KASTENDYNAMIK#

Die Kaste setzt sich natürlich wie jede Gruppe aus einzelnen Personen zusammen, wenn diese auch bestimmte Grundhaltungen gemeinsam haben. Die betreffenden Personen meinen, »unter sich« bleiben zu sollen oder zu müssen. Sie leben jedoch trotzdem in der Gesamtsozietät und haben die verschiedenartigsten psychischen Beziehungen zur eigenen Kaste sowie zu fremden Kasten. Sie wollen ihre Kaste und wollen doch auch wieder aus ihr heraus. Sie bekennen sich zu ihr und wollen uneingestanden doch einer anderen Kaste angehören. Sie indentifizieren sich also im Bewußtsein mit einer anderen Kaste als im Unbewußten. Und schließlich treibt etwas zu einer Position jenseits der Kaste.

Die psychodynamischen Relationen sind im Blick auf die Kasten somit vielfältiger Art. Wir wollen nun den Versuch machen, die wesentlichen dieser Beziehungen zu beschreiben und verstehen zu lernen.

DIE TENDENZ ZUR FIXIERUNG VON KASTENSTRUKTUREN#

Es gibt die Möglichkeit, sich zu einer gegebenen Kastenordnung so einzustellen, daß man sie in der bestehenden Form festhalten, also fixieren will. Diese Fixierung von Kastenstrukturen richtet sich naturgemäß gegen jede Veränderung der Sozialordnung. Fixierende Tendenzen können nicht nur zu Veränderungen drängende, neu auftauchende Kräfte hemmen, sondern auch eine sich ohnehin in dynamischer Veränderung befindliche Gesellschaft zu fixieren trachten. Eine gegebene Kastenordnung wird also verabsolutiert, als sakrosankt gewertet, um die Kastenwerte rein zu halten. Wie wir zeigen konnten, ist es für die Kaste typisch, ihren Zentralwert zu verabsolutieren. Allerdings vermögen, und zwar gewöhnlich, gegenläufige Prozesse oder Affekte den Kastenwert in Frage zu stellen. Wir erhalten dann ambivalente Reaktionen. Dies schließt jedoch aus, daß eben die eine Seite der Psyche den Kastenwert verabsolutiert. Diese Verabsolutierung wirkt sich, wenn man sie im Blick auf die zeitliche Entfaltung betrachtet, als »Fixierung« aus, das heißt, als Verhaftung an etwas, mit dem sich der Mensch oder die ganze Kaste identifiziert (16). Die Fixierung bedeutet ein Festhalten an den gegebenen Trennungslinien.

In dieser Fixierung an ein ganz bestimmtes Struktursystem mit einem endlichen Zentralwert steckt eine tiefe Angst vor notwendigen Adaptionen. So wird dann die Kastenordnung zum Bremsklotz für eine oft notwendige Entfaltung. Sie stellt ein Trägheitsmoment dar, hält die Gesellschaft auf einem Niveau zurück, das ihrem Entwicklungsstand nicht entspricht. Auf dieses Trägheitsmoment, das zu konfliktreichen Spannungen zwischen der tatsächlichen Lage der Gesellschaft und ihren vorwärtsdrängenden psychischen Haltungen führt, hat Franz Alexander überzeugend hingewiesen. Wenn der Fixierungsbegriff auch wesentlich mehr betrifft, so daß die Fixierung an den Kastenwert, seine Verabsolutierung, nur eine bestimmte Möglichkeit der Fixierung darstellt, so verstehen wir doch die Kaste ohne die Verabsolutierung und Fixierung nicht. Denn derjenige, der einen Gruppenwert absolut setzt, identifiziert sich zugleich mit diesem Wert und muß die Gesellschaft so strukturiert halten, daß der Wert mit seinem entsprechenden spezifischen Zentralwert bestehen bleibt. Er hat also an der Stabilität der Gesellschaft ein großes Interesse. Die Fixierung führt somit auf die Dauer zur Verhärtung und zum Versuch, die Kaste und ihre Stellung wenigstens zu bewahren. So ist die Fixierung zutiefst gegen schöpferische Veränderungen, ja gegen Veränderungen überhaupt.

Die Verabsolutierung des Kastenwertes — des Kastenobjekts — führt notwendigerweise dazu, die Personen außerhalb der Kaste als bedeutungslos anzunehmen, als »Uneingeweihte«, Profane, die in weitem Abstand zu den Mitgliedern der Kaste stehen. Daher bedeutet zum Beispiel die Fixierung an das »Akademische« eine entsprechende Absonderung vom Nichtakademischen. Auf diese Weise entsteht eine Fehleinschätzung der Wirklichkeit und eine Aufrichtung von Distanzen, die durchaus als inadäquat zu bezeichnen sind.

DIE TENDENZ ZUR ISOLIERUNG VON KASTENSTRUKTUREN#

Wer einen Sonderwert nur den Mitgliedern der Kaste zubilligt, muß annehmen, daß die nicht dieser Kaste zugehörigen Personen diesen Wert durch ihr Eindringen in die Kaste in Frage stellen, ihn mindestens beschneiden. Um also diesen Wert in seiner Sonderstellung zu bewahren, ist es notwendig, die Kaste zu isolieren und so eine »Entweihung«, eine »Verunreinigung« ihres besonderen Wertes zu verhindern. Die Isolierung der Kaste dient also in besonderer Weise dazu, den Wert, mit dem sich die einzelnen Mitglieder der Kaste identifizieren, zu bewahren, zu beschützen. Denn meistens besteht das uneingestandene Bewußtsein, daß die Struktur der gegebenen Sozietät, also der Gegenstand der Fixierung, bedroht ist. Diese Isolation ist natürlich ein Zeichen von Schwäche, man fühlt sich des Kastenwertes nicht sicher genug. So könnte etwa das Akademische bei einer Vermischung mit dem Unakademischen sein inneres Selbstbewußtsein verlieren. Wesentlich für die Kaste ist auch, daß sie nicht die Absicht hat, ihre Werte der gesamten Gesellschaft zu vermitteln. Vielmehr hat sie das Bestreben, ihre Werte für sich zu reservieren. Karl Marx sagt vom mittelalterlichen Stand, der ja mit der Kaste weitgehend zusammenfällt:

»Nicht nur basiert der Stand auf der Trennung der Sozietät als dem herrschenden Gesetz, er trennt den Menschen von seinem allgemeinen Wesen, er macht ihn zu einem Tier, das unmittelbar mit seiner Bestimmtheit zusammenfällt. Das Mittelalter ist die Tiergeschichte der Menschheit, ihre Zoologie.« (17)

Die Tendenz zur Isolierung deklariert einen exklusiven Wert; jene, vor denen isoliert wird, vermögen an ihm nicht teilzuhaben. Wenn 1/6 über einen Österreichischen Politiker sagt:

»Mattscheibe, unnahbar, bildet sich etwas ein...«,

so meint er jene künstliche Distanz, die einen Eigenwert kultiviert und herausstellt. Notwendigerweise entsteht umgekehrt durch die Isolation das Gefühl der Einengung. Wie bei jeder Verdrängung von Affekten, so bildet sich auch bei der Verdrängung des allgemeinen Gemeinschaftsaffektes, die durch die Isolation realisiert wird, ein Gefühl des Unbefriedigtseins. Die Isolation macht also einsam und letztlich steril. Wenn die isolierte Gruppe relativ groß ist, ist das Einsamkeitsgefühl naturgemäß geringer. Je kleiner und exklusiver sie jedoch wird, um so größer wird der Drang zur Gemeinschaft und zur Entfaltung. Hierdurch erklärt sich die Tendenz von Königen, Kaisern, Sultanen (Harun al Raschid) und Päpsten, zum ganz einfachen Volk durchzustoßen. Die Exklusivität wurde zu groß. Das wird deutlich, wenn wir den Hintergrund des bekannten Wortes Josefs II. zu erkennen trachten:

«Wenn ich nur mit meinesgleichen verkehren wollte, dürfte ich mich nur in der Kapuzinergruft aufhalten.«

Seine Situation wäre folgendermaßen zu beleuchten: Der hohe Adel gibt zu verstehen — aus Ressentiment —, er stehe ja eigentlich gleich hoch wie der Kaiser, und verlangt Gleichberechtigung, ohne es auszusprechen. Dieser jedoch hält Distanz und zeigt, daß es gewissermaßen eine Gnade sei, mit dem Kaiser zu verkehren. Dieses Verhalten ist typisch für die soziale Nahdistanz (18). Der Kaiser ist in seiner nächsten Umgebung weitgehend isoliert, die kaiserliche Familie genügt nicht, um das Bedürfnis nach liebenswürdiger Intimität zu befriedigen. In einsamer Höhe ist die Distanzierung auf die Spitze getrieben, und so bricht die Tendenz zur breiten Gemeinschaft, also direkt zum Volk (Erzherzog Johann) oder wenigstens zum niederen Adel (Erzherzog Franz Ferdinand) durch. Jeder Isolation im Bewußtsein entspricht kompensatorisch, ausgleichend, eine Vereinigung im Unbewußten (19). Die Kapuzinergruft ist ein Symbol für beides: für Isolation — die Kaiserliche Familie unter sich — und für Kommunikation — die Gemeinschaft der Toten. Im Tod, gefühlt als Untergang im Unbewußten, wird die große kollektive Gemeinschaft realisiert. Wir kommen in anderem Zusammenhang noch darauf zurück.

Die breite Volksmasse entwickelt starke Ressentiments gegen relativ große exklusive Gruppen. Beim isolierten Herrscher schlägt das Gefühl jedoch häufig in gerührtes Mitleid um, so mit dem isolierten, einsamen Franz Josef. Es gibt jedoch auch ein positives Gegenstück zur Isolation der Kaste: die Isolation einer Person, und zwar aus der Notwendigkeit heraus, einmal das Wollen einer Gruppe zu klären und auf die Ausweitung vorzubereiten. Wenn etwa die Großgesellschaft einen falschen Weg einschlägt, kann es für jene, die normale Tendenzen vertreten, sinnvoll sein, in die »innere Emigration« zu gehen, sich zu isolieren und in Reserve zu halten bis zur Zeit des Zusammenbruchs der falschen Ideale der Großgesellschaft.

So wußte Isaias von einem Untergang Judas, aber er hoffte doch auf die Bewahrung eines »kleinen Restes«, den er selbst noch sammeln wollte. Während das institutionelle jüdische Königtum in der Großgemeinschaft herrschte, scharte er eine kleine Gruppe um sich, die dem »theokratischen Ideal« leben wollte. Sie wurde zum Vorbild für alle messianisch-apokalyptischen Gemeinden der späteren Zeit, bis hin zur Gemeinde Jesu (20). Da das Volk als Ganzes unfähig war, das Ideal zu erfüllen, besonders deshalb, weil die staatliche und gesellschaftliche Öffentlichkeit durch weltliche Interessen pervertiert war, ging das wahre Leben des Volkes mit Jahve abseits dieser Institutionen vor sich (21). Die Isolierung bewahrt so schließlich Vorstellungen oder aber bereitet ihren Durchbruch vor. Deshalb ist es sehr sinnvoll, die Aufmerksamkeit auf isolierte »Sekten« zu lenken, da diese oft die Sprengkraft der Zukunft haben. So wartete Lenin mit der »Proletariersekte« auf seine Stunde. In Emigration und Isolation bereitete er die große Sprengung vor. Isolation bedeutet Schwangerschaft. Anders jedoch bei der kastenhaften Isolation; sie hat gar nicht das Bestreben, die in ihr vertretenen Werte zu entfalten, auszubreiten oder sie zu vermitteln.

Halten wir fest: Die Isolation hält entweder Werte in Reserve, um ihnen im entscheidenden Moment zum Durchbruch zu verhelfen, oder aber sie demonstriert einen Sonderwert. Der bewußten Isolation entspricht eine unbewußte, der erzwungenen Isolation eine bewußte, unerfüllte Sehnsucht nach der Gemeinschaft. Die Isolation ist also in beiden Fällen ein Abwehrmechanismus, jedoch aus verschiedenen Gründen.

DIE TENDENZ ZUR AKKUMULATION VON KASTENSTRUKTUREN#

Karl Marx erwartete eine Akkumulation des Kapitals und meinte, durch diese fortschreitende Ballung werde der Weg zum notwendigen, revolutionären, dialektischen Umschlag gegeben. So wenig die Prophetie Karl Marx' für eine längere Zeit zutraf, so sehr traf das Wort Akkumulation eine psychische Realität. Die Ansammlungstendenz, die man häufig antrifft, bezieht sich allerdings keineswegs nur auf Geld und Kapital, sie zielt auf die Ballung von Sozialwerten. Ganz allgemein gibt es Über- und Unterlegenheiten in verschiedenster Hinsicht. Innerhalb einer hierarchischen Ordnung, die sich auf Grund eines bestimmten Wertstandpunkts staffelt, kann jemand sehr hoch oben sein, der innerhalb einer anderen weiter unten steht. So kann einer z. B. hohe geistige Qualitäten aufweisen, aber relativ arm sein usw.

Einer, der sehr viel obere Attribute zugleich besitzt, gewinnt dadurch selbstverständlich eine besonders starke Position, ist oberkastig in verschiedener Hinsicht. Die Akkumulationstendenz bezüglich Vermögen ist eine Sonderform der allgemeinen Akkumulationstendenz. Der Reiche möchte auch noch gerne Bildung, Titel usw. Der im Geschäftsleben gebräuchliche Titel »Kommerzialrat« ist dabei ein relativ billiger Titel, der »Doktor h. c.« bedeutet schon mehr. Reiche Amerikaner kauften sich in San Marino Adelsprädikate, andere lassen sich adoptieren, um ein Adelsprädikat zu erhalten. Umgekehrt meinen Titelträger, auch auf besonderen Reichtum Anspruch zu haben. Für jemanden in führender Position ist es relativ leicht — man denke an Politiker —, zu Geld zu kommen. Auch ist es für Höhergestellte wesentlich leichter, Orden und Ehrenzeichen zu erhalten. Sie erledigen keine Schmutzarbeit, verschaffen sich eine größere Unabhängigkeit, vermitteln ihren Kindern eine höhere Bildung, nötigenfalls mit einer Anzahl von Hauslehrern usw.

Man sieht, es geht keineswegs nur um Geld, häufig geht es primär um andere Dinge. Das Vermögen ist nur ein Positivum, das unter anderem angestrebt wird. Das Akkumulationsstreben bezieht sich also auf eine größere Zahl von Werten. Während Fixierung und Isolierung eine gegebene Situation verfestigen, erweitert die Akkumulation die Kastenbasis. Die ungezügelte Akkumulationstendenz entspringt einem sehr vitalen menschlichen Bedürfnis und trägt natürlich zur Kastenkonzentration bei. So hat zum Beispiel der Malermeister 2/319 den Wunsch, oben zu sein. Für dieses Obensein ist er fast jeden Preis zu zahlen bereit. Der Preis für die errungene Position war auch tatsächlich sehr hoch. Er arbeitete sein ganzes Leben hart und gönnt sich auch heute kaum etwas, sondern investiert seine Einnahmen immer wieder. So ist seine gesamte Haushaltsführung äußerst bescheiden und steht in keinem normalen Verhältnis zu seinem Einkommen. Gerade die Tatsache, daß dieser Mann das Geld in Häusern und Gründen anlegt, ist ein Beweis für seine Verabsolutierung der Kastenfrage. Aus seiner unterlegenen Situation heraus sieht er die Oberkasten mit verschiedenen Attributen ausgestattet, wie denen des Reichtums, des Besitzes, der Bildung, des Benehmens, des Aussehens usw., und will wenigstens eines dieser Attribute erreichen. Auch in diesem Fall wird das Attribut, das erreichbar scheint, zum wesentlichen erklärt; es ist bei der Versuchsperson der Besitz. Hier, wo der Besitz hypostasiert wurde — das spezifisch Bourgeoise —, dient dieser selbst dazu, die soziale Position aufzublähen. Bildung, Auftreten, Gewandtheit scheinen der Versuchsperson unerreichbar, und daher wird für sie der Besitz zum entscheidenden Merkmal des Obenseins. Nur so ist die für Außenstehende merkwürdig erscheinende Sucht nach immer neuem Besitz zu verstehen. Der Besitz ist ein Absolutum geworden,- er verhilft ihm dazu, aus der als inferior empfundenen Position herauszukommen und für sich etwas in Anspruch zu nehmen, das den oberkastigen Positionen eignet. Der Besitz wird so zum Instrument des Aufstiegwillens.

Aber diese Teilhaberschaft an der Oberkastigkeit genügt 2/319 nicht, um affektive Befriedigung zu erzielen. Die Identifizierung mit unten kann deshalb nicht völlig aufgehoben werden, sein Oberkastenbewußtsein dient nur zur Betäubung der wahren Einsicht und führt deswegen noch nicht zum Zugehörigkeitsgefühl zu den Oberen, weil für die reale Position des Oberkastigen nur ein oberkastiges Attribut nicht genügt. Trotz aller Bemühungen und des Einsatzes der ganzen Kraft wurde das angestrebte Ziel nur zum Teil erreicht, daher tritt ein Gefühl von Unerfülltheit und Vergeblichkeit (Frustration) ein, die die Aggression mobilisiert.

Man wird nicht fehlgehen, wenn man die ökonomische Expansion des Bürgertums im 19. Jahrhundert zum Teil aus einer Überkompensation des Minderwertigkeitsgefühls gegenüber der Aristokratie erklärt. Die ökonomische Akkumulation ist zur Zeit Karl Marx' Aufstiegsmittel einer Schicht gewesen, die den Adel in seiner Geltung unbedingt erreichen wollte — was ihr auch weitgehend gelungen ist. Unsere Versuchsperson 2/319 will nicht gerade dies (der Adel hat nicht mehr die Faszination wie früher), sie will ganz allgemein hinauf und eine obere Position erlangen, die jener anderer großer Bürger entspricht. Die nicht ökonomischen Positiva, von der Versuchsperson innerlich als die eigentlichen erkannt, sind ihr unerreichbar. Wir führen dies an, um zu zeigen, daß die von Karl Marx so sehr hervorgehobene ökonomische Akkumulation meist nur im Dienst einer höheren Akkumulation steht, deren Ziel es ist — soll sie sich voll entfalten —, die totale Überlegenheit innerhalb der Gesellschaft zu realisieren. Eine Pyramide soll entstehen, bei schrankenloser Akkumulationstendenz sollen oben alle positiven Kastenmomente vereinigt werden. Das Akkumulieren von sakralen Werten stellt einen besonderen Fall von Akkumulation dar.

Wenn sich David zum göttlichen Diakon macht, akkumuliert er genauso wie Karl der Große, als er sich vom Papst krönen ließ. Beide wollen gleichsam sakrosankt werden. Karl der Große wollte den Papst am liebsten seiner Autorität unterstellen. Diesem Vorhaben entzog sich der Papst. Umgekehrt wurde er später von einem Großteil seiner weltlichen Akkumulationen (z. B. Kirchenstaat) entlastet. In Rußland verlief die Entwicklung anders: man mußte, um zur Freiheit zu gelangen, eine derartige sakrosankte Macht wie das Zarentum abschaffen. Kirche und weltliche Autorität erlitten dabei allerdings das gleiche Schicksal.

Es ist richtig — Karl Marx zeigt dies ausführlich —, daß diese Akkumulationstendenz häufig getarnt auftritt. In Orwells Tierstaat (die revolutionäre Elite, die Schweine, bestimmt, daß Milch und Äpfel, entgegen den ursprünglichen Gesetzen des Tierstaates, für sie reserviert werden) zeigt sich dies in folgender Rede des Tierführers:

»,Kameraden' rief er. ,Ihr glaubt doch hoffentlich nicht, daß wir Schweine dies in einem Geist der Selbstsucht oder einer Bevorzugung tun? Viele unter uns können Milch und Äpfel gar nicht leiden. Ich selbst mache mir nicht das geringste daraus. Wenn wir diese Dinge nehmen, so geschieht es einzig und allein, um unsere Gesundheit zu schützen. Milch und Äpfel - das ist wissenschaftlich bewiesen, Kameraden — enthalten Substanzen, die für das Wohlbefinden eines Schweines unerläßlich notwendig sind. Wir Schweine sind Kopfarbeiter. Die ganze Führung und Organisation der Farm hängt von uns ab! Tag und Nacht wachen wir über eure Wohlfahrt. Um euretwillen geschieht es, wenn wir diese Milch trinken und diese Äpfel essen.'«

Eine Kastenakkumulation wird hier altruistisch getarnt. In der Sowjetunion werden heute Werte viel offener akkumuliert. Sie werden von der herrschenden Schicht (wie Djilas dies darstellt) (22) aber auch von einzelnen für sich persönlich gerafft. Man ersieht daraus, daß auch ein formal anderes Sozialsystem die psychologischen Modalitäten nicht entscheidend zu verändern vermag.

DIE TENDENZ ZUR TRADIERUNG VON KASTENSTRUKTUREN#

Mit den bisher aufgeführten Momenten hängt eng das Bedürfnis der Tradierung von Kastenpositiva zusammen. Durch die Tradierung entsteht erst die Kaste im Vollsinn, denn eine Gruppe wird erst zur Kaste, wenn sie sich aus sich selbst erneuert. In mehr oder weniger großem Umfang besteht immer eine Identifikation einerseits mit den eigenen Eltern, andererseits mit den eigenen Kindern. Die Identifikation mit den Großeltern und den Enkeln ist gewöhnlich geringer, mit den entfernteren Vor- und Nachfahren noch geringer. Eine Ausnahme machen, wie wir in anderem Zusammenhang schon bemerkten, in besonderer Weise akzentuierte Vorfahren, die durch Leistung und Glanz hervorstechen.

Die einzelne Person steht zwischen Eltern und Kindern. Sie kann gegenüber den Eltern in der sozialen Stellung absinken, aufsteigen oder das Niveau halten. Das gleiche kann auch mit den Kindern dieser Person geschehen. Die Situation ist natürlich noch viel komplizierter, denn man hat auch möglicherweise Geschwister, die auf- oder absteigen. Aber gerade die Differenzierung der Kinder in dieser Hinsicht führt noch zu speziellen affektiven Haltungen der Eltern gegenüber den Kindern. Umgekehrt drängen die Hoffnungen und Ängste, die die Eltern schon ihren kleinen Kindern gegenüber äußern, diese in bestimmte gesellschaftliche Bahnen. Betrachtet man die Generationsfolge einer Familie in ihrem vielfältigen Geflecht, dann erkennt man erst die komplizierten Verzweigungen der Problematik. Gerade hierzu muß man aber bedenken, daß auch der Ehepartner kastenbestimmende Momente besitzt. Dabei pflegt im patriarchalen System das Gewicht der ursprünglichen sozialen Stellung der Frau geringer zu sein als das des Mannes. Es darf jedoch auch nicht unterschätzt werden. An den verschiedenen Verzweigungen einer Familie kann man etwa feststellen, daß der eine Sohn eine bedeutende soziale Stellung errungen und auch eine Frau einer höheren Schicht geheiratet hat, der andere Sohn gegenüber dem Vater relativ absank, jedoch eine besonders reiche Frau heiratete usw. Die einen bleiben in der väterlichen Kaste, andere steigen auf, andere wieder sinken ab.

Außerdem ist zu beobachten, daß sich die gesellschaftlichen Rangwertungen stark modifizieren. Was vor 50 Jahren noch ein bedeutender Abstieg gewesen wäre, ist heute keiner mehr und umgekehrt. So bekommt unter Umständen die Ehe eines Sohnes ein ganz anderes Gesicht, wenn man sie etliche Jahrzehnte später ansieht. Die einfache Tendenz zur Tradierung will die Höhe halten; dabei wird mit einem bestimmten Wertmaßstab oder mit einer Kombination von Wertmaßstäben gemessen. Der Vater war Akademiker, daher soll auch der Sohn Akademiker werden. Der Sohn fühlt sich kläglich, wenn er das väterliche Niveau nicht hält. Der Sohn des Sohnes muß nun ebenfalls Akademiker werden, seine Tochter mindestens einen Akademiker heiraten. Die Schwiegertöchter sollen ebenso aus Akademikerfamilien stammen, sollen Matura haben oder selbst Akademikerinnen sein. Um die eigenen Kinder in das entsprechende Fahrwasser hineinzulotsen, werden für sie Kinder bestimmter anderer Familien zum Verkehr ausgesucht. Die Spielkameraden der Kinder müssen möglichst jener Schicht angehören, die man für die eigenen Kinder als Ziel bestimmte.

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Lückenlos durchgeführt, ergibt gerade das Durchhalten dieses Schemas die Kaste. Isolation, Fixierung, Tradierung wirken zusammen und bilden diese. Die Kinder werden entsprechend isoliert und haben »ebenbürtig« zu heiraten. Die Herkunftshierarchie verlangt also »ebenbürtige« Heirat, aus gleich »gutem« Haus, aus gleich wertvoller Familie. Sind Vater und Mutter aus verschieden wertvollem Geschlecht, wird die Herkunftswertung gestört. Man hat »unter sich« zu heiraten, so daß schließlich für Könige der Heiratsmarkt sehr beschränkt ist, da es nur wenige »Ebenbürtige« gibt. Diese sich verengende Isolierung der Hochwertigen wurde von den ägyptischen Pharaonen konsequent bis zur äußersten noch realisierbaren Möglichkeit getrieben, sie heirateten inzestuös nur Schwestern, so daß die Familie vollständig »unter sich« blieb.

Die Tradierung kann durch die staatlichen Institutionen erleichtert, aber auch erschwert werden. So bedeutet die Erbschaftssteuer ein entscheidendes Mittel, durch Variation ihrer Höhe Vermögenstradierungen zu erleichtern oder zu erschweren. Für die Tradierung von Kastenwerten ist natürlich das Schulsystem äußerst wichtig. Man darf nicht übersehen, daß etwa der Widerstand gegen eine finanzielle Gleichschaltung der konfessionellen Privatschulen durch die Sozialisten in Österreich nicht allein weltanschaulich bestimmt ist, vielmehr kommt hier auch ein kastenkämpferisches Moment zum Ausdruck. Die Klosterschulen in Österreich sind heute zum Teil eindeutig bourgeoise Kasten-Schulen. Früher gab es eindeutig Adelsschulen, zum Beispiel Kalksburg bei Wien (SJ). Jedoch macht sich ein klarer Wandel bemerkbar, die Schranken werden abgebaut.

In Rußland gab es unter Stalin einen gegenläufigen Prozeß. Bis 1932 mußten an den Hochschulen und höheren Fachschulen 65% der Studenten der Arbeitsklasse angehören. Diese Forderung nach einem »Arbeiterkern« wurde 1932 abgeschafft. So wurde eine weitere wichtige Voraussetzung für die Stabilisierung und Isolierung der neuen Intelligenz als Kaste geschaffen. 1940 wurde der 1936 verfassungsmäßig verbürgte kostenlose Unterricht in den drei oberen Klassen der mittleren Schule, die der Oberschule (Höheren Schule) entsprechen, in den Hochschulen und in den höheren Fachschulen abgeschafft und die Zuteilung von Stipendien an verschärfte Bedingungen geknüpft. Damit wurde die Ungleichheit auf dem Gebiet der Bildung, wie vor 1932, wieder zum Prinzip erhoben, diesmal jedoch nicht zugunsten der Arbeiterkinder, sondern beamteter Funktionäre. Wie sehr hier Verkastungstendenzen am Werke sind, geht aus der Tatsache hervor, daß für die Söhne von Offizieren während des zweiten Weltkrieges besondere Suworow- und Nachimow-Kadettenanstalten begründet wurden (23).

Nun zeigen aber Maßnahmen Chruschtschows aus der letzten Zeit wieder einen gegenteiligen Trend, so etwa die Tendenz, Studenten höherer Schulen zugleich eine Ausbildung als Facharbeiter zukommen zu lassen. Hier wird wohl, ähnlich wie durch den NS-Arbeitsdienst, bezweckt, Gruppendistanzen zu verringern. Die neue Schulreform der Sowjets ist also antikastenhaft. Diese Maßnahmen Chruschtschows, die im Westen sicherlich eine Reihe von vereinzelten Vorgängern haben, jedoch nirgendwo auf so breiter Basis verwirklicht wurden, sind auch für den Westen durchaus überlegenswert.

Eine besondere Frage im Rahmen des Traditionsproblems ist, wie schon ausgeführt, die Heirat. Der Wandel, der hier zum Beispiel im Adel eintrat, läßt sich nicht nur auf eine größere Elastizität im Tradierungsprinzip, sondern vor allem auf eine Relativierung der Adelsposition zurückführen. Nachdem nicht mehr die gleiche Wertigkeit besteht, ist heute eventuell schon eine Frau ebenbürtig, die nicht adelig ist, dafür andere Vorzüge (Reichtum, Berühmtheit) aufweist. Das Tradierungsschema wird hiervon nicht wesentlich berührt. Im indischen Kastenschema wurde auf Grund des Dranges zur Identifikation mit den eigenen Kindern eine Fixierung der traditionellen Stellung vorgenommen («Brahmane bleibt Brahma- ne«)(24). Der europäische Adel war demgegenüber immer elastischer. Es gab eine Heraufnahme von unten — die Adelung —, wobei die gewonnene Stellung fixiert wurde, ein Absinken, ein Entadeln allerdings nur in seltenen Fällen.

Im bürgerlichen Leistungsschema ist die Tradierung wesentlich schwieriger. So muß der eventuell vorhandene väterliche Titel von jeder Generation neu erworben werden. Um die gesellschaftliche Stellung der nächsten Generation zu sichern, sind oft umfangreiche Maßnahmen nötig. Wir erkennen auch, daß das Halten der Vermögensbasis ein starkes Problem darstellt. Das galt natürlich ebenso schon für die mittelalterlichen Feudalherren. Da das Gesamtprodukt der Güter nicht im gleichen Maß zunahm wie die Verzweigung der Familie, wäre durch die Verteilung der vorhandenen Güter auf eine Reihe von Kindern eine Verringerung der Vermögensbasis entstanden. Deshalb wurde der Zölibat für Kleriker vielfach von Feudalherren mit mehreren Kindern begrüßt. Einige Kinder traten in ein Kloster, vor allem als Äbte; auf diese Weise vermochte man den wirklich erbenden Kindern die Vermögensbasis zu halten. Auch hier lagen durch die Erbansprüche von Klöstern natürlich die konkreten Verhältnisse oftmals komplizierter.

Das bürgerliche Zwei-Kindersystem hält die Vermögensbasis dann, wenn die Kinder in der gleichen Vermögenskaste heiraten, da ein Halb und ein Halb ein Ganzes gibt. Das Ein-Kindsystem entspricht der Aufstiegsideologie. Heiratet das eine Kind in der gleichen Vermögensschicht, verdoppelt sich die Vermögensbasis der Kinder. Allerdings geht die Rechnung durch die Vervielfältigung der meist zu erhaltenden Elternteile nicht auf, das wird jedoch nicht bedacht. Das Ein-Kindsystem ist unter anderem Ausdruck dafür, daß man den eigenen Kindern nicht zutraut, eine analoge Leistung wie die eigene Generation zu setzen. Man will dem Kind den Aufstieg leicht machen. Die Tradierungstendenz, verknüpft mit Fixierungs- und Isolationstendenzen, bezieht sich also auf das Halten der gesellschaftlichen Positionen der Eltern, die Wahl der Ehepartner und die der Gesellschaft der Kinder, deren gesellschaftliche Position und spätere Ehepartner.

Wie schwer es ist, dieses aufzugeben, zeigt ein sowjetischer Roman, der einmal, dramatisiert, im Sender Wien gesendet wurde (zur Zeit der alliierten Besatzung, innerhalb der »Russischen Stunde«): Ein »Held der Sowjetunion« (»Held« — feudale Rittervorstellung + archetypisches Heldenschema), ein Bauernsohn, also: elektrifiziert das väterliche Dorf, in dem es bis dahin kein elektrisches Licht gab. Er ist verlobt mit einer Kuhmagd: Seine Eltern opponieren gegen diese Verbindung. Sie selbst ist von Minderwertigkeitsgefühlen betroffen. Sie studiert - um ihn zu überraschen - Volt, Ohm und Ampere, indem sie sich heimlich mit seinem Freund trifft. Diese heimlichen Stelldichein werden ruchbar. Die Eltern erklären: »Siehst du, eine Kuhmagd, und heimliche Stelldichein auch noch!« (Die schmutzige, dumme Kuhmagd ist auch noch unmoralisch). Das ist ihm zu viel. Er stellt sie, und sie zeigt verschämt, um ihren Aufstiegswillen zu dokumentieren, ein Hefthien mit Gleichungen vor. Er ist gerührt. Zuletzt ist sie schon fähig, beim erstmaligen Einschalten der Dynamos den Hebel umzulegen. Sie heiraten, im Dorf brennt das elektrische Licht. Heldenhaft brachte er Licht in die Finsternis.

Diesem Schema entspräche in der Feudalwelt ein Roman mit dem Inhalt: Graf liebt Tochter des Gärtners, seine Familie ist gegen die Ehe, König lernt das Mädchen kennen, ist fasziniert, adelt sie, Graf kann sie heiraten. — Wir finden dieses Schema etwa in dem parodistischen französischen Film »Fanfan der Husar«. — Eine andere Variante wäre: Man erfährt plötzlich, daß die Gärtnerstochter in Wirklichkeit eine Aristokratin ist.

Auf Vermögenswerte bezogen — bourgeois —, würde die Story lauten: Reicher Sohn lernt armes Mädchen kennen, liebt es, seine Eltern sind dagegen, es erbt plötzlich von einem bisher unbekannten Onkel ein großes Vermögen. Alles geht in Ordnung. Man könnte das Grundthema beliebig abwandeln. In all diesen Fällen besteht ein Kastenkonflikt, der durch den Aufstieg der »minderwertigen« Frau aus der Welt geschafft wird. Von unten her wird es nicht selten abgelehnt, eine Frau, die oberkastig ist, zu heiraten. 2/113:

»Ausschließen würde ich auf alle Fälle eine reiche Frau; ich hätte das Gefühl, sie könnte mir einmal vorwerfen, ich hätte sie wegen des Geldes geheiratet, und ich möchte von vornherein das ganz ausschließen. Ich würde am liebsten eine Frau aus meinem Kreis haben. Aus einem... ich meine, ich würde eine bescheidene, einfache Frau schätzen.«

Die Tendenz, eine Frau aus der gleichen Schicht zu heiraten, ist meist sehr stark. 2/520 erklärt etwa: »Ich habe eine Frau genommen, die studiert hat... Wäre nur aus Intelligenzkreisen in Frage gekommen. Sollte nicht aus minderwertigem Milieu sein... Ich hätte auf keinen Fall eine Frau geheiratet, die eine besondere materielle Einstellung hat, und die besonders reich ist und sich auf diesen Reichtum stützt. Ich hätte auch wahrscheinlich nicht eine Frau aus Arbeiterkreisen, deren Eltern Arbeiter sind, geheiratet, denn das war zu der Zeit, wo ich. geheiratet habe, ungebräuchlich.«

Der Graf 2/517 meint:

»Die Frau wünschte ich aus meiner Bevölkerungsgruppe, das heißt, eine Frau, die entweder Adelige oder aus einer älteren Gesellschaftsschicht, meiner am ähnlichsten, das ist heute nur die Großindustrie, aber nicht einmal das. Am liebsten wäre mir natürlich eine Aristokratin, eine Adelige. Oder eine Frau aus dem Ausland. Ich bin mit einer Ausländerin verlobt. Ich liebe es, mit den Ausländern in Kontakt zu sein, aus wirtschaftlichen, politischen Gründen und solchen des Meinungsaustausches. Habe mich eigentlich immer auch gern mit dem Gedanken getragen, eine Ausländerin zu heiraten. Die sollte auch aus der Hautevolee, aus dem besten Kreis... Dürfte auf keinen Fall aus einer Gruppe der Kleinbürger und Geschäftsleute sein und aus dem Arbeiterstand. Aus zwei Gründen: 1. die Erziehung, die mir durch die vielhundertjährige Tradition gegeben wurde und die sich wegen der traditionellen Erziehung von den andern Gruppen unterscheidet. Und ein Zusammenleben mit Leuten aus dieser Gruppe leichter macht. 2. Man heiratet die Familie mit, und das würde mich abhalten, ein Mädel aus diesen Kreisen zu heiraten.«

Die Vorstellung über die Partnerwahl bewegt sich bei ihm also über die engen Grenzen der eigenen Kaste bzw. der ihr ähnlichsten nicht hinaus. Hauptsache ist dabei angeblich Tradition. Eine merkwürdige Ausnahme bilden Ausländerinnen, sie kommen im gleichen Ausmaß wie die Aristokratinnen in Frage. Zwar wird — auf eine direkte Frage hin — auf denselben Kreis eingeschränkt, der auch für das Inland gültig ist. Doch hieß es ursprünglich: Am liebsten wäre mir eine Aristokratin oder Ausländerin. Auch stammt die bereits Erwählte tatsächlich »nur aus gutbürgerlichem« italienischem Haus, was die Versuchsperson verschweigt.

Die »Ausländerinnen« stehen offenbar außerhalb der inneren Kastenordnung, sind auch etwas »Außergewöhnliches«. Schließlich hat man ihre Familie nicht in der Nähe und kann um der Liebe willen schon auch Prinzipien modifizieren. Das »Außergewöhnliche« ersetzt die echte »Ebenbürtigkeit«.

Daß die Frau gesellschaftlich etwas unter dem Mann stehen kann, hängt mit der immer noch bestehenden patriarchalischen Vorrangigkeit des Mannes zusammen, nach der es sogar wünschenswert ist, wenn der Mann Überlegenheit besitzt. Mit der Abnahme der patriarchalischen Autorität heute sind die Eltern eher bereit als früher, den Kindern eine größere Freiheit in Hinsicht auf die Partnerwahl einzuräumen. 2/113 sagt:#

»Ich würde sie beraten, ihnen helfen wollen, sie beraten über Charakterschwächen etc.... aber ich könnte mir nicht denken, daß ich sie irgendwie zwingen würde. (Zum Beispiel Sohn eine Fabrikarbeiterin?) Ich würde ihn aufmerksam machen auf die Folgen. Ich würde ihn bitten, sich das gut zu überlegen und nie sich von der Leidenschaft und ersten Liebe blenden lassen. Zuwarten und genau prüfen, ob das wirklich die Frau ist, die er wirklich ein ganzes Leben lang neben sich haben will.«

Zu einem guten Teil wird aber noch bestimmt, in welchen Kreisen gespielt und verkehrt werden darf.

DAS EINDRINGEN IN DIE KASTE#

In Europa gab es immer wieder die Möglichkeit, in eine Kaste einzudringen. Man erhält gleichsam einen neuen Status, indem man in die Kaste hereingenommen wird. Zwar ist auch dieses Hereinnehmen manchmal von relativer Bedeutung, denn oft gewinnt der Aufgenommene nicht die volle Wertung. So gibt es innerhalb des Adels die alten Geschlechter und die jüngeren, die nicht im gleichen Maß anerkannt werden. Die Hereinnahme in eine Kaste setzt gewöhnlich eine besondere Leistung voraus. Der Betreffende muß zeigen, daß er »würdig« ist, aufgenommen zu werden.

Das Kind eines Mannes mit Kastenposition gelangt entweder automatisch oder mit geringerer Leistung in die Kaste oder hat zumindest eine bessere Ausgangsbasis (Kinder von Akademikern haben es leichter, auch welche zu werden). In anderen Fällen aber ist eine Leistung nötig, um in eine Kaste Aufnahme zu finden.

Der Ritterschlag, als Anerkennung besonderer Tapferkeit, bedeutete die Aufnahme in die Adels-Kriegerkaste. Das »Ritter-Kreuz« als Orden in der NS-Wehrmacht stellte eine »verdünnte« Adelung dar. Nach dem gewonnenen Krieg sollten die Ritterkreuzträger auch Rittergüter erhalten.

Im akademischen Raum ist auf jeden Fall die Erreichung des Doktortitels von der Ablegung der sogenannten Rigorosen abhängig. Das Wort kommt von rigeo bzw. rigor. Das bedeutet: fest, starr, Steifsein, starren, Steifheit, Starrheit und Erstarrung, auch Kälte und Härte, Strenge, Unbeugsamkeit, die strengen Prüfungen. Die »Matura« ist eine »Reifeprüfung«. In diesen Prüfungen wird der Prüfling unter konzentrierten »Druck gesetzt«. Er hat diesen Druck auszuhalten, die »Prüfung« zu »bestehen«, also trotz des Druckes stehen zu bleiben, sonst »fällt er durch«. Bekanntlich wird der Mensch auch durch »Schicksalsschläge« geprüft. Bewußt haben die Prüfungen wohl nur den Sinn, das Können eines Menschen erkennen zu lassen. Daneben ist es aber eine Frage des Durchhaltens und des Aushaltens seelischen Drucks.

In verschiedenen Dörfern haben die Ministranten einen Brauch, der eine Primitivausgabe der Rigorosen darstellt. Ein Junge, der Ministrant werden will, wird nicht nur vom Pfarrer oder Kaplan geprüft, ob er die lateinischen Texte kann, sondern er erhält auch von den anderen Ministranten mit dem Ende des Glockenstrangs eine Tracht Prügel. Wenn er diese ohne zu wimmern durchsteht, ist er »würdig«, Ministrant zu sein. Richard Wagner läßt Wotan um die schlafende, für einen speziellen Helden reservierte und jung erhaltene Brünhilde einen Feuerwall ziehen, wobei der Wall ein Gott — Loge — selbst ist. Und Wotan erklärt dazu, daß der, welcher seines »Speeres Spitze fürchtet«, dieses Feuer nie durchschreiten dürfe. Der junge Siegfried, der dem alten Wotan den Speer zerschlägt, kann dann an den Schatz — Brünhilde — heran. Die Durchschreitung eines Feuerwalls, die »Aufnahmeprüfung«, finden wir ebenso bei amerikanischen Gangstern wie bei den verschiedensten Bünden. So muß bei qualifizierten Gangsterbanden der Neueintretende einmal einen Mord hinter sich bringen.

Im Blick auf die Kastenaufnahme könnte man verschiedene Riten untersuchen, so etwa das Habilitationsverfahren, die Aufnahme in religiöse Gruppen usw. Auch die Aufnahme in eine untere Kaste ist nicht leicht, wenn man von einer oberen Kaste kommt, denn es besteht großes Mißtrauen gegenüber oben. Einer, der bereit ist, in die untere Kaste einzutreten, muß sich sehr anstrengen und große Widerstände überwinden.

Vgl. hierzu etwa die Riten der Freimaurer oder der Farbstudenten

Für eine Frau besteht zusätzlich die Möglichkeit, durch die Ehe in eine qualifiziertere Kaste einzudringen. Wenn sie einen Mann der Oberkaste »erobert«, gelangt sie selbst in die oberkastige Position, doch häufig nur defizient. Sie wird oftmals, vor allem von den Frauen der Kaste, in die sie eindrang, »geschnitten«. Diese sehen es als ein Ärgernis an, daß es »einer solchen Person« gelang, sich mit einem Mann ihrer Kaste zu verbinden. Sie betrachten es gewissermaßen als ihr ausschließliches Recht, die Männer ihrer Kaste zu heiraten. Nur wenn der Mann, der eine unterkastige Frau heiratet, eine sehr starke Position innerhalb seiner Kaste innehat, vermag er die Anerkennung seiner Frau gegen die andern durchzusetzen. Natürlich gibt es auch von männlicher Seite der Kaste Widerstände gegen nicht »standesgemäße« Frauen. Wir wollen hier an einen Vorfall beim neuen deutschen Heer erinnern. Ein Offizier sollte von seinen Vorgesetzten nicht die Erlaubnis erhalten, eine Metzgerstochter zu heiraten, weil diese nicht »standesgemäß« wäre. Aber da der deutsche Verteidigungsminister selbst Metzgerssohn ist, war dieser Standpunkt nicht durchzuhalten.

DER AUSBRUCH AUS DER KASTE#

Der Kastengeist bedeutet naturgemäß eine Einengung der Persönlichkeit, denn er verengt den Heiratsmarkt für die Angehörigen der Kaste, schreibt viele Verhaltensnormen (Etikette)vor die starken Geistern oft zuwider sind. So ist es verständlich, daß Menschen aus der Kaste auszubrechen trachten. Solche Personen vermögen, wenn es sich um ursprünglich Oberkastige handelt, außerordentlich populär zu werden. So wurde in Österreich, besonders jedoch in der Steiermark, der habsburgische Erzherzog Johann in geradezu unwahrscheinlicher Weise populär, ja zu einer mythologisch-legendären Figur. Der Grund dafür ist sicherlich seine Heirat mit einer Bürgerlichen. Er sprang aus der Kaste an einem zentralen Punkt aus und stieß zum Volk durch. Da dies nur gegen den Kastenkodex der Familie geschehen konnte, war sein Ausbrechen eine revolutionäre Heldentat erster Ordnung. Die bei ihm außerdem noch bestehenden kastenfeindlichen Momente wollen wir hier nicht berühren. Der Aufstand gegen das Gesetz der eigenen Kaste erweckt in kastenbewußten Mitgliedern starke Aggressionen und kann mit dem gesellschaftlichen Ausschluß »bestraft« werden. Mit einem solch »räudigen Schaf« will ein »anständiges« Kastenmitglied nichts zu tun haben. Er hat sich unwürdig gezeigt, gegen den Kastenkodex, der als moralisches Gesetz aufgefaßt wird, zutiefst verstoßen. Dafür muß er bestraft werden.

In einem bestimmten Fall versuchten Eltern ihre Tochter als geisteskrank erklären zu lassen, weil diese einen anständigen, begabten, jedoch im Vergleich mit ihnen armen Mann heiraten wollte. Hier wurde also der reale Versuch gemacht, eine Person um ihres Kastenausbruchs willen als geisteskrank zu erklären. Das normale Verhalten wäre demnach so eindeutig das kastenhafte, daß an eine Infragestellung des Prinzips nicht zu denken ist. Wie man sieht, kann der Ausbruch aus der Kaste nicht nur als Vergehen, sondern als Verrücktheit angesehen werden. Verbrecher oder Irrer — eine schwere Wahl. Die Bestrafung durch gesellschaftliche Ächtung kann natürlich eine sehr schwere seelische Belastung bedeuten, an der Ehen, die zwischen Vertretern verschiedener Kasten geschlossen werden, zerbrechen. Aber dieses Zerbrechen hat seine Ursache in eben dieser Ächtung.