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Roland Girtler: Streifzug durch den Wiener Wurstelprater#

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Roland Girtler: Streifzug durch den Wiener Wurstelprater. Die bunte Welt der Schausteller und Wirte. Böhlau Verlag Wien Köln Weimar 2016. 255 S., ill., € 24,99

Man kennt - und schätzt - Roland Girtler als em. Professor für Soziologie, Fachbuchautor und Tageszeitungs-Kolumnisten. Es verwundert nicht, dass der "vagabundierende Kulturwissenschafter" den Wiener Wurstelprater zum Ziel seiner "Streifzüge" erkoren hat. Dafür fand der passionierte Radfahrer mehrere gute Gründe. Einer liegt im 250-Jahr-Jubiläum des in seiner Art weltweit einzigartigen Vergnügungszentrums, ein anderer in persönlichen Erinnerungen. "Seit meiner Kindheit übt der Prater, speziell der Wurstelprater, eine ungeheure Faszination auf mich aus", schreibt der Autor, der ihn auch mit seiner späteren Ehefrau gerne besuchte, der er das Buch widmete. Schließlich bietet sich der Prater als ideales Forschungsfeld für die "teilnehmende Beobachtung" an - über deren Methode Roland Girtler wissenschaftliche Standardwerke verfasst hat. Zur praktischen Anwendung schickte er auch jetzt StudentInnen in den Prater und zitierte aus deren Protokollen.

Zum Praterjubiläum sind schon viele Bücher erschienen, dieses zeichnet sich durch den speziellen Girtler-Stil aus. Mit solidem universitärem Hintergrund bringt der Autor Historisches - das berühmte Avertissement Kaiser Josephs II., ebenso wie Texte von Adalbert Stifter, Felix Salten oder dem weit gereisten Deutschen Carl Julius Weber, der 1849 die Vorzüge Wiens in Reimen pries: "Paris, laut wie Theater, hat kein Glacis und keinen Prater". Der Professor geht auf die Tradition ein - Stichworte: Läuferrennen, "Venedig in Wien", Calafati, Weltausstellung 1873, Kinos, Feste u. v. m. - und vermittelt zugleich das Gefühl, mit ihm am Tisch zu sitzen, wenn seine originellen Interviewpartner beim Bier ihre Geschichte(n) erzählen. Der "Wanderer zwischen den Welten" begegnet ihnen immer interessiert und wertschätzend, egal ob er es (wie in früheren Büchern) mit Aristokraten oder Ganoven zu tun hat.

Seinen Streifzug durch den Wurstelprater beginnt er, ganz offiziell, mit einem Gespräch im Büro des Geschäftsführers der Wiener Prater GmbH, zuständig für Entwicklung und Marketing des Praters. Dieser ist für den Wien-Tourismus "von ungeheurer Bedeutung". Wie man an anderer Stelle des Buches erfährt, kommt rund je ein Viertel der Gäste aus dem Ausland und aus den Bundesländern, in der von Mai bis Oktober dauernden Saison rund drei Millionen Besucher. Genaue Angaben gibt es nicht, denn es ist das Besondere des Wiener Wurstelpraters, dass man keine (nummerierten) Eintrittskarten kaufen muss, wie in allen anderen Freizeitparks, sondern einfach durchspazieren kann.

Die "1. Station" von 23 ist das "Kaffee Urania" im nahen 3. Bezirk, wo die Leser erste Bekanntschaft mit den großen "Praterfamilien" schließen können, die jeweils mehrere Attraktionen betreiben. Auch den Beruf des Rekommandeurs, Hutschenschleuderer genannt, lernt man kennen. Seine Aufgabe war es, das Publikum mit Schmäh und Charme zum Besuch zu verlocken. Während Lilioms Nachfolger noch tätig sind, gibt es bei den Autodromen keine "Fliegen" mehr. So nannte man "Mädchen mit einem sehr lockeren Lebenswandel", die junge Burschen zu einer Fahrt animieren sollten.

Heute zählt der Wurstelprater rund 250 Unternehmen, vom 1890 gegründeten "1. Wiener Pony-Caroussel" bis zu den jüngsten "Adrenalin-Attraktionen". Das Buch beschreibt viele von ihnen, wie Riesenrad, Hochschaubahn, Autodrome, Schießbuden, Liliputbahn, Grottenbahn, Geisterschloss, Toboggan, Wiener Rutsche, Schwarze Mamba, aber auch Örtlichkeiten wie Planetarium, Pratermuseum, Maria Grün, Schweizerhaus, Lusthaus oder Meierei. Das Nette und Amüsante daran ist, dass es nicht nur um die Lokalitäten geht, sondern vor allem um die Menschen.

Die Interviews öffnen den Blick hinter die Kulissen der "bunten Welt der Schausteller und Wirte". So erzählte der "Prater-Heinzi", Jahrgang 1943, "eine Berühmtheit im Prater, er kennt den Prater seit Jahrzehnten wie kein Zweiter" dem Feldforscher im Schweizerhaus aus seinem Leben. "Der sympathische Mann ist ein Original aus Witz und Charme. Er ist für mich der klassische Vertreter der Hutschenschleuderer und Rekommandeure des Praters. " Als Lehrling in einer Maschinenfabrik wollte der Heinzi im Urlaub Geld verdienen - und bekam im Prater am Tag so viel wie ein Lehrling in der ganzen Woche. Doch schloss er die Lehre ab und verdiente dann gut als Mechaniker bei den Fahrgeschäften. Er betrieb zudem - damals noch legal - Glücksspiele und ist bis dato der Fahnenträger des Wiener Schaustellerverbandes.

Spannend ist auch die Story von Walter Pondorfer. Der Dachdecker und Bergsteiger aus Osttirol kennt keine Höhenangst und hat Mut zum Risiko. Sein Vater war der erste, der Reparaturen an Kirchturmdächern ohne Gerüst, an einem Seil hängend, durchführte. Der Sohn erwies sich in diesem Metier als nicht weniger waghalsig, außerdem erlernte er den Mechaniker-Beruf. Zufällig sah er in Kanada auf einem Festplatz ein Fahrgeschäft, bei dem die Besucher in einer Kugel an einem Gummiseil in die Höhe geschossen wurden. Da es in Österreich nichts Vergleichbares gab, konstruierte er eine solche Maschine, aber betriebstechnisch sicherer, mit Stahlfedern statt Gummiseilen. Auch der Praterturm, mit 117 m das höchste Kettenkarussel der Welt, geht auf seine Idee und Ausführung zurück. Pondorfers Attraktionen, wie die "Schwarze Mamba", die ihre Kunden mit 80 km/h durch die Luft wirbelt, sind zugleich Musterstücke für Besteller aus dem In- und Ausland, Zwei Dutzend Geräte hat der Unternehmer bereits verkauft - und wenn ihm wieder etwas einfällt, erfindet er einfach etwas Neues.

Der berühmteste Verpflegungsbetrieb ist wohl das "Schweizerhaus", untrennbar verbunden mit der Familie Kolarik, die es 1920 übernahm und das Budweiser Bier nach Wien brachte. Der Fleischhauer Karl Kolarik, als Sohn tschechischer Zuwanderer 1901 geboren, pachtete mit 19 Jahren das Schweizerhaus. Später kam der Handel mit Bier dazu, das er mit der Franz-Josefs-Bahn aus Böhmen bringen ließ. Seine Frau stammte aus Ostfriesland. Beider Sohn wurde im Zweiten Weltkrieg geboren und wuchs bei der Mutter in Norddeutschland auf, dem entsprechend sprach er Plattdeutsch. Als die Familie dann gemeinsam in Wien lebte, schickte ihn der Vater in die tschechische Schule. Wienerisch erlernte Karl-Jan wie eine Fremdsprache. Er absolvierte die Handelsakademie und die Wirtschaftsuniversität. Mit seiner Schwester Lydia besitzt er den Familienbetrieb, in dem auch seine Frau und eine Tochter tätig sind. Stammkunden sind nicht nur Praterbesucher und Fußballfans des nahen Stadions. Der beliebte Kellner, Herr Gerhard, erzählte dem Soziologieprofessor von einer 80-jährigen Meidlingerin, die ohne Medikamente auskommt und fast täglich da ist: "Sie geht die Hauptallee bis zum Lusthaus und zurück. Dann trinkt sie bei uns ein Bier und zwei Achtel roten Wein und dann einen Nussschnaps. Der Arzt hat zu ihr gesagt, sie solle nur so weiter machen."

So gesund ist es im Prater. Für die seelische Ausgeglichenheit sorgen der katholische Touristenpfarrer Joe Farrugia und sein evangelischer Kollege Stefan Schumann. Hier kommt die Wallfahrtskirche Maria Grün ins Spiel, wo auch Hochzeiten und Taufen der Praterleute stattfinden. Als Kontrastprogramm führt der Autor dann in die Büsche, mit "Erinnerungen an Landstreicher, Fassldibbler und Strizzis". In den 1980er Jahren begleitete er als Feldforscher Polizisten bei "Pros-Streifen" und lernte dabei die Welt der "leichten Mädchen" kennen. Die Streifzüge enden besinnlich, an der Hauptallee in der "Meierei". Diese entstand im Zuge der Weltausstellung 1873 und ist im Besitz der Dynastie Holzdorfer. Ihr Stammvater, den man einen Praterkönig nannte, eröffnete die erste Geisterbahn der Welt und das erste Autodrom Europas.

In den 1970er Jahren gab es im Wiener Prater acht Autodrome. Roland Girtler besuchte das "Super-Autodrom" und sprach mit seiner Eigentümerin Katja Kolnhofer. Sie sagte in einem früheren Interview: " Wichtig, um hier bestehen zu können, ist die Gemeinschaft der Praterunternehmer. Der Prater ist wie ein kleines Dorf. Die meisten bleiben ewig hier. Es gibt Seilschaften und Fehden , aber zum Glück ist alles parteifrei, und die Probleme ähneln jenen einer Familie … Aber im Großen und Ganzen passt es für uns alle." Sie fasst zusammen: "Unsere Arbeit ist die Kultur des Vergnügens".

Vergnügen garantiert auch die Lektüre des vorliegenden Buchs, bei dem Wiederholungen und Druckfehler selten sind. Ein peinlicher entstand durch verstellte Buchstaben auf Seite 88, wo es um Krepppapier-Rosen aus einer Schießbude geht. Nicht von Rosen, sondern von im Prater blühenden Bäumen handelt das bekannte Lied, dessen Titel auf Seite 22 falsch, der Refrain auf Seite 250 richtig zitiert wird - sonst würde sich "Träume" nicht reimen. Aber diese Bemerkungen sind nur als Anregung für eine zweite Auflage gedacht, die dem spannenden Buch bald zu wünschen ist.