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DER ENTFEUDALISIERUNGSPROZESS DER KATHOLISCHEN KIRCHE#

»Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen,- denn nur einer ist euer Rabbi, ihr aber seid alle Brüder. Auch Vater nennt keinen von euch auf Erden; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel ist. Auch Lehrer laßt euch nicht nennen, denn nur einer ist euer Lehrer.« Mt 23, 8-10

Entscheidend tragisch mutet in der gegenwärtigen Weltsituation die Tatsache an, daß sich das Christentum - nicht als Idee, sondern in seinem konkreten Vollzug durch seine Anhänger - als so wenig vermögend erwiesen hat, durchgreifende gesellschaftliche Änderungen durchzusetzen. Wenn dem Christentum in der gegenwärtigen Weltsituation eine wichtige Aufgabe zukommt, dann wird diese darin bestehen, die Schranken zwischen den Menschen niederzureißen, so wie Christus es vorgelebt hat.

Die katholische Kirche als der - psychologisch gesehen - affektive Kern des Christentums, um den sich die anderen Kirchen und Sekten herumlagern, hat nun aber eine jahrhundertealte Feudaltradition, die zwar gewiß immer nur formaler Natur war, auf der anderen Seite jedoch das faktische Verhalten des hohen Klerus mitbestimmt hat und teilweise noch heute mitbestimmt. Betrachtet man das päpstliche Hofzeremoniell, die Tatsache etwa, daß die Päpste - mit Ausnahme Pius X., der bekanntlich auch sonst unter der feudalistischen Atmosphäre des päpstlichen Hofes litt - bis vor kurzem allein aßen, weil die Hofetikette es ihnen verwehrte, mit andern Tischgemeinschaft zu halten; betrachtet man die merkwürdigen Sonderrechte der italienischen Aristokratie im Vatikan, die Wir-Formel der Päpste sowie viele Formen des päpstlichen Hofzeremoniells, dann kann man ein analoges Verhalten Christi in den Evangelien, auch bei gebührender Beachtung und Anerkennung der total verschiedenen historischen Situation damals und heute und der seither erfolgten geschichtlichen Entwicklung, unmöglich erkennen. Seit Konstantin, der die Bischöfe zu Eminenzen und Exzellenzen machte und sie auf diese Weise feudalisierte, steht die kirchliche Hierarchie jeweils vornehmlich auf der konservativen Seite. Zuvor wäre es unmöglich gewesen, mit dem Staat in Frieden zu leben, als noch der Absolutheitsanspruch des Staates und im Zusammenhang damit der Anspruch des Kaisers auf göttliche Verehrung bestand. Diese - es war davon bereits die Rede - Verbiegung eines grundlegenden christlichen Wesenszugs durch Konstantin humanisierte zwar in gewisser Hinsicht den Feudalismus,- doch fand dieser in die Kirche in einer Weise Eingang, die mit Leben und Lehre Christi, also des Stifters dieser Kirche, kaum in Einklang gebracht werden kann. Es konnte nicht ausbleiben, daß die so entstehende Diskrepanz im Verlauf der Kirchengeschichte immer wieder schmerzlich erfahren wurde, und zwar gerade von seiten der Besten, wie man neben vielen anderen etwa bei Franz von Assisi sieht.

Entfeudalisierung#

Was der Kirche unseres Erachtens als Institution dringend not tat und immer noch not tut, ist also das Bewußtsein der Notwendigkeit der Entfeudalisierung, sollen die in ihr vorhandenen Kräfte im hic et nunc des jeweiligen geschichtlichen Augenblicks wirksam werden. Von daher gesehen kann man die Wichtigkeit und Notwendigkeit eines Entfeudalisierungsprozesses innerhalb der Kirche nicht hoch genug einschätzen, hätte er doch keine geringere Aufgabe, als eine der Intention des Gründers fremde Lebensform wieder auszuscheiden.

Die Entfeudalisierungsbestrebungen reichen in der Kirche sehr weit zurück, bis in die Zeiten des kompakten Feudalismus. Sicher hätte Franz von Assisi die hier gemeinten Zusammenhänge und Bezüge anders bezeichnet; sein Leben und Wirken bedeutete jedoch ohne Zweifel auch einen radikalen, weil unmittelbar vom Geist des Evangeliums gesteuerten antifeudalen Aufbruch. Im Rahmen des hier aufgerissenen Problems dürfen auch die außerkirchlichen Impulse, die sehr tief gehenden Antriebe aus dem Raum der Säkulargeschichtc, nicht unterschätzt werden. So ist der Beitrag, den die französische Revolution für die Entfeudalisierung der Kirche leistete, von sehr weittragender Bedeutung. Erst von diesem geschichtlichen Augenblick an erfolgte der breite Einbruch des Bürgertums in die kirchliche Hierarchie und damit die Möglichkeit des Aufstiegs in ihr. Man überschätze jedoch die Bedeutung dieser Vorgänge nicht. Der Formenbestand der Kirche blieb nämlich im Grunde nicht weniger feudal, und bald zeigte sich, daß die mit diesen Formen sich verbindenden Bürgerlichen in ihren konkreten Haltungen durch die Überlagerung ihrer bürgerlichen Ursprungsschichten durch die feudalistische Eminenz-Exzellenz-Mentalität sekundär-feudal wurden und damit oft einen ihrem Amt und Auftrag ungleich weniger konformen Trend entwickelten, als es zuvor bei den Altfeudalen der Fall war.

Wenn auch immer wieder kirchliche »Würdenträger« im Verkehr mit der Geistlichkeit und dem Volk das Kirchen»fürstliche« zurücktreten ließen und sich nicht leutselig-gnadenhaft-huldvoll, sondern echt und unmittelbar menschlich-bürgerlich gaben, so blieben dennoch die feudalen Formen ein Tabu. Ihr wesensmäßiger und offenkundiger Widerspruch mit dem Geist des Evangeliums wurde übersehen oder bewußt bestritten. Wie wäre es sonst zu erklären, daß tragende Elemente byzantinischen oder spanischen Hofzeremoniells - im Grunde also weitgehend historische Zufälligkeiten, wenn nicht gar Absonderlichkeiten - in den hierarchischen Lebensstil übergehen konnten! Das Wohnen und Essen Petrus I. bei einem stinkenden Gerber, sein einfaches Ziegelgrab stehen zu all dem in einem Gegensatz, dessen Charakter auch durch scheinbar naheliegende Gegenargumente nicht aufgelöst werden kann.

Petrus I.#

Wenn wir bisher immer wieder von Petrus I. sprachen, dann nicht in dem Sinn, wie etwa die herkömmliche Übersetzung des Vorrang-Titels »Princeps Apostolorum« mit »Apostelfürst« verlangt. Leitet sich doch das lateinische Wort »princeps« von »primi-ceps« (primus und capio) her und bezeichnet so den Ersten, Angesehensten, das Haupt einer Gemeinschaft. Es ging uns dabei darum, auf die unübersehbare Relevanz des Verhaltens Petri für die Päpste und die übrigen Herren in der Kirche hinzuweisen. Wir fassen das Verhalten des Petrus I. als Aufforderung zu jener kastenfremden Schlichtheit auf, die ihn veranlaßte, den Heiden, der sich ihm ehrfurchtsvoll zu Füßen warf, zu sich mit den Worten aufzuziehen: »Steh auf, auch ich bin ein gewohnlicher Mensch.« Eindeutig meint also Petrus I., daß ihm, dem Menschen gegenüber, das Sichzufüßenwerfen unangebracht sei; nachdem er - das ist mitzuhören - nicht ein Gott, sondern nur ein Mensch sei, solle der ehrfürchtige Heide aufstehen.

Nun zeigten sich gerade in der letzten Zeit beglückende Ansätze für eine Annäherung der Päpste an die konkrete Gemeinschaft der Menschen (nicht nur der Christen). Diese Ansätze waren latent - von Wesen und Sendung des Papsttums her gesehen - immer da, auch wenn die Päpste mit niemandem essen und trinken konnten. Menschlich-psychologisch lebten sie aber nicht in der Gemeinschaft, sondern isoliert und einsam. Nur stärkste Naturen werden eine derartige Form der Einsamkeit ohne Schaden bewältigen können. Pius XII. war wohl der letzte Papst, unter dessen Pontifikat der Feudalismus nochmals unübersehbar in Erscheinung trat. Sein Vorstoß zum einfachen Ziegelgrab Petrus I., dessen über alle Zeiten hinüberreichende Vorbildlichkeit für die Päpste wohl unbestritten sein dürfte, mußte - bewußt oder nicht - wie ein Anstoß zur Eliminierung des innerkirchlichen Feudalismus wirken. Das Armengrab des Petrus, real wie symbolisch gesehen aus dem Schutt und Überbau der Jahrhunderte befreit, könnte zum eindringlichen Mahnmal für die Entfeudalisierung der Kirche werden. Pius XII. erhob Angehörige seiner Familie in den Fürstenstand. Ein ähnlicher Vorgang wird sich in den dem seinen folgenden Pontifikaten nicht wiederholen. Eines seiner historischen Verdienste ist es aber ohne Zweifel, den ersten Schritt zur Entnationalisierung der Kirche getan zu haben. Die von ihm eingeleitete Aufhebung der italienischen Vorherrschaft im Kardinalskollegium, sowie die seit ihm erfolgenden Ernennungen von »Farbigen« zu Bischöfen und Kardinälen bedeuten ohne Zweifel entscheidende Maßnahmen in der Auflockerung und Aufhebung bisher bestehender Tabus.

Johannes XXIII.#

Mit dem Beginn des Pontifikats Johannes XXIII. schien der Entfeudalisierungsprozeß der Kirche in eine entscheidende Phase getreten zu sein. Die Tischgemeinschaft des Papstes mit Menschen seiner Umgebung, und damit - symbolisch gesehen - mit der übrigen Gemeinschaft der Menschen, wurde durch ihn wieder hergestellt. Er aß zusammen mit Verwandten, sogenannten »einfachen« Leuten, trank mit Arbeitern Wein. Er geruhte nicht, mit den Arbeitern Wein zu trinken, sondern er trank einfach. Als sein Chauffeur erkrankte, besuchte er ihn persönlich am Krankenbett.

Die Etikette, die die Päpste, entgegen dem Vorblild Christi oder Petrus I. und der Apostel vom Volk trennte, schien weittragend und entscheidend durchbrochen. Sogar die Abschaffung der »Wir«-Formel soll der Papst ernstlich erwogen haben. Inwieweit er bei derartigen Entscheidungen von konservativen Elementen seiner Umgebung gehemmt wird, entzieht sich unserer Kenntnis. Jedenfalls wirkten diese ersten Dokumentationen einer kastenfremden Menschlichkeit auf die Weltöffentlichkeit intensiv aufrüttelnd, und zwar bis in den Ostblock hinein. Wer noch dem kirchlichen Feudalismus verhaftet ist, wird - wie das schon geschehen ist - den neuen Weg Johannes XXIII. als einen von mehreren möglichen christlichen Wegen ansehen, entsprechend dem persönlichen »Gesicht« des einzelnen Papstes. De facto ist dieser Weg jedoch ohne allen Zweifel der dem Evangelium angemessenere, weil Christus und Petrus ähnlichere Weg. Es geht einfach um die Durchsetzung eines kastenfremden Christentums, auch im Bereich des hohen Klerus. Gewiß eine unverzichtbare, wenngleich sehr dornenvolle Aufgabe, die in entscheidenden Bezügen wieder zu den Wurzeln des Christentums zurückführen soll, um von dort aus neue historische Aufbrüche aller Art vorzubereiten. Diese Form der Rückkehr zu den Ursprüngen, ein historischer Regreß also, wird sich als entscheidende Möglichkeit erweisen, die Stellung des Christentums in der Welt von Grund auf neu zu gestalten und zu festigen.

Nachdem den Päpsten durch die bekannten historischen Ereignisse der Kirchenstaat weggenommen war, womit ihnen unter anderem die Entscheidung abgenommen wurde, ob später eine päpstliche Armee mit Atomwaffen auszurüsten sei oder nicht, machten sie sich selbst zu Gefangenen im Vatikan. Inzwischen haben sie im Verlauf der letzten Jahrzehnte eine große Anzahl von - menschlich verständlichen - Ressentimens abgebaut. Johannes XXIII. unternahm es sogar, in einem römischen Gefängnis vor den Gefangenen eine Messe zu lesen. Sicher leitete ihn dabei die Forderung Christi, die Gefangenen zu besuchen, eine Forderung, deren Befolgung beim jüngsten Gericht am Ende der Welt vom Weltenrichter mit als Kriterium der Annahme oder der Verwerfung benützt wird! In der Ansprache Johannes XXIII. an die Gefangenen erklärte er unter anderem, auch einer seiner Verwandten sei einmal als Wilderer ins Gefängnis gekommen. Diese Weise der Identifikation mit solcher Art von Delinquenten bedeutet einfach die Durchbrechung der Moralitätssdiranke und eine kastendurchbrechende Annäherung an das Denken Christi. Ist es doch denkbar unfeudal, eigene Verwandte offen der Verbrecherkategorie zuzuordnen.

Ökumene und Dezentralisierung#

Eine sehr wesentliche Tat bedeutet natürlich der Abbau der Grenzen zu den nichtkatholischen Christen, ja sogar zu den Mohammedanern. Man kann nämlich über alle Unterschiede hinaus, die die Angehörigen der einzelnen Religions- und Wirtschaftssysteme voneinander trennen, nie nachdrücklich genug - auch gerade im religiösen Bereich - das allen Gemeinsame betonen. Das Trennende drängt sich ohnehin, seiner Natur entsprechend, hartnäckig genug dem Bewußtsein auf. Wenn z. B. Johannes XXIII. einem Mohammedaner den Segen ohne Trinitätsformel gab, so bedeutet dies das Hervorkehren des gemeinsamen verbindenden Monotheismus und ein Zurückstellen der Unterschiede, also den Abbau einer Schranke zwischen religiös verschieden orientierten Menschen.

Weiterhin sind unter Johannes XXIII. starke dezentralisierende Tendenzen verbunden mit einer Stärkung der Autorität der Bischöfe unverkennbar. Diese, wichtige Elemente der Autorität nach unten verlagernde Haltung ist insofern kastenfremd, als sie die personalen Einzelzentren stärkt. Hoffentlich gelingt es dem Papst, seinem ausschließlich dem Evangelium und der Menschlichkeit verpflichteten Denken auf dem geplanten ökumenischen Konzil (pd: 1964) auch auf solchen Gebieten und in solchen Zusammenhängen zum Durchbruch zu verhelfen, die sonst nie angetastet würden.

Nun muß man aber gerade hier klar sehen: sicher bedeutet die Notwendigkeit einer Stärkung der Autorität und der Eigeninitiative der unteren Instanzen zwar einerseits eine bedeutsame Ermutigung zu echter Produktivität im Entscheiden und Handeln. Dennoch ergibt sich auf der anderen Seite die Gefahr, daß audi die Autorität jener Bischöfe und Verwaltungshierarchen gestärkt wird, die gegen den Entfeudalisierungsprozeß eingestellt sind. Dieser Typus von Bischöfen kann nun nie mit »altfeudalen« Methoden umgestimmt werden, sondern muß durch das geduldige Beispiel kastenfremder Päpste innerlich erschüttert werden, damit auf diese Weise schließlidi der Widerstand gegen die Erweckung des Geistes Petrus I. Schritt um Schritt abgebaut wird. Der kastenfremde Papst wird gegen die noch feudalistisch orientierten Mitglieder der Hierarchie nicht die gleichen Mittel anwenden dürfen, die diese anwenden würden, wären sie an seiner Stelle.

Bei diesem Entfeudalisierungsprozeß muß man sich also vor allem mit Geduld wappnen. Dies schließt kraftvolle Taten nicht aus, doch wird man mit stark ambivalenten Reaktionen einflußreicher Kreise der Kirche rechnen müssen. Man räumt nicht jahrhundertealte Denkformen von heute auf morgen weg. Andererseits täte wahrhaftig Eile not. Denn außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Die Gefahr, daß die Kirche etwas überstürzen könnte, ist weitaus geringer, als daß sie etwas versäumen könnte.

Immerhin gibt es Anzeichen dafür, daß das Verhalten Johannes XXIII. auch auf den hohen Klerus bereits nicht ohne erkenn- bare Wirkung geblieben ist. So haben z. B. einzelne Bischöfe zu Weihnachten 1959 in Gefängnissen Messen gefeiert, die ein Jahr zuvor an eine solche Dokumentation der Menschenfreundlichkeit noch nicht gedacht hätten.

So erfreulich und beglückend diese Neu- und Umorientierung auch sein mag, so fand sie bisher noch kaum einen registrierbaren Niederschlag in konkreten Änderungen von Institutionen mancherlei Art. Tiefgreifende Umstimmungen und Änderungen werden nötig sein, damit der Entfeudalisierungsprozeß zu einem breiten Durchbruch gelangen kann._ Auf drei politisch-psychologisch außergewöhnlich wirksame Maßnahmen, die auf dieser Linie liegen, soll hingewiesen werden. Dabei wären wir keineswegs erstaunt, würden diese Vorschläge auf nicht wenige Leser dieser Arbeit fürs erste schockierend, ja »ehrfurchtslos« und anmaßend wirken. Viele Vorurteile und Fixierungen wären abzubauen, bis wenigstens die nüchterne Einsicht übrigbleibt, daß diese Vorschläge wohl vielleicht aus äußeren, kaum aber aus inneren Gründen abgelehnt werden können.

Schuldbekenntnis#

Wir sagten, daß fixierte Schranken, insofern sie durch ein in die Geschichte zurückreichendes Fehlverhalten begründet wurden, nur durch klare und umfassende Bekenntnisse der Schuld an diesem Fehlverhalten hinwegzuräumen sind. Solche Schuldbekenntnisse gegenüber Gruppen, gegenüber denen eine Schuld vorliegt, erfordern nun aber moralische Qualitäten, wie sie in der Welt, in der wir leben, nur selten vorhanden sind. Wenn solche Bekenntnisse also abgelegt werden sollen, dann muß man sie vor allem mit Recht von jenen Instanzen erwarten, die für das rechte moralische Verhalten in Lehre und Vorbild primär zuständig sind. Das sind aber die religiösen Instanzen. Nun wird es gerade Sache des moralisch Stärkeren und in seiner moralischen Substanz Sicheren sein, jeweils den ersten entscheidenden Schritt zu tun. Alles verweist auf die katholische Kirche und auf jene in ihr existierende souveräne Spitze, den Papst, der die höchste Legitimation besitzt, im Namen aller Glieder der Kirche gültig auszusagen.

Das Schuldbekenntnis des Papstes könnte sich etwa erstrecken auf die ersten Heidenverfolgungen, auf Ereignisse während der Kreuzzüge, auf die Verfolgungen Andersgläubiger usw. Es könnte gar nicht gründlich genug sein, wobei nicht nur die Übertretungen des »Gesetzes Christi« in der Geschichte der Kirche, sondern auch die Unterlassungen anzuführen wären. Einen in dieser Richtung überaus wichtigen Anfang machte Pius XII. gelegentlich einer Ansprache mit der heute wohl bereits wieder vergessenen Bemerkung, die Kirche könne sich von einer Schuld nicht freisprechen, weite Teile der Arbeiterschaft für sich verloren zu haben.

Wir sind auf den Einwand gefaßt, die Schuld sei nie einseitig und nur auf einer Seite zu suchen. Dies ist zweifellos richtig, und man kann und soll versuchen, über die zur Debatte stehenden Zusammenhänge wissenschaftlich-sachlich Klarheit zu gewinnen. Mit dem Schuldbekenntnis hat es eine spezielle Bewandtnis, denn man kann immer nur die eigene Schuld bekennen und nicht die der anderen, deren Schuldbekenntnis ihre eigene unvertauschbare Angelegenheit ist. Ein Schuldbekenntnis der höchsten kirchlichen Spitze würde sicher eine Reihe von Gegenschuldbekenntnissen anderer Gruppen auslösen. Denn was kann ein nur halbwegs anständiger Mensch anderes tun als seinerseits reale Schuld zuzugeben, wenn ein anderer, vor allem wenn dieser der Stärkere ist, ihm gegenüber Schuld bekannt hat? Die Basis gegenseitig zugegebener Schuld ist immer ein fruchtbarer Boden für Gespräche, für gegenseitiges Verständnis und beiderseitige Bereitschaft zur Einigung.

Ein solches für die katholische Kirche abgelegtes Schuldbekenntnis wäre wohl in der Intensität seiner politisch-psychologischen Wirksamkeit nur noch einer anderen, sicher nur äußerst schwer zu erreichenden Dokumentation zu vergleichen: der ehrlichen und gründlichen Wiederaufrollung des Christusprozesses durch den Judenstaat und die Deklaration des Urteils als eines Justizmords, falls das Gericht zu diesem Urteil gelangte. Für den Fall, daß die Adressaten der Schuldbekenntnisse nicht dazu bereit wären, ihrerseits Schuldbekenntnisse abzulegen, sondern sich unterfingen, die Schuld einseitig bei der römischen Kirche zu belassen, dann würden sie vor der Welt und der Geschichte einfach ihr Gesicht verlieren.

Gegenseitige Besuche#

Der zweite Vorschlag, den wir als mögliche Maßnahme von weittragender Bedeutung ansehen, ist der rückhaltlose gegenseitige Besuch von Exponenten wenigstens der getrennten Christen. Auch hier besteht sicher bei vielen die Sorge, der Papst würde damit die Gleichwertigkeit der religiösen Bekenntnisse zugeben, eine Auffassung, zu der jedoch nur äußerliches und oberflächliches Denken gelangen kann. Sollte der Besuchte nicht bereit sein, seinerseits in Rom einen Gegenbesuch zu machen, so würde ihm dies vor den Augen der Welt ein sehr fragwürdiges Zeugnis ausstellen. Christus verlangt, der Hirte habe den verlorenen Schafen nachzugehen. Das sollte für die Päpste Anlaß genug sein, wenigstens nichtkatholische Würdenträger aufzusuchen, um mit ihnen im Sinn und Auftrag des gemeinsamen Herrn das Gespräch aufzunehmen.

Sache des Christentums ist es, ohne Vorbehalte zu zeigen, daß nichts auf der Welt berechtigen kann, das gegenseitige menschliche Gespräch und die gegenseitige Tischgemeinschaft zu verweigern. Kein Arbeiter ist zu schmutzig, kein Kommunist zu gewöhnlich, um Tisch- und Gesprächspartner eines Christen sein zu können. Man bezeichne solche Ideen nicht als utopisch, revolutionär oder gefährlich. Es wird hier lediglich versucht zu ermitteln, wie sich die Kastenfremdheit der christlichen Lehre konkret zu realisieren hätte. Dabei erwies sich die Frage, was Petrus I. in jedem einzelnen Fall getan hätte, und die jeweils darauf zu gebende Antwort als ein Kriterium von unverzichtbarem Wert. Beim gegenwärtigen Papst besteht eine kostbare Chance, daß er den Entfeudalisierungsprozeß in der Kirche, wenn ihm noch 448 genügend Jahre des Wirkens beschieden sein werden und es ihm gelingt, die harten, keineswegs zu unterschätzenden Widerstände dagegen zu brechen, soweit vorantreibt, daß Dinge möglich werden, für die das Pontifikat seines gewiß bedeutenden Vorgängers kaum mehr als gedankliche Ansatzpunkte geboten hatte.

Beten für die Atheisten#

Schließlich läge es - und damit kommen wir zum dritten Vorschlag - absolut im Sinne Christi, nicht nur für die verfolgten Christen, etwa des Ostens, zu beten, sondern auch für die wesentlich ärmeren atheistischen Verfolger, bei denen es - um ein Wort von Dostojewski zu gebrauchen - oft aussieht, als habe Gott sie bereits vergessen.

Alle diese Anregungen sollen zeigen, was schrankenlose Menschlichkeit gegenüber verkastenden Gruppentendenzen bedeutet. Nur dann, wenn man sich entschließt, in dieser Hinsicht für unüberbrückbar gehaltene Schranken zu durchbrechen, könnte das Christentum seine zentrale Sozialfunktion, nämlich das Zerbrechen aller Schranken der ganzen Welt gegenüber sichtbar werden lassen und erfüllen. Wer sonst sollte Brücken schlagen, wenn nicht das Christentum? Noch so gut gemeinte theoretische Erklärungen und Mahnungen helfen weder ihm noch der friedlosen Welt, solange es nicht uralte und alte Tabus aller Art auskehrt und im Sinne seines Stifters seine zentrale Substanz für die Heilung der Welt anbietet. Vor allem müßte es ihm dabei, bereichert durch das Bewußtsein historischer Abwege, um die Ausscheidung verschiedener der ursprünglichen Idee wesensfremder Lebensformen gehen, und zwar durch einen Regreß auf seine Ursprünge. Die Folge wäre ohne Zweifel eine Entbindung unerhörter im Christentum enthaltener schöpferischer Kräfte, die, von jeder Einschnürung und Abschnürung erlöst, von brüderlichem Verständnis gefördert und von den Besten der Welt sehnsüchtig aufgenommen, sich endlich zu entfalten vermöchten. Hier offenbart sich die Kastenproblematik in ihrer größten Dimension.

Gelänge es, das Christentum in diesem Betracht aus seiner Erstarrung zu wecken, dann könnte es wie nichts sonst auf der Welt seine Funktion der Entschrankung des Menschlichen in dem Rahmen spielen, der ihm vom nicht mißzuverstehenden Auftrag seines Gründers her gesteckt ist.