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Karl Vocelka - Martin Mutschlechner (Hg.): Franz Joseph 1830-1916#

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Karl Vocelka - Martin Mutschlechner (Hg.): Franz Joseph 1830-1916. Brandstätter-Verlag Wien 2016. 352 S., ill. € 49,90

Vor 100 Jahren starb Kaiser Franz Joseph. Er übertraf alle Habsburger durch die Dauer seiner 68-jährigen Regierungszeit. Sie begann 1848 und endete im Ersten Weltkrieg 1916. Dazwischen lagen militärische Auseinandersetzungen mit Russland, Frankreich und Preußen, der österreichisch-ungarische Ausgleich, in Wien die Schleifung der Stadtmauer und die Anlage der Ringstraße sowie die Weltausstellung von 1873. Franz Joseph war der erste Kaiser, dessen Thronjubiläen - 1898 und 1908 - aufwändig begangen wurden. Heuer gedenkt man der 100. Wiederkehr des Todestages mit Ausstellungen und Büchern. "Die" Franz-Josephs-Ausstellung findet an vier Orten statt, nämlich im Schloss Schönbrunn, wo sein Leben begann und zu Ende ging, in der kaiserlichen Wagenburg, im Hofmobiliendepot und im dafür reaktivierten Jagdschloss Niederweiden. "Das" Buch zum Jubiläum, ein repräsentativer Katalog und doch weit mehr als ein solcher, verfassten die Historiker Karl Vocelka, der für Konzept und wissenschaftliche Ausstellungsleitung verantwortlich zeichnet und Martin Mutschlechner (kuratorische Assistenz).

Als Gestalter und Autoren standen sie vor der schwierigen Aufgabe, das Bild eines gleichermaßen Mythen umrankten wie kritisierten Herrschers zurecht zu rücken. Für Buch versicherten sie sich der Mitarbeit von zwei Dutzend ExpertInnen, die ebenso viele Artikel verfassten. Zur Einstimmung dienen acht ganzseitige Portraits, vom blondgelockten Dreijährigen mit Zinnsoldaten bis zum weißhaarigen Greis mit hoher Stirn und charakteristischem Backenbart.

Wie die Ausstellung, die in 14 Räumen des Schlosses Schönbrunn unter dem Motto "Mensch und Herrscher" stattfindet, mit einem Kenotaph beginnt, erläutert ihr Architekt Erich Woschitz im ersten Essay die "Gestaltung eines Todestages". Sein Konzept für die vier Schauplätze bildet die "Lebenslinie". Das Themenspektrum des Buches ist breit gestreut. Die Innen-und Außenpolitik ebenso wie der "private" und der "ganz private" Kaiser, Feste und Alltag, Reisen, Jagd und "der Medienkaiser" werden beleuchtet, Bekanntes und wenig Bekanntes referiert. Karl Vocelka fasst in seinem Grundsatzartikel die Persönlichkeit Franz Josephs als "Herrscher, Soldat, Beamter, Katholik, Familienmensch, Jäger" zusammen: "Die vielschichtigen Aspekte seiner Persönlichkeit trugen bereits zu Lebzeiten des Kaisers zu einer Stilisierung bei, doch war es vor allem seine lange Regierungszeit, die ihn zu einer Symbolfigur für die Habsburger Monarchie werden ließ." Mario Döberl, Kurator der kaiserlichen Wagenburg, schreibt über die Kutschen des Kaisers, unter dem Titel, den auch dieser Ausstellungsteil trägt: "Repräsentation und Bescheidenheit". Beides trifft auf Franz Josephs Fahrzeuge zu. Er verwendete nur Kutschen, die während seiner Regierungszeit entstanden. Sie waren modern und wirkten unspektakulär. Besonders schätzte der Monarch einen Galawagen des Wiener Wagenbauers Ludwig Laurenzi, dessen Preis einem heutigen Luxus-Geländewagen entspricht. Das zweisitzige Gefährt vom Typ "Victoria" verfügte über Achtfachfederung, ein goldverziertes Schwanenhals-Fahrgestell und kostbare Innentapezierung. Jockeys lenkten es auf den Zugpferden sitzend. Als Alltagswagen bevorzugte Franz Joseph einfache, zweispännige Kutschen mit Klappverdeck vom Typ "Mylord". Nur die dunkelgrüne Lackierung, der feine Goldbeschnitt und die an der Tür dezent angebrachte Kaiserkrone verrieten den Besitzer. Als die meisten europäischen Höfe bereits Autos benutzten, blieb der Monarch seinen Pferdewagen verbunden, nur fallweise ließ er sich in seinen letzten Jahren im Automobil chauffieren.

"Fest und Alltag" behandeln der dritte Ausstellungsteil im Hofmobiliendepot und fast die Hälfte der Essays. Hier findet auch der Mythos seinen Platz, wie man ihn in - zu Lebzeiten und danach - Bildern, Musik, Filmen und auf Schallplatten pflegte. Karin Moser und Hannes Leidinger haben sich in einem Forschungsprojekt mit "Franz Joseph in den neuen Medien" beschäftigt. "Erstmals auf Zelluloid gebannt wurde der alte Kaiser 1903 … 1907 filmte man die 'allerhöchste Majestät' etwa bei der Einweihung des Kaiserin-Elisabeth-Denkmals im Wiener Volksgarten, sehr umfassend gab man die groß angelegten Feierlichkeiten anlässlich des 60-jährigen Kronjubiläums von Kaiser Franz Joseph I. auf der Leinwand wieder." Auch für Aufnahmen von Schellackplatten stellte sich der Monarch zur Verfügung, allerdings erkannte er selbst seine Stimme kaum und die Platten erwiesen sich als Ladenhüter.

Das Marchfeld-Schloss Niederweiden nächst Schlosshof erfuhr im Zuge des Jubiläumsjahres eine Reaktivierung. Es ist der Schauplatz des vierten Ausstellungsteils, "Jagd & Freizeit". Matthias Pfaffenbichler verfasste den Essay "Passion und Politik" und stellt fest: "Die Jagd war von frühester Jugend bis ins hohe Alter für Kaiser Franz Joseph eine seiner wichtigsten Freizeitbeschäftigungen." Er pflegte sie zum Vergnügen und "im Spiel der Diplomatie, um politisch schwierige Situationen in entspannter Atmosphäre zu lösen." Mit vier Jahren bekam er sein erstes Gewehr, mit 12 erlegte er den ersten Hirschen und war bis zum Alter von 84 als Weidmann aktiv. Dabei brachte der Herrscher rund 50.000 Tiere zur Strecke.

Das vorliegende Buch verdient das Prädikat Prachtwerk, in Format und Umfang erinnert es an historische Kaiser-Jubiläumsbände. Davon unterscheidet es sich nicht nur durch den Fortschritt der Reproduktionstechnik, sondern vor allem durch Wissenschaftlichkeit und Ausgewogenheit. Die größere Hälfte ist dem Katalogteil gewidmet, der zahlreiche charakteristische Objekte der 370 Exponate auch im Bild vorstellt. Wie im Essay-Teil verbinden sich fundierte Information und optischer Genuss. Ein umfangreicher Anhang rundet das Werk ab.