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DIE KASTENLOSE GESELLSCHAFT#

DER ENTWURF#

Der Entwurf einer kastenlosen Gesellschaft wird, gemessen am Umfang der bisherigen Analysen, relativ kurz sein. Manch ein Leser glaubt vielleicht den Vorwurf erheben zu müssen, der positive Entwurf weise gegenüber der breiten Darlegung der negativen Analysen zu wenig Details und Einzelzüge auf. Mag an einem solchen Vorwurf etwas Berechtigtes sein - er ginge jedoch gerade am Wesentlichen vorbei. Denn die kastenlose Gesellschaft, der positive Entwurf dazu also, beginnt nicht erst an dieser Stelle unserer Untersuchung Gestalt anzunehmen. Schon von den ersten Seiten dieses Buches an steht, kontrastierend zu den dargelegten negativen Fakten, im Hintergrund das positive Gesellschaftsbild. Bereits die ersten auf den vorstehenden Seiten erwähnten inneren Konflikte zwischen dem Kastengeist und dem als christlich betrachteten Gesellschaftsbild machen dies deutlich, so daß wir nur mehr konsequent zusammenfassen müssen. Außerdem ist es wesentlich einfacher, Bestehendes zu analysieren, als einen positiven Entwurf zu gestalten und ein völlig neues Gesellschaftsbild zu entwickeln.

Darüber hinaus haben wir die positive, kastenlose Affektivität und Intellektualität nicht nur im Kontrast, sondern auch schon direkt behandelt. Und zwar gibt vor allem der Abschnitt »Jenseits der Kaste« im Rahmen der »Kastendynamik« den Blick auf die kastenlose Gesellschaft frei. In den Kapiteln über Christus wird dessen kastenfeindliches Verhalten, das entscheidend zum Konflikt mit den herrschenden Gruppen in Israel beitrug, dargelegt; in dem Kapitel über Petrus schließlich zeigten wir, wie ein innerer Konflikt im Sinne der kastenlosen Gesellschaft gelöst wurde. All das rechtfertigt es, das vorliegende Werk »Die kastenlose Gesellschaft« zu nennen. Denn wenn auch die Einzelanalysen von großem Gewicht sein mögen, so ist im Grunde doch immer zugleich mit ihnen für ein Positives und Normales, nämlich die kastenlose Gesellschaft, Partei ergriffen worden. Dieses positive Gemeinte soll nun noch als umfassendes Ganzes dargestellt werden.

DIE NORMALE GESELLSCHAFT#

DAS NORMALE

Für die Medizin ist es selbstverständlich, von einer »normalen Anatomie« zu sprechen. Was das psychologische Bild des Menschen betrifft, so kann man analogerweise keineswegs mit der gleichen Selbstverständlichkeit ein festes Normbild voraussetzen. Bevor wir darauf eingehen, müssen wir feststellen, daß der Normbegriff der somatischen Medizin kein Durchschnittsbegriff ist, sondern ein Idealbegriff, der nie voll realisiert auftritt. Ein gesundes Gebiß ist keineswegs ein durchschnittliches, sondern ein ideales Gebiß. Dabei läßt dieses Ideal durchaus Varianten zu. Ein gesunder Körper kann eine gelbe Haut haben (Chinesen, Japaner), oder die gelbe Farbe kann Anzeichen einer Erkrankung sein (Gelbsucht beim Weißen). Der gesunde Körper kann wie beim Neger eine intensive Pigmentierung aufweisen, und er kann, wie beim Weißen, ohne diese auskommen. Trotzdem gibt es Normen, und an ihnen wird Gesundheit und Krankheit gemessen. Gerade die Funktionsstörungen geben Aufschluß über die jeweils normalen, gesunden Funktionen.

Im psychischen Bereich liegt die Sache wesentlich komplizierter. Zwar gibt es auch hier Normen - sonst hätte jede Psychotherapie ihren Sinn verloren. Jeder benützt mehr oder weniger bewußt solche Normen, an denen er - natürlich mehr oder weniger naiv - das Psychische mißt. Die Psyche hat, wie wir wiederholt zu zeigen versuchten, immanente Normen - wie sie ja auch der Körper hat -, auf die die Selbstheiltendenzen abzielen. Die Heilungsprozesse im Körper tendieren offensichtlich auf die Integrierung etwaiger Störungen. Die Regenerationsprozesse des Körpers stellen solche auf die normale Anatomie und Physiologie hinstrebenden Gestaltungstendenzen dar. Ähnliches läßt sich bei der Psyche nachweisen. Auch ihr ist ein eigenes Normbild immanent, von dem die Normbilder der verschiedensten Ideologien oft beträchtlich abweichen (191).

Das Normbild der Psyche unterscheidet sich nun aber von dem somatischen, nach dem sich Regenerationsprozesse richten, insofern beträchtlich, als die Psyche des Menschen zu recht umfangreichen Wandlungen befähigt ist. Nachdem vom Menschen der konkreten Wirklichkeit schöpferisch und destruktiv Neues in die Welt gesetzt wird, hat der Mensch sich mit diesen jeweils neuen Gegebenheiten auseinanderzusetzen. Deshalb sind ständige Adaptionen, neue Reaktionen erforderlich. Das menschliche Normbild der Psyche muß demnach so strukturiert sein, daß es die neuen Gegebenheiten einzubeziehen vermag, ohne zerstört zu werden. Ein solches Prinzip muß sich also auf verschiedenen Ebenen bewähren. Es muß so viel Distanz von der konkreten Wirklichkeit haben, daß es für jede neue Realität offen ist, und muß doch wieder so mit ihr verbunden sein, daß es in jeweils neuer Form auf sie bezogen werden kann.

Verwandtes gibt es auch auf der somatischen Ebene; der Körper ist z. B. imstande, Speisen zu verdauen, die ihm zuvor noch nie zugeführt worden waren. Wenn nun der Psyche des einzelnen ihr Normensystem immanent ist, dann ist das Normensystem keineswegs ein empiriefernes Schema. Es ist vielmehr aus der Konfliktkonstellation zwischen fimktionsstörenden Fixierungen und den auf die Norm hin orientierten Antrieben herausschälbar. Zwischen einem psychologischen Normensystem und der Idee der Durchschnittspsyche als Norm klafft ein tiefer Spalt.

Was nun die Gesellschaft betrifft, so ist der Versuch, ein Normbild zu entwerfen, ähnlich schwer wie bei der normalen Psyche, mit der die Gesellschaft ja weitgehend in Relation steht. Denn auch die Gesellschaft wird durch die schöpferischen Akte des Menschen immer neu umgeformt. Diese Umformungsprozesse verwandeln ihr Aussehen außerordentlich. So werden zum Beispiel die alten strategischen Konzepte durch die Erfindung der Flugzeuge und dann der Raketen weitgehend relativiert. Umstellungen aller Art werden im Gefolge von Wissenschaft und Technik in immer größerer Zahl nötig. Schon eine Gesellschaft mit Elektroautos sähe anders aus als eine mit Benzinautos. Weltweite Konsequenzen würden sich daraus ergeben, denn das Erdöl verlöre viel von seiner Bedeutung. Solche Beispiele ließen sich in großer Zahl finden. (pd: Informationsgesellschaft 2010!)

Die Gesellschaft muß sich mit der jeweiligen geographischen und damit natürlich auch klimatischen, vor allem aber der wissenschaftlich-technischen Situation auseinandersetzen. Ein Normbild der Gesellschaft muß all diese Möglichkeiten umgreifen und darüber hinaus jene, die noch eintreten können. Es muß der »Natur«« der Gesellschaft angemessen sein. Aber auch das Normbild der Gesellschaft kann nicht das Durchschnittsbild sein. Wie kann nun wissenschaftlich das Normbild der Gesellschaft entwickelt werden? Doch wiederum nur aus den Konfliktkonstellationen, aus den Funktionsstörungen. Aber »die Gesellschaft« darf nicht als in sich abgeschlossene Person angesehen werden. Sie setzt sich aus Einzelpersonen mit Entscheidungs- und Wirkungsspielraum zusammen.

Assymptotische Annäherung
Assymptotische Annäherung
Wo kann man das psychische Bild der normalen Gesellschaft entdecken? Diese Frage kann beantwortet werden: in den Trägern der Gesellschaft. Stimmt es, daß der Mensch, wie Aristoteles sagt, ein »zoon politikon« ist, dann wird sich das auch in den Strebungen der Psyche ausdrücken müssen.

Der Mensch hat eine mehr oder weniger bewußte Vorstellung von der richtigen, von der normalen Gesellschaft. Er leidet unter den Konfliktkonstcllationen und sehnt sich nach Gemeinschaft. Dieses unbewußte Bild von der Gesellschaft haben wir bereits im Abschnitt »Jenseits der Kaste« angedeutet. Drückt man es psychologisch aus, dann läßt sich das wohl am besten mit Jung'scher Terminologie tun: es handelt sich hier um den Paradieses- oder Himmelsarchetyp, der mit der Uterinität korrespondiert. Allerdings geht der Paradiesesarchetyp über die gesellschaftlichen Relationen hinaus.

Hier kann man natürlich, wie bei allen Ideal- und Normalvorstellungen, einzuwenden versuchen und erklären, solche Vorstellungen gehörten in den Bereich der Utopie und seien daher uninteressant. Sie sind aber nur dann abzulehnen, wenn man die Auffassung vertritt, nur eine lückenlose, absolute Realisierung des Idealbildes sei von Wert, eine bloße Annäherung an dieses dagegen sinnlos.

Zugegeben - die ideal-normale Gesellschaft wird niemals vollständig verwirklicht werden, ebensowenig wie der restlos gesunde Leib oder die restlos gesunde Psyche. Und doch hat der Begriff der völligen Gesundheit ebensogut einen Sinn wie der der normalen Gesellschaft und umgekehrt. Wer es für sinnvoll hält, sich assymptotisch einem Ideal zu nähern - wobei man sich durchaus im klaren sein muß, daß eine völlige Realisierung des Ideals unmöglich ist - , wird auf die Aufstellung eines Gesellschaftsideals, das der tieferen Wirklichkeit der menschlichen Natur und der menschlichen Gesellschaft entspricht, nicht verzichten wollen.

An dieser Stelle muß auch der Einwand behandelt werden, bisher habe sich nichts Wesentliches in der Gesellschaft geändert und es werde sich daher auch nichts Wesentliches ändern, es gäbe heute zum Beispiel ebenso noch Sklaven wie früher. Dieser Einwand ist nicht stichhaltig. Richtig ist zwar, daß es heute noch Sklaven gibt - offiziell und illegal - , doch ist es ebenso richtig, daß es sie früher in viel größerem Ausmaß gegeben hat und daß es sie heute, abgesehen von Saudiarabien, nirgends mehr offen und institutionell gibt. Die Leibeigenschaft wurde aufgehoben und beendet. Diese Tatsache bedeutet doch eine Änderung der Gesellschaft.

DAS ZIELBILD EINER KASTENLOSEN GESELLSCHAFT#

Unser zentraler Begriff der Kastenlosigkeit scheint ein primär negativer zu sein, denn er richtet sich zunächst gegen die Kasten, gegen das Kastenhafte. Wir haben die Kaste als ein »Untersich« gekennzeichnet; somit drückt die Kastenlosigkeit vor allem anderen eine Ablehnung dieser Schranken zwischen den Menschen aus. Demnach enthielte der Begriff keinen positiven Inhalt.

Es gibt jedoch analoge Begriffsbildungen, die ebenfalls ohne positiven Inhalt zu sein scheinen, da sie eine Negation zum. Inhalt haben und dennoch eine Vielfalt von positiven Elementen umgreifen. Hierzu gehören Begriffe wie Unendlichkeit, absolut (losgelöst), unbegrenzt u. ä. Daß es gerade diese, in den Jenseitsreligionen eine entscheidende Rolle spielende Begriffe sind, die mit dem der Kastenlosigkeit die Eigenschaft der Grenzenlosigkeit gemeinsam haben, ist nicht zufällig. Der Affekt der Grenzenlosigkeit ist so allumfassend, daß er alle endlichen Realitäten einzuschließen vermag.

Der unendliche, welttranszendente Gott ist imstande, der Unendlichkeitsintention des Menschen Halt und Festigkeit zu geben. Der Affekt allumfassender Grenzenlosigkeit ist gottbezogen und umfaßt gerade deshalb das Ganze der Wirklichkeit. Vom Gott, also von einer übermenschlichen Instanz her gesehen, ist das Ganze der Menschheit und der Menschlichkeit erfaßbar. Daher ist die christliche Position, die Welt und Menschheit von einer außermenschlichen Instanz aus zu betrachten, wohl am entsprechendsten. Im Christentum wird das Wesen des Menschen primär durch seine Stellung gegenüber Gott bestimmt. Im Gespräch mit einer außermenschlichen, absoluten Instanz. in Verantwortung und Offenheit Gott gegenüber (192), bestimmt sich der Mensch primär, und von ihr lassen sich alle sonstigen spezifischen menschlichen Qualitäten herleiten. Neben dieser Wesensbestimmung des Menschen, die allen Menschen gemeinsam ist, bedeuten alle Differenzierungen und Verschiedenheiten demnach Akzidentien, Nebensächlichkeiten. Das Faktum, gemeinsam in Verantwortung vor Gott zu stehen, ist etwas dermaßen Verbindendes, daß demgegenüber alle Unterschiede zu einem Nichts zusammenschrumpfen. Auch dort, wo dieses »Gott-Gegenüberstehen« psychisch nicht realisiert wird, nicht bewußt ist, bestimmt es dennoch den Menschen zutiefst in seiner Existenz.

Von daher gesehen könnte das Christentum, wenn es seine zentrale Substanz wirklich weckt und aktiviert, jenen Geist der Brüderlichkeit schaffen, den eine Menschheitsintegration voraussetzt.

Aus dem »Gott-Gegenüberstehen« als einer zentralen Wesensbestimmung des Menschen ergibt sich die fundamentale Wesensgleichheit der Menschen. Sie unterscheiden sich letztlich nur in sekundären Bezügen voneinander. Diese prinzipielle Wesensgleichheit der Menschen bedeutet - bei aller Verschiedenheit - die Forderung nach umfassender globaler Brüderlichkeit, und diese wiederum hat eine ganze Reihe weiterer Folgen. Der Mensch ist von Gott in Ursprung und Ziel umschlossen. Insofern ist der Aspekt des Todes als umfassendes Geschehen ein über allen Differenzierungen der Menschen stehendes Phänomen. Im Blick auf all diese Gegebenheiten ergibt sich notwendig ein eigenes, nämlich das kastenfremde Autoritätsbild.

Unabhängig davon existieren die verschiedensten Überlegenheiten. Diese stellen an die jeweils (relativ) Überlegenen zweierlei Forderungen: Ihre Überlegenheiten dürfen nicht auf Selbstzweck hintendieren, sondern sollen sich für die Gesellschaft positiv auswirken. Ihr Einsatz soll sich einerseits direkt produktiv darstellen,- andererseits sollen sie dafür sorgen, diese Überlegenheiten an andere weiterzugeben. Wie die Kinder von den Erwachsenen lernen, ohne daß diesen etwas verloren geht, ebenso sollen alle Überlegenheiten möglichst an andere weitervermittelt werden. Das heißt, anders gesagt: Die Unterlegenen müßten hinaufgezogen werden, um möglichst auf das gleiche Niveau zu gelangen wie die jeweils Überlegenen. Positive Väterlichkeit und Mütterlichkeit drückt sich so aus.

Die kastenlose Gesellschaft wird also durch ein bestimmtes Autoritätsbild beherrscht, nämlich durch das der funktionellen Autorität. Denn die kastenfremde Autorität ist nur im jeweiligen Funktionsverband Autorität. Auch das autoritative Urschema, die Eltern-Kind-Relation, kann insofern funktionell-autoritativ sein, als das Kind nur dann unter Befehl gestellt wird, wenn die elterliche Funktion gefordert ist. Im übrigen ist aber deutlich zum Ausdruck zu bringen, daß Eltern und Kind auf gemeinsamer menschlicher Basis stehen. Man kann, sobald es möglich ist, das Kind vernünftig und sachlich ins Gespräch zu ziehen, durchaus zum Ausdruck bringen, daß man die Unterlegenheit des Kindes für eine vorläufige hält. Man erwartet gewissermaßen demonstrativ, vom Kind eingeholt, ja sogar überholt zu werden. Produktiver Einsatz der eigenen Qualitäten und ihre Vermittlung und Vermehrung nach unten sind also die Aufgaben der kastenfremden Autorität. Wenn auch in der konkreten Situation nicht jeder in gleicher Weise beides tun kann, so kann doch in jedem Fall Wunsch und Wille zum Aufstieg des Unterlegenen zum Ausdruck kommen. Dieses Autoritätsbild ist insofern echt human, als es nicht auf die Qualitäten der übrigen verzichtet, die eigenen Qualitäten vielmehr nach unten zu vermehren und zu vervielfältigen trachtet.

Gerade spezifisch geistige Güter - mit Ausnahme verschiedener Produktionen der bildenden Kunst - lassen eine Vervielfältigung und eine Weitergabe ohne Substanzverlust für den Gebenden zu. Die kastenfremde, im Bewußtsein der Brüderlichkeit stehende Autorität hat rein funktionellen, keinen universell-absoluten Charakter. Personen können in der einen Hinsicht übergeordnet, in einer anderen untergeordnet sein. Außerhalb des Funktionsbezugs hat völlige Gleichberechtigung zu herrschen. Diese Feststellung ergibt sich aus der wesenhaften Gleichheit der Menschen und den nur relativen, jeweils speziell bezogenen Ungleichheiten.

Die funktionelle, kastenfremde Autorität gehört also in besonderer Weise zum Grundbestand der kastenlosen Gesellschaft. Die Gleichheit im Wesen bedingt natürlich auch allgemeine Tischgemeinschaft. Denn wenn die Tischgemeinschaft auf Grund tiefenpsychologischer Gegebenheiten ein tief verbindendes Moment enthält, ist die Ausschließung einzelner oder ganzer Gruppen von dieser Gemeinschaft etwas Unmenschliches. Die Tischgemeinschaft führt unsere Überlegungen weiter zu anderen Gemeinschaftsaspekten: Die Gemeinschaft in der Not, die gegenseitige Hilfe, ist ein natürlich schon oft genug für jedes positive Zusammenleben als wesentlich erkanntes Faktum. Die Leistungs- und Arbeitsgemeinschaft jedoch geht als noch positiverer Beitrag zur Integration der Menschheit über die Notgemeinschaft; hinaus. Sie wirkt nicht nur in der Not, sondern jederzeit. Die Zusammenarbeit erhöht die Produktivkraft, denn strukturiert organisches Wirken ist mehr als planloses Einzelwirken.

Die gemeinsame Tat als Zusammenwirken funktionsverschiedener Personen zu einem übergeordneten Ganzen schafft, wenn sie als echtes gemeinsames Wollen verstanden wird, auch jene Akzeptationen und Gegenakzeptationen, die jeden, in welcher Funktion er sich auch immer befinden möge, in seinem Wert bestätigen. Der bewußt anerkannte Wert der jeweiligen Einzelfunktion für die gesamte Gesellschaft vermag wiederum das Gefühl für die Verpflichtung der Gemeinschaft gegenüber und das umfassende Gemeinschaftsbewußtsein zu stärken. Gerade der hier geforderte Gemeinschaftsgeist legt nahe, daß der einzelne dann, wenn er Fehler begangen und gegen die Gemeinschaft verstoßen hat, diese Fehler zugibt, um durch ein entsprechendes Schuldbekenntnis die Differenz aus der Welt zu schaffen.

Eine solche durch die eben skizzierten Einsichten und Haltungen zu charakterisierende globale Gesellschaft wäre also anzustreben. Sie hat universellen Charakter, umfaßt alle und kennt keine Grenzen zwischen »geringeren« und »höheren« Menschen. Eine globale Gesellschaft, zwar reich differenziert und gegliedert, aber vom Affekt der Grenzenlosigkeit umspannt, kennt das Gefühl der Brüderlichkeit in einem sehr intensiven Sinn. Man sage nicht, ein solches Zielbild fordere nicht weittragende Konsequenzen. Sie sind da und zu erfüllen, und man sollte alles tun, um ihre Erfüllung den Menschen wünschenswerter und leichter zu machen.

Zum Beispiel ist es leichter, sich mit dem anderen zu verstehen, wenn die gemeinsame Bildungsbasis groß ist. Daher fordert eine kastenlose Gesellschaft die Intellektualisierung der Menschheit - das Wort ist nicht sehr glücklich, aber wir finden kein besseres -, die Aufstockung des Bildungsniveaus. Dies besagt die Forderung nach dem Hinaufziehen der Ungebildeten. Doch hiermit kommen wir schon zu den konkreten politischen Forderungen, die sich aus dem Idealbild ergeben.

Wesentlich, obwohl bereits ein Aspekt von Akzeptation und Gegenakzeptation, ist die bewußte Wertpolyzentrik der kastenlosen Gesellschaft. Die verschiedenen Wertdimensionen der Gesellschaft müssen als solche erkannt werden und ihr bewußt sein. Nicht die naive Vorstellung einer monopyramidalen Gesellschaftsordnung darf Zielbild sein, sondern die bewußte Polyzentrik. Die naiven monohierarchischen Modellvorstellungen haben einem System von Unter- und Überlegenheiten im Blick auf verschiedene Wertrelationen zu weichen. Wird eine Überlegenheit nicht ausgespielt, sondern, kastenfremd, nur funktionell gezeigt, so bildet sich statt einer polyhierarchischen Gesellschaft eine polyzentrische. Wenn wir den Mittelpunkt für ein besseres Symbol der kastenfremden Autorität halten als die Spitze, dann müssen wir konsequent von der Polyzentrik der kastenlosen Gesellschaft sprechen.

Die spezielle Frage der Heirat zwischen Angehörigen verschiedener Gruppen läßt sich natürlich nicht mit Gewalt lösen, ebensowenig wie die Frage des gemeinsamen Tisches. In diesem Zusammenhang sind zwei Aspekte von Wichtigkeit. Erstens würde eine allgemeine Verbreiterung der Bildungsbasis, auf die wir noch im einzelnen zu sprechen kommen, die Distanz verringern und eheliche Kontakte zwischen Angehörigen aller Gruppen leichter ermöglichen. Außerdem wird es der weitere Abbau des patriarchalen Systems auch der Frau erleichtern, »nach unten« zu heiraten, ohne daß sie sich »wegwirft«. Die Realisierung der kastenlosen Gesellschaft ist natürlich sehr schwer. Man kann nicht verkennen, daß es in der Vergangenheit von unerhörtem Idealismus getragene Impulse gegeben hat, die sich aber meist wieder totliefen. Soll nun uns möglich sein, was all den anderen nicht gelang? Zwar wäre auch dann, wenn dem vorliegenden Impuls das Gleiche beschieden wäre wie all den andern, dieser Impuls nicht sinnlos. Wenn er auch nur wenigen Menschen das Leben in der Gemeinschaft erleichterte, wäre er nicht völlig umsonst gewesen.

In der Gegenwart sind wir aber in einer ungleich günstigeren Position, als es die Menschen der Vergangenheit mit ihren in dieser Richtung abzielenden Versuchen waren. Denn unsere Bemühungen haben zwei mächtige, allerdings oftmals verleumdete Verbündete gefunden. Sie wurden verleumdet, weil sie die alten, »geheiligten«, gesellschaftlichen Bezüge zersetzten und doch meist unbewußt unseren Zielen dienten: Wissenschaft und Technik.

Die Rolle dieser Verbündeten ist so wichtig, daß wir uns ihre Bedeutung gesondert bewußt machen müssen. Sie ist so umfassend, daß es uns berechtigt erscheint, von einer Eigendynamik zur kastenlosen Gesellschaft hin zu sprechen. Wissenschaft und Technik ermöglichen die Hebung des materiellen Standards. Es ist keineswegs unsinnig, als Zielbild eine Gesellschaft zu haben, in der es konkrete Armut nicht mehr gibt. Man kann die unteren Schichten auf einen materiellen Stand bringen, der zwar nicht alle ihre Bedürfnisse befriedigt - das ist so unmöglich, daß man dieses Ziel auch nicht in ein Idealbild aufnehmen sollte -, jedoch alle wesentlichen geistigen Güter zugänglich macht. Dazu gehören, um ins konkrete Detail zu gehen, etwa Dichtung, Wissenschaft, Kunst in den verschiedensten Formen, mindestens auf reproduktivem Weg (Photos, Schallplatten usw.). Dabei müssen auch die Wohnverhältnisse so geartet sein, daß die geistige Entwicklung gute Voraussetzungen besitzt. Die systematischen Bildungsmöglichkeiten, Schule usw. müssen schließlich eine entsprechende, allgemeine Bildungsbasis abgeben, die dem einzelnen eine grundsätzliche Weltorientierung vermittelt, ihm seinen Standort und den jener Gruppen, denen er angehört, im Ganzen der Wirklichkeit zeigt, damit er für die Verschiedenheiten und Differenzierungen der Menschheit wenigstens ein ansatzweises Verständnis erhält. Kehren wir aber zurück zu Wissenschaft und Technik, diesen so wertvollen und wichtigen Verbündeten bei der Realisierung einer kastenlosen Gesellschaft.

DIE EIGENDYNAMIK ZUR KASTENLOSEN GESELLSCHAFT#

Wenn wir von einer Eigendynamik sprechen, die zur kastenlosen Gesellschaft hindrängt, dann meinen wir damit keine Entwicklungsdynamik, die sich etwa aus einem biologischen Zwang ergäbe. Die wissenschaftlich-technische Entwicklung kommt nicht durch Zwangsimpulse zustande. Aber der produktiv-schöpferische Einsatz hat einen bestimmten, wohlumschreibbaren Trend, der entsprechende Konsequenzen für die Gemeinschaftsgestaltung besitzt. Dabei müssen wir beachten, daß es kaum eine Möglichkeit gibt, den Trend der technischen Entwicklung aufzuhalten, außerdem wollte dies ohnehin nur eine verschwindende Minderheit. Wir dürfen den Trend der technischen Entwicklung doch auf längere Sicht als in gleicher Richtung verlaufend betrachten. Die mit ihm verbundenen Folgen, die natürlich schon weitgehend bekannt sind, wollen wir uns vor Augen führen. Die erste und damit in gewisser Weise wesentlichste Folge ist die Globalisierung der Gesellschaft (pd: der Text ist aus 1960!). Diese würde durch verschiedene Ursachen eingeleitet.

Ein auf längere Sicht hin sehr wesentlicher Umstand ist die Gesamtbedrohung der Menschheit durch die atomaren, aber auch chemischen und biologischen Waffen. Die Bedrohung der Menschheit durch den totalen Untergang, den wir - wir haben dies an anderer Stelle entsprechend begründet - zwar auf die Dauer für unausweichlich halten (193), stellt jedoch ein in einem entsprechenden Zeitraum tief bewußtseins-veränderndes, aber in diesem Zusammenhang sich positiv auswirkendes Moment dar. Die Grundbefindlichkeit der Menschheit wird immer mehr gerade durch diese neue Gegebenheit geprägt werden. Auch nur die ständige Möglichkeit des totalen Untergangs muß die Menschheit verändern. Denn der Tod wird in einer ganz neuen Form verbindend und verbrüdernd wirken, wenn der Tod aller zugleich in den Bereich des Möglichen tritt und nicht jeder für sich den eigenen Tod stirbt. Das globale Bedrohungsbewußtsein intensiviert notwendigerweise das Einheits- und Gemeinschaftsgefühl aller. Wie nie zuvor wird deutlich, daß alle »in einem Boot sitzen« oder, wie Chruschtschow in einem schon zitierten Satz meinte, in der »Arche Noah«.

Aber auch auf andere Weise wird das Bewußtsein globaler Menschheitseinheit geweckt bzw. intensiviert: die Verkehrs-technik ist es, die in einer ungeahnten und nicht für möglich gehaltenen Weise die Menschen einander näher rückt. Ein solches Näherrücken hat auch das Aufeinandertreffen verschiedenster Arten von Geistigkeit zur Folge, und zwar in einer ungleich intensiveren und vielfältigeren Weise als jemals zuvor. Die technisch-wirtschaftliche Dynamik drängt auf größere und umfassendere Ordnungsgebilde hin. Und gerade damit ist auch der entscheidende Ansatz zu einer Globalisierung der Gesellschaft gegeben. Das Ineinandergreifen und die immer größere Verflechtung wirtschaftlicher Realitäten tut ein übriges, um ein globales Bewußtsein entstehen zu lassen. (pd: nach 50 Jahren sind wir immerhin schon bei der EU angelangt!)

Die gemeinsame Bedrohung also und das einander Näherrücken sind zwei Aspekte, die Wissenschaft und Technik mit sich brachten. Aber es sind keineswegs die einzigen Momente. Als weiterer und entscheidender Sachverhalt sind die unerhörten Bildungsmöglichkeiten zu nennen, die durch die Vervielfältigung des Bildungsgutes in einer ungeahnten Weise angeboten werden. Neben dem Buch gibt es die Kunstreproduktion, die Photographie, den Film, die Schallplatte, das Magnetophon, das Radio, das Fernsehen. Reisen stellen ebenfalls Bildungsmöglichkeiten dar, wozu Auto, Eisenbahn, Schiff und Flugzeug sich anbieten. Die Vielfalt der Bildungsmöglichkeiten gestattet heute das Sichvergegenwärtigen jeder Kultur der Gegenwart und zum großen Teil auch der Vergangenheit. Bei wohlgesteuertem, planmäßigem Einsatz der Bildungsmittel wäre unerhört viel zu erreichen. Der Einwand, durch alle diese Bildungsmittel würde im allgemeinen nur eine sehr oberflächliche Bildung vermittelt, ist, was die bestehenden Verhältnisse betrifft, leider richtig. Aber ein Film über den König Salomon z. B. müßte nicht unhistorisch sein und damit nicht unbedingt verbilden. Natürlich ist es nicht leicht, hier einen grundsätzlichen Wandel zu schaffen, aber man müßte ihn unbedingt anstreben.

Der verfehlte Gebrauch der Bildungsmittel bedeutet jedenfalls nicht, daß man sie nicht auch richtig gebrauchen könnte. (pd: das Problem ist der kastengesteuerte Bildungszugang!) Aber die Bildungssteigerung, die Intellektualisierung der Gesellschaft, wird durch die technische Produktion selbst gefordert. (pd: das ist tatsächlich eingetreten). Der durch die marxistische Theorie gar nicht adäquat einzuordnende Ingenieur hat sich immer mehr als Schlüsselfigur der Produktion erwiesen. Die Zahl der Ingenieure hat gegenüber den Facharbeitern ständig zugenommen, ebenso die der Facharbeiter gegenüber den Hilfsarbeitern. Zu gleicher Zeit stieg auch die Zahl der Angestellten an, die mit Verwaltungsaufgaben betraut sind. Auch in anderer Hinsicht zeigt sich bei den Arbeitern und Angestellten in der modernen Industrie eine Tendenz, die beide Gruppen einander näher bringt. Die Arbeiterschaft wird in steigendem Maß intellektualisiert und von körperlicher Schwerarbeit und schließlich von körperlicher Arbeit überhaupt fast völlig entlastet, wie dies bei hochentwickelten Industrien schon jetzt der Fall ist. Die zunehmende Maschinisicrung erfordert ein viel größeres Verständnis für komplizierte technische Zusammenhänge. Man muß also vom Arbeiter verlangen, daß er mehr und differenziertere technische Zusammenhänge beherrscht. Zu gleicher Zeit wird er von schmutziger Arbeit weitgehend entlastet. Seine Tätigkeit nähert sich immer mehr der des Intellektuellen. In automatischen Betrieben hat der Arbeiter die Aufgabe der Aufsicht über die technischen Anlagen sowie deren Reparatur.

Im Arbeitsbereich der Angestellten gibt es demgegenüber eine zunehmende Maschinisierung. Die Buchhaltungsräume einer Großfirma z. B. kann man oft kaum von einer Maschinenhalle der feinmechanischen Industrie unterscheiden, wenn man nichts von diesen Tätigkeiten versteht. Diese Maschinisierung hat folgende Folgen: den Abbau der Bildungsschranke und den Abbau der Kraftschranke. (pd: Vision der Informationsgesellschaft)

Durch den Fortschritt der Technik wird auch die unangenehmste und oft grausamste Schranke, die Ekelschranke, weitgehend aufgehoben. Man vergleiche etwa die Heizer bei Kohlenfeuerungen mit jenen Leuten - der Ausdruck »Heizer« scheint hier fast fehl am Platz -, die Ölfeuerungen auf ihr Funktionieren hin kontrollieren,- oder gar mit Kontrolleuren von Atomreaktoren, die Wärme erzeugen. Früher: verrußte, schwarze Gestalten,- heute: Menschen im normalen Straßenanzug, kaum von ihrem Direktor zu unterscheiden. Oder man vergleiche jene Straßenkehrer von früher, die die Fäkalien der Pferde wegkehrten und wegfuhren, mit den Fahrern moderner Straßenkehrmaschinen, die kaum schmutziger werden als die Fernlastfahrer. Was etwa geschieht, wenn einmal Elektroautos die Benzinautos ersetzen (pd: 2020?), kann man sich hier kaum vorstellen. Diese Hygienisierung der Gesellschaft fühlt in einer völlig ungeahnten Weise zum Abbau der Ekelschranke.

Die Notwendigkeit der Technisierung führt aber auch zu einer Intellektualisierung und Rationalisierung der Bauernschaft. Die Bauern mechanisieren ihre Arbeit und müssen es tun, teils, weil sie keine Hilfskräfte mehr bekommen, teils um sich das Leben zu erleichtern. Diese Technisierung führt darüber hinaus aber zu einer Hygienisierung der Bauernschaft.

Mit der Intellektualisierung der Gesellschaft ist aber auch ein anderes sehr wesentliches Moment verbunden: das der wachsenden Verantwortung (194). Ein Arbeiter, der heute eine Straßenbaumaschine bedient, verwendet ein Gerät, das einen außerordentlichen Wert besitzt, und ein moderner Straßenkehrer hat mit seiner Kehrmaschine ebenfalls einen großen Sachwert zu betreuen; von der Verantwortung, Verkehrsunfälle zu vermeiden, gar nicht zu reden.

Damit wächst aber auch die Selbständigkeit und Notwendigkeit zur Entscheidung. Zugleich wächst die Herrentümlichkeit, ja sie entsteht damit erst. Denn die Maschine ist ein moderner »Sklave«, den man nicht lieblos behandeln soll. Die Maschine, der neue Diener des Menschen, hat zwar keine Eigeninitiative; in sie ist jedoch der Geist und das Ingenium ganzer Generationen von Technikern und Naturwissenschaftlern, aber auch - und dies ist wieder ein Zeichen der neuen Zeit - der Geist von Hygienikern, Ärzten, Psychologen und andern Wissenschaftlern investiert; und von daher gesehen verdient sie Respekt und gute Behandlung.

Man unterschätze das Gefühl der Herrentümlichkeit nicht, das die Maschine ihren Bedienern verleiht. Das Auto mit seinen vielen Pferdestärken ersetzt vielfach das Pferd als Herrenzeichen. Der Mann und die Frau am Steuer sind »Herren« in einem neuen Sinn. Aber auch die Herrschaft oder die Aufsicht über eine Produktionsstrecke zu haben, ist eine große Aufgabe. Dabei werden meist nur noch wenige Anordnungen empfangen. In ähnliche Richtung geht die Entwicklung im Haushalt. Die Hausfrau unserer Zeit erhält, an Stelle der fast im Aussterben begriffenen Berufsgruppe der Dienstmädchen, immer mehr Geräte, die ihr die Arbeit abnehmen und sie zeitlich entlasten.

Auch bei der Frau gibt es eine Intellektualisierung, die aus einer einseitigen patriarchalen Form der Ehe, bei aller Funktionsverschiedenheit der Geschlechter, eine Partnerschaft Gleichwertiger macht. Der Haushalt wird hygienisiert, der Schmutzakzent fällt weitgehend weg. Wir erkennen also, daß die technische Entwicklung auch eine echte Aufwertung der Frau mit sich bringt, die keineswegs mehr rückgängig gemacht werden kann und soll.

Bei manchen Spezialeinheiten der US-Armee gibt es heute bereits mehr Offiziere als Mannschaften (195), kann man es doch einfach nicht riskieren, Millionenwerte weder technisch noch moralisch genügend Ausgebildeten zu überantworten. Eine solche Ausbildung bedeutet aber nolens-volens eine Ausbildung als Offizier. Noch etwas anderes zeigt die US-Armee, nämlich den Aufstieg jener von den alten Haudegen einmal verachteten Militärbeamten, vor allem der Militäringenieure und Militärwissenschaftler. Die entscheidende Frage ist heute in den Armeen bereits: Wer hat die besseren Wissenschaftler und Ingenieure? Bei den Wissenschaftlern ist nun - und dies ist wieder etwas ganz Fundamentales - die Herkunftswertung praktisch völlig belanglos. Man kann es sich einfach auf die Dauer nicht leisten, auf die Talente aus verschiedenen Schichten der Bevölkerung zu verzichten, auch nicht auf die der Frauen. Bei aller Hochrangigkeit der Wissenschaftler ist jedoch eine Verkastung bei ihnen ebenso weitgehend ausgeschlossen wie bei den Künstlern, da das spezifisch schöpferische Moment nicht vererbbar ist und überall auftreten kann. Es gibt geniale Bauernsöhne, Arbeitersöhne, aber natürlich auch geniale Bürger und Aristokraten. Die Gesellschaft braucht diese geistigen Typen - sie sind die eigentlichen Träger des Fortschritts - , die sich nicht aus sich selbst, sondern immer aus dem Gesamtvolk ergänzen, ähnlich wie der zölibatäre Klerus.

Wir erkennen, daß die Entwicklung innerhalb der Gesellschaft einen eindeutigen Trend aufweist. Eine ähnliche Tendenz zeigt sich in den Beziehungen zwischen den Völkern. Die früheren kolonialen und halbkolonialen Völker sind in einem außerordentlichen Aufbruch begriffen. Die Technisierung ist dabei, das indische Kastensystem ebenso wie das islamitische zu zerschlagen.

Ohne Übertreibung kann man sagen, daß bei den schöpferischen Menschen im Bereich von Wissenschaft und Kunst auch die Rasse im persönlichen Verkehr keine Rolle spielt. Ob die wissenschaftliche Leistung von einem Chinesen, Weißen oder Neger stammt, ist wirklich sekundär. Auch der Rassismus hat demnach keine Zukunft.

Die noch wenig technisierten Völker werden die Technisierung nachholen; auf diese Weise wird sich die Distanz zwischen den Völkern verringern. Noch bestehende Schranken müssen abgebaut werden. Der schöpferische Geist fragt nicht nach der Hautfarbe; er kann überall auftreten. Somit sind auf die Dauer auch nationale und rassische Trennungslinien zum Abbau verurteilt. Wir sehen also, daß die wissenschaftliche und technische Entwicklung einen außerordentlich wichtigen Beitrag zum Abbau der Kastenschranken leistet. So eröffnen sich in vieler Hinsicht für die Zukunft positive Aspekte. Reichgeartete Verbindungslinien entstehen, Unterschiede werden eingeebnet, um die Möglichkeit einer umfassenden geistigen Differenzierung zu öffnen, die neuen, immateriellen Reichtum zu schaffen geeignet ist. Zwar hat die unaufhörliche technische Entwicklung die eben dargestellte unbewußte Tendenz, doch kann ein bewußt angestrebtes Zielbild noch weit mehr erreichen. Für das politische Denken ist es wichtig, sich klarzumachen, in welche Richtung die Entwicklung der Wissenschaft und Technik drängt und welche positiven Möglichkeiten mit ihr gegeben sind.

DAS ETHOS DER KASTENLOSEN GESELLSCHAFT#

Einer der großen Irrtümer im politischen und gesellschaftlichen Leben besteht in der Meinung, formale Änderungen in der Gesellschaftsstruktur bedeuteten schon das zentrale und wesentlichste jeweilige Anliegen. Aber diese bloß formalen Änderungen stellen ja noch lange nicht die Realisierung der von ihnen angezielten Ideale dar. Häufig ist eine Änderung der Gesellschaftsstruktur von intensiv idealistischen Impulsen getragen, die jedoch nach einiger Zeit nachlassen. Dann beginnt das System ähnlich zu korrumpieren wie jenes, das es abgelöst hat. Man muß sich im klaren sein, daß gerade in der kastenlosen Gesellschaft die ethisch-moralischen Qualitäten von entscheidender Bedeutung sind und daß sich der Appell zur Realisierung einer solchen Gesellschaft zuallererst an die Gewissen der Mitglieder der Gesellschaft zu richten hat.

Überhaupt wird ja die Bedeutung und Funktion des ethisch-moralischen Moments für die Gemeinschaftgestaltung stark unterschätzt. Die kastenlose Gesellschaft kann, trotz aller Hilfen der Technik, nur durch einen intensiven ethisch-moralischen Einsatz und stufenweise realisiert werden. Alle dafür Verantwortlichen und daran Beteiligten werden dabei in ihrer Zielsetzung gar nicht idealistisch genug denken und vorgehen können.

Wir konnten zeigen, daß die entscheidenden Ansätze für eine kastenlose Gesellschaft in der mosaisch-christlichen Religion zu finden sind. Die Zielvorstellung der kastenlosen Gesellschaft fordert ethisch-moralische Prinzipien, die ein Verhalten ausprägen sollen, das die Erreichung des Zieles ermöglicht. Die moralischen Prinzipien sind durch politische Maßnahmen ebensowenig zu ersetzen wie durch politische Leitbilder. Die Realisierung einer kastenfremden Autorität erfordert Fremd- und Selbsterziehung, denn es ist auf die Dauer schwerer, Mittelpunkt als Spitze zu sein, sich nicht durch kühle Distanz zu schützen, wo es gilt, sich durch echte Überlegenheit durchzusetzen.

Da das helfende Hinaufziehen zum eigenen Niveau dabei das beherrschende Prinzip und eine der wesentlichsten ethisch-moralischen Forderungen an die kastenfremde Autorität ist, können politische Maßnahmen hier nie allein wirken, ohne daß eine entsprechende helfende Gesinnung vorhanden wäre. Dies gilt in gleicher Weise für den Industriellen, der versuchen sollte, seine Mitarbeiter in jeder Hinsicht zu intensiver Anteilnahme am Betrieb zu erziehen, wie es für den Gebildeten gilt, der seine Bildung weitervermitteln und so in ihrer Wirkung vervielfältigen sollte.

Wenn wir den Ausdruck Mitarbeiter verwenden, dann in aller Bewußtheit. Als Fernziel sollte man aus ethisch-moralischen Gründen trachten, den Begriff Arbeiter überhaupt abzuschaffen. Der Begriff Mitarbeiter eignet sich aus mehreren Gründen dazu, das Hinaufsteigen in der Gesellschaft gegenüber dem »Untenhalten« zu betonen. Zum Ethos der kastenlosen Gesellschaft gehört es, aus Arbeitern und Angestellten (merkwürdiges Wort!) Mitarbeiter zu machen. Der Terminus »Mitarbeiter« ist für Industrie, Gewerbe, auch für wissenschaftliche Forschungsteams, ja sogar für moderne Bauernwirtschaften durchaus brauchbar. Ja, es ist nicht einzusehen, warum nicht auch ein Minister von seinen Beamten als Mitarbeitern sprechen sollte. Weil wir die Frage eines geeigneten Terminus für außerordentlich wesentlich halten, wollen wir die verschiedenen Aspekte dieses Begriffes analysierend andeuten. Darüber hinaus gibt uns dies noch die Möglichkeit, etwas über die Verhaltensweisen der kastenfremden Autorität zu sagen.

1. Der Terminus trifft etwas bei allen Gemeinsames. Alle sind durch ihre Arbeit an der gemeinsamen Leistung beteiligt.
2. Der Terminus relativiert den Unterschied zwischen Arbeitern und Angestellten.
3. Der Begriff setzt voraus, daß auch der Chef ein »Arbeiter« ist, da ja die andern mit-arbeiten. Dies wirkt der marxistischen Rationalisierung entgegen, nach der die Oberen nichts arbeiten.
4. Er betont nicht das Spitzenhafte der Autorität, sondern ihre Bedeutung als Mittelpunkt. Die anderen sind bei-, nicht demonstrativ untergeordnet.
5. Er umgreift auch ein gemeinsames Ziel, auf das sich die Einzelleistungen strukturell hinordnen, und verlangt gegenseitige Hilfe.
6. Indem er die gemeinsame Verantwortung für das Ganze betont, vermag er die Spontaneität anzuregen und produktive Vorschläge zu wecken.
7. Er wirkt aus all den angegebenen Gründen sowohl den Sohnkomplexen als auch den verschiedenartigsten Ressentiments entgegen. Mit Mitarbeitern setzt man sich bewußt an einen Tisch, gibt ihnen die Hand, man bespricht gemeinsame Probleme und holt sich bei den »Unteren« Rat. Während sich heute der Terminus »Mitarbeiter« zwar verbreitet, verbreitet sich weniger schnell die zu ihm gehörige Gesinnung.

Die vom Sohnkomplex freie Autorität ist bewußt zu beschreiben und der Versuch zu machen, sie als Leitbild hinzustellen und dieses Leitbild überall durchzusetzen. Dazu gehört, wie dies in allen Bereichen des sozialen Lebens wichtig ist, daß man auch als Übergeordneter bereit ist, begangene Fehler einzugestehen. Präzise und ohne subjektive Vorbehalte durchdacht, verändert eine solche Grundhaltung die verschiedensten Autoritäten sehr stark, den Lehrer, den Offizier, den Industriellen, den Meister usw. Mit dem Terminus »Mitarbeiter« haben wir aber überdies ein weiteres ethisch-moralisches Prinzip angedeutet, nämlich die Ersetzung des Konkurrenzprinzips durch die Zusammenarbeit, die gemeinsame Tat (196). Das Konkurrenzprinzip erzeugt nämlich Aggressionen und Sadismen der verschiedensten Art und ist mit einem hektischen Getriebenscin verbunden: also lauter seelische Haltungen, die unangenehm und keineswegs gemeinschaftsfördernd sind.

Man kann nicht zugleich Zusammenarbeit fordern und die liberale Konkurrenzwirtschaft als das Ideal hinstellen. Der Neoliberalismus (pd: sieh an!) verurteilt den Klassenkampf, die Klassenkonkurrenz,- in den Betrieben soll Solidarität herrschen. Zwischen den Betrieben jedoch will er die Konkurrenz, den Wettlauf, wenn auch meist nur in der Theorie. Wir müssen uns nun - dabei bewegen wir uns durchaus noch auf dem Gebiet der Ethik und Moral - über verschiedene psychologische Aspekte des Konkurrenzprinzips klar werden. Es gibt dreierlei Konkurrenzhaltungen:

Zunächst die Konkurrenz zwischen zwei oder mehreren Personen untereinander. Bei solchen Wettläufen gilt zwar die ethisch bestimmte Fairneß, doch auch diese - so sehr sie den Kampf in seiner Grausamkeit mildern kann - hebt die Tatsache des Kampfes nicht auf. Auf sportlicher Ebene wird die Forderung nach solcher Fairneß in der Konkurrenz besonders nachdrücklich gestellt. Und doch zeigt sich gerade hier wieder eine Fülle von Illusionen, die man einmal klar sehen muß. So soll sich eine ganze Nation mit »ihren« Sportlern identifizieren und »stolz« sein, wenn einer der ihren um 0,2 Sekunden schneller war als ein Sportler einer anderen Nation. Die siegreiche Nation kommt sich dann »überlegen« vor. Beim Fußballspiel, das ja angeblich in besonderem Maß »völkerverbindend« sein soll, kommen kaum glaubhafte Identifikationen vor. So schwoll während der NS-Zeit der Haß der Wiener gegen Berlin wegen einer Fußballniederlage so stark an, daß es zu riskanten antinazistischen Kundgebungen kam. Oder: Ein den Sieg bedingendes Foul eines österreichischen Fußballers gegenüber einem Holländer löste in der niederländischen Presse heftige antiösterreichische Zeitungskampagnen aus. Solche Vorgänge, die bis zum Aufschneiden von Autoreifen an Wagen von Angehörigen der Fußball-»Siegernation« führen, zeigen die infantilen Grundlagen solcher Spielarten des Konkurrenzdenkens. Die Konkurrenz macht gegenüber Konkurrenten aggressiv und führt zum Kampf aller gegen alle.

Die Einwände von konservativer Seite könnten nun lauten: Mit einem System der Zusammenarbeit stützt man die Faulheit der Menschen. Jeder versucht, Verantwortung und Anstregung auf den anderen abzuwälzen, während die Konkurrenz den einzelnen, will er nicht unter die Räder kommen, zwingt, sich anzustrengen. Der Mensch verhält sich in der Konkurrenzspannung so, wie er ist, während er zu einer konkurrenzfreien Haltung erst erzogen werden muß; dabei hat man keinen Beweis dafür, ob diese Erziehung erfolgreich sein wird. Tatsächlich zeigt sich ja, daß man auch im sogenannten sozialistischen System offenbar nicht ohne Auszeichnungen, Titel und andere konkurrenz- und aggressionsanregende Momente auskommt. Der Einwand hat sicher etwas für sich. Aber gerade deshalb muß man danach trachten, ein System zu finden, das mit der Zusammenarbeit nicht zugleich Faulheit und Verantwortungslosigkeit fördert. Wir fragen hier eindeutig nach jenem Wirtschaftssystem, das geeignet wäre, die Moral der Zusammenarbeit zu heben.

Die Frage des Wirtschaftssystems erörtern wir deshalb in einem Kapitel über das Ethos der kastenlosen Gesellschaft. Nicht nur die Konkurrenz einzelner gegeneinander, sondern auch die von Gruppen gegeneinander, also die Gruppenkonkurrenz, macht aggressiv - wie ja das oben erwähnte Beispiel des Fußballkampfes gezeigt hat. Zwar hat die Konkurrenz zweier Gruppen den Vorteil, daß innerhalb einer Gruppe schwächere Mitglieder mitgezogen werden, daß ihnen geholfen wird. Doch wird der Kampf zwischen den Gruppen deshalb noch nicht durch die Zusammenarbeit ersetzt, die für uns ja ein unverzichtbares ethisches Postulat darstellt.

Schließlich gibt es für den einzelnen die vorbehaltlos zu bejahende Konkurrenz zu sich selber, d.h.: die Person vergleicht ihre eigenen Leistungen nicht mit den Leistungen anderer, sondern ihre gegenwärtigen mit ihren vergangenen Leistungen. Wandlung, Zuwachs und Fortschritt der eigenen Person sind die Basis für ein erhöhtes Selbstbewußtsein (Vgl. das Talentgleichnis Christi Mt 25:14 ).

Sache der Nationalökonomen wäre es, ein Wirtschaftssystem zu entwickeln, das die Zusammenarbeit und nicht die Auseinandersetzung fördert, zugleich aber auch der schöpferischen Initiative ausreichend Spielraum gibt. Sie sollten nie aus dem Auge verlieren, wie sich ein System auf den konkreten Menschen auswirkt.

Man könnte einwenden, wir überschritten hier unsere Kompetenz als Psychologen entschieden, da uns eine Einmischung in die Problematik der Wirtschaft nicht zustünde. Dies ist insofern unrichtig, als es ja der Mensch ist, der wirtschaftet und Nutznießer oder Opfer der Wirtschaft ist. Und es kann dem Psychologen nicht gleichgütig sein, welche seelischen Haltungen durch bestimmte Wirtschaftssysteme entwickelt und gefördert werden. Ein Wirtschaftssystem kann in höherem oder geringerem Grad der Natur des Menschen entsprechen. Ein Wirtschaftssystem, das der natürlichen Zusammenarbeit große Schwierigkeiten macht und die Aggressionen fördert, ist gegen die Grundintentionen und die ethischen Prinzipien einer kastenlosen Gesellschaft gerichtet.

Das friedliche und zugleich dynamisch-schöpferische Bild einer kastenloscn Gesellschaft verträgt sich mit einer Reihe von verschieden gearteten Wirtschaftssystemen. Zwar scheint es für einen Privatunternehmer leichter zu sein, zu seinen Mitarbeitern in einem kastenlosen Verhältnis zu stehen, als für einen Direktor und Arbeiter im verstaatlichten Betrieb, in dem Sekundärkapitalisten die unternehmerische Funktion ausüben. Jedoch ist auch in einem solchen Betrieb Kastenfremdheit möglich, dann nämlich, wenn sich der Sekundärunternehmer die eigene schwierige psychologische Situation bewußt macht und auf Kastenfremdheit hinarbeitet.

Der kastenlosen Gesellschaft scheint ein geschlossenes Konzept von Plan- und Initiativwirtschaft, das zugleich Zusammenarbeit und schöpferischen Einsatz fördert, am meisten dienlich zu sein. Dabei kann ohne totalitäre Überspannung der Akzent mehr auf Freiheit und Initiative liegen. Auch wenn man den Akzent mehr auf das freie Spiel der wirtschaftlichen Kräfte verlagert, wird man ohne ein übergeordnetes Konzept, also ohne Gesamtplanung, nicht auskommen. Dabei wird ein Wirtschaftszweig eher Staatswirtschaft, ein anderer eher Privatwirtschaft nahelegen. Daß Freiheit nur in der Privatwirtschaft möglich ist, ist nicht richtig. An den Staatsuniversitäten des Westens - autonomen Körperschaften - können wir demonstriert finden, daß Staatsangestellte, nämlich die Professoren, tatsächlich ein maximales Maß an Freiheit und Sicherheit genießen können. Zur Schaffung derartiger organischer Synthesen wäre ein ganz bestimmter Typus von universal gebildeten und mit umfassender Erfahrung ausgestatteten Fachkräften vonnöten. Nennen wir ihn vereinfachend den »integralen Typ«. Seiner Tätigkeit käme eine ausgesprochene »Dachfunktion« zu. Er müßte mit einer besonderen Gabe der Kombination einander zugeordneter technischer, wissenschaftlicher und organisatorischer Möglichkeiten ausgestattet sein, die in einer solchen Kombination liegenden Chancen erkennen und in praktische Ergebnisse umsetzen können. All das zeigt, daß man aus Fragen der Staats- oder Privatwirtschaft keine Religion machen soll. Viel wichtiger ist die Frage, wie man es anzustellen hat, daß sich der einzelne als Mitarbeiter in einem schöpferischen Ganzen fühlt.

Die liberale wie auch die marxistische Wirtschaftsdogmatik erschweren gleichermaßen die sachliche Betrachtung der wirtschaftlichen Gegebenheiten. Beide resultieren aus einer Diesseitsreligion, die aus mehr oder weniger richtigen wirtschaftlichen Einsichten sakrosankte Formeln macht.

Von den Nationalökonomen wäre daher der Entwurf eines Systems produktiver Zusammenarbeit zu verlangen, das dazu führen müßte, daß der einzelne sich als freier Mitarbeiter in einem produktiven Ganzen fühlt. Ein System, das die Vorteile beider Wirtschaftssysteme in organischer Synthese miteinander vereinigt, erscheint jedoch nur für ein Denken realisierbar, dessen Angelpunkt nicht ausschließlich im Wirtschaftlichen zu suchen ist.

Jedenfalls ist weder ein hektisches, aggressives Konkurrenzieren noch ein totalitäres Zwingen geeignet, die Aggressionen innerhalb der Gesellschaft abzubauen.

Bereits anläßlich des Entwurfs eines Zielbildes der kastenlosen Gesellschaft haben wir gezeigt, wie eben in dieser Gesellschaft kastenfremde Haltungen maßgebend sein müssen. Aus ihrer Leitbildhaftigkeit ergeben sich natürlich die Forderungen nach einem entsprechenden ethisch-moralischen Verhalten. Man muß sich klarmachen, daß die schöpferische Genialität und nicht ein Arbeitskollektiv - wobei diese Schöpferkraft aus jeder Gruppe hervorgehen kann - die Dynamik der Weltgeschichte ausmacht. Die marxistische Behauptung, die »Arbeitskollektive« seien es, die den schöpferischen Prozeß tragen, ist so unsinnig, daß kaum ein Marxist wirklich daran glaubt. Richtig daran ist nur, daß es innerhalb der Arbeiterschaft einzelne geniale Menschen gibt, die daran gehindert wurden, ihre schöpferische Kraft zu entfalten, und daß es dort Kräfte gibt, die durch Erfindungen immer wieder einen produktiven Beitrag leisten.

Die Ganzheit der kastenlosen Gesellschaft ist eine offene Ganzheit - vergleichbar der unendlichkeitsoffenen Parabel - denn sie ermöglicht, ja fördert den schöpferischen Prozeß des Geistes, der eigentlich die Entwicklung trägt. Die »Elite« der kastenlosen Gesellschaft machen jene schöpferisch-produktiven Kräfte aus, die auf allen Gebieten Neues schaffen. Sie ergänzt sich fortlaufend aus der übrigen Gesellschaft, nicht durch Familientradition. Wie alle Autorität der kastenlosen Gesellschaft ist sie daran interessiert, zu sich »hinaufzuziehen«, das heißt in diesem Fall, neue schöpferische Kräfte zu entwickeln. Eine Organisation dieser Elite ist unnötig, da sie nur das pseudoelitäre Element förderte.

Der ganzheitliche und doch polyzentrische Charakter der kastenlosen Gesellschaft ist in seinem Ursprung ohne Zweifel christlich. Die kastenlose Gesellschaft bedeutet aber eine Konkretisierung christlichen Gedankengutes, wie sie auch in der Kirche selbst bislang noch nicht umfassend genug realisiert worden ist. Realisierung der christlichen Grundforderungen im sozialen Bereich bedeutet weit mehr als bloßes Almosengeben. Dem christlichen Grundkonzept entspricht nicht eine konservative Starrheit, die alles beim Alten läßt, sondern eine gesellschaftliche Dynamik weltweiten Ausmaßes, die die alten Bezüge zersetzt und durch fundamental neue ersetzt.

Auch was die Praxis der »Caritas« anbelangt, steckt die konkrete Christenheit noch in Denkformen des Feudalismus. Die Bereitschaft zum Almosengeben, die ohne Zweifel notwendig ist, könnte bewußt ergänzt werden durch Forschungen auf verschiedenen Gebieten, durch die man zum Beispiel für Notstandsgebiete Verfahren entwickelt, die diesen eine großangelegte und da und dort bereits geplante Selbsthilfe ermöglichen (Eiweißerzeugung aus Kohlehydraten, billiges Süßwasser aus Meerwasser usw.). Die Technik stellt heute die Mittel für eine weltweite Kommunikation und das Hinaufheben technisch zurückgebliebener Menschengruppen zur Verfügung. Das Christentum sollte sich veranlaßt wissen, diese Mittel zu bejahen und sich für ihren sinnvollen Gebrauch auf breiter Linie einzusetzen. Die Konkretisierung des christlich-kastenfremden Prinzips ist in einem viel höheren Grad und mit wesentlich geringeren Anstrengungen als früher möglich, denn man vermag heute Distanzen aller Art zu verringern und damit kastenfremdes Verhalten zu erleichtern. Brauchte die Durchbrechung der Ekelschranke einmal große persönliche Dimensionen, wie etwa bei Franz von Assisi oder bei Elisabeth von Thüringen, so wird heute ein solcher Schritt infolge der Hygienisierung der Gesellschaft immer leichter. Es bedarf dazu keines Heroismus mehr, wenngleich zur Realisierung der kastenlosen Gesellschaft auch jetzt und in der Zukunft ungeheure ethische Anstrengungen nötig sein werden. Das Ethos echter Menschlichkeit ist christlichen Ursprungs. Das heißt aber keineswegs, daß es nicht auch von Nichtchristen aus einem unmittelbaren Sinn für das Richtige und Menschliche heraus angenommen werden kann. Es ist das Fundament der kastenlosen Gesellschaft, das von jeder Generation neu erworben werden muß.

POLITISCHE PROGRAMMATIK AUF KASTENLOSE GESELLSCHAFT HIN#

Wenn auch der ethisch-moralische Gehalt einer Gesellschaft den Kern einer Bewegung mit dem Ziel einer kastenlosen Gesellschaft darstellt, so kann dieses Ziel doch sehr wohl durch gesetzgeberische Maßnahmen gefördert werden. Wenn wir versuchen, die einzelnen Sektoren des politischen Lebens akzentuiert vom Standpunkt des Ideals einer angestrebten kastenlosen Gesellschaft aus zu beleuchten, dann erhalten wir von selbst Ansätze zu einer politischen Programmatik. Selbstverständlich wird es große Mühe kosten, die angezielten Grundsätze praktisch in politische Programmatik oder gar in politische Wirklichkeit umzusetzen, sind doch die Voraussetzungen dafür in den einzelnen Ländern sehr verschieden. Die Programmatik ist daher den verschiedenen Verhältnissen anzupassen, ohne daß dabei das gemeinsame Ziel aus dem Auge verloren werden muß. Sollen in einem bestimmten Fall politische Maßnahmen zur Realisierung der kastenlosen Gesellschaft getroffen werden, so wäre vorerst eine genaue Analyse dieser Gesellschaft nötig. Es ist etwas anderes, ob die kastenlose Gesellschaft in Dänemark oder in Ägypten angestrebt wird. Auf jeden Fall aber sollte sie in weltweitem Rahmen angestrebt werden. Da sich zur Zeit eine globale Technisierung abspielt, werden auf die Dauer gesehen auch wichtigste Voraussetzungen geschaffen, die eine globale Realisierung der kastenlosen Gesellschaft ermöglichen. Sache einzelner Fachleute ist es, die Grundsätze, die wir für die Gesamtgesellschaft herausgearbeitet haben, in den verschiedenen Sektoren der Gemeinschaftsgestaltung im einzelnen durchzuplanen und damit in politische Detailprogrammatik umzusetzen.

Wenn wir erklärt haben, das Zielbild der kastenlosen Gesellschaft müsse einen universellen Charakter tragen, dann ergibt sich daraus, daß auch eine politische Bewegung, die sich die kastenlose Gesellschaft zum Ziel setzt, universellen Charakter haben muß. Dies schließt nicht aus, daß in den verschiedenen Teilen der Welt verschiedene und andersgeartete Maßnahmen getroffen werden können. Elastisches Vorgehen beim Ausfindigmachen von gezielten Maßnahmen und politischen Taktiken und Techniken, vor allem in speziell gelagerten Situationen, ist jeweils bei durchaus gleichem Ziel vonnöten. Die Realisierung jener kastenlosen Gesellschaft ist für den gesamten Globus anzustreben und bedarf daher einer intensiven Planung. Eine globale Politik mit einem so weitgesteckten Ziel darf sich ihre Aufgaben nicht leicht machen. Die großen Schwierigkeiten, die dabei auftreten, sollen hier durchaus nicht verharmlost werden.

Sowohl die kommunistischen als auch die neuen, jungen Staaten stellen schwierige Probleme; die ersten wegen ihrer diesseitsreligiösen, wirtschaftsideologischcn Dogmatik, die andern wegen ihres Nationalismus, den man in Europa - wir hoffen es wenigstens! - gerade abgestoßen hat. Trotzdem muß man hier in ähnlichen Zeiträumen denken, wie dies der Kommunismus tut. Jedoch kann hier nicht eine politische Großplanung entwickelt werden, die Einzelheiten über die spezielle Behandlung, etwa der kommunistischen Staaten, enthielte, um sie für die Konzeption einer kastenlosen Gesellschaft aufnahmebereit zu machen. Aber wir sehen auch in dieser Beziehung keine prinzipielle Unmöglichkeit. Die Humanisierung des Kommunismus, vor allem des polnischen, aber auch des jugoslawischen, sowjetischen und - innenpolitisch - des chinesischen, ist zum Teil bereits im Gang und könnte vom Westen durch einen kastenfremden, sadismusfreien Umgang mit den Kommunisten sowie durch ein wohlgezieltes politisches Verhalten unterstützt werden.

Zur Verdeutlichung dieses Problems werden einige spezielle Arbeiten folgen müssen. Andere Schwierigkeiten bietet ein Teil jener jungen Nationalstaaten, deren Nationalismus die Ausformung einer kastenlosen Gesellschaft hemmt.

Wenn wir von politischen Bemühungen um die Realisierung der kastenlosen Gesellschaft sprechen, haben wir also zunächst die europäische Gesellschaft vor Augen, deren Situation wir einigermaßen überschauen. Die politische Programmatik ist somit, ohne das globale Ziel aus den Augen zu verlieren, vornehmlich auf die europäische Gesellschaft abgestellt. Der Marxismus, dessen Internationalität unbestritten ist, hat zentrale Programmpunkte wirtschaftlicher Art. Ohne die wesentlichen geistigen Aspekte des wirtschaftlichen Lebens bagatellisieren zu wollen, müssen wir mit Berdjajew feststellen, daß diese einer Geistsphäre angehören, die nicht die entscheidende sein sollte. Wir wollen sie keineswegs verächtlich machen. Steht man jedoch nicht auf dem Standpunkt des Materialismus, dann muß man den Hauptakzent politischer Planung und Zielsetzung aus dem wirtschaftlichen in den geistigen Raum verlegen. Wenn die menschlichen Beziehungen und nicht formale Eigentumsverhältnisse die Hauptsache sind, so ist das wichtigste politische Ziel eben eine entscheidende Besserung dieser Beziehungen. Damit wird der Hauptakzent der politischen Planung entscheidend verlagert. Wenn auch der Kern einer kastenlosen Gesellschaft ethisch-moralischer Natur ist, gibt es ein Gebiet des politischen Lebens, das darüber hinaus in intensivster Weise mit der Formung der ethisch-moralischen Struktur des Menschen zu tun hat: das Gebiet der Kultur- und Schulpolitik. Hier ist ein sehr umfassendes Programm erforderlich, von dem wir nur einzelne Punkte in besonderer Weise beleuchten wollen. Welche Forderungen ergeben sich nun vor allem für die Schul- und Unterrichtspolitik?

GRUNDSÄTZE EINES NEUEN BILDUNGSSYSTEMS#

Da wir gerade die affektiven Schranken zwischen den Menschen abbauen wollen, muß jedes Bildungsziel auf ein globales Bewußtsein ausgerichtet sein. Es gilt also, das Bildungsziel neu zu formulieren. In dem uns gesteckten Rahmen ist es natürlich nur möglich, wesentliche Grundzüge darzustellen. Das neue Bildungsziel sollte von der Vorstellung und dem Begriff einer adäquaten Weltorientierung und Weltgestaltung ausgehen. Eine der konkreten Realität entsprechende Weltorientierung versucht ja schon das Kleinkind zu gewinnen, und die in das Orientierungswissen einbezogenen Dualitäten Raum und Zeit sowie die in beiden geformten Gestalten sollten im Lauf der Entwicklung im Bewußtsein des Menschen eine entsprechende Erweiterung erfahren. Infolge der grundsätzlichen Vergrößerung unseres menschlichen Horizonts durch Wissenschaft und Technik (pd: heute Information!) muß eine umfassende Ausweitung des Bildungshorizonts aller Mitglieder der Gesamtgesellschaft angestrebt werden.

Ohne entschiedene Verlängerung der Ausbildungszeit wird jenes Ziel nicht erreichbar sein. Man wird aber versuchen müssen, das für ein unterschiedliches Persönlichkeitsniveau angestrebte Ziel auf verschiedenen Differenzierungsstufen zu erreichen. All das hängt insofern mit unserer Problematik zusammen, als die kastenlose Gesellschaft einerseits das allumfassende Ganze, andererseits aber auch die Differenzierung im Blick behalten muß. Die Frage nach dem, was wesentlich und was unwesentlich ist, muß neu gestellt werden. Ein rein additives Hinzuschlagen neuen Wissens ist zweifellos verfehlt.

Hier muß noch gesagt werden, daß um einer Intellektualisierung der gesamten Gesellschaft willen auch der Versuch gemacht werden muß, die Intelligenz des Kindes bereits in der dafür sehr wichtigen Vorschulzeit zur Entwicklung anzuregen. Ein entsprechendes Kindergartensystem gemeinsam mit Fernsehen, Radio, Film u. a. könnte hier Beträchtliches leisten. Da in einem weniger intellektuellen Milieu die Intelligenzanreizung geringer ist, bedarf es zu einem Intelligenzanstieg oft mehrerer Generationen. Eine geschickte Vorschulbildungspolitik könnte den Intellektualisierungsprozeß beschleunigen.

Aber kehren wir zu unseren zentralen Formulierungen des Bildungsziels der adäquaten Weltorientierung und -gestaltung zurück. Die räumliche Orientierung ist zunächst einmal geographisch zu sehen. Schon hier läßt sich zeigen, daß in Anbetracht der gegenwärtigen Weltsituation sowie des Zielbildes einer kastenlosen Gesellschaft eine neue Sichtung des Bildungsguts zu erfolgen hat. Dabei sollte man von der Erdkugel ausgehen und nicht vom Klassenzimmer, von einem größeren Ganzen also. Man kann nämlich den Standpunkt des Lernenden auch dadurch relativieren, daß man ihm die verschiedenen speziellen Horizonte anderer Punkte der Erdkugel zeigt.

Das ist die Welt' von __Josephine van Dolzen Pease (mit Klick vergrößern!)
Das ist die Welt" von Josephine van Dolzen Pease

Das globale Denken ist nach verschiedenen Richtungen hin sehr wichtig. Schon die jeweils verschiedenen Sichtweisen, die sich aus anderen geographischen Lagen ergeben, würden ein Verständnis für fremde Situationen erzeugen. Die speziellen charakterformenden, klimatischen Einflüsse wären ebenso darzustellen. Auf diese Weise würde dem Rassismus und Nationalismus klar und positiv begegnet (197). Daß eine solche grundsätzliche geographische Neuorientierung schon auf Volksschulniveau möglich ist, zeigt das brillante Buch: "Das ist die Welt" von Josephine van Dolzen Pease (198) - eine bedeutende pädagogische Leistung. Auf bewußt kindlichem Niveau wird hier das Grundsätzliche der Geographie gebracht, jeden affektiven Trennungslinien entgegengewirkt und auf die Relativierung der eigenen Person hingearbeitet. Es ist durchaus richtig, schon den Volksschulkindern die Existenz von Indern und Chinesen positiv zu vergegenwärtigen. Die relativierte Position vermag zunächst geographisches Verständnis zu erwecken und damit von dieser Seite der Idee einer kastenlosen Gesellschaft einen Dienst zu erweisen.

Neben dieser Orientierung auf dem Gebiet der Geographie ist eine solche auch auf dem der Biologie, der Physik und der Chemie in einer Weise zu betreiben, daß, über die Strukturen der ohne technische Hilfsmittel wahrnehmbaren Welt hinaus, die Einführung in die Makrowelt (Astronomie) und in die Mikroweit (Bakteriologie, Atomphysik, Strahlungslehre) so geschieht, daß die sinnestranszendente Welt als eine intensive Realität begriffen wird. Die Biologie vermag mit ihren Umweltslehren und ihren soziologischen Schemata zum Verständnis subjektiver Positionen beizutragen.

Die räumlichen Strukturen sind natürlich samt und sonders mit solchen zeitlicher Art verbunden. Wenn wir von diesen gesondert sprechen, so handelt es sich also um eine reine Abstraktion. Ein Verständnis für die Einlagerung der die zu erziehenden Personen umfassenden Gruppe in die Zeit ist eine der wichtigsten Aufgaben der Erziehung. Der historischen Dimension entspricht eine astronomisch-physikalische, eine biologische und schließlich eine menschlich-historische. Diese menschlich-historische Dimension wiederum hat verschiedene kulturelle Aspekte: Sprache, Kunst, Wissenschaft, Technik, nicht zu vergessen die Wirtschaft, aber auch und vor allem Religion und Philosophie. Sie alle formen die gegenwärtige Situation. Daraus ergeben sich verschiedene Zukunftsaspekte, die beachtet werden müssen, wenn man Schul- und Kulturpolitik betreibt. Denn diese muß entsprechend zukunftsweisend sein und darf nicht nur für die ersten drei der Schulzeit folgenden Jahre gelten.

Gerade den Kunstfragen muß eine spezielle Aufmerksamkeit gewidmet werden, da die Kunst in besonderer Weise die Affekte anspricht. Ein affektives Verständnis für die Eigenart eines bestimmten Volkes erhält man am schnellsten auf dem Weg über seine Kunst und hier wieder am schnellsten auf dem Weg über seine Musik und seine bildende Kunst. Diese setzen nämlich nicht die Kenntnis der Sprache voraus - für die zentrale Bedeutung der Formung der Affektivität ein unerhörter Vorteil. Man sollte also den Versuch machen, auf dem Weg über die Musik und Kunst der verschiedenen Völker und Rassen Zugang zu ihrer Affektivität zu schaffen. So könnte etwa die Kenntnis jüdischer Tempelmusik sicher viel zum Abbau der antisemitischen Aggressionen beitragen und die Kenntnis chinesischer Musik und Malerei wäre in diesem Zusammenhang ebenso bedeutsam. Es ist notwendig, auch auf diese Weise aus einem europäischen »abendländischen« Provinzialismus herauszukommen. So ist die Entdeckung der Zahl "0" für die Mathematik und die darauf fußenden Naturwissenschaften für die Wirtschaft bedeutsamer als irgendwelche Schlachten,- denn ohne Stellenwert wäre keine moderne Bank existenzfähig, da man mit dem römischen Zahlensystem nicht sehr weit käme. Dies soll nur als Beispiel dienen.

Das Studium von Sprachen wäre so einzulagern, daß man wissenschaftlich mit verschiedenen Grundstrukturen von Sprachen vertraut gemacht wird, um dann eine oder einige gründlich zu lernen. Sicher ist es richtig, wenn jemand, der sich zu einer bestimmten Religion und Konfession bekennt, ausführlich darin unterrichtet wird, doch sollte er auch mit den bedeutendsten anderen Religionssystemen vertraut gemacht werden. Dasselbe gilt für die Philosophie und ihre Systeme. Die Einlagerung alles begrenzt Raum-Zeitlichen in Unendlichkeit und Ewigkeit der Religion könnte auch eine Belebung und Vertiefung des Religionsunterrichtes zur Folge haben.

Schließlich ist der Mensch als Träger der geistigen Entwicklung in seiner Eigenständigkeit zu würdigen und zu behandeln (Psychologie, Anthropologie usw.).

Wenn all dies zu umfangreich erscheint, wollen wir nochmals darauf hinweisen, daß wir eine neue Sichtung und Scheidung des Bildungsgutes verlangen, um durch Abstoßung von nichtigen Details Raum und Zeit für Neues und Wesentliches zu gewinnen.

Daneben verdient ein weiterer Aspekt große Beachtung. In vielen Mittelschulen (= Höhere Schulen) der Oststaaten, aber auch in einigen Schulen anderer Staaten, z. B. in Österreich, versucht man, mit dem Studium die Erlernung eines Handwerks zu koppeln. Ein Schüler macht gleichzeitig mit der Matura (Abitur) eine Art Gesellenprüfung. Diese hochinteressante Kombination ist vor allem im Blick auf die Eliminierung der Kastenschranken sehr wichtig. Auch ein starker Realitätskontakt könnte die Folge davon sein. Auf jeden Fall ist diese Kombination außerordentlich beachtenswert und die mit ihr gebotenen Chancen gründlich zu studieren. Sie wäre besser als ein »Arbeitsdienst«, der nur Kenntnisse von Hilfsarbeiterniveau vermittelt, allerdings aber sicher besser ist als jedes Militär.

Was nun die Frage der beruflichen Spezialisierungen angeht, die natürlich notwendig sind, so ist es wesentlich, in der Spezialausbildung die Einordnung des Speziellen in das Ganze sichtbar zu machen, um jeder Isolation vorzubeugen. Eine weiterhin empfehlenswerte Maßnahme wäre die bewußte Förderung des integralen Typs (auf den wir bereits an anderer Stelle hinwiesen), der geeignet erscheint, alle Zwischenpositionen zwischen den Fächern auszufüllen und somit zu einer Integration des Wissen beizutragen (199).

Sowohl eine der neuen Situation Rechnung tragende Hochschulreform als auch eine Schulreform im allgemeinen wäre also dringend erforderlich. Mindestens die Hauptschulen (Volksschulen) wären aufzustocken - am besten auf acht Jahre, das ergäbe dann zwölf Pflichtschuljahre - um eine entsprechende Reife zu erreichen. Dabei wäre auch ein Herabsetzen des Pflichtschulalters oder wenigstens ein umfassender Ausbau des Kindergartenwesens mit sorgfältig gezielten Anreizen für die Intelligenzentwicklung zu erwägen, da solche Anreize für die Intelligenzentfaltung hochbedeutsam zu sein pflegen.

Sicher bietet gerade die Schule die Möglichkeit, einen neuen Autoritätstypus - die funktionelle Autorität - einzuführen und vorzuleben. Allerdings bedeutete dies für die Lehrkräfte eine nicht leicht zu vollziehende Umstellung. Aber nur eine Erziehung, in der die Lehrperson sich selbst relativiert, vermag die Zöglinge dazu zu bringen, sich selbständig weiterzuerziehen. Entscheidender Wert müßte darauf gelegt werden, die Kinder zur Selbsterziehung und damit zur eigenen Weiterentwicklung anzuregen. Dabei sollten auch die neuen Möglichkeiten der Kulturvermittlung - Film, Fernsehen, Schallplatte, Magnetophon usw. - nicht ungenützt bleiben und auch nach der Schulzeit weiter als Fortbildungsmittel benützt werden. So könnte bei außerordentlich vielen Menschen eine große Entwicklungsdynamik angeregt werden.

Die einzelnen Schultypen, von der Volks- bis zur Hochschule, sind nach den Bildungszielen zu untersuchen und entsprechende Änderungen im Blick auf das neue Zielbild zu erwägen. Ein solches politisches Konzept auf dem Kultur- und Unterrichtssektor würde die Bildungsgesellschaft nicht nur nach der quantitativen Seite hin - Menge des Bildungsgutes - realisieren, sondern auch nach der qualitativen. Die Horizonterweiterung könnte in Verbindung mit einer Vertiefung des grundsätzlichen Wissens der Gesellschaft eine so große gemeinsame Basis vermitteln, daß das Spezialwissen nicht zu Isolation und Abschirmung führte, daß vielmehr die gemeinschaftliche Basis immer wirksam bliebe.

Nicht nur das Vorleben der funktionellen Autorität seitens der Lehrer, sondern auch die Einübung dieser Art von Autorität auf den verschiedensten Stufen von der Volks- bis zur Hochschule wäre von entscheidender Wichtigkeit. Es handelt sich um das Training einer polyzentrischen Organisation. Denn solche polyzentrische Organisationen gibt es, ohne daß sie entsprechend richtig funktionieren. Man könnte sich solche Gemeinschaftsarbeiten auf verschiedenem Schulniveau vorstellen. So arbeiten etwa die Personen A, B, C, und D zusammen. Bei einer bestimmten Aufgabe, die A besonders liegt, ist A das Zentrum, während die Personen B, C und D Detailarbeiten leisten und diese zubringen. Bei einer anderen Aufgabe, die wiederum B besonders liegt, leistet dieser die zentrale Arbeit, während A, C und D Detail-und Zubringerdienste leisten.

Wenn sich praktisch auch fast immer ein Schwerpunkt ergibt, der sich im Ganzen gesehen als gewichtig erweist, so können doch durch solchermaßen dezentralisierte Organisationsformen zeitweise jeweils andere Personen einer Arbeitsgruppe in den Vordergrund rücken. Hier ist allerdings noch vieles zu erproben, um die monohierarchischen Modellvorstellungen endgültig zu überwinden.

An sich sollte auch eine Regierung eine solch polyzentrische Organisation darstellen. De facto aber gibt es ständig Kompetenzschwierigkeiten, da keinerlei Training für eine polyzentrische Zusammenarbeit besteht und meistens auch die Einstimmung darauf fehlt.

Noch ein anderer Aspekt der Bildungsproblematik ist von Bedeutung, denn bei der gesamten hier behandelten Bildungsproblematik geht es, für die geistige Entfaltung und Differenzierung, auch weitgehend um das immer dringlicher werdende Problem der ständig wachsenden Freizeit der berufstätigen Menschen. Gerade durch eine sinn- und planvolle Ausnützung der Freizeit könnte die Einseitigkeit der Berufsausübung gemildert und eine umfassende Entwicklung der Persönlichkeit gefördert werden. Es liegt auf der Hand, daß eine Intellektualisierung der Gesamtgesellschaft sehr weit verzweigte Probleme aufwirft. Vor allem muß die spezielle Planung dieser Intellektualisierung nach den verschiedenen Dimensionen des Geistes hin sorgfältig erfolgen. Das Bildungsgut sollte, obwohl man dem einzelnen die Möglichkeit lassen sollte, nach der Schulzeit sich frei für eine weitere Bildung zu entscheiden, auch planmäßig angeboten und mit entsprechender Faszination ausgestattet werden (Volkshochschule, Rundfunk, Fernsehen). Denn wichtiger als die Frage der Verstaatlichung ist die des hochqualifizierten Nachwuchses.

KASTENREDUZIERENDE POLITIK#

Wenn auch das Bildungsprogramm einer der wesentlichen und tragenden Pfeiler einer Politik mit dem Ziel der kastenlosen Gesellschaft ist, so ist es doch nicht imstande, allein die kastenlose Gesellschaft zu realisieren. Die menschlichen Beziehungen in der Wirtschaft, die schließlich die finanzielle Basis für die Realisierung sehr weitgesteckter Ziele zu schaffen hat, sind entscheidend zu verbessern. Die gemeinsame Zielsetzung der Leitungskräfte und ihrer Mitarbeiter - Produktion für die Gemeinschaft - sollte entschieden bewußt gemacht werden. Die Anfeuerung zur Produktivität, zur inneren Anteilnahme am Schicksal der Betriebe, erfordert sohnkomplexfreie Autoritäten, die, kastenfremd, keine Gemeinschaft mit ihren Mitarbeitern scheuen und deren Aufstieg wirklich wollen. Ein Mitbestimmen im Betrieb ist, entsprechende Bildung vorausgesetzt, nicht nur zu gestatten, sondern zu fördern.

Hier könnte vor allem von der Steuerseite auch im privatwirtschaftlichen Rahmen, auch politisch, nicht nur moralisch, erhöhter Anreiz geboten werden. Bekanntlich sind Steuererleichterungen, Abschreibungsmöglichkeiten im System der freien Wirtschaft oft benützte Mittel konstruktiver Einflußnahme. Die Frage der Verstaatlichung oder Nicht-Verstaatlichung ist aus ihrem weltanschaulichen Entweder-Oder zu befreien und zu einer sachlichen Frage zu machen, die jeweils vom Standpunkt der Zweckmäßigkeit für die Produktivität und das Zusammenleben und Zusammenwirken zu beurteilen wäre. In einem Fall wird für, in einem andern gegen die Verstaatlichung zu entscheiden sein. Man möge es den Kommunisten überlassen, aus einem der beiden Standpunkte eine Religion zu machen. Viel wesentlicher ist die Durchsetzung des funktionellen Autoritätsbildes in den Betrieben. Daraus würde sich selbstverständlich die Tendenz entwickeln, die gesamte Arbeitsgemeinschaft an den Sorgen, Nöten und Erfolgen teilnehmen zu lassen. Information, Erfolgsprämien u. a. liegen auf der Linie der Durchsetzung der kastenlosen Gesellschaft in der Wirtschaft.

Es kann nicht oft genug betont werden, daß das kastenfremde Autoritätsbild erfordert, die »Unteren« hinaufzuziehen. Im Fall der Wirtschaft hieße dies, die Nichteigentümer zu Eigentümern an den Produktionsmitteln zu machen. Die Kleinaktie, ähnlich wie das Wohnungseigentum, scheint in diesem Zusammenhang ein geeignetes Mittel zu sein.

Totalitäres Denken wird hier einwenden, im »sozialistischen System« sei eben jeder Eigentümer von allem. Tatsächlich fühlt sich dort jedoch nicht jeder als Eigentümer, wenn er es theoretisch auch ist. Dies führt, worauf schon an anderer Stelle hingewiesen wurde, dazu, daß das Eigentum so behandelt wird, als ob es niemandem gehörte. Nun wird man wiederum einwenden können, daß eben eine bestimmte Erziehung einsetzen müsse, die dem einzelnen diese Tatsache zum Bewußtsein zu bringen hätte, so daß er sich als Eigentümer von allem fühlte. Das wäre jedoch nur dann möglich, wenn auch das Recht zur Gestaltung und Nutznießung in tragender Weise zum Bewußtsein käme.

Wieweit all diese Überlegungen wirtschaftlich und psychologisch möglich sind, ist eine Frage für sich. Natürlich im Volkskapitalismus - bei Kleinaktionär - kann sich die Realität seines Eigentums viel unmittelbarer und tiefgreifender äußern als im »sozialistischen« System. Trotzdem wird man auch über ein Minimum an Erziehung zu einer größeren, ja ganz großen Gemeinschaft nicht hinwegkommen. Verschiedene Versuche im Osten - besonders das Arbeiterrätesystem - deuten daraufhin, daß man sich auch dort um eine Konkretisierung des Verhältnisses der einzelnen Mitglieder der Betriebsgemeinschaften zu ihren Betrieben bemüht.

Wir haben darauf hingewiesen, daß die wissenschaftlidie und technische Eigendynamik der Gesellschaft auf die Schleifung der Ekelschranke (Arbeiter und Angestellter), auf Hygienisierung und Intellektualisierung der Gesellschaft hindrängt. Daß eine politische Programmatik diesen Trend bejaht und ihn noch intensiviert und sein Ziel klar hervorhebt, geht wohl aus dem Gesagten eindeutig genug hervor. Es gilt dies für den Bereich der Industrie in gleicher Weise wie für den der Landwirtschaft.

Eine besondere Bedeutung kommt im Rahmen unserer Untersuchungen der sogenannten Wehrpolitik zu. Selbstverständlich ist eine dauernde und endgültige Abrüstung das entscheidend Erstrebenswerte, so daß die militärische Autorität auf die Dauer möglichst ganz verschwände. Es liegt ohnehin im Sinne der modernen Technik zu intellektualisieren, so daß eine allgemeine Wehrpflicht über kurz oder lang ein Anachronismus sein wird. Hoch spezialisierte, geradezu akademische Ausbildung einzelner Personen für moderne Waffen kostet so viel Geld, daß es sich nur für Berufssoldaten auszugeben lohnt. Noch besser wäre doch die Abschaffung des Militärs, wobei die dadurch ersparten Aufwendungen vor allem zur Intellektualisierung der Gesellschaft zu verwenden wären. Immerhin bliebe auch im Falle der Totalliquidation des Militärs das Problem der Einführung der kastenfremden Autorität bei der Polizei; auch hier wäre die funktionelle Autorität durchzusetzen.

Durch die Intellektualisierung der Gesellschaft wäre übrigens eine Umleitung der Bedürfnisse auf die kulturelle Ebene hin möglich; die dort angestrebten Güter sind wesentlich billiger als materielle Prestigegüter. Man hätte den amerikanisch-kapitalistischen Geldprotzbedürfnissen entschieden entgegenzutreten und der damit gekoppelten volkswirtschaftlidien Verschwendung; man denke an jene Autos mit Dimensionen und Superkomfort, die über echte, konkrete Bedürfnisse weit hinausgehen. (pd: vgl. den SUV-Hype 2010).

Prestigegüter, die nur durch Selbstausbeutung - die Menschen arbeiten daher noch zusätzlich außerhalb ihrer Arbeitszeit - erzwungen werden können, wären in einem geordneten Verhältnis durch Kulturgüter zu ersetzen. Selbstverständlich sollte die materielle Basis - Wohnung, Einrichtung usw. - gesund, aber nicht protzig sein und bewußt als Basis für die geistige Differenzierung dienen.

Schließlich hängt, besonders in der gegenwärtigen Situation, die prinzipielle Einstellung in der Außenpolitik auch mit der Einstellung zu den Verbrechern in der Gesellschaft zusammen, womit der Gesamtbereich der Justiz ins Blickfeld rückt. Es gibt keinen Grund, einem Verbrecher den gemeinsamen Tisch zu verweigern und ihm die Hand nicht darzubieten. Damit hätte aber auch im Rahmen der Außenpolitik jede Rücksichtnahme auf sogenanntes »Prestige« - alte Feudalallüren - wegzufallen, es müßte immer der gemeinsame Tisch gesucht werden. Die Tatsache, daß jemand ein Mörder ist, schließt auch außenpolitisch keineswegs den gemeinsamen Tisch aus, wie das vielfach behauptet wird; ebensowenig Besuche und Kontakte der verschiedensten Art.

Damit soll keineswegs einer Anerkennung der Weltanschauung, des Handelns und der Motive der jeweiligen Gesprächspartner das Wort geredet werden. Ohne jemals die Gegensätze in oft tiefgreifenden weltanschaulichen Fragen bagatellisieren zu wollen, hat man sich sowohl mit Mördern als auch »dreckigen Proleten« - den Kommunisten - an einen Tisch zu setzen. Außerdem geht es nicht an, etwa die Tatsache einer Liberalisierung in Rußland einfach zu bagatellisieren.

Unverrückbares Ziel muß es sein, auch für die Oststaaten die kastenlose Gesellschaft zu realisieren, doch ohne Mord und Totschlag. Ein derartiges Konzept müßte notwendigerweise einen primär politisch-psychologischen Charakter haben.

Natürlich liegt eine Hilfe für Nationen, die durch historische Umstände in ihrer Entwicklung zur kastenlosen Gesellschaft gehemmt wurden, durchaus auf der Linie unserer Forderungen. Denn auch in diesen Bereichen ist die kastenfremde Autorität durchzusetzen, wobei die Überlegenen die Unterlegenen zu sich hinaufziehen und die Niveauunterschiede zwischen den Nationen auf diese Weise verringern sollten.

Dies hätte unter anderm den Vorteil, vielerlei ohnehin durch die Technik außerordentlich erleichterte umfassende Direktkontakte zu intensivieren und die übernationale Zusammenarbeit der verschiedensten Berufskreise, Nationen, Rassen usw. im Sinne der kastenlosen Gesellschaft vorzubereiten und ein immer dichteres Netz an globalen Beziehungen entstehen zu lassen.

Gerade weil dies - auf längere Sicht gesehen - entscheidende Vorteile für alle bringt, muß in allen Teilen der Welt ein jahrzehntelanger Aufbau von Bildungsinstitutionen geplant werden, die schließlich die gesamte Menschheit zu intellektualisieren vermögen und die Gemeinschaft im Bereich des Geistes in voller Buntheit entstehen lassen.

Der Politiker endlich hat ein kastenfremder Typ zu sein. Je echter die ihn dabei leitende Gesinnung ist, um so besser ist dies auf die Dauer für seine Arbeit und auch für ihn. Daß hier die direkte Kontaktnahme mit dem Volk sehr viel bedeutet, liegt auf der Hand. Die Propagandisten der USA haben in diesem Zusammenhang oft ganze Arbeit geleistet.

Der Einführung der Begriffe »Kaste«, »kastenfremd« usw. dürfen wir also sehr wohl auch in politisch-programmatischer Hinsicht einen Gewinn verdanken. Wir gewinnen ein Zielbild, das die archetypische Substanz des Christentums ebenso für sich hat wie den Entwicklungstrend von Wissenschaft und Technik.

Die kastenlose Gesellschaft hat globalen Charakter, stört aber nicht die Differenzierung der Sozietät, vielmehr fördert sie diese gerade dort, wo die Fülle und der Reichtum des Menschlichen in besonderer Weise zum Ausdruck kommt, nämlich im Bereich des Geistes, der Völker, Nationen, Rassen verbindet und dennoch die Unterschiede nicht übersieht.

DIE KASTENLOSE GESELLSCHAFT - ORIGINÄRE AUFGABE DES CHRISTENTUMS#

Die französische Revolution, die es nach dem Versagen des feudalisierten Christentums unternahm, die drei großen christlichen Forderungen »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« zu realisieren, hat es nicht verstanden, diese drei Idealforderungen gleichzeitig und organisch ausgewogen zu verwirklichen. Der bürgerliche Liberalismus verabsolutierte die Freiheit und zerstörte die Gleichheit und die Brüderlichkeit. Der proletarische Kommunismus verabsolutierte die Gleichheit und opferte ihr Freiheit und Brüderlichkeit.

Wir sind der Überzeugung, daß gerade die Brüderlichkeit jenes Herzstück der großen Trias ist, das Freiheit und Gleichheit zu jener integralen Einheit verhilft, die allein die Welt versöhnen kann.

Das Christentum muß die ihm gleichsam entwendeten Werte wieder heimholen und in sich bergen. Ohne einen tiefen Griff in seine Substanz wird es ihm nicht möglich sein, diese in ihm angelegten Werte zurückzuholen und sie aus der eisigen Luft des Atheismus in die Wärme seines Herzens zu heben. Für den Christen ist die fundamentale Brüderlichkeit der kastenlosen Gesellschaft unübersehbare evangelische Verpflichtung. Diese Verpflichtung ergibt sich primär aus der frohen Botschaft der gemeinsamen Kindschaft aller gegenüber dem gemeinsamen Gott.

Die kastenlose Gesellschaft entspricht ebenso der Natur des Menschen wie dem Geist des geoffenbarten Wortes. Wir haben versucht, Möglichkeiten der Verhinderung und Störung, aber auch der Verwirklichung dieser Brüderlichkeit bis in- verschiedenste Verästelungen hinein zu verfolgen. Ohne sie wird die Menschheit an sich selber zugrundegehen. Ohne sie - die Brüderlichkeit - gibt es zwischen den Menschen keine echten Brücken und keine Gemeinschaft. Um dieser Brüderlichkeit willen müssen wir willens sein, uns anzustrengen, wenn wir uns gegenseitig verstehen wollen, und zu beträchtlichen Opfern aller Art bereit sein. Um dieses gegenseitigen Verständnisses willen haben wir der Intellektualisierung das Wort gesprochen, damit möglichst viele Menschen dafür reif werden, Anlagen und Anliegen der verschiedensten, von ihnen jeweils noch so verschiedenen Menschen verstehen zu können. Alle Hilfsmittel der Wissenschaft und Technik müssen uns dabei willkommen sein. Dabei sollte man keine Angst haben, ein politisch echtes Ideal - das echteste schlechthin - zu verkünden. Wie alle Ideale wird es mißbraucht werden, aber seine Substanz wird den Mißbrauch überdauern.

Die politischen Konsequenzen können für alle Teile nur wertvoll sein. Bereitschaft zur Versöhnung ist, wenn sie bei allen da ist, auch für alle von Nutzen. Nur muß aber jeder für sich versuchen, den Anfang zu machen; niemand kann echte Versöhnung wollen, wenn er nur darauf wartet, daß der andere ihn macht. Man übersehe übrigens die Etymologie des Wortes »versöhnen« nicht: es ist identisch mit »ver-sühnen«. Man hat alle Gründe dafür anzunehmen, daß das bewußte und unbewußte Ideal der kastenlosen Gesellsdiaft das einzige ist, dessen Verwirklichung die ungeheuren Spannungen zwischen Ost und West abzubauen imstande ist, das Freiheit und Gleichheit vereint, das der Gleichheit die Freiheit und der Freiheit die Gleichheit zuzuführen vermag und so gewisse absolute Positionen relativieren kann.

Die Vermenschlichung, Humanisierung verabsolutierter Positionen ist ein Ziel, das Opfer wert ist. Wer dieses Grundanliegen begriffen hat, wird auch imstande sein, die mit dem hier verfochtenen Ideal verbundenen Forderungen, Verwirklichungsmöglichkeiten und Chancen bis in viele weitere, hier nur angedeutete Bereiche und Verästelungen hinein zu verfolgen: neue Impulse gebend; ergänzend, verbessernd, korrigierend. Keine letzte und allein gültige Lösung aller damit zusammenhängenden konkreten Probleme soll hier geboten, keine Utopie oder soziale Fata morgana soll in Szene gesetzt, keine trügerischen Hoffnungen sollen geweckt werden. Es sollte vielmehr einmal in aller Offenheit eines der schwersten und schwierigsten Probleme des gegenwärtigen geschichtlichen Augenblicks aufgerissen und für seine Lösung wenigstens die Grundrichtung gezeigt werden.

Wer den hier gewiesenen Weg geht, hat einen schweren Gang vor sich. Mißtrauen aller Art wird ihn begleiten und ihm von allen Seiten entgegenschlagen. Die einen werden auf ihn als Kryptokommunisten, die andern als heimlichen Agitator des Kapitalismus mit dem Finger zeigen. Nur Schritt für Schritt wird er sich den Weg zu bahnen vermögen. Es wird der Weg zu einer globalen Antwort auf eine globale Bedrohung durch den totalen Untergang sein.

Für nicht allzu viele Dinge lohnt es sich heute zu leben. Warum nicht für eine Gesellschaft und eine Welt ohne Schranken, für eine brüderliche Gesellschaft ohne Kasten?