Schönbrunn#

Bild 'Schmid'

Michael Schmid: Die Welt hinter Schönbrunn. Der Kunst- und Kulturführer zu Hietzing. Echomedia-Verlag Wien 2015. 128 S. ill.

Der Autor und Fotograf Michael Schmid hat im Echomedia-Verlag eine Reihe von Wiener Kunst- und Kulturführern gestartet. Nach Gustav Klimt, Josef Hoffmann und der Ringstraßentrilogie ist nun "die Welt hinter Schönbrunn" sein Thema. Der Nobelbezirk ist für das zum Weltkulturerbe zählende Schloss berühmt, doch auch sonst gibt es in Hietzing viel zu entdecken. Villen, Gartenstädte, die Werkbundsiedlung, Gemeindebauten und Kirchen werden von Michael Schmid ins rechte Licht gerückt. Dabei perfektioniert er wieder die Kunst des Ausschnitts und die Liebe zum Detail, so dass Störendes ausgeblendet bleibt. Kompakte Texte charakterisieren die ausgewählten Objekte. Doch räumt der Autor ein: "Dieser Führer erhebt … keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Er soll vielmehr einen Einblick in die spannende Welt und das reiche kulturelle Erbe Hietzings geben, dazu ermuntern, Hietzing in all seiner Vielfalt mit all seinen Überraschungen Schritt für Schritt zu entdecken."

Dies beginnt bei den Sakralbauten, von denen der älteste in das 12. Jahrhundert zurückreicht. Die Nikolaikapelle im Lainzer Tiergarten stand innerhalb einer Hausberganlage, Reste ihres Wall-Graben-Systems sind nördlich davon erhalten. Die vielfach umgebaute Pfarrkirche Maria Hietzing ist seit dem Mittelalter ein Wallfahrtsziel. Auf dem Platz davor befinden sich zwei Denkmäler mit unterschiedlicher Aussage: Eine barocke Immaculata und ein Standbild des unglücklichen Kaisers Maximilian von Mexiko aus dem Jahr 1871. Das ehemalige erzbischöfliche Schloss Ober St. Veit zeichnet sich durch vier "Bergl-Zimmer" aus. Der Maler schuf ähnliche exotische Landschaftsdekorationen auch im Schloss Schönbrunn. Sie erinnern daran, dass Maria Theresia 1762 bis 1779 "Interimseignerin" des Sommersitzes der Wiener Erzbischöfe war. Später kam er wieder in kirchlichen Besitz, ist aber seit 2014 nicht mehr (wie hier noch zu lesen) ein Seminar für Pastoralberufe, sondern wird nun von der katholischen Erneuerungsbewegung Neokatechumenat genützt.

Siedlungsbau und kommunaler Wohnbau zeigen in Hietzing spezielle Lösungen. An der Peripherie ließ sich das Gartenstadtmodell erfolgreich umsetzen, angefangen von den 80 Häusern der Küniglbergsiedlung kurz vor dem Ersten Weltkrieg, über mehrere Projekte aus den 1920er Jahren, darunter eine Künstlerkolonie mit 24 Objekten, bis zu Bungalows aus den 1960er Jahren. Die berühmteste ist die Werkbundsiedlung. Sie entstand 1930-1932 als Ausstellungsprojekt unter der Konzeption von Josef Frank unter Mitwirkung namhafter Planer. Zielvorstellung war höchstmögliche Wohnqualität bei minimalem Aufwand. 100.000 Menschen besuchten die Ausstellung, doch nur 14 der 70 Einfamilienhäuser fanden Käufer. Die verbliebenen übernahm die Gemeinde Wien.

Seit der Zeit um 1900 ist Hietzing ein Kristallisationspunkt der modernen Architektur. Hier war die Auswahl für das Buch wohl besonders schwierig. Der Autor entschied sich für das Haus Beer von Josef Frank und Oskar Wlach (1929/30), die Villa Skywa-Primavesi (Josef Hoffmann, 1913-1915), das " Schokoladenhaus" (Ernst Lichtblau, 1914), das Haus Bugner (Walter Loos, 1928-1930), die Villa Wustl (Robert Oerley, 1911-1913), das Haus Langer (Joze Plecnik, 1900-1901), das "Haus unter Bäumen" (Roland Rainer, 1964-1966) und die Villa Schmeidler (Otto Wagner jun., 1901). Ein eigenes Kapitel widmet sich Adolf Loos und Carl Witzmann, zwei wichtigen Architekten für Hietzing. Zweckbauten umfassen das Amtshaus für den 13. Bezirk ebenso wie die Stadtbahn - samt Hofpavillon - Schulen, Spitäler und das ORF-Zentrum. Beim Beitrag über die Rosenhügel-Studios ahnt man die lange Vorbereitungszeit des Buches. Darin ist zwar vom teilweisen Denkmalschutz der Filmstadt die Rede, nicht aber von ihrem weitgehenden Abriss. (Auf mehr als der Hälfte der 32.100 Quadratmeter großen Liegenschaft sollen 200 Wohnungen entstehen.) Schließlich hat der Autor zwei Exkurse angefügt. Einer würdigt die Hietzinger Malerinnen Lily Steiner, Frieda Salvendy und Katharina Zirner. Der andere, "Widerstand in Hietzing", portraitiert die Frauenrechtlerin Käthe Leichter und den Schutzbundkommandanten Karl Münichreiter. Beide mussten ihr Engagement mit dem Leben bezahlen. Schon bald nach ihrem Tod wurden Straßen in Hietzing nach ihnen benannt.

Bei diesem informativen Buch darf man dem Wiener Bürgermeister uneingeschränkt vertrauen, wenn er im Vorwort schreibt: "Meine Empfehlung: Stecken Sie das Buch in die Jacke oder in die Handtasche und begeben Sie sich auf spannende Streifzüge durch Hietzing!"