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POLITISCHE SYSTEME 1#

KASTE UND STAATSFORM#

Die Staatsform hat mit der Kaste insofern zu tun, als sie kastenhafte Haltungen fördern kann, ja die Kaste als Institution zu verankern vermag. Andererseits kann die Staatsform Kastenbildungen erschweren. Unmöglich machen kann sie die Kastenbildung jedoch nicht, es sei denn, von staatlicher Seite würde praktisch alles vorgeschrieben und so die Freiheit jedes einzelnen zutiefst verletzt. Jedoch kann die Erziehung und die Gesetzgebung auf allen Gebieten bewußt kastenfeindlicli sein. Die Staatsform ist natürlich weitgehend durch Ideologien bestimmt und steht mit diesen in bestimmten Relationen. Wir können hier die Problematik nur nach bestimmten Staatsformtypen hin verfolgen. Es gibt auch Mischformen, die dazugehörigen Stellungnahmen ergeben sich jedoch weitgehend von selbst.

DIE MONARCHIE#

Die Monarchie zeichnet sich durch einen Herrscher aus, der ein Leben lang »die Krone trägt«. Gelangt dieser Herrscher durch Erbkontinuität an die Macht, sprechen wir von der Erbmonarchie, gelangt er durch Wahl zur Macht, von einer Wahlmonarchie. Eine solche Wahl des Herrschers läßt sich durch das ganze Volk, nicht nur durch Kurfürsten, denken. Dann berührt sich die Monarchie mit der Republik, die ja auch einen Präsidenten auf Lebenszeit aufweisen könnte,- ein Monarch würde lediglich im Unterschied zu einem Präsidenten eine Krone tragen. Obwohl solchen Symbolen eine große Bedeutung zukommt, ist der Unterschied nicht sehr gravierend.

Wenn der Monarch über sehr große Macht verfügt oder sogar über unbeschränkte, dann berühren sich Monarchie und Diktatur. Schließlich kann natürlich eine Monarchie, infolge einer Volksvertretung mit starken Rechten, auch viele demokratische Akzente besitzen. Damit bestätigen wir nur das eingangs Gesagte, daß es sehr viele Mischformen gibt und wir genötigt sind, typische Wesenszüge für sich allein zu charakterisieren, die dann miteinander kombiniert werden können.

Landläufig versteht man unter Monarchie jedoch eine Erbmonarchie. Zu ihrem Wesen gehört die durch Geburt bestimmte Erbkontinuität. Wir erkennen, daß die Herkunftswertung von ausschlaggebender Bedeutung ist. Mindestens eine Person im Staat erwirbt sich mit der Geburt das Recht zum Herrschen. Diese Person wird unter stillschweigenden Voraussetzungen (»Gottes Gnaden«, mythologischer Abkunft oder angeblich besonders hervorragende Herrscherqualitäten in der Familie) zum Monarchen gemacht. In Extremfällen von akuter Debilität, schwerer moralischer Dcfizienz oder Geisteskrankheit kann jedoch auch eine andere Person aus dem gleichen oder einem andern Geschlecht zum Herrscher gekrönt werden. Die Möglichkeit, daß der präsumtive Herrscher andere geistige, etwa künstlerische oder wissenschaftliche, Anlagen bei geringen politischen besitzt, wird von der Erziehung, die praktisch unbedingt in eine bestimmte Richtung zielt, nicht einkalkuliert.

Umgekehrt wird die Möglichkeit, daß jemand aus andern Kreisen ein genialer Staatsmann sein kann, der in kürzester Zeit das, was anderen mühsam beigebracht wird, zu lernen imstande ist, praktisch negiert.

Die Endogamiegesetze, die für den Herrscher gelten, sind natürlich reine Kastengesetze. Selbstverständlich muß der Herrscher eine Frau zu heiraten trachten, die ihn in seiner Aufgabe zu unterstützen vermag, doch dazu sind keine Kastengesetze nötig. Die Endogamiegesetze für die europäischen Herrscherhäuser gehören zu den letzten offiziellen Kasteninstitutionen in Europa. Auf die inzestuösen Verhältnisse bei den Pharaonen und die mythologisch-onanistische Zeugung wiesen wir schon in anderem Zusammenhang hin.

Der Erbkontinuität im Herrscherhaus entspricht in der Gesellschaft eine solche der Adelshierarchie, die ebenfalls auf Herkunftswertung aufgebaut ist. Interessanterweise denkt kaum jemand unter den Monarchisten daran, bei einer eventuellen Restauration mit bestimmten Adelsnamen bestimmte Erbfunktionen zu verknüpfen, so etwa die Generaldirektorstelle einer bestimmten Bank den Baronen von ... zu überlassen. Offen bleibt weiter, inwieweit auch im Adel Endogamiegesetze gelten sollen. Das Herkunftsprinzip wird also auf die Herrscherfamilie eingeschränkt. Der neue Herrscher erbt sein Land wie ein anderer seinen Besitz.

Wie läßt sich dieses Faktum rechtfertigen, will man nicht ein Recht auf Grund von »Gottes Gnaden« konstruieren? Eine Erbmonarchie läßt sich wohl nur auf folgende Weise begründen: Zwar besteht kein Recht eines einzelnen, Herrscher zu werden; um jedoch eine gewisse Kontinuität innerhalb des Staates sicherzustellen, wird der jeweilige Erbe des gegenwärtigen Herrschers gebeten, auf die spezielle individuelle Entfaltung seiner Persönlichkeit zu verzichten und Politiker zu werden. Außerdem verzichtet um dieser Kontinuität willen jeder einzelne Staatsbürger auf sein Recht, oberster Herrscher des Landes zu werden. Dieses Recht der Staatsbürger besteht in der Praxis nur hypothetisch, besitzt aber deshalb doch ein reales psychologisches Gewicht. Eine so begründete Monarchie würde nicht auf der Herkunftswertung, sondern auf der vernünftigen Überlegung beruhen, daß Kontinuität eines Opfers wert sei. Dabei handelt es sich jedoch um eine sehr bescheidene (aber realistische) Begründung für eine Monarchie. Das stabilisierende, kontinuierliche Moment würde jedoch in fast der gleichen Weise durch eine langdauernde Präsidentschaft erreicht.

Die Bedeutung der Frage der Erbkontinuität wird von den Monarchisten verdrängt oder bagatellisiert, obwohl es sich um den schwierigsten Punkt der gesamten Problematik handelt. Zweifellos enthält das Vermögenserbe nicht die gleiche Problematik. Würde man hinsichtlich des Vermögens das Erbrecht stark verändern, wie dies manche Marxisten wollen, so käme man zur Einschränkung der Freiheit, zum Beispiel der Freiheit, jemandem etwas zu schenken. Die meisten Menschen möchten den eigenen Kindern das vererben, also das schenken, was von ihnen selbst erworben wurde, und würden weniger arbeiten, wenn man die Vererbung einschränkte. Man kann aber nicht gut die Herrschaft über ein Land weiterschenkcn, es sei denn, man betrachtet das Volk und das Land als sein Eigentum (das wäre natürlich typisch feudal).

Wir sehen aus all dem, daß das sicherlich nicht haltbare Herkunftsprinzip nicht als Begründung für eine Monarchie ausreichen dürfte. Die starke Betonung der Erbkontinuität innerhalb der Monarchie ist eher geeignet, die Kastenbildung zu fördern, und erwirbt damit auch den Stempel des Unzeitgemäßen.

DIE REPUBLIK#

In der Republik wird der Versuch gemacht, die für die Politik Begabtesten durch Wahl auszusuchen, - das Volk wählt. Der Unsicherheitsfaktor, der damit verknüpft ist, soll durch häufige Wahlen verringert werden. Ohne Zweifel ist es das bürgerliche Prinzip der individuellen Leistung, das die republikanische Staatsform bestimmt. Daß dieses Prinzip in Wahrheit nur ungenügend zur Geltung gebracht wird, ist ebenso sicher. Es gibt jedoch keine absolut richtige Staatsform, und die Republik strebt die Gleichheit wenigstens an. Daß es sich hierbei um die wesensmäßige, nicht aber funktionelle Gleichheit handelt, wurde schon früher ausführlich dargelegt.

Eine Staatsform garantiert gar nichts, da der jeweilige Inhalt die Form mitbestimmt, jedoch tendiert die Republik dahin, Personen nur auf Grund ihrer Leistung, unabhängig von Kastenwertungen, in die Führungsposition zu bringen. Und eben hierin besteht die überlegene Zeitgemäßheit der Republik gegenüber der Monarchie. An sich legt die republikanische Staatsform eher eine kastenfreie Haltung nahe. Um ihr erhöhte Durchschlagskraft zu geben, könnte sie in vielen Bezügen verbessert werden, ihr Zentralgehalt würde jedoch dabei nur wenig verändert.

DIE DEMOKRATIE#

Hier gilt ähnliches wie für die Republik, deshalb erübrigt sich eine längere Ausführung. Auch die Demokratie zielt darauf ab, möglichst von den Unterschieden der Kasten abzusehen und jedem gleiche Chancen an der Gestaltung der Gemeinschaft einzuräumen. Bei Monarchien mit gesetzgebender Volksvertretung ist das demokratische Prinzip nicht restlos durchgeführt, für das Herrscherhaus wird eine Ausnahme gemacht. Daß dies einen guten Sinn haben kann, wurde schon angedeutet.

DIE DIKTATUR#

Die Diktatur ist durch eine große Distanz zwischen Diktator und Volk gekennzeichnet. Letzteres wird dazu angeregt, sich mit dem Diktator zu identifizieren, das heißt, den Diktator zu introjizieren und sich selbst als Diktator vorzukommen. Eine Diktatur braucht nicht notwendig zu Kastenbildung anzuregen, obwohl in ihr sicherlich ein kastenförderndes Moment steckt. Der Diktator benötigt nämlich eine »Elite«, also eine Gruppe, die ihn stützt und die sich deshalb »besser vorkommt«, weil sie »dazugehört«. Um die Unterstützung zu sichern, muß er diese Elite privilegieren, sie herausheben. Gerade dieses Herausheben fördert die Kastenbildung.

Wenn Hitler, wie wir in anderem Zusammenhang schon beschrieben, einen »Neuadel aus Blut und Boden« — SS und andere — anstrebte, so ist sein Verhalten nicht untypisch für die Diktatur. Für die SS gab es Ehegesetze in der Form, daß nur besonders gebaute Frauen von SS-Leuten geheiratet werden durften. Auf die Dauer hätte ein neuer Adel mit neuen Endogamiegesetzen entstehen sollen.

Zur Zeit Hitlers waren aber gerade die alten Kasten im Abbau begriffen, die neuen dagegen noch nicht im Bewußtsein verankert. So gab es innerhalb des nationalsozialistischen Staates einige Zeit hindurch eine relative Kastenfremdheit, die auf die Dauer verschwunden wäre. Die »Elite« des Diktators sollte zur neuen Oberkaste werden.

KASTE UND WELTPOLITISCHE LAGE#

Die heutige Weltsituation (pd: 1960 !) ist, vom Kastenstandpunkt aus gesehen, außerordentlich differenziert. In diesem Zusammenhang muß man aber darauf aufmerksam machen, daß mit dem Kastenproblem zwar eine wesentliche, aber doch nur eine Komponente der Situation erfaßt wird. Es ist jedoch gut, diese wenigstens einmal anzudeuten.

Alte Kulturvölker, die lange Zeit kulturell stagnierten, treten heute mit neuen Ansprüchen in die Geschichte ein (China, Indien, Ägypten usw.). Ihre Situation wäre durch das Wiederaufstiegsschema zu charakterisieren. Sie sind vergleichbar mit altadeligen, später abgesunkenen und schließlich wieder aufgestiegenen oder zum Aufstieg ansetzenden Familien. Dabei haben sie jedoch nicht die Höhe anderer erreicht. Am weitesten innerhalb dieser Gruppe haben es wohl die Japaner gebracht. Daneben gibt es Traditionstypen. Ihnen entsprechen am ehesten die europäischen Völker. Ihr Aufstieg ist angesichts der USA und Rußlands relativ gering und hält vielleicht gerade noch die alte Höhe. Einerseits gibt es in Europa wirtschaftliche Expansionen, andererseits aber den Abbau von Kolonien und überseeischen Stützpunkten.

Weiterhin gibt es Aufstiegstypen wie die USA, neben ihnen Staaten mit unterkastiger Tradition und ganz jungem Aufstieg, zum Beispiel die Sowjetunion.

Darüber hinaus beginnen imterkastige Nationen, die aufsteigen wollen, in die Geschichte einzutreten. Hierzu gehören etwa die afrikanischen Nationen.

Bei dieser Aufzählung handelt es sich natürlich um eine grobe Schematisierung, doch läßt auch diese schon bis zu einem gewissen Grad erkennen, wie die nationale Affektivität verschiedener Völker beschaffen ist.

DIE EUROPÄISCHEN LÄNDER#

Das noch relativ stabilste Selbstbewußtsein besitzen die europäischen Staaten (jedoch nicht ohne Schuldgefühle), da sie einerseits eine ältere historische Basis haben, andererseits doch auch einigermaßen auf der Höhe der Zeit leben. Von Europa aus, das relativ am wenigsten innerlich unausgeglichen sein müßte, könnte und müßte wohl auch die kastenfremde Haltung ausstrahlen.

Europa ist gegenüber den USA und der UdSSR herkunftsmäßig tiefer verwurzelt, hat »älteren Adel«, sollte sich aber darauf nichts zugute tun. Es stünde ihm nicht an, die »Parvenüs« - USA und UdSSR - und auch jene, die es werden wollen, mit Arroganz zu behandeln. Denn das hieße, durch ein aus einem Sohnkomplex stammendes Ressentiment bestimmt zu sein. Die Selfmademen in den verschiedensten Zonen der Erde sind oft sehr empfindlich, wenn ihre innere Basis zu schwach ist. Ihre erreichte oder wenigstens angestrebte Sekundärposition macht sie vielfach unsicher und läßt sie darum besonders wünschen, ernst genommen zu werden. Europäische Intellektuelle neigen dazu, weder die USA noch die UdSSR geistig ernst zu nehmen, sondern sie mit dem Ressentiment der Entthronten anzusehen. Europa bildete lange Zeit die autoritative Spitze dei Welt. Es muß sich dahingehend umstellen, einer der kasten-fremden Mittelpunkte zu werden.

Das freie Europa#

Innerhalb des sogenannten freien Europa befinden sich meist Nationen mit langer Tradition und einem organisch gewachsenen Selbstbewußtsein, mit dem jedoch auch Arroganzen einhergehen. Wir finden darunter Nationen, die Kolonien hatten oder noch haben. Daß dort zumeist die Kolonialvölker als Menschen zweiter Ordnung betrachtet werden, ist ja genugsam bekannt. Heute muß diesen Völkern die Gleichberechtigung zuerkannt werden. Das bedeutet vielfach ein Aufgeben der Kolonien oder nur noch eine sehr lockere Bindung an das Mutterland. Hier geschieht etwas ganz Analoges wie bei der Bauernbefreiung, nur mit ganzen Nationen, was damals mit einzelnen Familien geschah. Wie die befreiten Bauern nicht sofort ihre Freiheit im vollen Umfang zu nutzen verstanden, ebenso gibt es bei den befreiten Kolonialnationen Übergangsschwierigkeiten. Die früheren Kolonialherren gleichen den Feudalherren nach der Bauernbefreiung. Sie haben alte Abkunft, und es verblieb ihnen auch noch ein gewisser Besitz. Das Achtungsgefälle ist jedoch wesentlich geringer geworden. Daraus wird auch ersichtlich, daß das Halten von Kolonien einer feudalen, besser, einer sekundärfeudalcn Einstellung entspringt. Der enge Konnex zwischen dieser Einstellung und dem Rassismus liegt auf der Hand. Trotzdem haben die europäischen Nationen noch ein gewaltiges Prestige. Der Übergang von einer Vorrangstellung, von Oberkastigkeit zur Anerkennung wesenhafter Gleichheit, ist natürlich beschwerlich, besonders wenn man von Schuldgefühlen geplagt wird und die Rache ehemals Verachteter und Unterdrückter fürchtet.

Die sogenannten Satellitenstaaten#

Bei den Satellitenstaaten handelt es sich um Staaten, die von einer Minderheit in die Rolle des demonstrativ Unterkastigen gezwungen wurden. Die Kommunistenführer dieser Staaten haben - mit Ausnahme der Jugoslawen - nicht durch eine Revolution ihre Position errungen, sondern durch die Truppen der Roten Armee. Das brachte sie in eine infantile Position der Sowjetunion gegenüber. Sie sind Revolutionäre von Rußlands Gnaden, eine merkwürdige Situation. Typisch für die damit zusammenhängende psychologische Haltung - allerdings ein Extremfall - ist wohl Walter Ulbricht. Schon sein Bild zeigt, wie sehr dieser Mann Lenin, den Primärrevolutionär, imitiert. Sein Kennzeichen ist gerade die Devotion - hier gegenüber Rußland - , ohne daß das Trotzmoment zentral zu eigenständigem Erfolg geführt hätte. Eine Ausnahme bildet wohl Polen, dessen Führungsgarnitur durch einen revolutionären Akt die Anerkennung eines eigenen Weges erreichte. Dies bedeutet natürlich die Untermauerung eines echten Selbstbewußtseins und ein Anknüpfen an die polnische revolutionäre Tradition. Die affektive Relation dieser Staaten und ihrer Führungsgruppen untereinander ist sehr kompliziert. Wir wollen sie nicht weiter verfolgen.

DIE VEREINIGTEN STAATEN VON NORD-AMERIKA#

Die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika stellen eine Art traditionsloser Parvenüs dar, mit der Labilität des Selbstbewußtseins vieler sekundärer Autoritäten. Sekundäroberkastige, wie die USA gewissermaßen sind, haben alle Stärken und Schwächen dieses Typs. Auf die persönliche Leistung begründet - diese ist praktisch-technischer Art - , haben sie vielfach die alte europäische, afrikanische und asiatische Heimat übertrumpft und überboten.

Zugleich aber besitzen sie nicht die Reife des Europäischen und sind stark auf äußere Bewunderung angewiesen. So bewundern sie selbst Tradition - natürlich auch alten Adel - , demonstrieren aber zum Teil mit der Protzigkeit des Neureichen ihre Überlegenheit. Diese wird in Europa nicht recht ernst genommen und erregt in den technisch unterentwickelten Gebieten Neid und Aggressionen.

Das Verhältnis des »alten Europa« zu den USA ist also vielfach von Ressentiments und Gegenressentiments bestimmt, die man sich bewußt machen muß. Die USA haben ihren gegenwärtigen Zustand auf Grund einer bürgerlichen Revolution erreicht, die zugleich die einer Kolonie gegen das »Mutterland«, der Peripherie gegen das Zentrum war. Extrem auf bürgerlich-ökonomische Leistungswertung aufgebaut, unter den besonders günstigen Verhältnissen der weichenden Grenze (nach Westen hin) (105) und fundiert auf affektiv puritanischer Grundlage (166), konnte sich der unternehmerisch expansive Stil entfalten. So gelangten die USA zu dem enormen wirtschaftlichen Aufstieg, wurden zu der bedeutendsten Großmacht.

Die USA sind gegenüber der europäischen Gesellschaft wie ein Kapitalist unter altem Adel, ein Neureicher unter relativ armen Patriziern. Man kann auch erkennen, daß die Herkunftswertung - der alte Stammbaum - bei den antiamerikanischen Ressentiments der Europäer eine große Rolle spielt, zugleich natürlich der Neid auf den höheren Lebensstandard. Andererseits gibt es amerikanische Ressentiments gegen das alte Europa, die man nicht unterschätzen sollte. Herkunft und Vermögenswertung sind also die konkurrierenden Maßstäbe.

Schließlich stellen die USA infolge ihres liberalen Wirtschaftssystems und des großen Reichtums für die kommunistischen Staaten das kapitalistische Land schlechthin dar. So konzentriert sich der antikapitalistische Affekt naturgemäß am meisten auf die USA, selbst der amerikanische Laufbursche erhält noch einen kapitalistischen Akzent, ebenso wie die Sowjetmillionäre einen proletarischen.

DIE UDSSR#

Man könnte meinen, daß man die Psychologie der Sowjets und ihrer Führungsschicht allein oder doch vor allem aus ihrer kommunistischen Doktrin verstehen könnte. Aber die Situation ist psychologisch viel komplizierter und komplexer, man kann die Reaktionen der Sowjetführer nicht einfach aus ihrer Identifikation mit der kommunistischen Ideologie erklären. Natürlich ist das Verständnis für die kommunistische Psyche trotzdem maßgebend für das Verständnis der Sowjets, doch kommen speziell russische Komponenten hinzu.

Wir haben an Hand der Stilentwicklung in der Sowjetunion gezeigt - Auto und Baustil - , daß in Sowjetrußland ein sekundärkapitalistischer Zug zu bemerken ist. Als gleichsam konzentrierter Kapitalismus sind die USA der bestgehaßte und zugleich höchstbewunderte Konkurrent. Kurz nach der Revolution gab es einen höchst modernen Stil, wie er sich 1960 im Westen noch keineswegs überall durchsetzt. Auf die leninistische Epoche folgte die stalinistische, die einen Durchbruch des Sekundärkapitalismus in der Imitation westlicher Wolkenkratzer brachte.

Die Sowjets identifizieren sich mit dem schmutzigen Kind - Proletarier gegen den zugleich bewunderten und gehaßten Vater - Kapitalisten - USA. Die Sehnsucht, es den USA gleichzutun, ja sie zu übertrumpfen, demonstriert den großen Wunsch der Sowjetführer, Kapitalisten zu sein. Der übergroße Stolz auf geschaffene ökonomische Werte zeigt das Unvermögen, aus den bourgeoisen Kategorien herauszukommen. Der »dreckige Prolet« strebt nach gesellschaftlicher Anerkennung, ohne daß er sich dessen bewußt zu sein braucht.

Einfügen eines Plugins fehlgeschlagen: Fehler: Bilddatei 'Baustil.png' existiert nicht! Bei den Sowjets bestehen jedoch nicht nur sekundärkapitalistische, sondern auch noch sekundärfeudale, sekundärzaristischc Momente. Der Vergleich zwischen der Basilius-Kathcdrale im Kreml und der Moskauer Universität zeigt, daß auch hier ein Identifikationsproblem vorliegt, - allerdings auch eines mit Amerika. Hier ist es zu einer Identifikation mit dem kirchlichen Stil des vorrevolutionären Rußland gekommen. Wenn man von dem engen Konnex zwischen Kirche und Staat weiß, der in Rußland herrschte und der die Kirche weitgehend vom Staat abhängig machte, dann muß man diesen Stil wohl auch sekundär nennen, gerade das Sakralmoment des Zaren ist hier bedeutend akzentuiert.

Aber auch anderweitig zeigte sich im Sowjetstaat die Identifikation gerade der Führungsschicht mit der vorrevolutionären Feudalschicht. Man erkennt dies besonders an jener Kunst der Stalinepoche, in der gerade der leere Prunk der Vorweltkriegszeit imitiert wurde, ebenso wie in der Nachahmung des Vergnügungsstils der russischen Oberschicht der vorrevolutionären Epoche. Auf der Krim baute man z. B. ein imitiertes Nizza auf, aber nicht etwa ein modernes Nizza, sondern das einer ganz bestimmten Zeit. Nach der Umstellung vom Gaslicht auf elektrisches Licht wurde zunächst natürlich auch in Nizza elektrisches Licht in die Gaskandelaber eingeleitet. Genau diese Kandelaber machte man auch Rußland (167) nach. Als der österreichische Bundeskanzler Julius Raab vor den österreichischen Staatsvertragsverhandlungen in Moskau weilte, lud Nikolai Alexandrowitsch Bulganin ihn und Leopold Figl zu einem Sommeraufenthalt auf die Krim ein, denn dort wäre es »genau so schön wie in Nizza« (168).

Diese Bemerkung setzt voraus, daß sich die Herren für Nizza interessieren. Wer aber will schon nach Nizza? Wahrscheinlich weder Raab noch Figl. Erklärlich wird die Bemerkung Bulganins dagegen, wenn man bedenkt, daß Nizza das Vergnügungsmekka der vorrevolutionären russischen Oberkaste war und gerade deshalb offenbar der Sowjetprominzenz als der Inbegriff des stilvollen Amüsements erscheint. Man erkennt daran, daß die vorrevolutionären Lebenshaltungen, Leibeigenschaft, protziges Vergnügen, Ochiana (die zaristische Geheimpolizei führte das Auge Gottes als Erkennungsmarke) durch den Kommunismus keineswegs überwunden wurden. Vielmehr klinkte nun gerade die neue Herrenschicht in eben diesen Herrschaftsstil wieder ein. Gerade dieser Sekundärfeudalismus und Sekundärkapitalismus kam in der stalinistischen Ära in besonderer Weise zum Ausdruck.

Ein Seitenblick auf den Kommunismus zeigt, daß es diesem nirgends gelungen ist, die Herrschaftsschranke in ihrem tieferen Sinn zu überwinden. Im Gegenteil wurde, - allerdings, das ist auch zu beachten - in getarnter Weise, Sklaverei und Leibeigenschaft (Arbeitslager!) wieder eingeführt. Rußland hat zum ersten Mal im Rahmen des ersten Fünfjahresplans mit der Schaffung riesiger Armeen von Zwangsarbeitern begonnen. Unter allen weiteren Fünf-Jahresplänen hat sich die Sklavenarbeit zu einem integrierenden Bestandteil der russischen Volkswirtschaft entwickelt (169).

Selbstverständlich weist auch der Stil der Herrschaftlichkeit gemessen am heutigen Europa oder gar an den USA einen Rückschritt auf. In einem Roman mit dem bezeichnenden Titel, der wohl eindeutig eine Kampfansage darstellt: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein«, schildert Wladimir Dmitrijewitsch Dudinzew (170) einen sowjetischen Kombinatsdirektor:

»,Gestatten Sie, Leonid Iwanowitsch...' Der lange Ganitschew trat an den Direktor heran. ,Ich bin sozusagen eine Kleinigkeit größer als Sie ...'
,Ganitschew - du bist nicht größer, sondern nur länger, hätte Napoleon in dieser Situation gesagt', witzelte Samsonow, lehnte sich in seinen Sessel zurück und lachte laut auf, doch Ganitschew tat, als habe er nichts gehört.«

Die Anspielung auf Napoleon ist sicherlich nicht untypisch. Er war sekundärfeudaler Bourgeois. An anderer Stelle fährt der Direktor in seinen Fabrikhof ein:

»Im Hof ließ er den Wagen halten und sah zu, wie die Leute, die ins Büro wollten, fast knietief durch eine Schlammpfütze mußten. Drosdow ließ den Wagen in die Pfütze fahren, dann öffnete er die Tür und bat den Lagerleiter Baschaschkin mit liebenwürdigen Worten, an das Auto heranzutreten. Da Baschaschkin in Musga ziemlich unbeliebt war, wurde gerade dieser Teil der Geschichte mit besonderer Genugtuung aufgenommen. Baschaschkin mußte also dem Wunsch Drosdows nachkommen - es blieb ihm nichts anderes übrig. Über eine halbe Stunde stand er in seinen gelben Halbschuhen in der Schlammpfütze und hörte sich die Anweisungen Drosdows an.«

Dies ist wohl auch ein Sadismus - man beachte den moralischen Druck, der den Untergebenen zwingt, sich zu beschmutzen - , den sich ein westlicher Generaldirektor nicht leisten könnte und sich auch meist nicht leisten möchte. Die Deklassierung des Untergebenen als schmutzig ist sicher bedeutungsvoll. Natürlich hat auch der sowjetische Herrenmensch zwei Frauen:

»Oft starrten sie Drosdow und seiner Frau nach. Drosdow wußte genau, warum, er ahnte, was die Leute hinter seinem Rücken sagen würden, wenn sie aus den Schneewehen wieder auf den Weg traten. ,Er hat seine erste Frau sitzen lassen,- sie war zu alt für ihn. Jetzt hat er sich eine junge genommen - er ist nicht mehr normal.' Er sah sich nach seiner Frau um, und sie lächelte ihm unter ihrem Mützchen zu! ,Und schließlich', überlegte er weiter, ,hat ja auch unsere Schura gesagt: Das Schicksal hat Leonid Iwanowitsch zwei Frauen bestimmt. Er hat zwei Scheitel! Drosdow lachte auf, als er sich an diesen Ausspruch erinnerte.«

Also auch die Seherin im Kindesalter - Schura war seine Amme - fehlte nicht.

Die sekundärfeudale und sekundärkapitalistische Funktionärsschicht neigte, zumindest in der Epoche des Sekundärzaren Stalin, zu massiver Verkastung. Wir konnten dies in der gegenwärtigen Sowjetunion an Hand folgender Momente, die Boris Meissner aufzeigt, gut studieren:

"Man würde erwarten, daß die hohen Gehälter, Gratifikationen und Prämien, die führende Männer der Wirtschaft, hohe Funktionäre der Partei, des Staates und der Wehrmacht, prominente Literaten und Künstler, sowie hochqualifizierte Arbeiter erhalten, es bei dem in der Sowjetunion herrschenden sozialistischen System nur ermöglichen gut zu leben, nicht aber gestatten, in einem größeren Umfang Kapital anzulegen und den Genuß desselben den Nachkommen zu sichern. Dieses traf selbst für die Vorkriegszeit nur bedingt zu. Völligen Wandel schuf die Erbrechtsform von 1945 und das Gesetz vom 26. August 1948, das jedem Sowjetbürger das Recht zugesteht, durch Kauf oder Bau innerhalb oder außerhalb der Stadt ein Wohnhaus als persönliches Eigentum zu erwerben. Der Erblasser kann heute sein Vermögen jedem andern beliebigen Bürger vermachen, ohne mit ihm durch verwandtschaftliche Bande verbunden zu sein. Der Staatsfiskus ist praktisch bis auf die Ausnahmefälle ausgeschaltet. 1918 war er bekanntlich noch Alleinerbe. In Verbindung mit der Erbrechtsreform gewinnt die Möglichkeit, Hausbesitz zu erwerben, einen besonderen Sinn.« (l71)

Ein Eindringen der neuen Intelligenz in den Führungskader und ihre Vcrkastungstendenz zeigen folgende Tatsachen (wieder nach Meissner):

»Der sozialen Herkunft nach waren 1938 bei einer Gesamtzahl von 533 000 Studenten aller Hochschulen Angehörige und Kinder der neuen Intelligenz 225 000 (42,2%) gegenüber 181 000 (33,9%) Arbeitern und Arbeiterkindern, 115 000 (21,6%) Bauern und Bauernkindern und 12 000 (2,3%) sonstige. Besonders beeindruckt die Entwicklung an den Technischen Hochschulen.

Bei den Hochschulen war der Prozentsatz von Arbeitern und Arbeiterkindern von 25,4% 1928 auf 50,3% gestiegen, um bis 1938 auf 33,9% zu fallen. Bei den Technikern war die gleiche Entwicklung zu beobachten. Ein Ansteigen von 25,8% 1928 zu 41,5% 1933 gefolgt durch einen Fall bis 27,1% 1938.

Es ist weiter für die Tendenz dieser Entwicklung bezeichnend, daß der Großteil der Funktionäre in sämtlichen, vom Staat kontrollierten Lebensbereichen sich heute schon aus Akademikern zusammensetzt. Der militärische Sektor bildet insofern keine Ausnahme, als von höheren Kommandeuren der Abschluß entsprechender Militärakademien verlangt wird. In der Sowjetunion ist jeder Abiturient automatisch Offiziersbewerber. Bei der Beförderung zum Offizier werden Akademiker neben Kindern von Offizieren besonders bevorzugt. Für letztere wurden eigene Akademien, die sogenannten Suwurow-Akademien geschaffen.« (172) »Eine scharfe Abgrenzung der Generalität gegenüber den übrigen Offizieren wurde durch das Gesetz vom 24. Juli 1942 vollzogen. Die besondere materielle Bevorzugung der Generalität kam im Beschluß des Rates der Volkskommissare der Sowjetunion vom 21. Juli 1945 zum Ausdruck, der allen Angehörigen der Generalität und besonders verdienten höheren Offizieren Land zum Häuserbau in einer Form verlieh, die lebhaft an die »Pomestejes« des alten feudalen Rußland erinnerte.« (173)

Wir erkennen hier deutlich, wie sich die Tendenz zur Tradierung von Kastenpositiva in der Sowjetunion im Raum der Führungskader gegen die kommunistischen Ideale durchsetzt. Das nach-stalinistische Rußland zeigt jedoch wieder eine andersläufige Tendenz. Sicher war es nicht Chruschtschow allein, der hier zu einer Änderung drängte. Der sogenannte Entstalinisierungsprozeß - durch die ungarische Revolution gehemmt -, ist als eine neuerliche Revolution zu betrachten, jedoch als eine, die aus der Vergangenheit gelernt hat. Bei ihr handelt es sich nicht um eine antifeudale und antikapitalistische, sondern um eine anti-sekundärfeudale und anti-sekundärkapitalistische Revolution. Der hohe Bewußtseinsgrad, der durch die Komplexität des Phänomens entsteht, und die Erfahrung, daß die antifeudale Revolution schließlich in eine sekundärfeudale einmündete, führten zu einer Humanisierung der Methoden. So wurden Chruschtschows Gegner nach der Liquidation Berijas nicht mehr »physisch liquidiert«, sondern in ein politisches Ausgedinge geschickt, ein Vorgang, den man auch im Westen studieren kann. Betrachtet man auch den Stil der künstlerischen und kunstgewerblichen Produkte der Chruschtschow-Ära, dann macht die Abbildung des Motels klar, daß gegenüber der Stalin-Ära ein deutlicher Wandel zu bemerken ist.

Der revolutionäre Elan der Leninzeit fehlt, die Revolution ist bedächtiger und umgänglicher geworden. Statt der Ultramodernität der Lenin-Ära begann der stilistisch sekundärrevolutionäre Stil der Chruschtschow-Ära, der etwa - wie wir schon bemerkten - der westlichen Modernität der Dreißiger Jahre entspricht. Einige Sowjetarchitekten tasten sich sogar bis in den westlichen Stil der Fünfzigerjahre vor. Zu einer echten Eigenproduktion, unabhängig von sehnsüchtig imitierten Vorbildern, hat man leider die Sowjetmenschen im großen Stil noch nicht gebracht, - vom Standpunkt einer Weltkultur aus bedauerlich.

Allerdings gelang es den Sowjets auf einem bestimmten Gebiet, nicht nur einzuholen, sondern sogar zu überholen. Dies ist in einigen Zweigen der Medizin und Technik der Fall, wurde jedoch am eindrucksvollsten in der Raketentechnik demonstriert.

Ehe wir uns jedoch diesem Thema in besonderer Weise zuwenden, wollen wir nochmals auf die offenbar kastenreduzierenden Tendenzen Chruschtschows hinweisen. Zunächst ist sein unmittelbarer, pyknischer, explosiv-humoriger Stil eindeutig kastenfremd, das sichert ihm entsprechende Popularität. Weiterhin zielt auch seine schon in anderem Zusammenhang erwähnte Schulreform auf den Abbau von Kastenschranken in der Sowjetunion ab.

In der Revolutionsabfolge Uranos (Zarismus - Kapitalismus) - Chronos (erste Phase Lenin - die Revolutionsphase - zweite Phase Stalin - die Sekundärzaristische) - Zeus, scheint Chruschtschow wirklich der »Zeus« zu sein, er herrscht ohne Mord und leitet damit eine neue Ära der Sowjetunion ein. Man wendet dagegen ein, daß Chruschtschow den Totalitätsanspruch, das heißt, den allgemeinen Weltkommunismus als endgültiges Ziel, nicht aufgegeben hat. Aber dieser Einwand ist nicht stichhaltig. Denn auch jede Weltreligion - Christentum, Buddhismus, Islam - stellt einen Totalitätsanspruch, den der Islam und zum guten Teil auch das Christentum mit Feuer und Schwert durchzusetzen trachteten. Dieser Totalitätsanspruch der Sowjets ist nicht geschwunden, man hat sich jedoch von der gewaltsamen Ausbreitung zu einer friedlichen, bekehrenden durchgerungen; dadurch fiel die sadistisch-aggressive Seite der Sache weg.

Wenn also die Kommunisten sich wirklich nur noch auf friedliche Expansion einstellen sollten, außerdem - sie können gar nicht mehr anders - Häretiker weiterleben lassen, dann werden sie auch ihre sadistisch aggressive Spitze verlieren. Die Notwendigkeit, Spielarten des Kommunismus anzuerkennen - also die Häretiker - , führt notwendig zu einer Lockerung der Aggression nach außen. Sicher muß man noch mit sublimierten Aggressionen rechnen - wirtschaftlich, ideologisch, psychologisch - , doch kann die Wandlung vielleicht zu einer Vorstufe einer Entspannung überhaupt führen.

Wie man von außen hier politisch-psychologisch nachhelfen kann, wollen wir in diesem Rahmen nicht erörtern. Allerdings haben wir dabei trotzdem keine absolute Gewißheit, daß kein Krieg erfolgt. Das bedeutet: Das Schicksal des Planeten steht echt in Frage. Dazu habe ich in meiner Arbeit »Totaler Untergang?« das Entsprechende gesagt.

Die Erreichung eines, den Sowjets bisher versagt gebliebenen, echt fundierten Selbstbewußtseins ist von großer Bedeutung. Denn nur das Bewußtsein echter Leistung, echter Potenz macht tolerant. Die Angst vor der Überzeugungsstärke der anderen macht aggressiv. Damit kommen wir wieder auf den Raketenwettlauf zwischen Ost und West zurück.

DER RAKETENWETTLAUF IM OST-WESTKONFLIKT#

Da der Raketenwettlauf (174) eine der wichtigsten propagandistischen Auseinandersetzungen darstellt und neben dem Wirtschaftskampf um die unterentwickelten Gebiete als der Konzentrationspunkt des Kampfes zwischen Ost und West anzusehen ist, ist die Problematik wichtig genug, um ihr einen entsprechenden Platz einzuräumen.

Das Urteil sachlicher Vernunft läßt keinen Zweifel daran, daß alle denkbaren Weltraumprojekte zusammengenommen den praktischen und ideellen Nutzen nicht bringen können, der die unerhörten Anstrengungen bei ihrer Realisierung rechtfertigen würde, gleichgültig ob sie von den USA oder der UdSSR unternommen werden.

Die militärischen Erwägungen aller Art, die immer wieder zu hören sind, haben zwar gute Gründe, doch sind die aktivierten Affekte auf beiden Seiten weit überdeteiminiert. Die propagandistische Wirkung der sensationellen Leistungen auf technisch minderentwickelte Länder steht in keinem Verhältnis zu den Erfolgen, die man bei ihnen durch direkte Investition der Geldmittel erreichen könnte, und die Forschungsergebnisse sind, verglichen mit dem Aufwand, von unverhältnismäßig geringem Wert. Die Gründe für die hektische Entwicklung der Raum-Raketen gewinnen durch den Umstand, daß sie meistens von Politikern vorgebracht werden, nicht an Überzeugungskraft, sie erwecken im Gegenteil um so eher den Eindruck von Rationalisierungen, die von den rationalen Motiven weit entfernt sind. Daß gerade Laien die Raketenerfolge als faszinierend und imposant empfinden, stützt zwar die These von ihrer propagandistischen Wirkung, betont aber auch wieder das unterschwellige Engagement jenseits der rein technisch-rationalen Beurteilung. Um in die tiefere Motivation des Raketenwettlaufs einzudringen, müssen wir uns daher die affektiven Investments in Erinnerung bringen, welche die Bevölkerung der UdSSR und der USA, besonders aber die Politiker beider Staaten vollziehen, und vor allem die affektive Ausgangslage der Sowjets den Amerikanern gegenüber betrachten, denn die Sowjets waren es, die den Wettlauf eröffneten.

Aus dem bisher Entwickelten ist leicht zu verstehen, daß die Sowjets den Amerikanern gegenüber ganz allgemein in einem ausgesprochenen Konkurrenzkampf stehen. Er zielt darauf ab - und diese Bestrebungen werden mit viel Zuversicht an die große Glocke gehängt -, die USA auf den verschiedensten Gebieten einzuholen oder zu übertreffen: in der Fleischproduktion, in der Aluminiumerzeugung und in der Herstellung von Kunststoffen.

Während jedoch die Überholung in der Fleischproduktion noch einige Zeit auf sich warten lassen wird, haben sich die Sowjets mit einem anfänglich geheim gehaltenen gewaltigen Anlauf an die Spitze der Raketenproduktion gesetzt; die Rakete wurde zum Idol, zum Grundprinzip des Überholdrangs, und die Sowjetmenschen mußten viel dafür opfern. Die Rakete soll, expressis verbis, die »Überlegenheit« des sozialistischen Systems beweisen.

Obwohl die Konkurrenzhaltung, wie sie sich im Raketenwettlauf äußert, in der menschlichen Gesellschaft weit verbreitet ist, kann man sie doch nicht als normal bezeichnen. Im Gegenteil, es ist durchaus abwegig, wenn man einen Kühlschrank nicht nach Notwendigkeit und Neigung anschafft, sondern weil ihn der Nachbar auch hat oder weil dieser sich ihn nicht leisten kann.

Man bringe sich die Infantilität des Einholdrangs dadurch ins Bewußtsein, daß man sich vorstellt, wie die Bevölkerung in einem Wahlkampf in Österreich reagieren würde, wenn eine Partei etwa mit der Parole antreten würde, die CSR oder die Schweiz in der Schuh-, Butter- oder Strumpfproduktion einzuholen. Die Bevölkerung würde nur lachen.

Wir finden den verkrampften Einholdrang besonders häufig beim zweiten Kind der Familie, dessen stereotype Wendung »ich auch« genügend bekannt ist, und wir finden, wie wir wiederholt zeigten, den Konkurrenzkampf in der ödipalcn Konstellation, im Streben des Sohnes, den Vater zu übertrumpfen.

Bevor wir hierauf näher eingehen, müssen wir uns daran erinnern, daß die Konkurrenzsucht des Kleinen gegenüber dem Großen (Bruder oder Vater) immer auch eine heimliche Bewunderung einschließt. Wir finden dies in der Bewunderung bestätigt, die von den führenden Schichten in Rußland den USA gezollt wird und die alle Amerika-Imitation anderswo in den Schatten stellt. Wir haben dies ja an Hand der Autotypen und des Baustils gezeigt.

Die Sowjets sind gegenüber den USA in der Sohn-Vater-Relation fixiert. Ihr Kampf gilt einem Bild vom amerikanischen »Kapitalismus«, das längst keine Realität mehr hat, nämlich dem Monopolkapitalismus, der vielleicht vor 50 Jahren existierte,- ebenso wie der Neurotiker an ein Bild des Vaters gebunden ist, das ziemlich alt und durch die psychische Entwicklung des Vaters oft längst überholt ist. Der Gegensatz zwischen »Kapitalist« und »Proletarier«, analog dem von »Juden« und »Ariern« im Nationalsozialismus, beherrscht die sowjetische Affektivität. Dabei nimmt, wie wir ebenfalls schon genügend zeigten, der Kapitalist, also der Industrielle, gegenüber dem »Proletarier«, also dem Arbeiter, eine Vaterstellung ein, und zwar insofern, als er eine Reihe von Überlegenheiten aufweist, die durchaus auch der Vater gegenüber dem Kind hat: er ist Befehlender, »Reiner«, Überlegener, Besitzender, Freiverfügender, während der Arbeiter ein Gehorchender ist, einer, der wenig besitzt, ein Unterlegener, ein Schmutziger. Der Industrielle ist der »Große«, der Arbeiter der »Kleine«.

Wir bringen nochmals in Erinnerung, daß die Eigentümlichkeiten des Wirtschaftssystems der USA einerseits und der UdSSR andererseits nun weiter dazu führen, daß die gesamten USA, und somit auch jeder einzelne US-Amerikaner, einen »kapitalistischen«, jeder Sowjetbürger einen »proletarischen« »Anstrich erhält, obwohl es komisch wirkt, daß ein amerikanischer Laufbursche »kapitalistisch«, ein Sowjetmillionär dagegen »proletarisch« sein soll. Mit dem Versuch des »sozialistischen Systems«, das »kapitalistische« zu übertrumpfen, stellt sich nun zwischen dem Sowjetstaat und den USA eine Relation her, die ein Investment individueller Vater-Sohnkomplexe möglich macht. Daß ausgerechnet die Sowjets in den bürgerlich kapitalistischen Konkurrenzkampf eintreten, der eigentlich der sogenannten »freien« Wirtschaft zusteht, ist besonders merkwürdig.

Wir wissen im einzelnen nicht, wessen individuelle Vaterkomplexe bei den Sowjets zunächst in den Raketenwettlauf investiert wurden, ob es die Chruschtschows oder die anderer Sowjetpolitiker waren. Jedenfalls wurden fast alle Verantwortlichen angesteckt: das ist nur möglich, wenn bei allen verwandte Investmentmöglichkeiten vorhanden sind. Im Sowjetsystem wird der Versuch unternommen, alle infantilen Autoritätsaggressionen gegen die Kapitalisten zu mobilisieren. Man darf dabei nicht übersehen, daß die Krankhaftigkeit der Situation nicht nur auf einer Seite zu suchen ist. Die US-Amerikaner haben schon beim ersten sowjetischen Anlauf ohne Zögern mitgespielt und pflegen seitdem den Raketenwettlauf mit einer mitleiderregenden Erbitterung.

Wenn es zum »Sohnkomplex der Väter« gehört, daß die Väter die Söhne »klein« und »unten« halten wollen, so demonstrieren die US-Amerikaner diesen Sohnkomplex gegenüber den Sowjets geradezu meisterhaft. Wir wollen diesmal noch weiter ins Detail gehen: Das vorläufige Zielobjekt des Konkurrenzkampfes ist eindeutig der Mond. Es fragt sich, welche Symbolbedeutung der Mond besitzt.

Auch hier wollen wir keineswegs leugnen, daß das Anzielen des Mondes als erstes Objekt auch sachlich astronomische Gründe hat. Doch aktiviert das Erscheinungsbild und die gesamte Tradition, wenn es um den Mond geht, wesentliche Affekte, deren Anreiz unterschwellig bleibt. (Dasselbe gilt und gälte von Sonne, Venus, Mars u. a., viel weniger jedoch von einem unsichtbaren Stern, der nur eine hohe Nummer hat.)

In den weitaus meisten Mythen und dichterischen Erzeugnissen hat der Mond weiblichen Charakter, das liegt auch aus verschiedenen Gründen nahe. So gibt es die bekannte Parallelität zwischen den Mondphasen und der weiblichen Periode, also den 28-Tagerhythmus, es gibt die innige Beziehung zwischen dem Mond und dem Meer, dessen Gezeiten er bestimmt, wobei Meer und Wasser aus anderen Gründen wieder tief weiblichen Charakter besitzen. Der Phasenwechsel entspricht wieder femininen Gemütsschwankungen, und schließlich ist der Mond Herr der Nacht, des umhüllenden Dunkels und als solcher ein vielbesungener Gegenstand der lyrischen Dichtung.

Auch im Christentum wurde der Mond zum weiblichen Symbol. Schon im alten Testament deuten die Brüder Josefs den Mond als Symbol ihrer Mutter: Josef träumt, daß sich Sonne, Mond und elf Sterne vor ihm verneigen. Dieser Traum empört seine Brüder, weil sie ihn dahin verstehen, daß Josef erwarte, sein Vater (Sonne), seine Mutter (Mond) und seine elf Brüder (die Sterne) sollten ihm Verehrung erweisen (Gn 37, 5:12). Ebenso wird Maria mit dem Mond und der Venus in Zusammenhang gebracht (Litanei: »Du Morgenstern!«).

Solange noch kein Mensch seinen Fuß auf die Oberfläche des Mondes gesetzt hat, ist er in diesem Sinn außerdem noch »jungfräulicher« Boden. Allerdings bedeutet das Auftreffen der sowjetischen Rakete am 13. 9. 1959 bereits eine Änderung dieses Zustands.

Nicht umsonst verkündeten schon anläßlich der sowjetischen Rakete vom 2. Januar 1959, welche den Mond gar nicht traf, lärmende Lautsprecherwagen in den Straßen Pekings und in den Gärten des Kaiserpalastes, daß die Rakete bald ihr Rendezvous mit der Mondjungfrau haben werde. Denn nach einem alten chinesischen Märchen lebt auf dem Mond ein wunderschönes Mädchen.

'Die Mondsüchtigen' - Neuer Kurier
"Die Mondsüchtigen" - Neuer Kurier
Eine interessante Karikatur, »Die Mondsüchtigen«, setzt den Drang zum Mond, welcher die Sowjets und die US-Amerikaner beseelt, mit dem Nachtwandeln in Beziehung. Nun könnte man meinen, diese Karikatur sei völlig belanglos, besonders, da sie österreichischen Ursprungs ist. In Wahrheit pflegt der Witz, wie Freud überzeugend zeigte175, häufig unein-gestandene Triebtendenzen schlaglichtartig zu beleuchten. Wenn nun hier ein quasi unkontrollierbarer und unbewußter Drang zum Mond gezeigt wird, ein, intellektuell gesehen, »blinder« Drang, dann ist dies beileibe nicht unsinnig. Die Sehnsucht zum Mond hin ist, wenn man sie als überdeterminiert betrachtet, in ihrem unbewußten Anteil sehr wohl zu erklären. Es ist also durchaus nicht sinnlos, die Anregung der vorliegenden Witzzeichnung aufzunehmen und sich mit dem volkstümlich als »Mondsucht« bezeichneten Nachtwandeln zu befassen. Der Kern der in dem Ausdruck »Mondsucht« enthaltenen Wahrheit liegt in der unbewußten Identifikation von Mutter und Mond. Was wissen wir nun tiefenpsychologisch über die »Mondsucht«? Über den Nachtwandel finden wir zwei tiefenpsychologische Arbeiten vor, eine von Sadger: »Über Schlafwandel und Mond-sucht. (176) und eine von G. H. Graber über »Psychoanalyse und Heilung eines nachtwandelnden Knaben« (177). Beide Autoren kommen zum grundsätzlich gleichen Ergebnis:



Das unbewußte Motiv des Nachtwandelns ist der Wunsch, zur Mutter zu gelangen. Die motorischen Antriebe, welche sich gewöhnlich in Träumen erschöpfen, setzen sich dabei in zielvolle Bewegung um.

Wenn auch für den mit der tiefenpsychologischen Problematik vertrauten Leser die folgenden Ausführungen als nicht unmittelbar zum Thema gehörig empfunden werden, so wird man doch bemerken, daß diese für die vorliegende Thematik nicht ohne Belang sind.

Bei dem von Graber (1931!) höchst aufschlußreich geschilderten Fall umfaßt die Bindung an die Mutter die gesamte Persönlichkeit. Die Träume des Kranken sind zumeist Fliegeträume, die ihn an das nächtliche Wandeln ans Bett der Mutter erinnern. In einem dieser Träume fällt er in einen großen Ballon, schlüpft in ein Loch hinein, zugleich mit einer Frau, doch werden sie beide von einem großen Mann gepackt. Zu Ballon assoziiert der Knabe Mutter; der Mann ist wohl der Vater. Bei Grabers Darstellung des Falls wird die ödipale Konstellation ganz eindeutig herausgeschält. Das Ziel der Flieg- und Nachtwandelmotorik ist die inzestuös angestrebte Mutter,- dabei besteht auch eine typische Kastrationsangst zugleich mit einem gegen den Vater gerichteten Kastrationswunsch.

Eine deutliche Beziehung zum Mond, verbunden mit einer zur Mutter, haben bei dem Knaben Träume, in denen ein »rundes Gespenst, das so kugelig ist«, vorkommt. Der Knabe ängstigt sich vor »dicken Frauen«, und er erzählt, vor einiger Zeit sei auf der Wickelkommode etwas »Rundes und Weißes« gelegen, das er für ein Ungeheuer gehalten habe. Immer wieder kommen bei ihm die »dicken Gespenster« oder »dicken Hexen« vor, zu denen er auch die schwangere Mutter assoziiert. Seine ödipale Konstellation zeigt sich schließlich noch bei der Analyse eines Traumes, in welchem eine Flugmaschine herunterfällt. Er sagt dazu: »Das Flugzeug ist der Papa, und der Traum bedeutet ein großes Unglück, Papa stürzt in die Mama.« Einmal verglich der Knabe das »Wachsen des Mondes« mit dem Wachsen des Leibes der Mutter, bevor sie den Bruder des Knaben gebar.

Diese Skizzierung des Falles genügt, um erkennen zu lassen, daß die Problematik in folgendem Dreieck gelagert ist:

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Was nun die Symbolhaftigkeit der Raketen betrifft, so finden sich entsprechende Analysen bereits in älteren Arbeiten, zum Beispiel 1930 bei G. H. Graber (178), der ein geträumtes Weltraumschiff in einem Vortrag vor Psychoanalytikern nicht einmal expressis verbis als Symbol des männlichen Genitals ausdeutet, weil er die Beziehung innerhalb des von ihm behandelten Falls für ganz offensichtlich hielt. Im Zusammenhang mit dem Mond als Flugziel wird die sexuell männliche Betonung noch deutlicher, und die US-Raketen tragen ihre supermännlichen mythologischen Namen, wie Jupiter, Thor, Atlas, Titan mit größter Berechtigung (179).

'Sowjetunion heute' vom 25.1.1959
"Sowjetunion heute" vom 25.1.1959
In diesem Stadium der Entwicklung steht die Bemühung, durch die Kraft der Raketen zu imponieren, im Vordergrund. Die Sowjets erwiesen sich als Meister, was Größe und Gewicht betrifft, und zeigten damit ihre urwüchsig gewaltige Potenz, aber auch eine bemerkenswerte Parallele zu den Feststellungen des Kinsey-Reports (180). Dort wird das Sexualverhalten unterkastiger Männer durch starke Kraft und Urwüchsigkeit, bei geringer Differenzierung des Reizspiels, das Sexualverhalten oberkastiger Männer jedoch durch verfeinertes Reizspiel und subtilere Raffinesse der Werbung charakterisiert.

In ihrem Raketenprogramm legten die Sowjets besonderen Wert auf einen robusten Antrieb, die US-Amerikaner auf einen raffinierten Steuermechanismus: der Raketenbau der Sowjets bzw. der US-Amerikaner zeigt Tendenzen des unter- bzw. oberkastigen Sexualverhaltens. Inzwischen scheinen die Sowjets die US-Amerikaner jedoch auch noch in der Vollkommenheit des Steuermechanismus überholt zu haben, doch wird von Seiten der USA mit ganz großen Mitteln der Versuch gemacht, auf beiden Gebieten den sowjetischen Vorsprung wieder aufzuholen. Zur Zeit haben die Sowjets jedoch eine Überlegenheit in beiden Bezügen (181 - pd: Aussetzen des NASA-Programms 2010!).

Als zusammenfassende Darstellung unserer Analyse kann die sowjetische Karikatur zu ihrer eigenen Rakete betrachtet werden. Der Mond zeigt hier das dralle Gesicht einer sowjetischen Panjinka, mit stilechtem proletarischem Kopftuch. Sie lächelt der auf sie zufliegenden sowjetischen Rakete freundlich entgegen und bietet ihr Salz und Brot als Willkommengruß an. Die Frau Mond empfängt also mit unverkennbarer Erwartung die sowjetische Rakete. Wir sehen, daß die Raketenkonkurrenz bis in Details hinein dem oben skizzierten ödipalen Kampf zwischen dem Kind (proletarische Sowjets) und dem Vater (kapitalistische US-Amerikaner) um die Mutter (Mond) entspricht, wobei die Welt durch diesen «friedlichen Wettstreit« insofern entlastet wird, als man den Kampf um die »Mutter Erde« nicht mehr mit der gleichen Heftigkeit zu führen braucht, da man den Mond als Ersatzobjekt benützen kann. Als nächstes Kampfobjekt steht ja bekanntlich die Venus auf dem Programm.

Die Milliardenprojekte der USA und der UdSSR zur Eroberung des Weltraums erweisen ihre Unterlagerung durch infantil fundierte Triebreaktionen mit entsprechenden Rationalisierungen, und die Erkenntnis dieser Tatsache sollte für Ost und West gleich heilsam sein (182).