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Georg Hamann: 50 x Wien, wo es Geschichte schrieb#

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Georg Hamann: 50 x Wien, wo es Geschichte schrieb. Unbekanntes, Unerwartetes, Unglaubliches. Amalthea-Verlag Wien 2016. 272 S., ill., € 25,-

"Plaire et instruire" - unterhalten und belehren - sollte klassische Literatur im 17. Jahrhundert. Im besten Sinn lässt sich dieses Motto auf das jüngste Buch von Georg Hamann anwenden. Zwar hat "belehren" heute keinen guten Klang, "informieren" klingt besser. Auch wer Wien, seine Geschichte und Geschichten gut kennt, wird hier noch einiges lernen können. Der Autor - Historiker und Ausstellungsgestalter - präsentiert Personen, Orte und Ereignisse in angenehm lesbarer Form. Er hat Information und Unterhaltung perfekt ausgewogen.

Der Zeithorizont reicht vom Hochmittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Die ersten Geschichten führen zur 1350 gegründeten Mohrenapotheke in der Innenstadt und zu Rudolf, dem Stammvater der österreichischen Habsburger. Selbst wenn es um so erschreckende Themen wie die Pest oder Verbrechen geht, bleibt die Lektüre anregend. In der Renaissancezeit machten die Wiener Bekanntschaft mit exotischen Tieren und Pflanzen. Anno 1552 bereiteten sie dem späteren Kaiser Maximilian II. einen triumphalen Empfang. Die Attraktion des Einzugs war ein Elefant. Generationenlang zierte sein Abbild das "Elephantenhaus" am Graben. Die Fama berichtet, dass ein kleines Mädchen in dem Gedränge zu Fall kam. Das "Ungetüm" hob es mit dem Rüssel auf und reichte es der Mutter. Maximilian II. engagierte den prominenten Botaniker Carolus Clusius. Dieser pflanzte und erforschte in Wien bisher unbekannte Pflanzen wie Tulpen, Kastanien, Flieder, Kartoffel oder Kaffeestauden. Der glanzvolle Aufstieg der Haupt- und Residenzstadt begann nach der Zweiten osmanischen Belagerung. Was sich 1683 - jenseits der Schulbuchweisheit - hinter den politischen Kulissen abspielte, verrät Georg Hamann. Vom Einfluss der katholischen Kirche und dem Wirken ihrer Orden erfährt man in den folgenden Kapiteln. "Pater Kindergeneral" Ignaz Parhammer leitete das Waisenhaus mit militärischer Diszpin, machte es aber doch zu einer Musteranstalt. Sogar Papst Pius VI. besichtigte es 1782 bei seinem Wien-Besuch. Die Trinitarier, damals nach ihrem Habit auch "Weißspanier" genannt, setzten sich für den Freikauf christlicher Gefangener ein. Dass sie die Kirche auf dem Mexikoplatz betreuen, ist allgemein bekannt. Dass sich aber in jenem Gotteshaus ein Gemälde befindet, das ihren weltberühmten Landsmann, den Dichter Miguel de Cervantes zeigt, mag überraschen. Auch der Schöpfer des Don Quijote war einer der Hunderttausenden von den Trinitarien aus der Sklaverei Befreiten.

Die Epoche Joseph II. ist durch unterschiedliche "Vergnügungen" gekennzeichnet: Hetztheater, Augartenkonzerte und die Hinrichtungen auf dem Rabenstein in der Rossau zogen die Massen an. Obwohl der Kaiser die Todesstrafe 1781 de facto aufgegeben hatte, machte er fünf Jahre später eine viel beachtete Ausnahme. Der verurteilte Raubmörder Franz von Zahlheim war ein Adeliger und Staatsbeamter. Als solcher sollte er Vorbild sein und durfte sich keinerlei Straftat erlauben. In der Zeit des Biedermeier und Vormärz sorgten u. a. ein Attentat auf Napoleon in Schönbrunn, die Geselligkeit im Männerbund "Ludlamshöhle" und die Wienbesuche von Honoré de Balzac und Hans Christian Andersen für Aufmerksamkeit. Hingegen beehrten David Kalakaua, König von Hawaii, und Mark Twain Wien erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der 70-jährige Karl May hielt hier 1912 den letzten Vortrag seines Lebens. Das Buch stellt skurrile, sympathisch wirkende, intellektuelle und idealistische Persönlichkeiten vor. Als zeitlich letzte ist es der 1925 ermordete Hugo Bettauer, Autor des Romans "Stadt ohne Juden".

Die Auswahl der 50 Orte in Wien, "wo es Geschichte schrieb" war keineswegs einfach . Aber die Orte waren dem Verfasser dieses informativen und unterhaltsamen Buches nicht das Wichtigste. Lohnenswert erschien ihm "vielmehr die Beschäftigung mit den Menschen, die an jenen Orten gelebt und gewirkt oder auf andere Weise ihre Spuren hinterlassen haben." Georg Hamann lässt die Spuren nicht verwehen. Seine Leserschaft wird es ihm zu danken wissen.