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Helga Maria Wolf: Sehnsucht nach dem alten Wien

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Helga Maria Wolf:
Sehnsucht nach dem alten Wien. Spaziergänge durch eine versunkene Welt.
Verlag Styria Wien - Graz - Klagenfurt 2014. 240 S. durchg. 4-farbig ill., € 29,99


Buchbesprechung von Andrew Schumacher

Von der Kunst, das Vergangene wieder sichtbar zu machen: Eine Reise durch das alte Wien

Die Geschichte Wiens ist reich an Kuriositäten. So ist der im Jahre 1752 von Franz Stephan von Lothringen gegründete Tiergarten in Schönbrunn der Welt ältester Zoo. Der vom Reformkaiser Joseph II. eingeführte „ „Sparsarg“, dessen Boden bei der Beerdigung zu öffnen war, wodurch der in einem Sack verpackte Leichnam in das Grab fiel“ konnte beispielsweise mehrmals verwendet werden – eine kaiserliche Idee, die bei den Wiener Untertanen jedoch irgendwie auf Unverständnis stiess.

Besonders ist Wien immer gewesen. Über die Jahrhunderte war die Stadt der Lebensmittelpunkt und die Wirkungsstätte berühmter Menschen. Angeführt wird die Liste der städtischen Persönlichkeiten von Männern wie Johann Bernhard Fischer von Erlach (1656-1723), seinerzeit ein führender Architekt des Heiligen Römischen Reichs. Sein Sohn Joseph Emanuel Fischer von Erlach (1693-1742) vollendete einige von seinem Vater begonnene Bauten, so etwa die Karlskirche und die Hofbibliothek.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Wien Zentrum weiterer kreativer Köpfe und bildete den Lebensmittelpunkt grosser Österreicher. Der Maler Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865), der Schriftsteller Johann Nestroy (1801-1862) und der Walzerkönig Johann Strauss (1804-1849) waren hier zu Hause. Ebenso bedeutend wie jene war der Fotograf Joseph Mutterer (1834-1908), der prophetischen Weitblick besass, als er auf sich ankündigende bauliche Veränderungen seiner Stadt reagierte und Häuser und Strassenabschnitte auf Glasnegativ-Platten festhielt, bevor diese dem Abriss anheim fielen. Durch seine Sorgfalt und sein vorausschauendes Handeln sind viele alte Wien-Motive nun den Forschern der Gegenwart zugänglich.

Zweifelsohne ist dies eine Wiener Stadtgeschichte, die überwiegend physisch nicht mehr greifbar ist, nicht mehr abgeschritten und mit eigenen Augen in der Gegenwart bestaunt und bewundert werden kann, eine Stadtgeschichte, die nur noch auf dem Papier weiterlebt. Doch dies ist der Autorin eben gerade gelungen, das Vergangene für den Leser des 21. Jahrhunderts wieder sichtbar zu machen, und zwar dergestalt, dass man sich ersehnt, die Uhr könne noch einmal zurückgestellt werden.

Eine vorbildliche, wohl überlegte und sorgfältig durchdachte Einleitung in Form eines Überblicks zur Wiener Stadtgeschichte, in der sich die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Kunst- und Architekturgeschichte, Kultur, Literatur, Musikgeschichte und Alltagsgeschichte wiederspiegeln, eröffnen diese „Spaziergänge durch eine versunkene Welt“, beleben diese „Sehnsucht nach dem Alten Wien“.

Dr. Helga Maria Wolfs kunst- und sozialgeschichtlich orientierte Monographie ist ein herausragendes Beispiel dafür, vergangene Zeiten einer grossen Kulturstadt in einer höchst ansprechenden Form zu neuem Leben zu erwecken. Die Thematik des Buches ist ein trefflicher Beweis, wie eng soziale und politische Geschichte mit Kunst und Architektur zusammenhängen.

Dieses typographisch und konzeptionell wunderschön gestaltete Buch, welches über 250 in erster Linie farbige Abbildungen alter Wiener Ansichten, Strassenzüge, Bauten und auch Personen in sich vereint, wendet sich an jeden kunst- und kulturgeschichtlich interessierten Wissenschaftler, der hier – nicht zuletzt auch dank einer recht nützlichen Referenzbibliographie – exzellente Anregungen für weitere Forschungen in den Bereichen städtischer Sozial-, Kunst- und Kulturgeschichte erhält.

Von den Reproduktionen der alten Wiener Originalansichten sind besonders die nachfolgenden hervorzuheben: Der grossartige, im Jahre 1686 erschienene Kupferstich „Vogelschau der Stadt Wien 1683“ des niederländischen Künstlers Folbert van Alten-Allen (1635-1715), dem Kammermaler Kaiser Leopolds I., die „Hofseite“ von Schloss Schönbrunn, ein um 1760 entstandenes Gemälde des Italieners Bernardo Bellotto (1721-1780), oder etwa „Der Hohe Markt“, eine Ansicht des traditionellen Wiener Marktplatzes aus dem Jahr 1793, ein kolorierter Kupferstich von Carl Schütz (1745-1800), Teil der berühmten Sammlung Wiener Ansichten, welche beim rennomierten Verlag Artaria in zahlreichen Auflagen herauskamen.

Dr. Helga Wolfs Buch ist eine Liebeserklärung an das schöne österreichische Kulturleben verflossener Jahrhunderte, eine Liebeserklärung an längst vergangene Zeiten, schliesslich ein – seitens der Autorin von Herzen kommendes – Bilderpotpourri in Dankbarkeit an ein Wien, dessen Gesicht nunmehr ganz und gar anders aussieht, ein Wien, das es heute so in der Tat nicht mehr gibt.