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Martin Haidinger: Franz Josephs Land#

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Martin Haidinger: Franz Josephs Land: Eine kleine Geschichte Österreichs. 320 S., ill., Amalthea Signum Verlag Wien 2016. € 24,95

2016 begeht man hierzulande ein Franz Josephs-Jahr. Anlass ist die 100. Wiederkehr des Todestages des Kaisers. Vor genau zwei Jahrzehnten feierte man "1000 Jahre Österreich". Zwischen diesen Meilensteinen (und historisch noch weiter zurück) bewegt sich die "Kleine Geschichte Österreichs" von Martin Haidinger. Der Autor, ein preisgekrönter Wissenschaftsjournalist, ist Historiker und Wissenschaftsredakteur u. a. beim ORF. Schon der intelligent-doppelsinnige Titel seines jüngsten Buches "Franz Josephs Land" verweist auf weitere Talente. Martin Haidinger wäre auch als Kabarettist erfolgreich (und ist es als Vortragskünstler).

Den Einstieg hat er sehr persönlich gewählt. Während er als Austauschschüler den Sommer 1984 in England verbrachte, sah sich der 15-Jährige einer Reihe von Vorurteilen gegenüber. In den Augen seiner Gastgeber, einer Lehrerfamilie, war Österreich ein Land hinter dem Eisernen Vorhang mit noch nicht beseitigten Bombenschäden. "Wie man es auch drehte und wendete, war ich kleiner Austrian Boy der Repräsentant eines blinden Flecks auf dem Radar der einfachen Engländer." Diesen zu beseitigen, wäre das vorliegende Buch bestens geeignet, würde man es ins Englische übersetzen - vielleicht eine Anregung für den Verlag?

In gekonnter Art führt der Autor durch eine lange Geschichte, ohne dass sie jemals langweilig würde. Einmal mehr wird bewusst, wie kriegsdurchsetzt die Vergangenheit war, die Martin Haidinger in zehn großen Kapiteln entfaltet. Geschickt verpackt er Historisches und Anekdotisches, zeigt Widersprüchliches auf und spielt mit Klischees: "Franzl! Sissi!" überschreibt er den Abschnitt über Bad Ischl und die Kaiservilla, doch hält er sich nicht lange mit Privatem auf. Gleich kommt er "Zurück an den Start", bis zum legendären Ötzi, Kelten, Römern und der Schlacht auf dem Lechfeld anno 955. Weiter geht es chronologisch mit "Markigen Geschichten", zum Letzten Ritter, Maximilian I., Reformations- und Gegenreformationszeit eilen im Sauseschritt vorbei. Maria Theresia "übernimmt die Zügel der Herrschaft und hält sie straff in der Hand". Als Regenten folgen ihre Söhne Joseph II. und Leopold II., den nach nur zwei Jahren von sein Ältester, Franz, beerbt.

Er gerät in eine Umbruchszeit. 1806 lässt er das Ende des Heiligen Römischen Reichs und das Niederlegen der Kaiserkrone verkünden. Aus dem römisch-deutschen Kaiser Franz II. wurde Franz I., Kaiser von Österreich. Die "lähmend lange Ära des guten Kaisers Franz" sollte noch bis 1835 dauern. Auf Anraten des Staatskanzlers Metternich opfert er seine Erstgeborene, Maria Louise, dem Erzfeind Napoleon als Gattin: "Ein moralischer Tiefpunkt für die Habsburger". Außerdem braucht Europa einen "großen Kongress zur Friedenssicherung, der die Welt neu ordnen soll. Er wird für September 1814 in Wien angesetzt. … Zusammengerechnet befanden sich im Zeitraum von zehn Monaten Vertreter von 200 Staaten und anderen Interessengruppen in Wien, insgesamt etwa 100.000 Personen. … Am Ende hatte der Kaiser als Gastgeber eine Rechnung von 30 Millionen Gulden zu begleichen - eine astronomisch hohe Summe, die letztlich zu einem zweiten Staatsbankrott binnen kurzer Zeit führte." Martin Haidinger übertitelt dieses aufregende Kapitel "Zum letzten Mal Weltpolitik". Seinen Schlusspunkt bildet die Schlacht von Königgrätz: "7587 Tote beider Seiten bleiben auf dem Blutacker zurück, 22.000 Österreicher geraten in preußische Gefangenschaft."

Ein halbes Jahrhundert geht die erzählte Geschichte noch weiter. Sie endet sie mit dem Tod Kaiser Franz Josephs, der von seinen 86 Lebensjahren 68 als Herrscher über knapp 52 Millionen Untertanen verbrachte. "Man muss nicht unbedingt Wissen um die Geschichte haben, die doch laut einem Diktum Voltaires nur die Lüge ist, auf die man sich geeinigt hat. Man muss nicht, aber es hilft", schreibt Martin Haidinger. Selten wird Geschichte so unterhaltsam und fundiert vermittelt wie hier von ihm.

Im Franz-Josephs-Jahr 2016 ist dem Monarchen eine Großausstellung an vier Schauplätzen gewidmet. Einer, das Hofmobiliendepot, bot den passenden Rahmen der Buchpräsentation. Man erlebte eine denkwürdige und humorvolle Doppelkonference von Martin Haidinger mit seinem Geschichts-Professor, dem Ausstellungskurator Karl Vocelka. Wer nicht dabei war, hat etwas versäumt. Aber Versäumtes lässt sich zumindest teilweise nachholen - durch die Lektüre dieses Buches, das man unbedingt gelesen haben sollte.