KASTE UND ANDERE WELTRELIGIONEN#

KASTE UND BUDDHISMUS#

Wie das Christentum auf den germanischen Feudalismus, so stieß der Buddhismus auf das indische Kastenwesen. In Indien heißt Kaste selbst jati, was annähernd »Geschlecht« bedeutet. In seine Kaste wird man hineingeboren, ein Hinüberwechseln in eine höhere Kaste kann auch durch die höchste Leistung nicht geschehen. Der Mensch bleibt immer an seine ursprüngliche Kaste gebunden. Die Ehen sollen immer nur zwischen Menschen gleicher Kaste geschlossen werden. Diese ist also eine erstarrte Form, sie umschließt ihre Angehörigen für immer. Die oberste der Kasten ist die der Brahmanen. Schon im »Satapathabrah-mana« heißt es vom Brahmanen:
»Zweierlei Götter gibt es: Die Götter sind Götter, aber die gelehrten und schriftbewanderten Brahmanen sind Menschengötter. Zwiefältig ist ihnen das Opfer zugewiesen: Die Opferspenden gehören den Göttern, der Opferlohn den gelehrten und schriftbewanderten Brahmanen. Durch die Opferspenden befriedigt man die Götter; durch den Opferlohn die Menschengötter, die gelehrten und schriftbewanderten Brahmanen.« (128)

Damit wird dem Priester, dessen Primärwert offenbar sein Sakralbezug ist, nicht nur eine Sonderstellung im Sakralraum, sondern auch in allen andern Lebensbereichen eingeräumt. Manu 1/93 heißt es vom Brahmanen:

»Weil es aus Brahmas Mund entsprang, wel er der Erstgeborene ist und weil die Vedn er studiert, drum gilt er auch mit vollem Recht als Herr der ganzen weiten Welt.« (129)

Der Priesterschaft gelang es am reinsten und unverhohlensten, mit allen unsinnigen Konsequenzen, ihre Kaste zu verabsolutieren. Man kann auch durch die höchste Leistung kein Brahmane werden, wenn man es nicht schon von Geburt an ist. Absolut gilt, daß das Kind brahmanischer Eltern eben auch Brahmane ist. Wir finden der Überzeugung Ausdruck gegeben, daß zwischen den Brahmanen und allen übrigen Gruppen ein unüberwindlicher Abgrund klafft, der ja, wie auch bei den europäischen Feudalen, mythologisch begründet wird: der Brahmane sei göttlich, schon allein durch die bloße Geburt aus brahmanischer Familie, er überrage alle anderen Bewohner der Erde himmelhoch an Geist, Sittlichkeit und Charakter. Wenn aber doch einmal der Lebenswandel eines Brahmanen diese Behauptung Lügen zu strafen schien, wußte man derartigen Einwänden durch folgenden Schluß zu begegnen:

»Ein Brahmane benimmt sich unter allen Umständen tugendhaft. Herr X, Sohn des Brahmanen Y, tut es leider nicht. Ergo ist er nicht der Sohn des Brahmanen Y, sondern entstammt einem sträflichen Liebesverhältnis seiner Mutter .. .« (130)

Andererseits erweist bei einem Mann von zweifelhafter oder niedriger Abstammung sein tugendhaftes Verhalten, daß er von einem Brahmanen gezeugt wurde, wenn auch vielleicht auf illegitimem Weg. Dabei ist das letzte Faktum wesentlich unwichtiger, das vorhergehende jedoch von ausschlaggebender Bedeutung. Diese naive Vererbungsvorstellung ist natürlich der Brahmanenkaste sehr dienlich, mußte aber für die jeweilige Mutter sehr unangenehme Folgen haben. Es ist uns nicht bekannt, daß die Juden mit gleicher Unverschämtheit erklärt hätten, daß man sich den Nichtjuden gegenüber so aufführen dürfte, wie es hier den Brahmanen gegenüber den Nichtbrahmanen zugestanden wird. Es gibt Forscher, die der Ansicht sind, die indische Kastenreligion sei aus dem hinduistischen »Weltgesetz« entwickelt worden (131). Dabei ist es natürlich umgekehrt, man schuf sich aus Kastentendenz eine rationalisierende Mythologie. Auch verbrecherisch kann ein Brahmane ohne weiteres sein!

»Und hätte der Brahmane auch jedwede Untat frech verübt, er bleibt doch aller Ehren wert, ob er gelehrt, ob ungelehrt, er bleibt doch stets ein großer Gott.« (132)

Entweder ist also die Mutter schuld an brahmanischen Untaten, oder die Untaten sind keine Untaten, es wird also mit zweierlei Maßstäben gemessen. Um die Vererbungsmythologie im Angesicht von schlechten oder dummen Brahmanen halten zu können, wurden diese zwei Möglichkeiten erfunden: entweder hatte die Mutter das Kind von einem Unterkastigen oder das, was der Brahmane tut, ist nicht böse, dumm usw., obwohl es dies wäre, täte ein Unterkastiger das gleiche. Die erste Lösung kennen wir auch im Judentum. So wurde Christus, der als Ketzer empfunden wurde, nachgesagt, er sei ein »Mamser«, das Kind einer Jüdin und eines Nicht-Juden. Denn ein richtiger Jude kann kein Ketzer sein (133). Daß solche Theorien weder bei den indischen Propheten noch bei Buddha Gnade fanden, war wohl zu erwarten.

»In einer längeren Dichtung des Sattanipata (111,9, Vasettho) wird die Frage aufgeworfen, wer ein wahrer Brahmane sei, und von Buddha in ausführlicher Weise beantwortet. Eines Tages geraten zwei junge Brahmanen Bharadvajo und Vasettho in Streit über die Frage, wie und wodurch man zum Brahmanen werde. Bharadvajo erklärt: ,Durch die Geburt in einer reinen Familie.' Vasettho: ,Durch einen reinen Lebenswandel.' Buddha entscheidet sich für die Auffassung Vasetthos: ,Was lange Zeit man geglaubt, man sagt es uns noch immer vor, dies dumme törichte Geschwätz: Brahmane wird man durch Geburt. Geburt macht nicht zum Brahmanen, stempelt zum Nichtbrahmanen nicht: Die Tat bestimmt, wer Brahmane und wer ein Nicht-Brahmane ist!'« (134)

Ein Gegenstück hierzu ist die zitierte Äußerung des Propheten Arnos und die Johannes des Täufers Ihr Schlangenbrut! Man erkennt, daß die Angriffe Johannes des Täufers gegen den jüdischen Sekundärfeudalismus wesentlich radikaler sind als die Buddhas gegen den Brahmaismus, obwohl auch die keine Zweifel bestehen lassen.

Die kastensprengende Kraft des Christentums erwies sich auf die Dauer als entsprechend stärker als die des Buddhismus. Ohne hier im einzelnen alle Fragen klären zu wollen, so muß man doch sagen, daß der Buddhismus mit seinem intensiven Transzendenzbezug und seinem Anspruch auf Weltreligion, seiner Abwertung der Wirklichkeit als wesenlosen Schein, offenbar kastenlösende Wirkung besitzt. Auch hier findet sich der allumfassende Affekt der Uterinität. Wie wir anläßlich der oben zitierten Dichtung zeigen konnten, hatte Buddha selbst wohl wenig Kastengeist. Um jedoch die Frage ähnlich zu klären wie beim Christentum, wäre eine spezielle Untersuchung nötig. Im heutigen Indien liegt das Kastenwesen unter dem pausenlosen Angriff der europäischen, christlichen Technik, aber auch des indischen Nationalismus. Ghandi und Ambotkar bekämpften das Kastenvorurteil gegen die Parias, die »Unberührbaren«, und die gegenwärtige indische Regierung ist eifrig bemüht, deren Los zu verbessern. Heute noch weigern sich brahmanische oder andere oberkastige Arbeiter in den Fabriken, hinuntergefallene Gegenstände aufzuheben, weil es unter ihrer Würde ist, sich zu bücken, so daß man hierzu eigene unterkastige Arbeitskolonnen haben muß; doch dürfte diese Haltung wohl keine Zukunft haben (135). Nach alledem ist es wohl kein Zufall, daß Indien aller Wahrscheinlichkeit nach das Ursprungsland des Schachspiels ist, dessen Symbolwert wir schon besprochen haben.

KASTE UND ISLAM#

Ohne Zweifel ist der Islam in seinem Ansatz nicht im gleichen Maß trennungsfeindlich wie das Christentum. Um dies zu zeigen, genügt allein der Hinweis auf seine offizielle Beibehaltung dei Polygamie, die die Frauen benachteiligt und außerdem die Reichen bevorzugt, die sich auch in den islamitischen Ländern als einzige Männer mehrere Frauen leisten können. Die Überwindung des Feudalismus gelang in den islamitisdien Ländern erst sehr spät und unter intensiv europäischem Einfluß. Die Polygamie gibt es hier nicht nur de facto, wie vielfach ja auch — feudale und kapitalistische Mätressenwirtschaft — in Europa, sondern darüber hinaus institutionell. Auch die Beziehung zur Sklaverei scheint tief im Wesen des Islams verwurzelt zu sein. Hierzu wäre, vom weltpolitischen Standpunkt aus, eine gründliche Untersuchung sehr wichtig.

KASTE UND SEKTE#

Die einzelnen Sekten haben oft sehr verschiedene Soziallehren. Sie scheiden sich als mehr oder weniger große Gruppen aus einer Religionsgemeinsdiaft heraus und zeigen im konkreten Verhalten Eigentümlichkeiten, die viele Analogien zum kasten-haften Verhalten zeigen.

Wir sehen solche kastenhafte Züge jedoch auch bei Großkirchen. So gibt es bei kirchlichen Stellen die Tendenz, die Angehörigen der eigenen Kirche zu veranlassen, eine möglichst lückenlose Kaste zu bilden. Die Angehörigen der Kirche sollen nur untereinander verkehren, heiraten und die Kinder spielen und lernen lassen. Auch Ausdrücke wie »lutherisches Sdiwein« oder »katholische Sau« sind etwa in Bayern nach dem zweiten Weltkrieg wieder aufgetaucht. Daß man sich mit Angehörigen einer andern Konfession »nicht an einen Tisch setzt«, hat es zumindest gegeben. Würden sich solche kastenhafte Tendenzen frontal durchsetzen, entstünde eine Kirchenkaste.

Was die Sekte mit der Kaste gemeinsam hat, ist ihr partikularistischer Charakter, ihr Hervorkommen aus einem umfassenderen und höheren Ganzen. Da dieser Ausbruch häufig ohne Not geschieht, muß man den Sektierern ihren Exodus zum Vorwurf machen, doch soll man nicht vergessen, daß es oft subjektiv unerhört schwer sein kann, beim Ganzen zu bleiben und doch ein echtes Anliegen zu haben.

Franz von Assisi, Ignatius von Loyola oder Newman sind Beispiele für die gewaltigen Schwierigkeiten, die Menschen mit echten Anliegen in der Großkirche bereitet werden können. Oft gelangt die Großkirche erst in der Auseinandersetzung mit den Sektierern wieder zur besseren Einsicht.