Kaste und Christentum 2. Teil#

Christus und die Samariterin#

Mehrere Aspekte dieser Kastenfremdheit zeigt die Begegnung Christi mit der Samariterin:

»Da kam eine Samariterin, um Wasser zu schöpfen. Jesus bat sie: ,Gib mir zu trinken!' Seine Jünger waren nämlich in die Stadt gegangen, um Lebensmittel einzukaufen. - Die Samariterin erwiderte ihm: ,Wie? Du, ein Jude, bittest mich, eine Samariterin, um einen Trunk?' Jesus antwortete ihr: ,Wenn du die Gabe Gottes kenntest und den, der zu dir spricht: Gib mir zu trinken, so würdest du ihn bitten, er möge dir lebendiges Wasser geben.' Die Frau erwiderte ihm: ,Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief. Woher willst du das lebendige Wasser nehmen? Bist du größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat samt seinen Söhnen und seinen Herden?' Jesus erwiderte ihr: Jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht mehr dürsten. Vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zu einem Quell, der fortströmt ins ewige Leben.' Da bat ihn die Frau: ,Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich nicht mehr dürste und nicht mehr hierher zu kommen brauche, um Wasser zu schöpfen.' Jesus sprach zu ihr: ,Geh, ruf deinen Mann und komm dann wieder!' Die Frau entgegnete: »Ich habe keinen Mann!' Jesus erwiderte ihr: ,Du hast recht, wenn du sagst: Ich habe keinen Mann. Denn fünf Männer hast du gehabt, und den du jetzt hast, der ist nicht dein Mann. Damit hast du die Wahrheit gesagt.' (Jo 4, 7 - 27).

Vieles an dieser Stelle ist für das damalige Judentum unerhört. Christus spricht nicht nach unten. Er demonstriert weder seine Bildung noch vertuscht er sie. Er spricht einfach von Person zu Person, die Imponderabilien bleiben bei Seite. Weiß man, daß die Frau an sich schon kein Umgang für einen heiligen Mann darstellt, daß die Samariterinnen aber im besonderem als unrein galten, daß diese Frau fünf Männer hatte und der gegenwärtige nicht ihr Mann war, so war schon das Sprechen mit ihr schockierend. Was aber gleichsam allem die Krone aufsetzt, ist die Bitte, ihm zu trinken zu geben, denn er stellt damit mit ihr die Tischgemeinschaft her.

Die Samariterin ist auch reichlich verwundert: »Du, als Jude, bittest mich um einen Trunk? In dieser Frage steckt die zentrale Problematik. Nur weiß sie zunächst noch nicht, daß Jesus auch von ihrer sexuellen Verkommenheit weiß. Die Haltung Christi wirkt ganz selbstverständlich, er nimmt die Sache zum Anlaß, mit ihr ein theologisches Gespräch zu führen. Die Samariter beteten auf einem Berg, die Juden in Jerusalem (Der eigene und der fremde Gott - Sakralschranke).

Hier liegt der Urgrund der Spaltung. Da nun dieser Mann die religiöse Kluft der beiden Gruppen offenbar überspringt, rollt sie sofort das Problem von der Wurzel her auf:

»Herr, ich sehe, du bist ein Prophet. Unsere Väter haben auf dem Berge dort Gott angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man Gott anbeten müsse.' Jesus erwiderte ihr: ,Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, da ihr weder auf dem Berge dort noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden. Aber es kommt die Stunde, und sie ist schon da, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit: denn solche Anbeter sucht der Vater. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn anbeten im Geist und in der Wahrheit.'

Die Frau entgegnete ihm: ,Ich weiß, daß der Messias - das heißt der Gesalbte - kommt. Wenn der kommt, wird er uns alles künden.' Da sprach Jesus zu ihr: ,Ich bin's, der mit dir redet!'

Christus revidiert also die Auffassung über die heiligen Stätten in Jerusalem und den Berg in Samaria. Zwar kommt das Heil von den Juden - das ist eine sachliche Feststellung und kein Versuch, eine wesenhafte Distanz zu begründen - , »aber es kommt die Stunde, ja sie ist schon da.. . In »Geist und in der Wahrheit heißt also offenbar jenseits vom Berg und von Jerusalem. Zurück also und nach vorn zum Gott der Wüste, der überall anzubeten ist.

Die Samariterin ist daraufhin außerordentlich unsicher, denn der Mann vor ihr zerschlägt anscheinend nicht nur in seinem konkreten Verhalten, sondern auch rational Ursprung und Basis der Schranke zwischen Juda und Samaria. Denn wenn es unwesentlich ist, ob Gott in Jerusalem oder auf einem Berg anzubeten ist, dann hat wohl die aufgerichtete Grenze ihren Sinn verloren.

Da diese Frau durch ihre sexuelle Promiskuität offenbar auch innerhalb der eigenen Gesellschaft abgewertet wird, ist ihr Christi Verhalten natürlich einerseits wohltuend. Daher versucht sie um so mehr, auch intellektuelle Klarheit zu gewinnen. Andererseits verlangt seine Haltung - und dies erweckt Widerstände - auch eine Revision ihrer Einstellung. Nachdem dieser Mann sie durch die Relativierung des Ursprungs der Schranken am Fundament ihres Kastendenkens traf, versucht sie noch einmal auszuweichen (ein Abwehrmechanismus - Verschiebung der Entscheidung in die Zukunft), indem sie die Klärung der Frage dem kommenden Messias zuschreibt: »Ich weiß, daß der Messias kommt... Wenn er kommt, wird er uns alles künden.« Aber Jesus läßt ihr keinen Ausweg mehr. Die Schranken müssen fallen: »Ich bin's, der mit dir redet.«

Christus wirft hier seine gesamte Autorität in die Waagschale. Er besteht darauf, daß er der Messias ist. Er tut es aber nicht, um eine Schranke zwischen sich und der anderen aufzustellen, sondern, wie wir hier klar sehen, um eine niederzureißen. Er gebraucht also seine Autorität, um die Menschen einander näherzubringen und nicht, um den Abstand zu erweitern. Er demonstriert der Frau nicht seine Bildungsüberlegenheit vor, obwohl diese ganz klar zum Ausdruck kommt, er durchbricht gelassen die Ekelschranke, stellt mit der »Menstruierenden«, der Unreinen, die Tischgemeinschaft her. Er gibt ihr zwar deutlich zu verstehen, daß er ihren Lebenswandel nicht billigt, spricht mit ihr jedoch weder mit dünkelhafter Milde noch mit moralisierender Besserwisserei, und zuletzt durchbricht er auch die Herkunftschranke - er, Jude davidischer Abkunft, und sie, Mitglied der für die Juden fragwürdigsten Gruppe - nämlich Samariterin.

»Die Jünger, die hinzukamen, wunderten sich, daß er mit einer Frau redete.«

Wir wundern uns jedoch nicht darüber, daß sich seine Jünger wunderten. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter muß als sehr scharfer Affront gegen die Schranke zwischen Juden und Nichtjuden gewertet werden. Der Affront wäre wesentlich schwächer, würde sich nicht ein Samariter, sondern ein Römer als barmherzig erweisen, denn die soziale Nähe verschärft die Aggression, so daß die Kluft zwischen Juden und Samaritern besonders tief erscheint.

Ähnlich müssen die Hirtengleichnisse gewertet werden, da ja der Hirtenberuf zu den verachtetsten Berufen gehörte. Der gute und schlechte Hirt machte als Vergleich einen ähnlichen Eindruck, als würde man heute führende Persönlichkeiten mit guten oder schlechten Straßenkehrern vergleichen. Und solche Hirten umstanden als erste die Krippe, in der Jesus nach seiner Geburt lag.

Wenn man die Evangelien aufmerksam liest, gewinnt man den sicheren Eindruck, daß sich Jesus bewußt und mit einer natürlichen Leichtigkeit aus allen oben angeführten Spannungsfeldern heraushält, daß er als unüberwindlich aufgebaute »heilige« Grenzen ohne Zögern überschreitet. Die Strafe folgt allerdings bald.

Immer finden wir als zu den unteren Kasten gehörig: Plebs, Samariter und Heiden. Das sind jene Leute, auf die, um es kurz zu sagen, das alttestamentliche Liebesgebot nicht anzuwenden ist. Wir wissen, Jesus war anderer Meinung, und er hat dies auch sehr deutlich gesagt. Er aß mit »Zöllnern und Sündern«, behauptete, ein »Zöllner« könne wohlgefälliger sein als ein »frommer Pharisäer«, der sich im Tempel seiner guten Taten rühmt. Er lehnte es ab, seinen Jüngern die Reinheitsvorschriften einzuschärfen und mischte sich gerne unters Volk (Hochzeit zu Kanal).

Christus muß für die jüdischen Oberkastigen wie ein Renegat gewirkt haben. Denn hätte er sich entsprechend benommen, hätte man ihm Oberkastigkeit durchaus zugesprochen. Die außerordentliche Strahlkraft seiner Persönlichkeit, die hochfeudale Herkunft, seine die Umgebung souverän überragende »Bildung« prädestinierten ihn zu Oberkastigkeit. Da er aber nicht bereit war, den Kastenkodex einzuhalten, mußte er eine gewaltige Aggression erregen.

Wenn seine Haltung richtig war, dann brach eine Welt zusammen, dann mußte man Huren, Zöllner, Hirten, Samariter, Römer, Schmutzige, Reine, Reiche oder Arme, Gescheite, Dumme, ja, Erwachsene und Kinder als gleichberechtigte Sprech- und Tischpartner betrachten. Und das mußte in jeder Gesellschaft schärfste Aggression der Oberkasten erregen. Christus war jemand, dem die großartige Demonstration der Oberkastigkeit, ja, sogar das Königtum offenstand, der dies alles aber als unwichtig, bedeutungslos, gewichtslos, als uninteressant betrachtete, dabei nicht einmal Verachtung diesen Möglichkeiten gegenüber zeigte.

Wir wollen das komplizierte Problem des »Ketzertums« Christi hier nicht näher untersuchen. Wir sind jedoch sicher, daß seine als Renegatentum angesehene kastenfeindliche Haltung mit dazu beitrug, die heftigsten Aggressionen gegen ihn, bei den durch sein Verhalten beleidigten Personen, zu erzeugen. Diese Aggressionen sind als Abwehraffekte von Personen zu verstehen, die einerseits die Aufforderung zu einer Änderung ihrer eigenen Haltung spüren, ihre Fixierung an die als heilig empfundenen Schranken jedoch nicht aufgeben wollen.

Innerhalb des Judentums, das »Sklave war im Lande Ägypten«, mußte Christi Haltung einen besonders intensiven Aufforderungscharakter besitzen. Gerade dadurch, daß er den Geist des Gesetzes, jenes Gottes, der das Volk aus »Ägypten, dem Haus der Sklaverei« hin weggeführt hatte, in einer ganz neuen Weise erfüllte, erregte er noch stärkere Aggressionen als anderwo. Die menschliche Haltung Jesu (»unterkastig«: Sie spülen ja nicht die Hände, wenn sie zur Mahlzeit gehen - Mt 15,2 und M 7,5 bzw., »daß er vor der Mahlzeit keine Spülung der Hände vorgenommen hatte« Lk 11,38 und Jo 2: die Hochzeit zu Kana etc.), der die »unfeinen« und »unreinen« Sitten seiner galiläischen Landsleute nicht rügte, ja, offenbar selbst sich nicht »richtig« benahm (nach pharisäischen Begriffen), paßte nach Ansicht der »Frommen« gewiß zu seiner sonstigen Haltung (106).

Eine wahre Demonstration der Durchbrechung der Ekelschranke stellt jedoch die Fußwaschung dar. Sie hat als Zeremonie bei den Bischöfen und den Kaisern über Byzanz herauf Eingang gefunden. Wegen ihrer großen Bedeutung wollen wir sie genauer betrachten:

»Jesus wußte, daß für ihn die Stunde gekommen war, aus dieser Welt zum Vater zu gehen. Da erwies er, der die Seinen, die in der Welt waren, liebte, seine Liebe bis zum Letzten.

Es war beim Abendmahle ... Obwohl Jesus sich bewußt war, daß der Vater ihm alles in die Hände gegeben hatte, daß er von Gott ausgegangen war und wieder zu Gott zurückkehre, erhob er sich vom Mahle, legte sein Obergewand ab, nahm ein Linnentuch und umgürtete sich damit. Dann goß er Wasser in ein Becken und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und sie mit dem Linnentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war. So kam er zu Simon Petrus. Der sprach zu ihm: ,Herr, du willst mir die Füße waschen?' Jesus antwortete ihm: ,Was ich tue, verstehst du noch nicht, du wirst es aber später verstehen.' Petrus erwiderte ihm: ,In Ewigkeit sollst du mir die Füße nicht waschen!' Jesus entgegnete ihm: Wenn ich dich nicht waschen darf, hast du keine Gemeinschaft mit mir.' Da sprach Simon Petrus: ,Dann, Herr, nicht allein meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt.'...

Nachdem er ihnen nun die Füße gewaschen, sein Obergewand wieder angelegt und sich niedergesetzt hatte, sprach er zu ihnen: Versteht ihr, was ich an euch getan habe? Ihr nennt mich Meister und Herr, und ihr habt recht; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müßt auch ihr einander die Füße waschen. Denn ich habe euch ein Beispiel gegeben: Wie ich an euch getan habe, so sollt auch ihr tun. Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Der Knecht steht nicht höher als sein Herr, der Gesandte nicht höher als der, der ihn gesandt hat.'« (Jo 13,1-17)

Zunächst zwingt Christus Petrus moralisch dazu, sich die Füße waschen zu lassen. Der versucht ihn zurückzuhalten, offenbar hat Petrus das Gefühl, Jesus würde dadurch entwürdigt. Doch dieser erklärt ihm, daß er sonst keine Gemeinschaft mit ihm habe. Die Fußwaschung ist also in gewisser Weise die Voraussetzung der Gemeinschaft mit Christus. Christus kämpft gegen Petrus an, der in der unterkastigen Position verharren möchte, ein sehr wesentlicher Faktor, denn auch der Unterkastige kann in seiner Position fixiert sein und aus ihr nicht herauswollen. Der Wunsch, in der infantilen Situation zu beharren, ist sehr verbreitet.

Es wäre verlockend, dem Wandlungsprozeß, der hier in der Psyche des Petrus eingeleitet wird, nachzugehen — es ist sicher ein Reifeprozeß, wir werden noch auf eine andere entscheidende Wandlung zu sprechen kommen —, doch wollen wir zur Fuß-waschung durch Christus zurückkehren.

Christus erklärt auch noch die tiefere Bedeutung dieses symbolischen Aktes. Ähnlich wie zuletzt bei der Samaritcrin besteht er auf seiner Autorität, wiederum zum gleichen Zweck. Gut, er ist der Herr, er besitzt eine sehr wesentliche Funktion, aber eben deshalb haben die sekundären Herren, die Apostel, um so mehr den Geist der Fußwaschung zu pflegen: »Wie ich euch getan habe, so sollt auch ihr tun.« Christus kennt die Gefahren der sekundären Autorität. Der, der von unten nach oben kommt, neigt dazu, sich viel autoritativer zu gebärden als der, der es vom Ursprung an ist. Deshalb versucht Christus, einem Auswuchs ihrer späteren Autorität schon im Ansatz entgegenzuwirken. Er weist sie in ihre Schranken, noch bevor sie Verantwortung übernommen haben. Und deshalb besteht er auf seiner Autorität.

»Der Knecht steht nicht höher als sein Herr«, die Apostel stehen also nicht höher als Christus, und eben deshalb haben sie den Geist der Fußwaschung zu üben, jeder jedem gegenüber. Wenn der höchste Herr die Füße wäscht, so haben dies erst recht seine Jünger zu tun, sonst würden sie sich besser dünken als Christus. Wiederum wirft er seine ganze Autorität in die Waagschale und wiederum, um die Schranken zwischen den Menschen niederzureißen.

Diese Demonstration der Durchbrechung von Ekelschranke, Herrschaftsschranke, Vermögensschranke (Talentegleichnis), Bildungsschranke usw. ist so deutlich, seine Ablehnung der menschlichen Distanzierung so nachdrücklich, seine Zurückweisung des Herrentums so selbstverständlich — »Wer unter euch der erste sein will, sei aller Knecht. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen!« —, daß das Zentrum des christlichen Mysteriums verständlich wird.

Wir verstehen den römischen Hauptmann, der offenbar weiß, daß die Juden nicht zu Heiden kommen dürfen, wenn er sagt: »Ich bin nicht würdig, daß du eingehst unter mein Dach.« Er, dem daran liegt, daß sein Knecht gesund wird, will Christus wohl nicht zur Übertretung einer Norm veranlassen, obwohl dieser sich offenbar dazu bereit zeigte. Christi Durchbrechen aller Schranken hat keine sadistische Spitze. Es fällt ihm offenbar nicht schwer, einen exkommunizierten, verhaßten, schmutzigen Zöllner zum Apostel zu machen. Ja, Christus stellt als letzten, absoluten Beurteilungsmaßstab menschlicher Moral sein Verhalten zu den Unterkasten und jenen, die zu ihnen absanken, auf. Das Verhalten zu ihnen ist gleich bedeutend mit einem Verhalten zum Menschensohn, denn: »Was ihr einem dieser geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan« (Mt 25, 40). Deshalb gibt es für jene Menschen, die den Geringsten, und damit Christus, wohl getan haben, als Lohn den Besitz des »Reiches«:

»Denn ich war hungrig und ihr gabt mir zu essen,
Durstig und ihr gabt mir zu trinken.
Ich war fremd und ihr habt mich beherbergt,
Nackt und ihr habt mich bekleidet.
Ich war krank, und ihr habt mich besucht,
Gefangen, und ihr seid zu mir gekommen« (Mt 25, 35. 36).

Hiermit identifiziert sich Christus radikal und mit dem ganzen Gewicht seiner Persönlichkeit mit den Unterkasten, den Schlecht-weggekommenen dieser Erde. Mit der Androhung ewiger Verdammnis und dem Versprechen des Reiches, das »seit der Weltschöpfung« bereitet ist, verlangt er die Identifikation mit ihm, was zugleich bedeutet: mit »den Geringsten«.

Vom Standpunkt nationalistischer Rassenreinheit wäre nur Judas Ischariot in Jerusalem gesellschaftsfähig gewesen. Judas war offenbar ein richtiger »konservativer« Jude, aus einem Flecken in Judäa. Er verrät den Gesetzesbrecher und Apostaten Christus, denn als solcher wurde er verhaftet, wie das Gesetz es befahl (107). In manchen Handschriften des Markusevangeliums steht bei der Schilderung der Kreuzigung (15,28): »Und so erfüllte sich das Schriftwort: ,Den Gesetzlosen ward er beigezählt!'«

Daß sich das galiläische Niedervolk schließlich gegen Christus wandte, liegt daran, daß er um der tieferen Revolution willen, die alle anderen um- und einschloss, die näherliegendere, billigere — politisch-nationale, die hier dem Nationalnarzißmus dienen sollte —, ablehnte. Christus, zum König auserkoren, läßt sich lieber töten, als daß er die Königskrone annimmt. Er geht noch weiter als Gedeon (108).

_Die Verklärung läßt Christus mit Moses, dem Urrevolutionär, und Elias, der seine Königsfamilie von Hunden fressen lassen wollte, im Gespräch erscheinen. Die Auswahl der beiden Gesprächspartner ist von großer Bedeutung. Die beiden Freiheitshelden werden in ihrer Zielsetzung überstiegen (Mt 17, 1—9). Ziel ist nicht ein revolutionärer Kastenwechsel, sondern eine allgemeine Verbrüderung. Es ist die Revolution des tieferen Menschen gegen die menschlichen Schemata. Das umfassende Ziel wird besonders deutlich, wenn wir das Zentrum des christlichen Mysteriums betrachten, das wieder aus einer zentralen jüdischen Liturgiestelle hervorgeht.

Im Bewußtsein, vor seinem Tod zu stehen, feierte Christus das Abendmahl. Die Archetypik dieses zentralen christlichen Opfers, das durch die Fußwaschung eingeleitet wurde, ist von größter Bedeutung. Zunächst ist dieses »mysterium fidei« (109) ein Mahl, das potentiell für alle bestimmt ist. Wenn wir nun an anderer Stelle bemerkten, das Mahl und der Trunk stellten ein besonders verbindendes, ein besonders gemeinschaftsbildendes Moment dar, kann man die Entwicklung des Abndmahltisches zur »Kommunionbank« mit Kommuniongitter, des gemeinsamen Essens zur »Abspeisung« — der süddeutsch-österreichische Ausdruck für die Kommunion — bedauern.

Aber das gemeinsame Mahl ist nur ein Aspekt der Sache. Es ist nämlich das ägyptische Sklavenbrot, mit dem Christus sich identifiziert (110). Die in der Passach-Hagada vorgeschriebene Formel, die über das ungesäuerte Brot zu sprechen war, lautete:

»Das ist das Elendsbrot (Sklavenbrot), das unsere Väter aßen im Lande Ägypten« (die Begründungsformel der Sozialgebote des Judentums).

Christus brach es, teilte aus und sagte: »Nehmt und eßt! Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird« (111). Es ist sehr wichtig, sich diese Bedeutung des Brotes in der jüdischen Liturgie klarzumachen, denn dabei stößt man auf einen noch viel zu wenig beachteten psychologischen Aspekt der Eucharistie.

Das gemeinsame Mahl hat, wie wir schon zeigten, einen tiefgehend verbindenden Aspekt. Auch die tiefenpsychologischen Gründe für die verbindende Wirkung haben wir schon erörtert. Daß der gemeinsame Trunk gegenüber der Speise noch einen zusätzlichen Aspekt besitzt, besonders der Genuß von alkoholischen Getränken, haben wir ebenfalls schon angeführt. Der Wein insbesondere hat eine blutsymbolische Bedeutung; vor allem dort, wo dies von Christus noch speziell betont wird — »es ist mein Blut« —, hat das gemeinsame Trinken die Bedeutung der Konstituierung eines gemeinsamen Blutkreislaufes.

Nun ist aber die Eucharistie auch ein Symbol des Opfertodes Christi (112), der Vereinigung des Menschen mit seinem Tod. Wie in allen Sakramenten ein leiblich-sinnliches Moment gegeben ist, so auch hier. Die Union des Gottmenschen in einer leiblich-sinnlichen Form, die Identifikation Christi mit den Menschen bis zum Tod, erhält in der Eucharistie ihren nicht mehr zu übersteigenden Ausdruck.

Die Symbolik und Realität des zentralen christlichen Opfers ist höchst vielschichtig und umfassend, seine Archetypik höchst differenziert. Schon diese geringen Andeutungen im Zusammenhang mit dem schon früher Ausgeführten macht den Konnex mit der Kastenfremdheit und tiefen Menschheitsverbundenheit des christlichen Opfers wohl in seinen wesentlichen Zügen deutlich.

Es ist nötig zu betonen, daß das Christentum keineswegs eine Sklavenreligion war oder ist (dies gegen Nietzsche). Christus — und er allein ist in seinem Verhalten maßgebend — hat nicht nur mit Dirnen und Zöllnern verkehrt, sondern auch mit Pharisäern, Hochintelligenten, Offizieren, Reichen und anderen Ober-kastigen. Natürlich war es auffälliger, daß er nicht die mindeste Scheu zeigte, mit Schmutzigen, Verbrechern und jeder Art von Unterkastigen zu verkehren, ja, daß er sie in seine Nähe berief. Das Umgekehrte war weniger auffällig, denn es kontrastierte weniger zum üblichen Verhalten.

Christus ist kein Religionsstifter für die Unterkastigen allein, seine Religion ist eine Religion für alle. Wenn man als Europäer für die unterdrückten Schwarzen in Südafrika oder in den Südstaaten der USA eintritt, so braucht man deshalb keineswegs ein Mensch zu sein, der die Herrschaft der Schwarzen über die Weißen herbeisehnt. Vom Standpunkt einer allgemeinen menschlichen Gemeinschaft aus hat man jedoch jeweils für das Zusammenwirken aller einzutreten. Kommen Übergriffe von einer bestimmten Seite, so sind diese bei Identifikation mit der Gegenseite zurückzuweisen, doch keineswegs totalitär. Wenn bei revolutionärem Kastenwechsel dem ursprünglich Oberkastigen Gewalt widerfährt, ist es selbstverständlich Sache der Christen, auch diese Gewalt zu verurteilen. Man vergesse jedoch bei diesen Überlegungen nicht, daß es uns einzig und allein um die ursprünglich christliche Intention, nicht um das Verhalten der konkreten Christen in der Geschichte geht.

Daß es auch in der Intention Christi lag, die Verbundenheit mit den Menschen, die nicht seiner Lehre anhingen, vor das Trennende zu stellen, ist wohl zu eindeutig, als daß es durch die Intoleranz und totalitäre Aggressivität, die sich oftmals im Christentum zeigte, verdeckt werden könnte. Christus demonstriert mit Nachdruck das Durchbrechen der Schranken. Wie wir an Hand des Gesprächs mit der Samariterin zeigten, durchbrach er die Ekelschranke, Sakralschranke, Moralitätsschranke, Herrschaftsschranke, jene zwischen Mann und Frau, die Herkunftsschranke (aus dem Judentum und dem Geschlecht Davids) mit Selbstverständlichkeit und ohne die Verkrampfung, die den sich nur mit den Unterkastigen Identifizierenden eigen ist. Er tritt einerseits für die Autorität des Petrus ein, doch kennt er, wie wir anläßlich der Besprechung der Fußwaschung bemerkten, auch die Gefahren der sekundären Autorität. Er weiß um die psychischen Fragwürdigkeiten und Entgleisungen, die den zu Herren gewordenen Knechten drohen.

So zeigt er in einem Gleichnis, daß ein großer Herr bereit ist, seinem Knecht eine große Schuld zu erlassen, während sich derselbe Knecht aggressiv und höchst unduldsam einem armen Mitknecht gegenüber erweist, der ihm nur wenig schuldet. Obwohl sich dieses Gleichnis vor allem auf das Verhältnis zwischen Mensch und Gott bezieht, läßt es auch erkennen, daß Christus kein Ressentiment-Revolutionär war; er wollte keineswegs einfach die Sklaven zu Herren machen und die Herren zu Sklaven. Christus warnte also ausdrücklich vor der sekundären Autorität, aber er warnte weniger die Primärherren als die Anwärter auf die sekundäre Position. Er lehnt die sekundäre Autorität an sich nicht ab — das wäre der oberkastige Standpunkt —, warnt aber vor ihren psychischen Gefahren. Er wirft, um gerade diese Gefahr — ist doch von seinem Standpunkt aus jede Autorität sekundär, gottvertretend — aller menschlichen Autorität zu bannen, zuletzt seine ganze Autorität in die Waagschale.

Im demonstrativen Akt der Fußwaschung, den er gegen Petrus mit der Drohung der Aufkündigung ihrer Gemeinschaft durchsetzt, machte er sich zum Unterkastigen, ohne seine Autorität zu verleugnen. »Ihr nennt mich Herr .. . und ich bin es«, sagt er gerade hier. Und weil er sich als Herr völlig erniedrigt, deshalb haben erst recht die Apostel weder untereinander Herrschafts- und Ekelschranken zu kennen, noch gegenüber anderen Menschen.

Ähnlich, wie Christus sich als Herr in der Fußwaschung erniedrigt, identifiziert er sich gerade mit dem Sklavenbrot, um das Allumfassende, sämtliche Schichten der Menschheit Umgreifende zu demonstrieren. Wer zur Gemeinschaft am Gottesmahl gehört, und wenn auch nur potentiell, wird vom Tod und dem Meer uteriner Allidentifikation umschlossen. Potentiell gehören aber alle zum Gottesmahl. Brot und Wein verbinden, wie jedes Mahl Gemeinschaft stiftet, so erst recht das bewußte Opfermahl. Es soll hier nichts Pathetisches gesagt sein, aber die gesamte Archetypik des eucharistischen Opfers fordert eine solche Auslegung.

Petri Durchbruch zur Weltreligion #

»Nichts kann den Menschen unrein machen, was von außen in ihn hinein kommt« (Mk 7,15).(113)

In welcher Weise sich Christus und seine Lehre in seinen Aposteln entfaltet und immer wieder mehr zum Durchbruch kommt; zeigt sich besonders deutlich, wenn man den Durchbruch Petri zur Weltreligion betrachtet. Er geschah durch die Aufnahme der ersten Heiden.

Wir wollen zeigen, wie sich das Christentum in der Psyche des Petrus durchsetzt. Nach dem Gleichnis Christi vom Weizenkorn können wir sagen, daß Gottes Wort - auf fruchtbaren Grund gefallen -, in ihm wächst und Frucht bringt. Eine solche Entfaltung war nur möglich, indem Petrus die zentrale Ekelschranke zwischen dem orthodoxen Judentum und den unreinen Heiden durchbrach.

Während einer Friedenszeit, die die Kirche in Judäa, Galiläa und Samaria erleben durfte, begab sich Petrus auf eine Visitationsreise, die ihn auch in die alte Hafenstadt Jaffa führte (Apg 9, 31 ff.). Das Geschehen des zehnten Kapitels der Apostelgeschichte beginnt aber auf einem anderen Schauplatz, nämlich in der fünfzehn Kilometer entfernten, ebenfalls am Mittelmeer gelegenen Garnisonstadt Cäsarea Sebaste, dem Sitz eines Prokonsuls. Hier hat der Centurio Cornelius, ein »frommer und gottesfürchtiger Mann«, der aber kein Proselyt ist, zur »neunten Stunde (d. i. um 15 Uhr) während des Mincha-Gebetes eine Vision, in der ihm ein »Engel Gottes« befiehlt, Boten nach Jaffa zu schicken und Petrus kommen zu lassen. Am folgenden Tag (er hat also im Gerherhaus übernachtet!) steigt Petrus auf das flache Dach des Hauses eines gewissen Simon, eines christlichen Gerbers, bei dem er Wohnung genommen hatte, und will sein Gebet (zur »sechsten Stunde«, d. i. um 12 Uhr, also nicht zur üblichen Zeit) verrichten. Er verspürt Hunger und begehrt (außerhalb der normalen Mahlzeit) zu essen. Während das Mahl bereitet wird, kommt eine Verzückung über ihn (114).

"Er sah den Himmel offen, und eine Art Behälter gleich einem großen Tuch herniederschweben, an vier Enden heruntergelassen auf die Erde. Darin waren alle vierfüßigen und kriechenden Tiere der Erde und die Vögel des Himmels. Eine Stimme erscholl: ,Auf, Petrus, schlachte und iß!' ,Aber Herr', entgegnete Petrus, ,nie habe ich etwas Gemeines, Unreines gegessen!' Aber wieder erscholl die Stimme und sagte zum zweiten Male: ,Was Gott rein erklärt hat, nenne du nicht gemein.' Dasselbe geschah noch ein drittes Mal, dann schwebte der Behälter rasch zum Himmel empor. Noch war Petrus ganz ratlos, was die Vision, die er gehabt, bedeute, da standen die Abgesandten des Cornelius in der Torhalle... Noch immer grübelte Petrus über sein Gesicht, als der Geist ihm sagte: ,Drei Männer sind da und suchen dich... folge ihnen ohne jedes Bedenken, denn ich habe sie gesandt.' «

Im folgenden bietet Petrus den Boten (zwei Sklaven und einem Soldaten) Gastfreundschaft an, was dem Juden streng verboten ist (Verunreinigung durch Bezeltung), und begleitet sie am nächsten Tag gemeinsam mit anderen Christen aus Jaffa nach Hause. Mit dem Hinweis, daß dies »für den Juden ein Verstoß gege das Gesetz« bedeutet, betritt er das Haus des Cornelius, sagt aber: »Gott hat mir gezeigt, daß ich keinen Menschen gemein oder unrein nennen darf.«

Während Petrus dem Cornelius und seiner Familie predigt, kommt der »Heilige Geist« (das ekstatische Pneuma) über die Zuhörer. »Da hub Petrus an und sprach: ,Dürfte wohl jemand diesen das Wasser der Taufe verwehren, die gleich uns den heiligen Geist empfangen haben?'«

In Jerusalem muß sich Petrus dann wegen seiner Handlungsweise verteidigen und tut dies ebenfalls mit dem Argument: »Wenn Gott ihnen wie uns die gleiche Gabe (des ,Geistes') schenkte ... wie könnte ich dann imstande sein, es Gott zu verwehren?«

Der Beruf des Gerbers gehörte, wie schon kurz bemerkt, in Israel (wie auch anderswo, z. B. in Indien) in die Reihe der verfemten Berufe. Mit dem Vertreter eines solchen Berufes freundschaftlich zu verkehren, war für einen orthodoxen Juden mehr als gewagt. Man sagte dem Gerber »Beziehungen zu Weibern« nach, er konnte kein hohes Amt (in Wirklichkeit wohl überhaupt kein Amt) bekleiden, und wenn man den Gewürzkrämer, der auch zu den verfemten Berufen zählte, mit dem Gerber verglich, so sagte man: »Wohl dem, dessen Handwerk das des Gewürzkrämers, wehe dem, dessen Handwerk das des Gerbers ist.« Denn der Gerber arbeitete mit Kot, und in seinem Haus stank es wie in einem Abort. Darum und nicht der schönen Aussicht wegen lag die Wohnung des Simon direkt am Meer: auf diese Weise wurde er die Abfälle seines Gewerbes am leichtesten los. Nach Baba Bathra 2,9 mußten Gerbereien mindestens fünfzig Ellen von einem bewohnten Ort entfernt und so gelegen sein, daß der Geruch vom Wind nicht in die Ansiedlung getragen werden konnte. Des Kotgestanks wegen konnte man den Gerber zwingen, seine Frau zu entlassen, wenn sie sagte: »Ich habe geglaubt, es ertragen zu können, aber jetzt kann ich es nicht ertragen!« Aus demselben Grund war es der Witwe eines Gerbers gestattet, die (ansonsten streng vorgeschriebene) Leviratsehe mit dem Bruder des Verstorbenen dann abzulehnen, wenn dieser auch Gerber war. Denn ein zweitesmal konnte man der Frau ein solches Opfer nicht zumuten.

Petrus hat sich also offenbar nicht an die rabbinische Lehre von der »Unreinheit« dieses Berufs und seiner speziellen Vertreter gehalten. Ja, man kann beinahe annehmen, er habe absichtlich sein Domizil in dem verfemten Haus aufgeschlagen. Die Möglichkeit einer Assoziation Kot — Heiden (die, wie wir zeigen wollen, der heilige Petrus hatte) war gegeben durch eine »anale Fixierung«, die die Grundlage der besonderen jüdisch-pharisäischen Zwangs- und Angstneurose bildete. Es ist psychologisch nicht unverständlich, daß das Gebet gerade auf dem Gerberhaus den angeblich so judaistisch gesinnten Petrus dazu brachte, den ersten jener Menschen in die Kirche aufzunehmen, die man statt »Heiden« einfach »Unreine« nannte, die durch »Berührung, Tragung und Bezeltung« verunreinigten und deren Speichelauswürfe so wie die der Samariter und der Irrsinnigen eine ganze Stadt unrein machen konnten. Wie wird man sich vorstellen müssen, was geschah, als Petrus auf dem Dach des Gerberhauses betete und auf sein Essen wartete?

a) Der Dunst und der Duft der (levitisch) »reinen« Speisen vermischte sich mit dem vorherrschenden »unreinen« (ekligen) Gerbergestank, und diese Mischung nahm der betende Petrus (Rauch und Küchendunst ziehen im Orient durch die Fenster ab, und auf dem Dach konnte man schon etwas davon abkriegen!) wahr. Weil er meditierte, merkte er den Duft nicht bewußt, aber sein »Unbewußtes« verarbeitete den Eindruck.

Dies sind ähnliche Mechanismen, wie sie in der älteren Traumanalyse erklärt werden. Der Geruch darf das Gebet nicht stören, wird verdrängt, und da es sich um sehr tiefes Gebet und sehr starken Geruch handelt, wird die Geruchswahrnehmung dadurch unschädlich gemacht, daß sie sich symbolisch ins Gebet »schmuggeln« darf. Das gelingt aber nur deshalb, weil mit »energetischer Hilfe« der verdrängten Geruchswahrnehmung unbewußte Inhalte, die schon vorher vorhanden, sozusagen »auf dem Sprung« waren und in »Komplexverwandtschaft« mit den »ekligen Gerüchen« standen, visionär-imaginativ projiziert werden können.

b) Petrus hat Hunger, muß auf das Essen warten, der »innere Reiz« des Hungergefühls droht die Versenkung zu stören, und als Wunscherfüllung kommt das Tuch vom Himmel herunter. Aber die Speisegerüche sind mit Gerbergestank gemischt, und das ruft Ekel hervor. Vielleicht mußte Petrus schon früher bei Mahlzeiten im Gerberhaus ein Ekelgefühl unterdrücken, und unbewußt hat er auch jetzt Abneigung gegen die eben in Vorbereitung befindliche Mahlzeit, trotz seines Hungers: die Speisen im »himmlischen Tuch« sind (levitisch) »unrein«, und Petrus will nicht essen. Und doch ist der Gerber ein Christ, ein »Bruder«, und Petrus kann als Nachfolger Jesu, der mit gesetzlich »unreinen« »Zöllnern und Sündern« zu Tische saß, die pharisäische Berufsdiffamierung nicht mitmachen. Im Gegenteil, er stellt sich dem Ekel, durchläuft die ganze mit »Ekel« verbundene Assoziationskette (»er grübelt«) und löst den Ekel auf (sein späteres Verhalten!).

c) Ein Teil von Petrus findet den mit Kot arbeitenden Gerber eklig, aber sein christliches Gewissen bedeutet ihm, daß der Gerber nicht unrein ist. Sein während des Gebets auf dem Dache aus diesem Konflikt entstehendes »neues Gewissen«, die »Stimme Gottes«, sagt: »Was Gott rein erklärt hat, nenne du nicht unrein.«

Nach der Vision war Petrus ratlos, er wußte nicht, was sie bedeuten sollte.

Ist die Bedeutung des »Gesichtes« nicht ganz klar? Gott befiehlt darin doch die Abschaffung der Speisegesetze! Aber offenbar ist der schöpferische Einbruch noch viel größer, es will noch etwas anderes ins Bewußtsein dringen, und das Fühlen eines »leeren Platzes« im Bewußtsein ist das, was der Verfasser der Apostelgeschichte mit »Ratlosigkeit« bezeichnet.

d) Diese Betrachtung der Situation unter verschiedenen Aspekten führt uns zur Lösung: es geht um das Akzeptieren jener Menschen, die »Unreines« essen und darum selbst »unrein« sind, der »Heiden« (115).

Eine ganze Reihe von Verschiebungen haben wir vor uns: Kot — Gerber Kot — »unreine Speisen« »unreine« Speisen — »unreine« Heiden christlicher Gerber — Heidenchristen. Die Konsequenz aus dem letzten Bezug kann dann nur sein: »Aber Gott hat mir gezeigt, daß ich keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf.«

Das Problem der Aufnahme von Heiden in die Kirche wird Petrus schon früher beschäftigt haben, vielleicht besonders stark, bevor er in das Haus des Gerbers gezogen war. Die Einquartierung beim Gerber war dann eigentlich, das ist in Anerkennung sämtlicher für das unbewußt ablaufende Schlußverfahren notwendiger Prämissen gesagt, schon Bereitschaft, Heiden in die Kirche aufzunehmen. Denn damit begann die Auflösung eines »analen Komplexes«; die Zulassung des Cornelius zur Taufe war nur eine fast automatisch eintretende Folge. Ohne eine derartige Beseitigung der Ekelschranke wäre auch ein eventuelles Pfingsterlebnis der Heiden von Petrus nicht anerkannt worden.

Durch dieses sein Erlebnis beim Gerber aber ist Petrus Vorbild aller jener späteren sozialen Reformatoren geworden, die, aus dem christlichen Ursprung schöpfend, in ihren Träumen und Visionen das Symbol der »Ganzheit« schauten, ähnlich jenem »himmlischen Tuch« der Apostelgeschichte, das Eisler (110) in seiner Exegese für das die ganze Welt überdachende und alle Kreatur bergende Himmelszelt (bzw. den Himmelsmantel) hält, ein Symbol, das der Geist benützt, wenn es gilt, jene neurotischen »Zäune des Gesetzes« und Schranken des Ekels niederzureißen, die, von Menschen errichtet, Menschen von Menschen trennen.

Christliche Geschichte#

»Wer wird denn Böcke, Ziegen, Schafe zusammen mit edlen Pferden in einen Stall einsperren.«
Hildegard von Bingen, auf die Zumutung hin, eine nieder-ständische Frau in ihren Konvent aufzunehmen.

»Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?«
Slogan der Lollarden

Neben heroischen Impulsen und Dokumentationen echten christlichen Geistes ist die Geschichte des Christentums, was die Realisierung der christlichen Grundhaltung betrifft, voll tragischen Versagens. Da hierzu eine eigene Studie vorliegt, wollen wir nur einige wesentliche Züge festhalten (117). Während das Christentum vor Konstantin unterkastige Würdenträger besaß und der Umgangston zwischen Bischöfen und Gemeinde kaum einen Herrenton hatte, änderte sich die Situation durch Konstantin entscheidend. Indem Konstantin die Bischöfe feudalisierte, beraubte er - wahrscheinlich nicht bewußt, jedoch sehr zielsicher - mit der typischen Abwehrtechnik der Oberkasten das Christentum der Führungsspitzen in der Erfüllung seiner sozialdynamischen Aufgabe.

Das paulinische »Herren, seid gute Herren, Sklaven, seid gute Sklaven« klingt anders im Munde von Herrenbischöfen als von Bischöfen aus den Unterkasten. Und die Fußwaschungszeremonie wird in ihrer Symbolsprache weitgehend gedämpft, wenn das Wasser aus goldenen oder vergoldeten Kännchen auf gewaschene Füße tropft.

Der sakramentale Charakter der Eucharistie bleibt der gleiche, wenn die Laien nur das Brot erhalten und nicht auch den Wein. Er bleibt auch gleich, wenn Priester und Laien durch ein Kommuniongittcr voneinander getrennt werden und aus dem gemeinsamen Abendmahltisch ein schmales Brett wird. Die psychologisch-symbolische Strahlkraft des ursprünglichen Akts, die die brüderliche Verbundenheit ausdrücken soll, wird jedoch entscheidend geschwächt.

Wenn man sich auch das vorkonstantinische Christentum keineswegs als eine Vollrealisicrung christlicher Brüderlichkeit vorstellen darf, so war doch die Feudalisierung der Bischöfe durch Konstantin ein zentral bedeutsamer Schritt, dem Christentum seine natürliche Strahlkraft und seine sozialreformerische Dynamik zu hemmen. Im Zusammenprall mit dem germanischen Feudalismus schließlich wurde das Christentum weitgehend von diesem überwunden. Im »Heliand« wurden Christus und Maria zu hochfeudalen Figuren, eine Umdeutung, die Christus zum König — nicht in jenem sublimierten Sinn, wie er es selbst meint — machte und den kastenfremden, ja, kastenfeindlichen Aspekt des Christentums zurückdrängte. Andererseits fiel es den germanischen Feudalherren leicht, sich mit den jüdischen Feudalherren, nämlich den Königen, zu identifizieren, hatten sie hier doch entsprechende Vorläufer. Das feudale Mittelalter hatte ja ein stärkeres Verhältnis zu den alttestamentarischen Feudalen als zu Christus. Den herrschenden Schichten gelang es, sich auch der Herrschaft in der Kirche zu versichern, und nur ganz selten vermochte ein Nichtadeliger Bischof oder Abt zu werden (118). Zentrale Fakten des Christentums wurden in den Untergrund (119) der Geschichte gedrängt, dort oft extremisiert, um dann in Sekten und Häresien wieder aufzutauchen.

Wie der als Motto verwendete Ausspruch Hildegards von Bingen zeigt, war die feudale Ekelschranke sogar bei einer Heiligen intensiv wirksam (Christi Fußwaschung). Hier zeigt sich die Identifikation einer im innerkirchlichen Raum stehenden Gestalt mit dem mittelalterlichen Herrschaftssystem so eindeutig wie selten. Diese Identifikation mit den jeweils herrschenden Systemen zieht sich nunmehr durch die Geschichte wie ein rote Faden.

Andererseits wucherte unter dem Bewußtsein der Herrschaftskirche jener »Untergrund« erstens in der Kirche selbst andererseits jedoch, extremisiert, außerhalb der Kirche, in den verschiedensten Sekten, die meinten, der Kirche, weil sie sich in ihrer Führungsschicht vom kastenfremden Ursprung abgewandte hatte, auch ihre metaphysische Substanz abspreche zu müssen.

Die Dialektik des Christentums spielt sich also zwischen eine die zentrale Brüderlichkeit nicht lebenden und in der Praxis ablehnenden Führungsschicht und einem gegensätzliche Tendenzen vertretenden Untergrundchristentum ab, das verständlicherweise leicht extremisiert.

Wie hier von Seiten der Führungsschicht verdrängt wurde, zeigt zum Beispiel die Einstellun zum Lesen der Bibel:

»Die Schwertlehre und Herrschaftslehre, als die sich den Kollektiven der jungen Völker das Kirchen-Christentum der Zeit präsentiert hatte, hatte mit dem Evangelium des Johannes, dem Wort des Paulus, wenig direkte Beziehungen — wenn einmal die Bibel selbst gelesen wurde, mußte der Abgrund sichtbar werden zwischen dem armen Christus, dem verfolgten Gotteslamm, und dem reichen, mächtigen Christus, der mit seinen Heerführern einherzieht.«

»Die europäische Sozialgeschichte lehrt: In keinem Jahrhundert vom frühen Mittelalter herauf, ist es der Herrschaftskirche gelungen, die sozialen Konflikte zu lösen, auch nicht, sie wesentlich zu mildern, da man diese gar nicht sah: der aristotelisch-platonischen Denkwelt der Scholastik fehlt jede Denkkategorie, um überhaupt begreifen zu können, daß Materie und Niedervolk, die massa damnata der Elenden, Sünder, Rebellen, anders behandelt werden können als durch ein straffes Überherrschen mit der Waffe und sakraler Gewalt.«

»Es ist unendlich wichtig, das klar zu sehen: ein grundlegender Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse in bezug auf Sklaverei, Hörigkeit, Krieg, Bürgerkrieg, wird in Europa lange Zeit und primär nur durch nonkonformistische Gruppen und Sekten propagiert, verkündet und realisiert. Die Kirche, und seit dem 16. Jahrhundert die führenden Konfessionen, Katholizismus, Luthertum und Kalvinismus, treten erst Jahrhunderte später (seit dem späten 19. Jahrhundert), teilweise und sehr verschieden von Land zu Land, für »Sozialreform«, Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse ein.« (120)

Was von unten nach oben drängte, war nicht einfach antichristlich, sondern abgespaltenes, desintegriertes Christentum, das in die Kirche hereingenommen gehörte. Trotzdem wehrte sich die Oberschicht der Kirche mit tiefer Angst vor diesen Aufbrüchen aus dem Untergrund, typisch für eine neurotische Situation. Die Angst entspringt einer Abwehr, einem Nichtwahrhaben-wollen zentraler Gegebenheiten, die man sich nicht eingestehen will, weil man wesentliche Richtungsänderungen des Verhaltens vornehmen müßte. Und doch geht es hierbei nur um ein Ernstnehmen der ohnehin theoretisch anerkannten christlichen Wahrheiten :

»Die bekannte Vision Innozenz III. von der einstürzenden Kirche visiert die katastrophale Situation des römischen Katholizismus im frühen 13. Tahrhundert treffend an. Die beiden ersten neuen Orden - alle früheren monastischen Bewegungen hielten sich im Rahmen des Benediktinerordens - die Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner, sind die ersten Versuche, mit außerordentlichen Mitteln dem außerordentlichen Notstand zu begegnen. Beide sind sie direkt entstanden aus engster Berührung mit der Ketzerei. Dominikus setzt in der Provence und dem spanisch-südfranzösischen Grenzgebiet an, Franziskus (mütterlicherseits Provencale) bemüht sich besonders, die seit dem 12. Jahrhundert in vielen orthodoxen und manchen heterodoxen Strömen aufbrechende Armutsbewegung in die Kirche zu bergen (das heißt, sie im Bewußtsein der Kirche zu integrieren). Das Gelingen und das Scheitern des Franziskus wird bereits zu seinen Lebzeiten sichtbar. Unstet, vereinsamt, im eigenen Orden von der Mitbestimmung der Geschicke ausgeschaltet, wandert der Poverello, schmerzzerrissen, die letzten Jahre mit einer kleinen Schar seiner Getreuen von Ort zu Ort. Nach seinem Tode setzt im Orden selbst sofort die Verfolgung der Spiritualen ein. Der Franziskanerorden ist, im 14.,15. und noch im 16. Jahrhundert, der Schauplatz ständiger Kämpfe, Ordensteilungen und Abspaltungen, da einzelne Gruppen immer wieder versuchen, zur Königsidee des Franziskus zurückzukehren: unbedingte Armut und bedingungslose Friedensmission.« (121)

Nicht nur Franz von Assisi - zweifellos eine der positivsten Schlüsselfiguren in der Kirchengeschichte - sondern auch andere, von Christus zutiefst bestimmte Personen haben im Gegensatz zur herrschenden Hierarchie die Ehre des Christentums gerettet und legten Zeugnis ab für seine unsterbliche Grundsubstanz. Elisabeth von Thüringen, hochfeudaler Herkunft - die des Franz von Assisi ist »kapitalistisch« - hat in geradezu explosiver Weise gezeigt, was Christentum wirklich ist. Vinzenz von Pauls Ausspruch: »Nur um eurer Liebe willen werden euch die Armen das Brot verzeihen, das ihr ihnen gebt«, widerlegt treffend Nietzsches Antimitleidsaggression. All das ist christlich, bestimmt jedoch leider wenig das offizielle hierarchiale Antlitz des Christentums.

»Soziologisch und geschichtlich ist die Ausscheidung des originären Franziskanertums (schwere Verfolgung im Armutsstreit, Verbrennung von Franziskanern, (einige Gruppen fliehen in den Osten, nach Armenien und bis in die Mongolei hinein, das Testament des heiligen Franziskus wird feierlich über den Häuptern von Fraticellen verbrannt) hochbedeutsam: die feudal-herrschaftliche Ordnung der mittelalterlichen Kirche schied diesen Versuch, evangelische Existenz gesellschaftlich zu realisieren, heftig aus.«

Der Franzikanerorden war der Vertreter der Armen und der Schmutzigen. Besonders die von ihm abgespaltenen Kapuziner werden in innerkirchlichen Witzen heute noch als schmutzig hingestellt. Jenseits der Ekelschranke stehend, fasziniert Franz von Assisi bis in den Kommunismus hinein. --> Lenin kehrte einmal in der Woche im Kreml aus. Er identifizierte sich gewissermaßen mit dem Straßenkehrer. Während seiner Krankheit beschäftigte er sich intensiv mit Franz von Assisi (123). Wie weit jene nach Rußland geflohenen Franziskaner an der Konstituierung jener das zaristische Rußland und die offizielle Orthodoxie unterwandernden Sekten teil hatten und so indirekt auch den Bolschewismus fundierten, wäre wohl einer speziellen Untersuchung wert.

»Die germanisch-feudale Herrschaftskirche besaß von sich aus gar keine Denkmittel, um zu begreifen, daß sich hinter diesen Erhebungen nicht nur der Teufel, die Rebellion gegen Gottes und der rechten Ordnung Majestät verbarg, sondern vieles, vieles andere. Fassungslos stehen Bischöfe, Prälaten, Scholastiker zunächst diesem Ausbruch aus der Tiefe gegenüber, so wie später vom 16. bis 20. Jahrhundert ihre Nachfolger in Spanien, Ungarn, Südamerika. Die Selbstidentifikation der Kirche mit der Herrenschicht wurde da sich alle Erhebungen zwangsläufig auch gegen die Kirche, den größten Grundbesitzer, wandten und gegen alle Bischöfe, mit denen als den Stadtherren die Bürgerschaft fast überall in Konflikt kommt, durch diese tausend Erhebungen immer noch mehr fixiert: bis zu Gregor XVI., der 1832 das alte Bündnis zwischen Kirche und »christlichen Fürsten« zur Niederwerfung der »Rebellen«, des »Gesindels«, des Schandflecks der Menschheit, des ketzerischen Niedervolkes feierlich erneuert in der Enzyklika Mirari vos.« (124)

Die Belastung der Kirche mit Grundbesitz machte es ihr viel schwerer, sich nicht mit dem jeweils herrschenden Regime zu identifizieren. Durch die Identifikation von Reichtum und Sakralität wird jede sozialreformerische Tätigkeit, die das Eigentum produktiver gestalten möchte, zum »Sakrileg«.

»Seit Schuhes Untersuchungen über die Beziehungen zwischen Adel und deutscher Kirche liegen für ganz Europa Forschungen vor, die einhellig erweisen: wenn auch, zumal in Krisenzeiten und in Hoch-Zeiten monastischer Reform, hier und dort immer wieder ein Mann aus niederem Stande aufsteigt - was nachdrücklich von den Quellen, und das heißt, den Zeitgenossen, vermerkt wird -, hält sich im europäischen Mittelalter jene Kontinuität, die sich in gallo-römischer, irisch-keltischer und germanischer Frühzeit ausgebildet hat. Alle führenden Stellen in der Kirche sind mit Angehörigen des hohen, seltener des niederen Adels besetzt. Nun kommen, seit dem Spätmittelalter, die Ahnenproben und Ahnennachweise auf. Wer sie nicht erbringen kann, wird nicht aufgenommen. Nicht wenige Domkapitel und Stifte haben sich bis nahe an die Gegenwart niederständischer Eindringlinge zu erwehren gewußt (125). Dergestalt ist praktisch eine Hochkirche entstanden, die geschlossene Gesellschaft adeliger geistlichei Herren und Damen, die immer unter sich war, wo immer sie auftrat, streng abgeschlossen nach unten, im steten gesellschaftlichen und politischen Umgang mit ihren weltlichen Brüdern, Vettern und Verwandten.«

»Noch heute verteidigen die sogenannten Ritterorden ihren inneren Feudalismus. Mit starker Hand, mit Waffe und Hochgericht haben die geistlichen adeligen Herren Alteuropas ihre Untertanen in Zucht und Gehorsam gehalten, ihre geistlichen Untertanen und ihre weltlichen Untertanen.«

»Zwischen dem klerischen Proletariat armseliger Gesellpriester und Laypriester, die als Messeleser für geistliche Herrn ein elendes Dasein führten, zwischen den Massen ungebildeter Dorfpriester, die oft ihre eigenen Söhne als Nachfolger zum Messelesen anlernen und die nicht genug Latein können, um selbst die Messe richtig zu lesen (dies wird auch für gewisse hochadelige Reichsbischofe des Mittelalters bezeugt), und diesen adeligen Führungsschichten der Kirche bestehen keinerlei gesellschaftliche Kontakte. Was hier an Haß sich speichert, zeigen jene Geistlichen, die im 14. Jahrhundert in England, später in Deutschland, mit den Heeren der Bauern aufbrechen, zeigt dann der Großkampf von Volksgeistlichen im Lager der Reformation gegen ihre früheren geistlichen Herren.«

»Seit dem 13. Jahrhundert wird eine bewußte religiöse Komponente in Verbindung mit den Aufständischen des Landvolkes und städtischen Erhebungen deutlich sichtbar. »Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann}« Dieser Slogan der englischen Lollarden, die sich auf Wyclif berufen, steht de facto bereits hinter der Erhebung der »Apostolischen Brüder« in Italien, die durch den Bauern Gerard Segarelli geführt werden. Segarelli war 1248 als »zu einfältig« von den Franzikanern zurückgewiesen worden. Seine Bewegung kämpft für das Reich Gottes in Gleichheit, Frieden, Gerechtigkeit. 1286 wendet sich eine päpstliche Bulle gegen sie.

Um 1300 wird Segarelli verbrannt, sein Schüler Fra Dolcino kämpft weiter, im Trentino, schlägt Kreuzfahrerheere, die gegen ihn entstandt werden, bei Novarra, bis er in einer mörderischen Schlacht am Monte Zebello am 23. März 1307 vernichtend geschlagen wird. Fra Dolcino und seine Frau Margharita werden gefoltert und getötet.«(126) Diese christlich-kommunistischen Versuche mißlingen, jedoch unterminierten die Tendenzen die Feudalstrukturen von weltlicher und geistlicher Macht. Erst die französische Revolution führt, nun säkularisiert und direkt antichristlich, obwohl sämtliche Ziele »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit«, christlichen Ursprungs waren, zum Durchbruch der ursprünglich christlichen Ideen gegen das feudalisierte Christentum. Indirekt, und ohne die Intention zu haben, hat die französische Revolution den Entfeudalisierungsprozeß in der Kirche weitergetrieben. Nun stiegen in größerer Zahl Priester unterkastigen Ursprungs zu hohen Kirchenwürden auf. Der Feudalstil der kirchlichen Hierarchie änderte sich jedoch weitgehend nicht.

Erst recht wurde versäumt, rechtzeitig die Frage des Proletariats aufzurollen, so daß es auch hier zum Teil zu revolutionären Lösungen kommen mußte. Außerdem wurde der Aufstieg des Proletariats größtenteils gegen die Kirche erzwungen. (Die Tatsache, daß die spezielle US-Ideologie sowie die sowjetische sicherlich nonkonformistischen, jedoch christlich-jüdischen Ursprungs ist, hat entscheidende Bedeutung für die Beurteilung der gegebenen Weltlage).

Es ist wohl schwer zu erkennen, wie sich im Angesicht Christi, im Angesicht einer derartigen Kommunion und Kommunikation mit den Menschen schlechthin, Intoleranz, Ekelschranken, konfessionelle, rassische, nationale und feudale Endogamien, Arroganzen und Ressentiments christlich rechtfertigen lassen sollen. Nur unerhört starke Antriebe lassen eine Verdrängung dieses fundamentalen Zentrums christlichen Glaubens verstehen, der die Gleichheit der Menschen in ihrer ontologischen Substanz mit einer nie gekannten symbolischen Kraft verkündet und alle Differenzen als unwesentliche Bagatellen erkennen läßt.

Wie tief die Verkastungstendenzen in der verborgenen menschlichen Natur verankert sind, haben wir jedoch gezeigt. Wir haben erkannt, daß durch Petrus auch die national-sakrale Ekelschranke des Judentums durchbrochen wurde. Über die Gemeinschaft mit dem umterkastigen, schmutzigen Gerber führte ihn der Weg zur Gemeinschaft mit den Heiden, mit denen er die Tischgemeinschaft endgültig herstellte. Jenseits von rein und unrein, von jüdisch und nichtjüdisch, von Herren und Sklaven wurde eine große Gemeinschaft begründet, die potentiell die ganze Menschheit erfaßt.

So sehr auch die Geschichte der christlichen Völker immer wieder den Abfall von der Kernidee des Christentums zeigt in Arroganz in Glaubensdingen, in Kreuzzügen, Sklaverei, Leibeigenschaft usw., so war der christliche Kern doch ebensowenig mehr aus der Welt zu schaffen wie das Rad oder der Hammer. Säkularisiert und primitivisiert zeigte er sich in den verschiedensten Gleichheitslehren, im Liberalismus und Sozialismus bis zum Kommunismus.

Wir konnten sehen, daß das Christentum in seinem Kern mit der tiefsten Schicht der menschlichen Natur - der Uterinität - korrespondiert. Der Kern der christlichen Verkündigung ist nach den Gesetzen eines kollektiv Unbewußten ein Absterben, Untertauchen und neues Auftauchen. Alle Differenzierung sollte durch das Einssein durchdrungen und durchstrahlt sein, aus dem Geist des gemeinsamen Todes und der gemeinsamen Wiedergeburt.

Es ist erschütternd zu sehen, wie wenig das konkrete, bewußte Christentum von seiner kommunikativen Kraft Gebrauch macht; es erschöpft sich sozial weitgehend in Caritas. Wir erkannten, daß die christliche Kastenfremdheit einerseits der menschlichen Natur am besten angepaßt ist, daß sich die Menschen, ihrer tiefsten Natur nach, nach Gemeinschaft sehnen, und können nun hinzufügen, daß auch der schöpferischen Kraft jedes einzelnen bei der besagten Grundhaltung die meisten Realisierungschancen zukommen. Die oberkastige Einstellung verzichtet auf die produktive Kraft der Unterkastigen, die unterkastige Revolution meist auf die der Oberkastigen. Alle hypostasierten Schranken blockieren und bremsen die natürliche Entfaltungsdynamik.

Die christliche Haltung ist begründet auf einem Transzendenzbezug, als dessen soziales Äquivalent die Identifikation mit der gesamten Welt - Schöpfung - anzusehen ist. Da der Hauptakzent des christlichen Lebens in der Transzendenz wurzelt, werden allein schon deshalb die innerweltlichen Differenzen weniger gewichtig.

In der Geschichte traf das Christentum auf die verschiedensten Herrschafts- und Gesellschaftsformen, die es zunächst immer vorläufig anerkannte, zugleich damit aber auch durch seine zentrale Idee zersetzte. Diese Herrschaftsformen besitzen nun auch religiöse Äquivalente. Religion und Gesellschaftsform stehen in engem, sich wechselseitig bestimmendem Konnex. Religion wird nicht nur gesellschaftlich, im Sinne von Karl Marx, mißbraucht, sondern hat umgekehrt auch auf inadäquate Gesellschaftsformen einen zersetzenden Einfluß. Schließlich vermag sie auch dem Ressentiment zu dienen. So trifft Nietzsche eine Teilwahrheit, wenn er meint, daß die christliche Moral ein Mittel der Unterkastigen sei, um die Oberkasten im Zaum zu halten. In Wahrheit ist Religion, in ihrem Kern, weder das eine noch das andere.