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Thomas Winkler: Die schönsten Stadtplätze Österreichs#

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Thomas Winkler: Die schönsten Stadtplätze Österreichs. Wohnzimmer der Stadt. Verlag Anton Pustet 2015. 176 S., ill., € 34,-

Stadtplätze in Europa sind oft Sehnsuchtsorte für Reiselustige. Österreich braucht den internationalen Vergleich nicht zu scheuen. Viele "Wohnzimmer der Stadt" wurden in den vergangenen Jahren umgestaltet, Autos verbannt und Flaniermeilen mit Gastgärten geschaffen. Der Autor, der empfiehlt, diese zu besuchen, um das spezielle Flair kennen zu lernen, stellt in seinem jüngsten Buch 40 Plätze zwischen Eisenstadt und Dornbirn vor. Thomas Winkler hat Kunstgeschichte studiert und ist als Bautechniker tätig. Er betrachtet die Ensembles aus unterschiedlichen Perspektiven, die er in großformatigen Fotos und informativen Texten vermittelt: Das Herz der Stadt schlägt seit jeher auf dem zentralen Hauptplatz. Der hier abgehaltene Markt war seit dem Mittelalter Keimzelle und Triebfeder für die Entwicklung der Stadt. Auf ihn fokussierten sich Politik und Wirtschaft, dem urbanen Leben diente der Platz als schillernde Bühne.

Der Vielfalt der Funktionen entspricht die Gliederung des repräsentativen Buches. Obwohl es auf die Besonderheiten der Bundesländer und Städte eingeht, folgt es nicht der Geographie, sondern teilt sich in vier große Kapitel. Das erste widmet sich der Geschichte und zeigt die Entwicklung der Bundesländer anhand typischer Plätze ihrer Hauptstädte. Vielleicht etwas überraschend beginnt der Überblick nicht in Wien - die Freyung folgt erst an dritter Stelle - sondern in St. Pölten. Dort bildet der Rathausplatz das Zentrum der Altstadt, wo um 100 n. Chr. die Römer ihre Siedlung Aelium Cetium anlegten. Anno 1159 wurde St. Pölten das erste Stadtrecht Österreichs verliehen, doch erst seit 1986 ist die größte Stadt Niederösterreichs auch dessen Hauptstadt. Nach der Neugestaltung des Rathausesplatzes durch Boris Podrecca kommen die Barockjuwele, wie die Prandtauerkirche, das Rathaus mit seinem achteckigen Turm und der hellrot-weißen Fassade und die Dreifaltigkeitssäule besonders gut zur Geltung.

Die im 2. Kapitel vorgestellten Plätze repräsentieren "Politik, Gesellschaft, Macht". Vom "Erbe der Römer" auf dem Welser Stadtplatz, über die Babenberger (Enns, Hauptplatz), zu den Habsburgern (Wien, Michaelerplatz) spannt sich der historische Bogen. Dazu kommen die historisch einflussreichen Kreise des Klerus (Hall, Oberer Stadtplatz und Frohnleiten, Hauptplatz), Adel (Lienz, Hauptplatz), Bürgertum (Schärding), Stadtverwaltung (St. Veit an der Glan, Hauptplatz) und Judentum (Wien, Judenplatz). Stets vernetzt der Autor die Inhalte eines Kapitels mit anderen Aspekten, in diesem Fall mit der Geschichte des Wiener Judentums, und Bildern vom Loos-Haus auf dem Michaelerplatz, dessen Auftraggeber die Unternehmer Goldman und Salatsch waren, sowie einem Bauensemble in Eisenstadt. Die Stadt im ehemaligen Westungarn war eine der "Siebengemeinden", in denen Fürst Esterházy den aus dem Habsburgerreich ausgewiesenen Juden Zuflucht bot.

Neben der Politik trieb die Wirtschaft die Entwicklung der Städte voran. Feldkirch, Vorarlbergs "heimliche Landeshauptstadt", war im Mittelalter ein bedeutender Marktplatz und Verkehrsknotenpunkt. Freistadt profitierte vom Fernhandel mit Böhmen. Handwerk und Gewerbe prägten den Hauptplatz von Gmünd in Kärnten. In Hallein spielte das Salz, in Leoben das Eisen, in Retz der Wein und in Weitra das Bier die Hauptrolle. Kufstein war vom Geldwesen gekennzeichnet und der Rathausplatz in Gmunden wirkt bis heute als Tourismusmagnet.

"Kunst und Kultur", das umfangreichste Kapitel, lädt zunächst nach Wiener Neustadt, eine typische mittelalterliche Gründungsstadt, ein. Anlagen dieser Art entstanden planmäßig. In diesem Fall 1192, mit zwei sich mittig kreuzenden Straßenzügen, die zu den Stadttoren in den vier Himmelsrichtungen führten. Auf dem Stadtplatz in Steyr dominiert die Gotik mit dem "Bummerlhaus", einem der besterhaltenen Profanbauten jener Epoche. Friesach bietet eine weithin intakte Stadtmauer samt Wassergraben, während Waidhofen an der Ybbs für seinen Stadtturm bekannt ist. Der Kornplatz in Langenlois verfügt über ein einzigartiges Ensemble von Bürgerhäusern aus der Renaissance. Eggenburg zeichnet sich durch einen Pranger auf dem Hauptplatz aus. Die Wahrzeichen von Bruck an der Mur sind das Kornmesserhaus aus dem Jahr 1500 und der kunstvoll geschmiedete Renaissancebrunnen. Aus der gleichen Epoche stammen die Sgraffitohäuser aus Österreichs nördlichster Bezirkshauptstadt, Gmünd. Der Marktplatz von Obernberg am Inn gilt als Musterbeispiel eines vom Barockstil geprägten Platzes. Das Zentrum von Bad Radkersburg ziert eine Pestsäule mit lebensgroßen Heiligenfiguren. Auf dem Stadtplatz von Braunau verbinden sich harmonisch Historismus und Jugendstil. Der Hauptplatz von Hartberg fungiert als Festplatz und Bühne. Die Kleinstadt in der Oststeiermark erhielt das Città-Slow-Gütesiegel für hohe Lebensqualität. Die Rundreise endet in Rust, der malerischen "Stadt der Störche und des edlen Weins." Die Charakteristik sollte man um den Aspekt der Denkmalpflege erweitern, denn das historische Zentrum wurde 1954 als erstes in Österreich zur Gänze unter den Schutz der Haager Konvention gestellt und Rust zählt, neben Salzburg und Krems, zu den Modellstädten des Europarates.

Man sieht an den vielen Seitenthemen, wie vielseitig das Thema ist, und dass es dem Autor gelungen ist, diese zahlreichen Aspekte in sein Buch hereinzuholen und zu verbinden. So sind nicht nur die Texte eine wahre Fundgrube, auch die von ihm angefertigten Fotos sprechen Bände. Sie zeigen die Plätze bevölkert von Passanten, Radfahrern und Schanigartengästen. Forscher späterer Generationen werden aus den "Staffagefiguren" ihre Schlüsse ziehen können. Architekturdetails kommen nicht zu kurz, und die jeweils beigefügten Vergleichsbeispiele sind aufschlussreich. Sie beweisen immer wieder, wie Thomas Winkler zusammenfassend feststellt, dass Denkmalpflege und Modernisierung keineswegs ein Widerspruch sein müssen. Die für die Erhaltung historischer Substanz aufgewendeten Mittel bringen Umwegrentabilität in Form von Arbeitsplätzen und Tourismus. "Sie schaffen generell einen ungeheuren Mehrwert, der nicht zuletzt auch den geneigten Flaneuren über Österreichs schöne Stadtplätze ganz besondere urbane Genüsse beschert."