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NATIONALISMUS - ANTISEMITISMUS - NATIONALSOZIALISMUS#

»Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt...«
Hoffmann v. Fallersleben

Knüpft der Rassismus an einen biologischen Sachverhalt an, so der Nationalismus an einen immerhin kulturellen. Häufig ist die Sprache das zentrale Unterscheidungsmerkmal, und die Hereinnahme eines Menschen in die Nation geschieht damit, daß er die Sprache annimmt. Der Kampf gegen die »Verunreinigung« der Sprache durch Fremdworte ist typisch nationalistisch. Die »Muttersprache« muß »rein erhalten« werden (im Deutschen etwa von »welschem Tand« R. Wagner). Im übrigen kann es bei unterschiedlicher Sprache viele Gemeinsamkeiten der Völker geben, wie die gemeinsame Geschichte. Wer letztere Gemeinsamkeiten höher wertet als die Sprache, wird den Begriff der Nation oder des Volkes anders fassen. Dann kann er vom »Schweizervolk« sprechen und die sogenannten »welschen« Schweizer mitumfassen, sich jedoch von Deutschland distanzieren.

Nach dem nationalistischen Schema soll nicht die Rasse, sondern die »grand nation« »über alles in der Welt« gelten, »Gottes eigenes Land« bevölkern und somit über allen anderen stehen. De facto konstituiert jeder Nationalismus einen Gemeinschaftsaffekt, der das jeweilige Volk umgreift und innerhalb des Volkes Arme und Reiche, Gescheite und Dumme usw. zusammenschließt.

Jeder Nationalist ist stolz auf die Dichter, Erfinder, Maler usw. seines Volkes, so, als ob er an der Leistung dieser Menschen selbst einen Anteil hätte. So waren die Nationalsozialisten stolz auf Goethe und Schiller (die sich ja dagegen nicht wehren konnten). Wie auf jeden Monarchisten durch Identifikation etwas vom Glanz des Monarchen fällt, so auf den Nationalisten etwas vom Glanz derer, die in seinem Volk etwas leisten. Wenn die jeweilige Nation zum Sakralwert wird, steigt sie auf zum summum bonum, zum Absoluten, und dann muß man nach einem Weg suchen, der es ermöglicht, alles Positive vom eigenen Volk abzuleiten. Das eigene Volk gilt als das auserwählte und scheint durch Welten von den übrigen Völkern getrennt. Das Interessante ist, daß allen Nationalisten, den jüdischen, russischen, deutschen, italienischen, japanischen usw., obwohl sie das eigene Volk für ungemein einmalig, für originell halten, nur immer wieder dasselbe einfällt. Ein tschechischer Nationalist hat sogar aus Erschütterung über das Fehlen eines wirklichen tschechischen Volksepos ein eigenes Epos gefälscht und als Nationalepos ausgegeben, um zu beweisen, wie großartig das eigene Volk schon immer war (allerdings hat den Schwindel ein anderer Tscheche - Masaryk - aufgedeckt). Das eigene Volk erhält also einen Sakralwert, dabei gilt meist die Sprache als Verbindungsglied, obwohl nicht einmal diese wirklich verläßlich verbindet. So spricht man in den USA, Kanada sowie in England englisch, in Frankreich, Belgien und in der französischen Schweiz französisch und schließlich in Deutschland, Österreich und der deutschen Schweiz deutsch.

Es gibt kaum einen vernünftigen Grund, warum die Angehörigen einer Sprachgruppe etwas Besonderes sein sollen. Dabei soll nicht geleugnet werden, daß die Sprache ein psychisch formendes Element darstellt. Immerhin ist der reine Nationalismus nicht im gleichen Maß kastenbildend wie der Rassismus. Es gab sogenannte Germanisierungen, Romanisierungen, Madjarisierungen durch eine Hereinnahme von Menschen »anderer Zunge«. Der Nationalismus, ohne rassistische Elemente, ist nicht im gleichen Maß kastenbildend, obwohl er, in seinem Drang nach sprachlicher »Reinheit« auch kastenhafte Momente enthält. Natürlich wird auch der Versuch gemacht, andere Nationen für infantil zu erklären. Wenn es z. B. in englischen Kolonien eigene Toiletten für die Kolonialherren und die sogenannten, wenn auch teilweise sehr vornehmen Eingeborenen gibt, dann handelt es sich wohl nicht nur um einen Nationalismus, sondern auch um einen Rassismus. Die Übergänge vom Nationalismus zum Rassismus sind jedenfalls fließend. Die Unterscheidung, welcher Faktor hier im einzelnen überwiegt, ist oft sehr schwer, meist findet sich beides kombiniert. National- oder Rassenkaste kann jedoch wenigstens psychologisch angezielt werden.

Der Nationalismus hat auch interessante Beziehungen zum Antisemitismus.

KASTE UND ANTISEMITISMUS#

»Ans Herz des Lebens schlich der Marder Juda . .. Zwei Jahrtausende tilgt er das heiße, pochende, schäumende, träumende Mutterherz ... Morde den Vater, als daß er dein Kind, deine Seele frißt...
Alfred Schüler

Der Antisemitismus hat verschiedene Seiten, religiöse, nationalistische und rassistische. Sie wirken jedoch alle in der gleichen Richtung.

Zunächst wollen wir die wichtigste Seite, die religiöse behandeln. Dabei lagert die Spannung zwischen Juden, und Christen. Sie ist völlig anders als etwa die zwischen Christen und Buddhisten, denn während das Christentum aus dem Judentum hervorging, handelt es sich bei Buddhismus und Christentum um zwei originäre Religionen, die sich viel affektfreier gegenüberstehen.

Das Hervorgehen des Christentums aus dem Judentum schafft zwischen beiden eine Vater-Sohn-Relation und die entsprechenden Affektkonstellationen. Im Judentum existiert gegenüber dem Christentum ein Sohnkomplex, im Christentum ein Vaterkomplex gegenüber dem Judentum. Wenn man es etwas euphemistisch ausdrückt, könnte man sagen, die Juden verhalten sich zum Christentum so wie ein Vater, der sein bestes Kind nicht als legitim anerkennen will. Insofern gibt es eine tiefe anti-christliche Aggression im Judentum. Sigmund Freud hatte zum Beispiel diese tiefe Aggression gegen Rom und den Katholizismus. Das zeigte sich etwa daran, daß ihm zu einem eigenen Traum »vom toten Papst«, den er in seiner Traumdeutung analysierte, nichts einfiel ein ausgesprochenes Widerstandssymptom.

»Rom« ist bei den Juden auch noch historisch-nationalistisch aggressiv besetzt, infolge der Zerstörung des Tempels in Jerusalem und des verlorenen Freiheitskampfes (143). Der nicht verarbeitete Christustod und das nicht verarbeitete »Rom« ergeben eine Aggression, der sich besonders ein stagnierendes Christentum nicht zu erwehren wußte und das daher das Judentum als »zersetzend« und sadistisch aggressiv empfand. »Am Judengott fraß Judenhaß« (Nietzsche)(144).

Umgekehrt hat das Christentum dem Judentum gegenüber antiväterliche Aggressionen, weil ihm das Judentum die Anerkennung verweigert. So wurde der jüdische Ursprung des Christentums möglichst bagatellisiert, dabei haben sich viele Juden dieser Bagatellisierung angeschlossen. Schließlich wird der Tod Christi den Juden in einer Weise zur Last gelegt, als ob die Christen in der analogen Situation nicht wahrscheinlich das gleiche getan hätten, und weiter, als ob die Schuld anderer nicht primär diese selbst anginge. Die Abschnürung zwischen Judentum und Christentum hatte zeitweise durchaus kastenhaften Charakter.

Die Sadismen hin und her gehen dabei auch wieder um die Frau. Wenn Alfred Schuler (145) in dem als Motto zitierten Gedicht die Juden als einen »Marder« hinstellt, der sich an das »heiße, pochende, schäumende, träumende Mutterherz« heranschleicht, und wenn er daran die Forderung knüpft, den »Vater« zu morden, so investiert er seinen Ödipalaffekt in die Judcn-Christen-Relation. In der christlichen Welt ist der Jude, infolge seiner Minoritätsposition, oberflächlich gesehen, unterlegen. Die ödipale Relation lagert sich dann folgendermaßen:

Bild 'Jude'

Diese natürlich relativ oberflächliche Behandlung der Frage soll in einer künftigen Arbeit entsprechend ergänzt werden. Was nun die Rassenideologie betrifft, so wurden einmal die Nichtjuden, später die Juden als minderwertige Rasse hingestellt. Die Affektivität lagert sich nach dem Rassenschema.

Für den Nationalisten sind die Juden wiederum »volksfremde«. Elemente, die einen gewissen übernationalen Charakter haben. da sie verstreut leben. Wenn der Jude nicht bereit ist, sich völlig zu assimilieren, gerät er in die nationalistische Affektivität. Zuletzt hat der Jude auf Grund seiner Archetypik, nämlich befreiter Sklave aus Ägypten zu sein, die Neigung zur Identifikation nach unten und ist dementsprechend weit eher antikonservativ und, wenn man vom Christen absieht, sohn-identifizierend.

Das Christentum befand sich aber seit Konstantin auf der jeweils konservativen Seite, auch aus diesem Grund mußte es in Konflikt mit dem Judentum kommen. So wirkte das Judentum auch aus eigenem Interesse zersetzend hinsichtlich verschiedener konservativer »heiliger« Einrichtungen, und erweckte alle Sohnkomplexe. Schließlich war in der Feudalgesellschaft neben dem Geschäftssinn die Intellektualität das einzig mögliche Aufstiegsmittel, und daher ist es verständlich, daß das Judentum geradezu unwahrscheinlich intellektualisierte un auch hier alle Konkurrenzaffekte herausforderte (146). Hiermit sind die verschiedensten Seiten des Problems angedeutet, und man kann verstehen, warum alle spätfeudalen und sekundärfeudalen Elemente zum Antisemitismus neigen. Das Investment aller sadistischen Momente in die antisemitische Problematik macht schließlich die Exzesse erklärlich. Beim Nationalsozialismus kommt jedoch noch eine spezielle historische Situation hinzu.

KASTE UND NATIONALSOZIALISMUS#

"Würde nicht die körperliche Schönheit heute vollkommen in den Hintergrund gedrängt durch unser laffiges Modewesen, wäre die Verführung von hundert-tausenden von Mädchen durch krummbeinige, widerwärtige Judenbankerte gar nicht möglich.«

»Der schwarzhaarige Judenjüngling lauert stundenlang, satanische Freude in seinem Gesicht, auf das ahnungslose Mädchen, das er mit seinem Blute schändet und damit seinem, des Mädchens, Volke raubt.«
( Adolf Hitler, 147, 148)

Bild 'Starhemberg'
Der Nationalsozialismus zeigt das Typische aller Kastenbildungen: daß nämlich innerhalb der Kaste Gemeinschaft gepflegt, gegenüber jenen, die nicht zur Kaste gehören, aber eine Trennungswand aufgerichtet wird.

Besehen wir uns das bild links nochmals und beziehen auch das Bild Hitlers in die Betrachtung ein. Berücksichtigt man außerdem seine sonstigen Äußerungen, dann erkennt man deutlich den Sekundärfeudalen: er ist nicht nur Aristokrat, weil er nordischen Blutes ist, weil er Deutscher ist, er ist sogar der Gründer eines »Neuadels aus Blut und Boden«.

Gegenüber Starhemberg ist Hitler provinzieller, gewöhnlicher. Die Uniformstiefel und die befehlende Haltung demonstrieren zwar seine Feudalität, Hitler wirkte und war jedoch unbedingter, hemmungsloser als der spätfeudale Starhemberg. Er hat Spätfeudale in seinen Bann gezogen - man denke an die zahlreichen aristokratischen Nationalsozialisten -, aber Ideen vertreten, die den Spätfeudalen zu viel gewesen wären. Wenn Lanz von Liebenfels ohne weiteres das Recht der ersten Nacht verteidigte, so zeugt dies von der viel größeren Hemmungslosigkeit der Sekundärfeudalen im Gegensatz zu den Spätfeudalen. Diese Haltung wird gerade durch die Sekundärhaftigkeit verständlich, denn die Unsicherheit der Rolle, die Auflagerung des Feudalen auf eine nichtfeudale Unterlage, verstärkt die Verdrängung des Unterlagernden und damit die Aggression gegen alles Nichtfeudale in der Außenwelt. Deshalb war Hitler den Feudalen überlegen und zeigte mehr Durchschlagskraft als diese.

Neben dem wichtigsten Charakteristikum des Sekundärfeudalismus, der primären Bewertung der Menschen nach ihrer Herkunft, sollte man nicht verschiedene weitere Gemeinsamkeiten mit dem Feudalismus übersehen. Der Stiefel ist funktionell bei Reitern am Platz. Die Feudalen wurden nach der technischen Überholung des Rittertums Offiziere, die gerne ritten, dabei war der Stiefel eine sehr sinnvolle Fußbekleidung. Auch die Infanterieoffiziere waren im ersten Weltkrieg noch durchwegs beritten. Das war aber schon zu einer Zeit, als in den Offiziersberuf bereits Bürgerliche und Intellektuelle einströmten. Die Offiziere behielten jedoch ihren feudalen Charakter weitgehend bei. Sie wurden mit ihrer bis zur äußersten Grenze gehenden Befehlsgewalt Sekundärfeudale. Das Führungsteam des Nationalsozialismus rekrutierte sich zu einem nicht geringen Teil aus aktiven Offizieren, die nach dem ersten Weltkrieg mit sich selbst nichts Rechtes anzufangen wußten (Röhm, Göring u. a.). In Deutschland ist der feudalistische Trend überhaupt recht stark. Die sogenannten »Knobelbecher« waren die Stiefel des einfachen Soldaten - ein verkümmerter Nachfahr der Reitstiefel. Aber schon dieser genügte, um eine Stützung des Selbstbewußtseins zu bewirken. Denn wenn im ersten Weltkrieg die österreichischen Soldaten von den Deutschen »Kamerad Schnürschuh« genannt wurden, so galt der Stiefel offenbar als eine Auszeichnung. Die Vorliebe des Nationalsozialismus für funktionswidrige und unnötige Stiefel erklärt sich also auch aus seinem sekundärfeudalen Charakter. Der Schutz der Schienbeine vor den Tritten bei Saalschlachten motiviert nicht ausreichend diese Bekleidung der SA und SS.

Weiterhin ist die Militarisierung der Gesamtgesellschaft sekundärfeudal. Jeder war Soldat. Arbeiter und Angestellte arbeiteten nicht, sondern »kämpften an der Heimatfront«. Sogar die Mütter wurden zu »Soldatinnen des Gebärbettes« (149). Daneben gab es das Ideal des Junkers, und das deutsche Volk sollte, wie schon Lanz von Liebenfcls wollte, »aufs Land«. Ritterkreuzträger und SS-Leute sollten im Osten Rittergüter erhalten; dabei spielten sicherlich auch Vorstellungen des deutschen Ritterordens eine entscheidende Rolle.

Schließlich möge man sich vorstellen, was geschehen wäre, hätte Deutschland den Krieg gewonnen. Zur Niederhaltung der »minderrassigen« Ostbevölkerung hätte das ganze deutsche Volk die Uniform anbehalten müssen, um in der Form eines neuen Schwertadels die Minderrassigen zu überschichten.

Die sekundärfeudale Tendenz Hitlers ist wohl unbestreitbar. Von der Vorliebe Görings für das edle »Waidwerk« wollen wir dabei gar nicht näher reden. Neben dem Rassismus Hitlers, der ihm als Verankerung seiner Vaterwünsche diente, war der Deutschnationalismus, der ja von einem bestimmten Punkt an dem Rassismus widerstreitet (wenn die Rasse das Entscheidende wäre, stünde etwa den Angelsachsen und nicht den Deutschen die Führung der »nordisch bestimmten« Völker zu), ein Moment, das Hitler in die ödipale Infantilposition gegenüber den Juden hineintrieb. Denn dem jüdischen Nationalismus-Rassismus mit dem mißverstandenen Auserwähltheitsmythos, der Ekelschranke nach außen, der jüdischen Verkastung also, gebührt gegenüber allen andern analogen Ideologien gewiß die Priorität. Die monotonen Behauptungen aller Nationalisten, die sich zugleich außerordentlich originell vorkommen, daß nämlich ihr Volk den wesentlichen Teil der Kultur stiftete und zu allem nur Denkbaren auserwählt sei, daß zwischen dem eigenen und den andern Völkern ein Wesens- unterschied existiere usw., hatten das Judentum als großes Vorbild.

Besonders dort, wo der Affekt eine zutiefst antisemitische Komponente besitzt, wie im Nationalsozialismus, liegt sicher unter der distanzierenden Aggression eine Identifikation mit dem Gegenstand der Aggression. Das heißt aber, überspitzt ausgedrückt, der Nationalsozialismus ist ein Sekundärjudaismus, oder die Nationalsozialisten sind Sekundär-Juden. Die Ödipalaggression lagert sich entsprechend - die als Motto zitierten Aussprüche Hitlers zeigen die Angst und Empörung, daß die Juden den an sich überlegenen Ariern die Mädchen wegnehmen:

Bild 'Nazi'


Der Jude besitzt darin die väterliche Position. Er ist potenter und geschickter. Diese »arische« Eifersucht zeigt sich in vielen nationalsozialistischen Publikationen und in dem als Motto angeführten Ausspruch Hitlers. Auf dem Titelblatt des »Stürmers« wird dem nationalsozialistischen Kastrationswunsch hemmungslos Ausdruck gegeben. An dem unter das Vergewaltigungsbild gedruckten Spruch ist die zweite Zeile insofern interessant, als die »Judenklauen« »eklig« genannt werden. Der Jude steht jenseits der Ekelschranke.


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Bild 'Stuermer'

Bild 'Girls'

Auf der rechten Titelseite des »Stürmers«, werden »mildernde Umstände bei Rassenschande« abgelehnt; dabei ist wieder im Hintergrund ein Mädchen zu sehen, an dem der Jude »seines Blutes Gier« stillt. Auch die beiden Abbildungen im rechten Bild zeigen die nationalsozialistische Eifersucht auf die Juden. Uneingestanden bewundern die Nationalsozialisten die Juden, ähnlich wie die Kommunisten die Kapitalisten. Denn die Kommunisten stehen zu den Kapitalisten im gleichen Verhältnis wie die Nationalsozialisten zu den Juden.

Nun soll noch ein drittes Moment des Nationalsozialismus, das eng mit seiner österreichischen Herkunft zusammenhängt, erwähnt werden, sein sekundär-germanischer Charakter. Erstens ist das Germanentum, vor allem in Österreich, intensiv mit dem europäischen Feudalismus assoziiert, somit ist der Sekundärfeudalismus auch ein Sekundärgermanentum. Aber noch in anderer Hinsicht ist der Nationalsozialismus ein sekundär-germanisches Produkt. Gerade Österreich ist nur zum Teil germanisch bestimmt - jedenfalls in geringerem Maß als große Teile Deutschlands (ob Preußens, ist fraglich) - , dabei ist es schwer, die Größe dieses Anteils zu bestimmen. Die Sprache ist deutsch, doch sollte man dieses Moment nicht überschätzen. Daneben ist Österreich intensiv slawisch, aber auch madjarisch, italienisch, keltisch, römisch, jüdisch usw. mitbestimmt. Möglicherweise ist aus der römischen Besatzungszeit sogar ein negroides Element vorhanden.

Die Position zwischen diversen Nationen besitzt nun, wie wir aus der Psychologie der Zwischenposition erkennen konnten, die pathologische Möglichkeit der radikalen Identifizierung mit einer Seite. Aus der Unsicherheit dieser Identifikation heraus wird sie um so radikaler forciert. Der prominenteste deutsch-nationale Historiker hieß bezeichnenderweise von Srbik (spätfeudal und sekundärgermanisch); ideologische Nachfahren in unserer Zeit haben ähnlich klingende Namen. Wenn sich ein zumindest stark aus dem Slawentum stammender Mensch intensiv mit dem Deutschtum identifiziert, haben wir guten Grund, ihn als sekundärgermanisch zu kennzeichnen (psychoanalytisch haben wir das Recht, hier sublimierten Vatermord zu diagnostizieren. Denn die absolut-radikale Identifikation mit einem Elternteil führt notwendig zum Haß des andern).

Es ist auch kein Zufall, wenn wir bei prominenten Nationalsozialisten jüdische Verwandtschaft entdecken können. Die normale Reaktion in der Zwischenposition ist naturgemäß Vermittlung und Synthese (150).

Jede Kastenbildung hat zur Folge, daß innerhalb der Kaste eine Gemeinschaftsbildung entsteht. Von nationalsozialistischer Seite wurde die »Volksgemeinschaft« propagiert und von vielen Vertretern dieser »Weltanschauung« auch ernst gemeint. Man entdeckte, daß jede einzelne Funktion für das Wohl des Ganzen wichtig ist: Bauern, Arbeiter, Intelligenz, alle waren wichtig; Darstellungen, die keineswegs falsch sind.

Man entdeckte, daß schmutzige Arbeit nicht schändet und minderwertig macht. Dies ist einer der positiven Aspekte des sogenannten »Arbeitsdienstes«, in dem alle schmutzige körperliche Arbeit verrichten mußten. Heute finden westdeutsche Arbeiter noch zu einem beträchtlichen Teil, daß es dem Arbeiter im nationalsozialistischen System besser ging - er bekam weniger bezahlt! - , weil er »geachteter« gewesen wäre. Die Volksgemeinschaftsidee erwies sich dem marxistischen Klassenkampf gegenüber als glatt überlegen und entband ungeheure Energien (131).

Während der Kommunismus-Sozialismus die Gesellschaft in der Horizontalen durchtrennt, trennt der Nationalismus die Gesellschaft in der Vertikalen. Dem intensiv gemeinschaftbildenden Moment im Innern entsprach eine Verkastungsgrenze nach außen - Angehörige anderer Völker und Rassen waren wesensgemäß etwas anderes.

Das nationalsozialistische Kastenzentrum war ein sakraler Wert, war »heilig« (»Deutschland, heiliges Wort, du voll Unendlichkeit.. .« 152)

Wird aber das eigene Volk sakralisiert, so muß konsequent alles, was sich innerhalb des Volkes als schlecht, minderwertig und böse erweist, anderswo herkommen. Sonst müßte man diesem die Göttlichkeit absprechen. Das sakral verbindende, gemeinschaftsfördernde Moment des Nationalsozialismus hat als Gegenstück die Projektion der eigenen Defizienzen auf andere. Einerseits verschwinden innernationale Schranken oder werden zersetzt, andererseits aber werden Sündenböcke gebraucht, die an allem Bösen schuld sein sollen. So galten die Juden als schmutzig, ekelhaft, Kindermörder, Frauenschänder, Ariermädchenräuber usw. Wir sehen, hier werden alle Kastennegativa auf die Juden projiziert. Der Jude war minderwertiger Sündenbock, der sich erfrechte, nach den arischen Mädchen zu greifen, und war zugleich heimlich bewundertes Vorbild.

Zur konkreten Wirklichkeit des Nationalsozialismus gehört jedoch auch noch eine spezielle historische Situation: die unter äußerem Druck entstandene deutsche Revolution 1918 brachte einen wesentlichen Teil der konservativen Kräfte in den Status tiefgehender Funktionslosigkeit. Wir erwähnten schon die ehemals aktiven Offiziere - wie Göring, Röhm u. a. -, die aus ihrer deklassierten Stellung herausdrängten. Die nationalsozialistische Ideologie war nun auf bequeme Weise geeignet, das Selbstbewußtsein dieser Gruppe zu stärken - wer zur Rasse gehört, ist schon ein Herr -, und zugleich bot sich der jüdische Sündenbock als illusionäres Schuldobjekt an. Schließlich führte die Funktionslosigkeit einer unerhört großen Zahl von Menschen - der Arbeitslosen - zu aggressiven Tendenzen,- diese wurden vom Nationalsozialismus gegen die Juden gelenkt. Die nationalsozialistische Revolution war, wie sie Hoegner wohl richtig nennt, eine Gegenrevolution, denn sie war sekundärfeudal (153). Damit haben wir die wesentlichsten konservativen Ideologien behandelt und wenden uns nun den revolutionären zu.