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Irene Ziehe, Ulrich Hägele (Hg.): Gedruckte Fotografie#

Bild 'Fotografie'

Irene Ziehe, Ulrich Hägele (Hg.): Gedruckte Fotografie. Abbildung, Objekt und mediales Format. Visuelle Kultur. Studien und Materialien, Band 10., Waxmann-Verlag Münster 2015. 288 S., ill. € 34, 99

"Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte", heißt es. Aber was sagt ein Bild ? Dass ein Foto nicht unbedingt authentisch, sondern oft manipulativ ist, hat sich längst herumgesprochen. Mit Technik und Wirkung der gedruckten Fotografie beschäftigte sich im November 2014 die 7. Tagung der Kommission Fotografie der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde in Kooperation mit den Staatlichen Museen zu Berlin. Für ein solches Unterfangen schnell, liegt nun der Tagungsband vor. Er vereint 18 Beiträge von WissenschaftlerInnen verschiedener Disziplinen zu Fragen der visuellen Kulturanthropologie. Themen sind unter anderem: Objektivität und Manipulation; Drucktechniken, Fotojournalismus und Berichterstattung mittels Bildern; gedruckte Fotografien zu propagandistischen Zwecken, als Dokumentation für verschiedene Wissenschaftsdisziplinen, ökonomisch-gesellschaftliche Aktivitäten und Anlässe; Fotos als Ausstellungsobjekte, in Handbüchern und Firmenpublikationen; als Illustrationen in Bildbänden und Monografien.

"Seit der Erfindung der Fotografie im Jahr 1839 dauerte es eine ganze Weile, bis sich das fotografische Bild drucktechnisch reproduzieren ließ Erst in den 1880er Jahren war mit dem Rasterverfahren (Autotypie) die Voraussetzung für Fotografien in Zeitungen, Magazinen und Büchern gegeben.", schreiben die Herausgeber Ulrich Hägele und Irene Ziehe in ihrem Vorwort. Der Stuttgarter Ulrich Hägele lehrt u. a. Medienwissenschaften an der Universität Tübingen. Irene Ziehe wirkt u. a. als Kuratorin der Fotografischen Sammlungen im Museum Europäischer Kulturen in Berlin. Alle AutorInnen kommen aus dem deutschsprachigen Raum, vier beschäftigen sich mit Österreich-Themen.

Jürgen und Irene Mühlbacher analysierten anhand des Bildmaterials der Restaurierungsberichte zehn Jahrbücher des Kunsthistorischen Museums Wien. Dabei zeigt der Vergleich zwischen der Zeit des 1990 bis 2008 tätigen Generaldirektors und seiner seither aktiven Nachfolgerin doch Unterschiede: Während die "Führungskraft A" in einer "stark maskulin geprägten Repräsentation… vor allem auf Orientierung und Identität abzielt …, verändert sich diese Darstellung unter der Ägide der Führungskraft B hin zu einer musisch geprägten Außendarstellung … Der bildfunktionelle Fokus liegt hier klar bei der Sinnlichkeit."

Harald R. Stühlinger betitelt sein Referat "Archi-Prop! Die Wahl der Mittel im Roten Wien". Darin beschäftigte er sich mit Broschüren zu Wohnhausanlagen der Stadt Wien. Zwischen 1923 und 1927 errichtete sie mehr als 65.000 Wohnungen in 377 Bauten. Für 41 Gemeindebauten liegen Broschüren vor, die zwischen 12 und 32 Seiten stark sind. Grafisch großzügig gestaltet, beinhalten sie Beschreibungen der Anlagen und Bilder von den Fotografen Martin Gerlach Vater und Sohn. "Bei der visuellen Inszenierung der Bauten sticht bei weitem der dokumentarische Duktus hervor, an manchen Stellen ist man sogar geneigt, von einer visuellen Inventarisation zu sprechen.", schreibt der Architekturhistoriker.

Eva Tropper bebildert ihren Artikel über die Entwicklung der illustrierten Postkarte mit zahlreichen Beispielen aus Graz. Sie zeigt, was wohl keiner der Ansichtskartenschreiber bedacht hat: "Die Konzeption der Postkarte war in gewisser Weise Teil einer Auseinandersetzung zwischen etablierter Briefkultur und postalischer Ökonomie." Denn weniger die Entwicklung aus der "photographischen Visitenkarte" war von Bedeutung, als das Bestreben der Postverwaltung nach Standardisierung und Formularen, um das wachsende Aufkommen an Mitteilungen und Postanweisungen zu bewältigen. 1869 erstmals eingeführt, war eine ganze Seite der Korrespondenzkarte für Empfänger-Anschrift und Porto reserviert. Handschriftliche Texte, die man bisher nur geschlossenen Briefen anvertraute, waren nun für jedermann offen zu lesen - ein Widerspruch zur kulturellen Konvention, wenn sie auch nur sehr kurz sein konnten. Bei den beliebten "Gruß aus…"-Karten mit Landschafts- oder Städteansichten blieb wenig Platz für lange Mitteilungen. Man schrieb sie über die Bilder, was vor allem die Produzenten störte. Erst nach der Jahrhundertwende gab es eine Bildseite und eine geteilte Adressseite. Damals bestand eine Vielfalt von Druck- und Kolorierungstechniken. Die Ansichtspostkarte entwickelte sich zu einem der (fast bis heute) beliebtesten Bildmedien.

Als erste Blütephase der gedruckten Fotografie gelten die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg und die Zwanziger Jahre. Die Nachfrage war groß, neue Berufsfelder entstanden, nachdem schon zuvor - Ende des 18. Jahrhunderts - der Beruf des Xylographen angesehene Spezialisten hervorgebracht hatte. Wochenzeitungen waren die ersten (1843 in Leipzig), die mit Holzstichen illustriert erschienen. Wegen der langen Herstellungsdauer der Druckstöcke brachten Tageszeitungen zuerst den Text, das Bild folgte später in einer wöchentlichen Beilage. Mit der 1882 von Georg Meisenbach entwickelten Autotypie und der Einführung des Kreuzlinienrasters in den 1890er Jahren erhielt die Drucktechnik ein effizientes Reproduktionsverfahren.