KASTE UND BIOS#



Die Problematik von Kaste und biologischem Aspekt des Menschen differenziert sich nach zwei Seiten hin. Einerseits ist es die Problematik der Geschlechter, andererseits die der biologischen Eigenschaftskomplexe, die wir »Rasse« nennen.

KASTE UND GESCHLECHT#

Heterosexuelle Problematik#

Wir wollen uns hier nicht in die ganz speziell zu untersuchenden Probleme der matriarchalen Gesellschaft vertiefen, die zwar möglicherweise, aber keineswegs sicher reziproke Verhältnisse zeigen werden wie die patriarchalen. Zur Zeit herrscht affektiv praktisch auf der ganzen Welt das patriarchale System, wobei die Männerwelt jeweils um die Frau kämpft. Die Kaste wird primär vom Mann bestimmt. Daran ändert auch die Tatsache der institutionellen, gesetzlichen Gleichberechtigung der Frau nichts. Natürlich gibt es daneben auch, wie wir schon zeigten, den Kampf um den Mann, doch hat dieser nicht die gleich kastenbestimmende Bedeutung.

Die Frau ist also fast immer Kampfobjekt, der Mann Kampfsubjekt. Die schöne, attraktive Frau dient als soziale Auszeichnung. Diese Ansicht führt oft dazu, daß sich ein arrivierter Mann eine neue Frau »zulegt«, die seiner neuen Position besser zu entsprechen scheint. Vielfach wird die treue, zuverlässige und opferbereite Kampfgefährtin des Mannes aus den Tagen seines Aufstiegs mit einem Mannequin ( - man beachte das sächliche Geschlecht des Wortes - ) ausgewechselt, das gewöhnt ist, teure Kleider vorzuführen und sich dazu in einem subtileren Sinn zu exhibitionieren. Man erkennt, wie hier die Frau als Demonstrationsobjekt der Kastenposition dient.

Aber zur väterlich-oberkastigen Position gehört häufig auch die Demonstration der eigenen Potenz durch das »Halten« mehrerer Frauen. Dort, wo die Polygamie erlaubt ist oder war, haben die »Großen«, Reichen, Mächtigen, mehrere Frauen, während sich die »Kleinen« dies nicht leisten können. Tacitus erzählt z. B. von den Germanen, daß die Edlen »um ihrer Vornehmheit willen« mehrere Frauen hielten.

Dort, wo die Frauen hart arbeiten müssen, stellt dagegen die Frau ein Arbeitskapital da. Die christliche Einehe, besonders die katholische Unauflöslichkeit der Ehe, ist kastenfeindlich, denn bei konsequenter Einhaltung der Ehegesetze ist einerseits der polygame Frauenprotz, andererseits die Auswechslung beim Kastenaufstieg unmöglich. Das feudale Mätressenwesen stellt eine Kompromißbildung zwischen der christlichen, kastenfeindlichen Einehe und der kastenbetonten Polygamie dar. Im bürgerlichen Kapitalismus gibt es ebenfalls ein entsprechendes Mätressenwesen und, nach Lösung von den christlichen Grundsätzen, auch noch den Frauenwechsel. Der Roman »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein« von Dudinzew zeigt, daß auch die sowjetische Oberkaste offenbar dazu neigt, mit dem Aufstieg einen Frauenwechsel zu verbinden.

Die Unterposition der Frau ist darüber hinaus noch anderweitig bestimmt. Für die europäische Frau liegt der Hauptakzent ihrer Tätigkeit immer noch im Haushalt. Dies beruht zum Teil wohl affektiv in der Natur der Frau, die eben Kinder bekommt, sie stillt und pflegt. Die Haushaltsarbeit ist jedoch zum Teil Schmutzarbeit, immer jedoch Handarbeit, natürlich mit den intellektuellen Steuerungen, die jede Hausarbeit besitzt. Dieses Faktum bestätigt die unterkastige Situation der Frau. Dabei spielt die Herrentümlichkeit des Mannes auch noch mit, obwohl seine Befehlsposition de facto häufig sehr reduziert ist. Weiterhin erhält, wie wir schon an anderm Ort zeigten, die Frau sekundär durch den Mann ihren gesellschaftlichen Standort. Ist sie nicht aus der gleichen Kaste wie er, wird sie durch ihn sekundär oberkastig oder unterkastig. Diese häufig vorkommende Sekundärposition macht es verständlich, daß Frauen eher Snobismen ausbilden als Männer, weil sie ein unbewußtes Minderwertigkeitsgefühl zu übertrumpfen haben. Die Frauen »erheiraten« oftmals einen Titel; damit taucht der bekannte Gegensatz von Ursprung und späterer Position auf. Auch hier bei der Frau handelt es sich wiederum nicht um eine naturhafte negative Stigmatisation - diesmal des weiblichen Charakters - , ihre Verhaltensweise ist vielmehr aus der besonderen Situation vieler Frauen verständlich. Primär oberkastige Frauen, etwa Adelige oder Akademikerinnen, benehmen sich auch nicht anders als primär oberkastige Männer.

Heute führt die Abbröcklung des patriarchalen Weltbildes dazu, daß die Familienposition nicht mehr im gleichen Maß vom Mann bestimmt wird. Daher heiraten schon zahlreiche Frauen jüngere Männer, - ein Verstoß gegen das patriarchale Leitbild. Die Frauen können nun eher »hinunterheiraten«. Die Vorstellung, die Frau müsse zu »einem Mann hinauf schauen«, hatte den Trend der Frau zu den oberkastigen Männern bestimmt. In einer Gesellschaft, in der die Position stärker von der Frau bestimmt wird, besagt es weniger, wenn die Frau einen unterkastigen Mann hat. Die Frau »wirft sich dann nicht mehr weg« (das heißt: hinunter], sondern hebt ihn zu sich herauf, wie dies der «Graf« oder der »Held der Sowjetunion« in hiesigen oder sowjetischen »Courths-Mahler«-Romanen mit dem unterkastigen Mädchen tun.

Homosexualität#

Nun läßt sich der Narzißmus, die Selbstliebe, auf Menschen mit gleichen oder ähnlichen physischen oder psychischen Merkmalen und somit zum Gruppennarzißmus ausdehnen, wenn auch dadurch nicht immer eine Kaste im Vollsinn des Wortes zu entstehen vermag.

Ähnlich wie aus dem zölibatären katholischen Klerus keine Kaste im Vollsinn des Wortes werden kann, ähnlich kann auch sonst kein Männer- oder Frauenbund eine Kaste im Vollsinn des Wortes werden. Die Tendenz zur Kastenbildung innerhalb der Geschlechter besteht jedoch schon. Extreme Frauenrechtlerinnen ebenso wie homosexuelle Männer wollten am liebsten immer nur unter sich bleiben und würden auch am liebsten untereinander heiraten und Kinder haben.

Die Frauen möchten sich vom Mann unabhängig machen, ebenso wie die Männer von den Frauen, um unter sich bleiben zu können (74). Der Wunsch geht hier weit über die Möglichkeiten, die die Realität bietet, hinaus. Wenn es den Biologen gelänge, auch beim Menschen (wie es schon bei Tieren glückte) zwei Eizellen zur Kopulation zu bringen, wäre es dem weiblichen Geschlecht möglich, unter sich zu bleiben und eine echte Frauen-Kaste zu bilden. Dies scheint heute im Bereich des Möglichen zu liegen. Zur Bildung einer Männerkaste wäre eine noch viel größere Brutofentechnik nötig, die es ermöglichen würde, daß zwei kopulierte Samenzellen miteinander ein neues Lebewesen ergeben. Wenn wir diese Möglichkeit für die fernere Zukunft auch nicht als völlig ausgeschlosscn hinstellen wollen, so scheint die konkrete Möglichkeit einer Geschlechtskaste der Frauen doch wesentlich größer zu sein.

Man wird mit Recht die Idee einer Realisierung einer Geschlechtskaste als intensiv pervers empfinden. Betrachtet man jedoch den Verlauf der Entwicklung einzelner Wissenschaften, so erscheint die Idee selbst keineswegs mehr im gleichen Grade unmöglich. Während sich also die Wunschbilder von Geschlechtskasten bislang nicht realisieren lassen, tauchen am Horizont der Wissenschaften immerhin schon Möglichkeiten dazu auf. Zugleich mit den Möglichkeiten von Geschlechtskasten erscheint die Realisierbarkeit der narzißtischen Selbstzeugung, wie sie der zitierte ägyptische Mythos wünscht, im Bereich des Möglichen.

KASTE UND RASSE#

Es ist sicher, daß sich in Indien, aber auch in anderen Ländern Affinitäten von Kasten und Rassen zeigen. Rasse ist ein biologischer Merkmalskomplex, der mehr oder weniger exakt gefaßt wird. In Anknüpfung an das über die Problematik von Sieger und Besiegten Gesagte können wir uns auch dieser Frage theoretisch nähern.

Ist nämlich das Eroberervolk, das oft eine weniger differenzierte Kultur besitzt als das unterworfene, anderer Rasse, unterscheidet es sich biologisch von dieser, dann wird die Kastenproblematik gleichzeitig zur Rassenproblematik. Das Eroberervolk versucht seine oberkastige Position beizubehalten und führt deshalb gerne für sich die Endogamie ein. In extremen Fällen dürfen sich auch nicht Eroberermänner mit Frauen der Unterworfenen einlassen, denn die aus solchen Verbindungen hervorgegangenen Mischlinge bedeuten eine Infragestellung der Trennungslinie. Von daher sind auch die strengen Strafen verständlich, die Manu (der indische Urvater) für jene Arias festlegte, die sich mit einer Unterkastigen verbanden. Wir erkennen hier zwei Möglichkeiten: entweder keine unterkastigen Frauen oder nur als Konkubinen. Solche Eroberungsüberschichtungen können nicht etwa nur Arier, sondern auch Mongolen oder Neger in ähnlicher Weise realisieren.

Die Kriegstüchtigkeit hängt kaum von Rassengegebenheiten ab wohl aber vom rauhen Klima und von gewisser Unbill der Natur (Mongolen, Nordindianer, Gebirgs- und Wüsten-Völker). Daß die Affinität zwischen Rassen und Kaste, wie sie da und dort besteht, keineswegs eine notwendige, etwa in der Natur der »besseren« (= siegreichen, herrschenden) Rasse gelegene ist, sondern daß dies mit Sieg und Niederlage sowie mit der Gesetzmäßigkeit der Kastenbildung überhaupt zusammenhängt, wird ersichtlich. Die Sieger sind immer die »Besseren«, das entspricht der Feudalansicht, den Zweikampf als »Gottesgericht« zu werten und den Sieger als Sieger von »Gottes Gnaden«, eine infantilnaive Annahme. Wenn etwa die Italiener schlechtere Soldaten sind als die Deutschen, dafür aber schönere Häuser bauen können, so ist für ein entwickeltes Kulturempfinden das Bauen schönerer Häuser eindeutig der Kriegstüchtigkeit vorzuziehen. Nur eindimensionale Wertmessungen kommen zu so einfältigen Wertungen von »besser« und »schlechter«.

Bei Überschichtungen von Völkern kommt es auch zu komplizierten religiösen Überlagerungen. So verdrängt der Gott der Eroberer oft den Gott der Besiegten. Das irdische Geschehen wird ins religiöse projiziert, um dann wieder zurückintrojiziert zu werden. Häufig wird auch aus dem Gott oder den Göttern der Eroberten der Teufel der künftigen Gesellschaft. So wird affektiv das weitgehend triebhaft bedingte Kastensystem religiös durch Modifizierung des ursprünglich echt religiösen Ansatzes gerechtfertigt (75). Diese Problematik müßte jedoch in einer eigenen Arbeit geklärt werden.

Die Eroberer besetzen die oberkastigen Berufe und drängen die Eroberten in die unterkastigen Positionen, so auch in die Schmutzberufe. Um die Eroberung zu halten, ist es auf jeden Fall nötig, die Waffen in der Hand zu haben, also Krieger zu spielen. Aber auch die Priesterschaft ist wichtig, weil sie besonders auf das kollektive Über-ich Einfluß hat. So wird beim Eroberervolk ein bestimmter Stil gepflegt und tradiert. Die Auseinandersetzung von Eroberern und Eroberten zeigt sich auch auf dem Gebiet der Sprache. In England zum Beispiel siegte die Sprache der durch die Normannen unterworfenen Gruppe, was das grammatikalische Grundgerüst betrifft. Jedoch nahm die Sprache recht viele normannische Vokabeln auf, und die betonte Benützung solcher gilt als vornehm. In Gallien siegte das Römische über das Gallische. Die Gesetzmäßigkeit dieser Entwicklung müßte man jedoch eigens untersuchen. Kulturelle Über- oder Unterlegenheit der Eroberer sowie die zahlenmäßige Größe der Uberschichter werden den Ausschlag geben.

Beim Problem von Kaste und Rasse ging es nicht um die Rassenideologie, sondern um die realen Verhältnisse im Anschluß an gegebene biologische Faktoren. Die Rassenideologie soll uns später beschäftigen.