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Robert Bouchal - Johannes Sachslehner: Wien streng geheim!#

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Robert Bouchal - Johannes Sachslehner: Wien streng geheim! Verborgene Orte - Vergessene Welten. Pichler Verlag Wien 2016. 240 S., ill., € 26,90

Der Fotograf Robert Bouchal und der Historiker Johannes Sachslehner sind ein winning team der Verlagsgruppe Styria, wenn es um Geheimnisvolles, Mystisches oder Sagenhaftes geht. Sie publizieren produktiv perfekt gestaltete Text-Bild-Bände, auch mit anderen Koautoren oder allein. Ihre gemeinsamen Projekte sind immer spannend und überraschend. Der fruchtbaren Zusammenarbeit sind bisher sieben Bücher zu danken, zuletzt heuer "Magischer Wienerwald" und im Vorjahr "Angriff auf Wien".

Im jüngsten Werk unternimmt das erfolgreiche Duo Ausflüge in Wiens "zweite Wirklichkeit". Sie führen zu verborgenen Orten und in vergessene Welten, wie den unterirdischen Gang im Narrenturm, die Gruft des Ursulinenklosters, das Labyrinth unter der Wollzeile, die Keller des Arsenals oder des Finanzministeriums. Die Expeditionen reichen vom Keller bis zum Dachboden. Immer wieder führen die Spuren in die Zeit des Zweiten Weltkriegs - z. B. Schirachbunker im Gallitzinberg, Bunker im Hotel Imperial. Die "Bunkerrätsel" füllen einen umfangreichen Abschnitt. Die anderen großen Kapitel sind mit "Unterirdische Geheimnisse", "Verborgene Orte" und "Lost places" übertitelt.

Lost Places sind vergessener Orte, unbewohnte Liegenschaften, Industrieruinen oder militärische Anlagen, meist aus der jüngeren Geschichte, die kein allgemeines Interesse finden. Oft ist der Verfall so weit fortgeschritten, dass der Besuch gefährlich wird. Was in der Realität einen besonderen Reiz für die Entdecker ausmacht, bleibt dem Leser und Betrachter der stimmungssvollen Bildern erspart. Vergessene Orte bilden die Gegenwelt zur gepflegten, modernen Metropole und musealisierten Sehenwürdigkeiten. Sie sind in Wien reihenweise zu finden, wenn man nur weiss, wo. Das verrät das Buch mit emotionsgeladenen Fotos und interessanten Texten. Die Einleitung führt in den gedanklichen Überbau. Sie zitiert Lost-Places-Forscher wie den Briten Tim Edensor. "Der Aufenthalt in vereinsamten, verlassenen Räumen erlaube grundsätzlich eine hautnahe Begegnung mit den Phänomenen Raum, Materialität und Zeit…. Nirgendwo ist diese Erfahrung des Raumes und der Vergänglichkeit intensiver, dafür sorgen Spinnweben, Moder und Rost. … Tim Edensor spricht vom 'Schattenreich der Langsamkeit', das sein eigenes, von der städtischen Welt 'draußen' deutlich geschiedenes Tempo entwickle. … widerständige Blöcke, die uns zwingen, manche Aspekte der Stadtgeschichte in neuem Licht zu sehen." Es geht um Orte, die von längst vergangenen Tagen erzählen, an denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint und Räume, die zurückgesunken sind in das Dunkel des Vergessens.

Der Reiseführer in die Wiener "Anderswelten" beginnt in den Katakomben unter dem Theseustempel, die einer sinnvollen Nutzung harren. Zumindest das Äußere wurde vor einigen Jahren renoviert, die klassizistischen Säulen strahlen wieder in Reinweiß und im einstigen Aufstellungsort der Theseusgruppe präsentiert das Kunsthistorische Museum moderne Kunst. Die nächsten Exkursionen führen nach Währing, in eine "Mauthner-Villa", die 1848 einigen Revolutionären ein sicheres Versteck bot, und in den Sternwartepark mit seinem vergessenen Coudé-Fernrohr. Technikgeschichte in Form eines Lastenaufzugs findet sich auch an der Fischerstiege, wo sich im Hof "die letzte Bombenruine Wiens" befindet. In der Breitenseer Kaserne verbirgt sich eine Jugendstilkapelle. Der Haschahof in Rothneusiedl, der letzte Gutshof der Stadt, kam kürzlich in die Schlagzeilen. Er soll demoliert werden. Dieses Schicksal erlitt 2010 das bis dahin höchste Bauwerk Österreichs, der Sender auf dem Bisamberg. Erhalten blieb allerdings der Generatorenraum, der 1945 knapp seiner Sprengung entging. Die Spuren der Zündschnüre haben sich in die Bodenkacheln eingebrannt. Die Peripherie hat noch einige geheimnisvolle Stätten zu bieten, wie die ehemalige Sargfabrik in Atzgersdorf oder das Gaswerk Leopoldau. Während erstere ein Kulturzentrum werden soll, ist der Große Saal des letzteren eine devastierte "Geisterstätte".

Das Buch umfasst 35 Geschichten, teils mit offenem Schluss, wie beim Stadtentwicklungsgebiet Rothneusiedl: "Bleibt zu hoffen, dass tatsächlich passiert, was die Politik versprAicht …" Viele Rätsel sind noch zu lösen, wie beim großen Brunnen des Bade-Etablissements in der Weihburggasse. Manche Fragen verleiten zum Philosophieren, wie beim Weinhaus Sittl: "Der Keller wird zum Spiegel unser selbst, er ermahnt uns, dass nichts für die Ewigkeit geschaffen ist."