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Peter Thuswaldner: Spätgotische Westemporen in Österreich#

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Peter Thuswaldner: Spätgotische Westemporen in Österreich. 1120 Seiten, ill., Verlag Berger, Horn 2015, € 55,00

Das neue Standardwerk ist ebenso gewichtig - 1120 Seiten auf Kunstdruckpapier - wie wichtig. Bisher hatte die Kunstgeschichte den spätgotischen Westemporen wenig Beachtung geschenkt. Dies sei unverständlich, meint der Autor, der Techniker und Kunsthistoriker Peter Thuswaldner. Gemeinsam mit Gretl Thuswaldner (Fotos und Layout) machte er es sich zur Aufgabe, die Forschungslücke zu schließen. 10.000 km reiste das Ehepaar durch Österreich, ein Ergebnis der Recherche ist das Fotoarchiv von 4.000 Bildern aus mehr als 100 Kirchen. Dazu hat der Autor Gewölbe und Brüstungen gezeichnet und zahlreiche Herleitungen von Maßwerks-Figurationen aus dem Kreisraster dargestellt. Den Text gliedert er in eine allgemeine Einführung und einen, ebenfalls reich illustrierten Katalog der Bauten von Aflenz bis Zeltschach.

Den Erläuterungen über Problemstellung, Zielsetzung und Forschungsstand folgt ein Kapitel über karolingisch-ottonische Westbauten. Um die erste Jahrtausendwende entstanden, sind sie zwar nicht mehr im Original erhalten, doch lassen archäologische Befunde Schlüsse zu. Es spricht für den Autor, dass er die unterschiedlichen Expertenmeinungen referiert und dabei sehr vorsichtig bleibt. Eine Deutung sieht das Westwerk als Eigenkirche, die vom Herrscher auch für profane, die Laienwelt betreffende Angelegenheiten benutzt wurde. Zwar waren Liturgie und Seelsorge geweihten Priestern vorbehalten, doch hatte der Landesherr weitgehende kirchliche Rechte. Als "Kaiserkirche" hätte das Westwerk besonders der Repräsentation des Herrschers in Kloster- und Bischofskirchen gedient. Andere Forscher sehen das Westwerk als "Herrenempore", Gerichtsort oder Wehrkirche. Während christliche Kirchen ost-westlich orientiert sind und der Sakralbereich in der Richtung des Sonnenaufgangs liegt, ist der Westteil des Kirchenbaus der weltlichen Sphäre zugeordnet, sei es als kaiserlicher Bereich oder symbolisch als die Himmelsrichtung, wo "Finsternis und Kälte hausen". Peter Thuswaldner weist darauf hin, dass eine kontinuierliche Entwicklung von den karolingischen Westwerken zu den spätgotischen Westemporen nicht verfolgbar ist, doch sieht er gewisse Parallelen. Als Sänger- und Orgelempore gilt der Westbau als "privilegierter Ort". Die Entstehungszeit der spätgotischen Westemporen stimmt weitgehend mit dem Bau großer Orgeln im 15. Jahrhundert überein.

"Was spätgotische Westemporen vor den Westbauten der Vorromanik auszeichnet, ist ihre einheitliche Grundform, die zwar eine Vielzahl von Variationen und stilistischen Eigenheiten zulässt, die sich aber als bauliche Einheit klar beschreiben lässt." Diesen "Bauformen und Charakteristiken" sind weitere Kapitel gewidmet, wie "Bauformen der Emporenfront", "Unterwölbung", "Brüstungsfigurationen", "Spitzbogendekor", "Vierpass- und Vierblattformen", "Maßwerk mit Kreisen und Kreisbogensegmenten" oder "Wirbelschneußfiguren". Zu jedem Kapitel gibt es typische Fälle, dazu kommen regionale Besonderheiten, wie im Mühlviertel, im Attergau, in Kärnten und die Reformationsemporen von Eisenerz und Pöggstall.

Der Katalog stellt 107 Bauwerke aus der Zeit von 1400 bis 1530, mit besonderer Berücksichtigung der Westemporen, vor. Auch bei deren genauer Beschreibung folgt der Autor seinen Prinzipien Sachlichkeit und Systematik. Das Schema umfasst: Name des Ortes, Patrozinium, vermutliches Baujahr - Allgemeines zur Kirche mit Grundrissskizze - Westempore mit Abbildung - Brüstung, Figurationsschema des Maßwerks - Arkaden und Arkadenfront - Säulen, Pfeiler und Konsolen - Unterwölbung - Portale - Literatur. Detailskizzen und -fotos ergänzen den Katalogtext, der auch Vergleiche mit anderen Westemporen enthält. Mit diesem umfassenden und detailreichen Werk ist es den Autoren gelungen, einen "weißen Fleck der Kunstgeschichte" mit Informationen zu füllen und die Aufmerksamkeit auf eine Kulturepoche zu lenken, die mit der österreichischen Geschichte eng verknüpft ist.