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Thaddäus A. Ploner - Birgit Kluka: Stift Klosterneuburg - Erneuerte Herrlichkeit #

Bild 'Ploner'

Thaddäus A. Ploner - Birgit Kluka: Stift Klosterneuburg - Erneuerte Herrlichkeit. Die Generalsanierung. Hg. Wolfgang Christian Huber im Auftrag des Stiftes Klosterneuburg. Amartis Verlag Wien 2016. 192 S. ill., € 39,-

"Alles neu!" lautete 2010 der Titel des Besuchermagazins "Willkommen im Stift". Für Denkmalpfleger klingt das Zitat aus der Johannes-Apokalypse eher wie eine gefährliche Drohung. Nicht, dass sie etwas gegen Erneuerungen hätten, aber sie sehen diese differenzierter, als die Überschrift vermuten lässt. So stellen die Autoren gleich eingangs fest, dass man beim Umgang mit historischer Bausubstanz zwischen "Renovierung", "Restaurierung" und "Sanierung" zu unterscheiden hat. Alle drei Arten fanden bei dem Bauvorhaben Niederösterreichs Anwendung. Das Buch dokumentiert dies eindrucksvoll. Die Generalsanierung des Stiftes Klosterneuburg erstreckte sich über vile Jahre (1985-2013).

Autoren sind der Augustiner-Chorherr Thaddäus A. Ploner und die Bauingenieurin Birgit Kluka. Als Herausgeber im Auftrag des Stiftes fungiert Kurator Wolfgang Christian Huber. Alle drei sind nicht nur exzellente Experten, sondern auch beruflich dem Stift Klosterneuburg verbunden. Der Bild-Text-Band gliedert sich in acht große Kapitel. Einen roten Faden durch die "Erkundungstour der Erneuerung" bilden Zitate aus der Klosterchronik und Restaurierberichte. Großformatige Fotos zeigen historische Ansichten, Schadensbilder und erfreuliche Vorher-nachher-Gegenüberstellungen.

"Eine kleine Hinführung" erläutert die Geschichte der Anlage von der Gründung durch Markgraf Leopold III. vor etwas mehr als 900 Jahren bis zum Jubiläum 2014. Erneuerungen wurden im Laufe der Jahrhunderte immer wieder durchgeführt, so dass es nicht übertrieben scheint, von einer 900-jährigen Baustelle zu sprechen. Kernstück des Klosterkomplexes ist die Stiftsbasilika. Das denkmalpflegerische Großprojekt war 2007 nach einem Jahrzehnt der Innen- und Außenrenovierung abgeschlossen. Wie so oft, galt auch hier: "Der oberflächliche optische Eindruck war mehr Schein als Sein." Vor allem galt es, die zerstörende Feuchtigkeit und Anobienschäden ("Holzwurm") zu beseitigen, Klimatisierung, Heizung und Elektroinstallationen ( 40 km Kabel !) zu erneuern. Die Archäologen und Restauratoren fanden auch einige Überraschungen, wie eine Gruft vor dem Hochaltar, eine bemalte Säule aus dem 12. Jahrhundert oder einen übertünchten, barocken Freskenzyklus.

Im Westen und Norden haben sich neben dem barocken "Neustift" romanische und gotische Bauteile erhalten, wie der babenbergische Fürstentrakt, die alte Prälatur, ein Wehrturm oder das aufgelassene Chorfrauenstift. Der Zwischentitel sagt eigentlich alles: "Das Altstift - viele restauratorische Herausforderungen". Besonders markant wirkt die mittelalterliche Schaufassade der Leopoldiburg, ursprünglich das Pfalzgebäude Leopolds III. Im Lauf der Zeit mehrfach umgestaltet, wurde der Herrschaftssitz zur Weinbauschule und zum Kunstmuseum. Heute bewahrt er das Stiftsarchiv. Während dieser Teil mit dem gotischen Prachterker ein Paradebeispiel für die behutsame Restaurierung darstellt, hat der außerhalb stehende Schüttkasten aus der Zeit um 1670 mehrfach seine Funktion gewechselt. Für das Innere des "Stiftkellers" brachte dies merkbare Eingriffe. Vor der dringend notwendigen Generalsanierung musste er sogar völlig gesperrt werden. Umsichtig gelang nun die Synthese von Alt und Neu.

Das barocke "Neustift" erreichte nur einen Bruchteil seiner geplanten Gestalt als "österreichischer Escorial". Kaiser Karl VI. wollte Herrscherresidenz und Klostergemeinschaft vereinen. Zwar verfolgte man das Projekt noch nach seinem Tod (1740) weiter, vollendete es aber nicht mehr. Doch auch die realisierten Teile sind beeindruckend, so waren in den fünf Stockwerken allein 380 Fenster zu sanieren. Generationenlang blieb der Gartensaal ein Torso, "ein Rohbau, der im Zustand seiner Vollendung ein Prunkraum allerersten Ranges geworden wäre". Nun wurden die acht Atlanten der Sala terrena behutsam gereinigt, störende spätere Einbauten entfernt, Fenster und Stiegen freigelegt, sodass 2006 ein großzügiges Besucherzentrum entstand. Hier nehmen die unterschiedlichen Führungsrouten ihren Ausgang, Souvenirs aus dem Klostershop und Karten für Veranstaltungen sind dort erhältlich. Die Verbindung von historischer Substanz und modernen Einbauten wurde als "kunsthistorische Sensation" gepriesen und mit dem Europa Nostra-Preis für die Erhaltung des architektonischen Kulturerbes ausgezeichnet.

Einer der wieder erschlossenen Wege führt von der Sala terrena in die Schatzkammer. Dort ist auch ein repräsentativer Platz für Wechselausstellungen. 2016 ist eine solche dem Jubiläum "400 Jahre Erzherzogshut" gewidmet. Die "Krone Österreichs" steht im Zentrum der Räume der Schatzkammer, die u. a. Reliquienbehälter, liturgische Geräte und Messgewänder - darunter auch einen Jugendstilornat - beinhaltet. Das älteste Stück ist eine Kassette aus Elfenbein, die als „Schreibzeug des Heiligen Leopold“ bezeichnet wird, das jüngste die zum 900-Jahr-Jubiläum angefertigte Messgarnitur. An dieser wird deutlich, dass die Klosterneuburger Schätze hier nicht nur perfekt museal präsentiert sind, sondern auch im liturgischen Gebrauch stehen.

Ein weiteres großes Kapitel der Dokumentation machen die Dächer aus. 197.000 bunt glasierte Biberschwanz-Ziegel auf der Kirche, 8000 m² Dachziegel im Altstift-Bereich, dazu 185.000 "Wiener Taschen" auf den Barocktrakten, Schmuckschornsteine und konstruktive Elemente erforderten hohen finanziellen und fachlichen Einsatz. Die markanten, patinierten Kuppeln sind mit 1.200 m² Kupferblech gedeckt. Fotos zeigen die Restauratorin, die sie in schwindelnder Höhe an einem Kletterseil hängend, begutachtet. Sie fand heraus, dass die riesigen Nachbildungen der Kaiserkrone und des Erzherzogshuts einst vergoldet waren.

Die Generalsanierung des Stiftskomplexes stellte im wahrsten Sinn des Wortes "ein vielschichtiges Unterfangen" dar. Denn nicht nur Altes sollte erhalten und umsichtig neuen Bedürfnissen angepasst werden - es ging auch um den Einbau eines Hackschnitzel-Fernheizwerks auf dem Stiftsareal. Diese größte private Baustelle Niederösterreichs - allein im Stift verlegte man dafür 8 km Rohre - umfasste auch den Bau von Räumlichkeiten für das Stiftsweingut und Garagen. Das unterirdische Fernwärmewerk versorgt außerdem öffentliche Einrichtungen der Stadt, wie Rathaus oder Spital. Der darüber angelegte moderne Teichgarten lässt die technische Raffinesse unter der Erde nicht ahnen.

Das letzte Kapitel des Buches widmet sich den Gärten und Plätzen, wie dem "Paradiesgärtlein" im Stil der Gotik, das der Kreuzgang umschließt, der instand gesetzten Orangerie, die der Biedermeier-Stararchitekt Josef Kornhäusel im Zug seines Stiftsumbaus plante, dem Konventgarten und den "Gärten der Jahrhunderte" in den Höfen. Die Plätze innerhalb der Stiftsmauern wurden ebenfalls umgestaltet und die archäologischen Funde dokumentiert. Der neuen Bedeutung der Sala terrena entsprechend, erhielt sie einen modernen Vorplatz samt elegant geschwungener Stiegenanlage zum Stiftsplatz.

Am Ende des aufschlussreichen Buches angelangt, bleibt zu bewundern, was im Stift Klosterneuburg alles geleistet wurde, und mit welcher Qualität. So kann man sich nur den Worten von Abtprimas Propst Bernhard H. Backovsky anschließen: "Mit diesem Buch wünsche ich allen Leserinnen und Lesern viel Freude und mit viel Zuversicht und Optimismus wollen wir alle in die Zukunft blicken!"