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POLITISCHE SYSTEME 2#

ROTCHINA#

»Sieh, wie schön die Erde ist,
Wie ein rotwangiges Mädchen
Gekleidet in Weiß.
So groß ist die Schönheit
Der Berge und Flüsse,
Daß sie zahllose Helden herbeiruft,
Die sich im Kampf um sie messen.«
(Mao Tse-tung 183)

Rotchina sollte wegen seiner außerordentlichen Zukunftsträchtigkeit und großen Dynamik ein besonderes Maß an Aufmerksamkeit zugewendet werden. Wenn wir bei Rußland zeigen konnten, daß die spezifisch nationale Komponente mit dem Kommunismus legiert ist, so müssen wir die nationale Komponente im chinesischen Kommunismus noch viel stärker einschätzen.

In China ging es nicht nur um die Revolution des Proletariats, bzw. der armen Bauern oder jener Intellektueller, die sich mit diesen identifizierten, vielmehr ging es auch um die eines halbkolonialen, äußerst unverschämt und gemein behandelten Volkes. Zumindest für längere Zeit gilt dies. Wenn die Rot-Chinesen die Kapitalisten nicht nur weiterhin leben, sondern sie auch noch in unternehmerischen Funktionen ließen, dann verdanken sie die sich darin ausdrückende wirtschaftliche Klugheit sehr wahrscheinlich zum größten Teil ihrem Nationalismus.

Denn während sich der Kommunismus in nationalen Fragen sehr geschickt verhält, in wirtschaftlichen dagegen ungeschickt, so liegt die Situation bei den Nationalisten umgekehrt. Diese benehmen sich in nationalen Fragen äußerst dumm, in wirtschaftlichen jedoch meist sehr geschickt. Man handelt allgemein dort am sachlichsten, wo man nicht affektiv und ideologisch belastet ist. Nationalismus und Kommunismus bilden in China eine intensive Einheit. Die von Vertretern verschiedener weißer Nationen als schmutzig und minderwertig betrachteten Chinesen befanden sich als Ganzes in einer proletarisch-infantilen Position zu den Weißen.

Die innerchinesische Situation kennzeichnet wieder eine unerhört breite Schicht armer Bauern; Arbeiter gab es nur wenige. Wenn wir uns den für den Kommunismus bereits als typisch zitierten Ausspruch Maos in Erinnerung rufen, in dem er die Arbeiter und Bauern als die »saubersten Menschen« der Welt erklärt, »wenn auch ihre Hände schmutzig und ihre Füße mit Kuhmist beschmiert sind«, dann erkennen wir, daß auch im asiatischen Raum analoge Affekte existieren wie in Europa. Überhaupt ist für die Kastenproblematik die Psychologie Mao Tse-tungs sehr lehrreich (184).

Bei Mao finden wir in seiner Kindheit einen schweren Vaterkonflikt. Der Vater mochte ihn nicht, wahrscheinlich weil er zunächst körperlich sehr zart war. Maos Vater war ein zäher Bauer, der sich durch den Handel mit Reis einen gewissen Wohlstand erworben hatte. Er hatte für die Mandschus gekämpft und behandelte sein Dienstboten und Handarbeiter mit Verachtung. Unberechenbare Zornausbrüche richteten sich gegen alle Familienmitglieder. Die ursprüngliche Autorität über Mao erschien also sehr aggressiv und irrational. Die gleichartige Behandlung von Dienstboten und Kindern legte wohl Mao zum ersten Mal die Identifikation mit den Unterkasten nahe. Nach einem solchen Wutanfall des Vaters lief der Knabe davon und verbarg sich drei Tage lang in den Wäldern. Schließlich - dies ist wiederum ein wesentlicher Punkt - kam er zurück, weil er sich klarmachte, daß ohne ihn seine von ihm heißgeliebte Mutter schutzlos dem Vater gegenüber dastand, da sich niemand getraut hatte, sie gegen den Vater, der fast immer Schrecken um sich verbreitete, zu verteidigen. Die ödipale Dreieckskonstellation tritt deutlich hervor. Mao führte seit seinem fünften oder sechsten Lebensjahr - die typische Zeit der ödipalen Phase - einen erbitterten Kampf gegen den Vater. Der Knabe kämpfte mit allen zu Gebote stehenden Waffen, solange er im Dorfe war.

Solche Aggressionen im Herzen, kam er, gegen die ursprüngliche Intention des Vater, 1907 als 14-ähriger in die Mittelschule in Hsiang-hsiang. Sein Vater hatte ihm das Schulgeld mitgegeben, doch außerdem erhielt er nichts. Die meisten anderen Schüler waren jedoch sicherlich reich, sie konnten sich gute Kleidung, gutes Essen und manchmal sogar Bedienung leisten. Einer dieser Mitschüler bot Mao lachend eine solche Dienststellung an. Mao sollte für einige Münzen im Monat Diener spielen, er lehnte entrüstet ab. Die andern Schüler nannten ihn den »dreckigen kleinen Bauern aus Shao-Shan«. Durch bestes Studium zeichnete er sich vor den verhaßten anderen aus. Wie sehr hat er sich ein Leben lang mit diesen »dreckigen kleinen Bauern« identifiziert! Ja, die spezielle chinesische Spielart des Kommunismus mit dem starken Akzent auf den bei Marx so vernachlässigten Bauern hat wohl in der Identifikation Maos mit den »dreckigen Bauern« seine Wurzel. Als Mao schließlich an der Universität war, wurde er mit jener Gleichgültigkeit behandelt, die die Gelehrten damals den Armen gegenüber bezeigten. Er sagte darüber:

»Damals erkannte ich, daß etwas nicht stimmte. Seit vielen hundert Jahren hatten sich die Gelehrten vom Volk entfernt, und so begann ich von einer Zeit zu träumen, in der die Gelehrten die Kulis unterrichten würden, denn sicherlich hatten diese dasselbe Recht darauf wie alle andern. « (185) Bei Mao besteht auch eine Identifikation mit einem der bedeutendsten Revolutionäre Chinas: Liu Pang war bereits Revolutionär, als er noch Hirte war, hatte ein Kaiserreich erobert und vollzog am Grabe des Konfuzius am Chufu ein berühmtes Opfer. Er wurde der erste Kaiser der Han Dynastie. Mao besuchte das Grab des Konfuzius und bestieg auch den T'ai Shan, den großen Ostberg, den heiligsten in ganz China, auf dem die Han Kaiser ihre Opfer vollzogen und auf dem obersten Gipfel die geheimen Befehle des Himmels erhielten. Diese Identifikation ist ein differenzierendes Moment für Maos Ödipalaggression. Wir spüren diese Aggression deutlich, wenn Mao über einen im Jahre 1927 von ihm angezettelten Bauernaufstand fasziniert schrieb, daß »über die elfenbeinenen Betten der Gutsbesitzerstöchter die schmutzigen Füße der Bauern trampelten« (186).

Man beachte die Worte schmutzig und Gutsbesitzerstöchter. Die konterrevolutionären Verbände, die diesen Bauernaufstand zurückschlugen, hatten zum Beispiel den Namen: »Verein zum Schutz für Stadt und Land« (»Heimatschutz«) oder noch interessanter »Verein der Hundeauspeitscher«. Unter anderm wurden die aufständischen Bauern kastriert, aber auch in großer Zahl getötet. Während sich also Mao über die beschmutzten Betten der Gutsbesitzerstöchter freut, betrachteten die Gutsbesitzer die Kommunisten als »Hunde«, die sie auszupeitschen wünschten. Hier kann nicht die ganze Biographie Maos und die sich dabei entfaltende Affektivität entwickelt werden. Wenn es auch sehr reizvoll wäre, die proletarische Strategie zu untersuchen und die einzelnen Phasen der Revolution, so wollen wir uns doch darauf beschränken, an Hand von zwei Beispielen die Bedeutung des Frauenkampfmotivs in Maos Psyche zu zeigen. Es gibt ein berühmtes Gedicht von Mao, das er 1945 auf einem Flug nach Tschungking schrieb, und das ihm die Hochachtung der chinesischen Intellektuellen einbrachte:

Der Schnee

Bild des nördlichen Landes:
Tausend Meilen erstarrt zu Eis,
Zehntausend Meilen wirbelnder Schnee
Sieh: diesseits und jenseits der Großen Mauer
Blieb nichts übrig als Ödnis. Aufwärts und abwärts im Gelben Fluß
Nur noch gestaute Wogen.
Silberschlangen tanzen auf den Bergen,
Winterelefanten laufen in den Ebenen.
An Höhe wetteifern wir mit dem Himmel.
Oh, warte auf den reinen Himmel!
Sieh, wie schön die Erde ist,
Wie ein rotwangiges Mädchen gekleidet in Weiß.
So groß ist die Schönheit der Berge und Flüsse,
Daß sie zahllose Helden herbeiruft,
die sich im Kampf um sie messen.
Die Kaiser Shih Huang und Wu Ti
waren nur wenig gebildet,
Die Kaiser T'ai Tsung und Ts'ai Tsu waren kaum ritterlich.
Durch eine ganze Generation war Dschingiskhan Lieblingdes Himmels,
Doch er verstand nur Adler zu schießen mit seinem Bogen.
Alle vergingen - heute allein leben Männer von großem Gefühl.
(187)

Wesentlich ist, daß die Farbe Rot im Chinesischen eine Fülle uns keineswegs naheliegender Assoziationen erweckt. Payne schreibt darüber:

"Rot ist in China die sprichwörtliche Farbe der Freude und gleichzeitig die hoher Würde. Im chinesischen Theater wird das Antlitz des Kaisers oder eines andern Würdenträgers rot bemalt, ebenso auch das der Heldin. Rot war in der Chou-Dynastie die kaiserliche Farbe. Zugleich ist sie mit allem Erotischen verbunden: der berühmte Roman ,Der Traum der roten Kammer' erweckt schon durch seinen Titel in jedem Chinesen die Vorstellung erotischer Träume. Die Farbe des Todes ist für gewöhnlich weiß, doch wird der Tod eines alten Mannes, der viele Nachkommen hat, rot begangen. Denn diese Farbe bedeutet merkwürdigerweise auch manchmal den Tod. So wird im chinesischen Theater der Tod durch eine rote Flagge oder ein rotes, über das Gesicht gelegtes Tuch angezeigt. Der besonderen Bedeutung, die der Name "Rote Armee" für die Chinesen besitzt, hätte man nachgehen und sie klären sollen.

Die Koumintang-Anrneen hatten niemals eine Bezeichnung, die sich damit hätte messen können, und obwohl Tschiang Kai-schek den Befehl gab, die kommunistischen Truppen die 8. Feldarmee zu nennen, so erwarben seine eigenen Heere doch niemals den eigentümlichen Glanz, den die Kommunisten diesem Namen zu verleihen wußten.«(188)

Rot hat für unser Empfinden ja auch einen aggressiven, damit auch männlich erotischen Charakter.

Wenn Mao ein Liebesgedicht an die chinesische Erde schreibt, so liegt nach Payne in der Schilderung des »rotwangigen Mädchens, gekleidet in Weiß«, eine deutliche erotische Anspielung. Dasselbe gilt jedoch auch für die »Silberschlangen, die auf den Bergen tanzen«, denn die Schlange hat, wie er sagt, im Chinesischen (wie unbewußt auch bei uns) eine ganz bestimmte sexuelle Bedeutung. Auch die gestauten Wogen mögen hier entsprechend zu deuten sein. Um dieses Mädchen kämpfen »zahlreiche Helden«, die »sich im Kampf um sie messen«. Daß er und seine Gruppe - »Männer von großem Gefühl« - schließlich siegen sollen, ist deutlich.

Noch deutlicher wirkt das Frauenkampfmotiv in einem in China berühmt gewordenen Schauspiel, dessen Grundidee von Mao stammen soll: »Die weißhaarige Frau« (»Pai Mao Nu«). Payne schreibt hiezu:

»Es gibt verschiedene, voneinander abweichende Fassungen des Stückes, und für eine ist er sicher verantwortlich. Das Stück war bei weitem das populärste aller Schauspiele, die während des Krieges innerhalb des kommunistischen Territoriums aufgeführt wurden. Die Tatsache, daß Maos eigener Name einen Teil des Titels ausmacht, dürfte keineswegs ohne Bedeutung sein.

Das Stück ist in seiner Anlage außerordentlich einfach und die Handlung durchweg schrecklich. Mo Ten-chih, der Verwalter des Gutsherrn, lauert Hsi-erh, der Tochter eines Bauern, auf und zwingt sie, als Dienerin in dem Haushalt des Gutsherrn zu arbeiten, um dadurch die Schulden ihres Vaters zu bezahlen. Die Mutter des Gutsherrn quält sie fortgesetzt. Als sie mit der Bereitung einer Lotoskernsuppe nicht zufrieden ist, gerät sie in Zorn und durchsticht die Zunge des Mädchens mit einem spitzen metallenen Pfeifenreiniger. Dann wird Hsi-erh von dem Sohn des Gutsbesitzers vergewaltigt, der sich alsbald aus Furcht vor der drohenden Vergeltung der Dorfbewohner entschließt, sie zu töten. Er fesselt sie und versteckt sie in einer Kammer, aus der sie jedoch durch die Hilfe einer anderen Dienerin befreit wird. Jetzt entschließt sie sich zur Flucht, doch als sie gerade über die Mauer geklettert ist, beginnt der Hund zu bellen, und so wird ihre Flucht entdeckt. Der Verwalter des Gutsherrn nimmt die Verfolgung auf. Am Ufer eines Flusses findet man ihre Sandalen und hält das Mädchen nun für ertrunken. Die Handlung spielt im tiefsten Winter, es fällt Schnee, und der Fluß ist über die Ufer getreten.

Hsi-erh ist jedoch nicht ertrunken. Sie ist schwanger und verbirgt sich in einer Höhle, wo sie von wilden Früchten, Graswurzeln und den Opfergaben aus einem nahegelegenen Tempel lebt. Nach der Geburt ihres Kindes wird ihr Haar vollkommen weiß. Jetzt erhebt sich das Gerücht, daß sich die Achte Feldarmee dem Dorf nähert. Den Gutsbesitzer packt Furcht, und er unternimmt eine Pilgerfahrt zu jenem Tempel, um den Rat der Götter einzuholen. Wird das Dorf verschont bleiben? Als er sich vor den Göttern verneigt, sieht er plötzlich in der Ferne eine Frau mit weißem Haar. Er hält sie für die Göttin der Barmherzigkeit, die gekommen ist, um ihm zu verkünden, daß die Achte Feldarmee nicht lange im Dorfc bleiben werde. Dann erschienen die Soldaten der Roten Armee auf der Bühne. Sie nehmen sich Hsi-erhs an und versichern ihr, daß sie sehr bald ihr Dorf befreien werden. Daraufhin singt sie ein erstaunlich lebhaftes Lied der Hoffnung und Freude, genau wie sie vorher herzzerreißende Lieder des Kummers gesungen hatte, durch die das Stück im Gedächtnis bleibt. Der Gutsbesitzer, sein Sohn und der Verwalter werden von der Achten Feldarmee verhaftet, und es wird ihnen vor dem gesamten Dorf der Prozeß gemacht. Die Strafen werden in verschiedenen Fassungen des Schauspiels unterschiedlich bemessen. Meistens wird der Sohn des Gutsbesitzers zum Tode und der Verwalter zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Schließlich wird der Gutsbesitz neu verteilt, wobei Wert darauf gelegt wird, daß auch die Familie des Gutsherrn den ihr gebührenden Anteil erhält.«(189)

Die vergewaltigte Frau, die von der jungen Roten Armee gerettet und gerächt wird, mußte, da diese Handlung affektiv alle antiväterlichen Aggressionen wachrief, intensive Affekte erregen. Hier intendiert die Vergewaltigung (vgl. »Die Hochzeit des Figaro«) nicht der Gutsherr, sondern sein Sohn. Auf diese interessante Variante wollen wir nicht näher eingehen.

Wir zitieren wieder Payne:

»Die weißhaarige Frau' war ein gefährliches Stück. Weil es ein äußerst pathetisches Thema mit einer dunklen Mystik verband, rührte es an sehr starke Kräfte der menschlichen Seele, und die Zuschauer empfanden dabei das Bedürfnis nach einer gewaltsamen physischen Aktion, durch die ihre eigenen Spannungen gelöst würden. Während der Vorstellung befanden sich Gutbesitzer, auch wenn sie sich mit den Kommunisten gut standen, dauernd in Gefahr. Jack Beiden schildert in ,China Shakes the World', wie die Zuschauer bei einer besonders eindringlidien Szene des Dramas sich erhoben und im Chor das schrecklidie Wort ,sha' (,töten') riefen, als ob sie nur durch den Tod des Schauspielers auf der Bühne zufriedengestellt werden könnten. In den roten Gebieten wurden noch Hunderte von andern Dramen geschrieben, doch keines davon besaß die zwingende Kraft und Wirkung dieses Stüd<es, das Mao entworfen haben soll, als er die Geschichte eines Mädchens gehört hatte, das in den Bergen Zuflucht suchte, nachdem seine ganze Familie von der Kuomintang ausgerottet worden war.«(190)

Chinesische Erde, das Mädchen in Weiß, um das die Helden kämpfen, und das vergewaltigte Mädchen, dessen Haar weiß - die chinesische Todesfarbe - wird, korrespondieren miteinander. Maos ödipale Affcktkonstellation, die sicher bei vielen seiner Anhänger analog gelagert ist, zeigt also folgende Struktur:

Bild 'Mao'


Der »dreckige kleine Bauer aus Shao-Shan« hat seine Mutter gemeinsam mit den andern dreckigen Bauern gerächt. Die Proletarier in China sind die Herren im Lande. Aber die Chinesen haben noch nicht vergessen, daß sie einen halbkolonialen, vom Ausland abhängigen Status hatten. Die Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit ist ihnen bislang noch nicht zugestanden worden. Auch China, trotz der großen Anstrengungen, gehört noch zu den technisch unterentwickelten Gebieten (pd: 1960!).

DIE SOGENANNTEN UNTERENTWICKELTEN LÄNDER#

Das, was unter dem Begriff »unterentwickelte Länder« zusammengefaßt wird, ist etwas sehr Unterschiedliches. Obwohl praktisch alle Vertreter dieser Länder ein empfindliches Selbstbewußtsein besitzen, so basiert dieses doch auf sehr verschiedenen Gründen. Denn jene Staaten, die auf großer Tradition auf ruhen, wie die islamitischen, Indien oder China, besitzen ganz andere Voraussetzungen als etwa die Negerstaaten, deren traditionelle Basis weniger gewichtig ist.

Unter den unterentwickelten Ländern gibt es solche, deren kulturelle Basis älter ist als die der germanischen Länder, ja selbst der europäischen Mittelmeerkulturen. Man muß sich das Ressentiment dieser Völker gegenüber Europa und den USA vorstellen! Sie haben häufig in den letzten Jahrhunderten in ihrer kulturellen Substanz nachgelassen und stagnierten und wurden in der Technik und in vielen Zweigen der geistigen Kultur von Europa und den USA überflügelt. Das Ressentiment der Alttraditionellen gegen die unverfrorenen Selfmademen auf der einen Seite, das Ressentiment der rasch emporgeschossenen Sekundäroberen auf der andern Seite schafft natürlicherweise Spannungen. Außerdem bestehen in vielen dieser Staaten massive Aggressionen gegen die früheren Kolonialherren, die sich meist wiederum mit uneingestandener Bewunderung paaren.

Wir sehen, die affektive Relation zwischen diesen jungen oder neuerlich jung gewordenen Völkern und Europa bzw. den USA ist vielfach jener der kommunistisch-proletarischen Führungsstaaten (Rußland - China) verwandt. Diese analoge Konstellation bildet ein affektives Bindeglied zu den Kommunisten, die die entsprechenden Ressentiments durch die propagandistisch-extremisierende Anklage gegenüber den westlichen Ländern noch unterstreichen. Die gemeinsame Unterkastigkeit wird gegen eine gemeinsame Oberkastigkeit ausgespielt. Während die Kolonialnationen auch in der Wirtschaftspolitik den Versuch machten, ihren Sohnkomplex gegenüber den beherrschten Völkern zu realisieren, und sie wirtschaftlich und geistig »unten halten« wollten, züchteten sie gerade damit entsprechende Vateraggressionen, die nur schwer abgebaut werden können.

Es wäre umgekehrt Sache der »oberen« Nationen, den »unteren« bei ihrem Aufstieg zu helfen. Nicht der Aufstieg der früheren Kolonialvölker ist es, der die jetzigen Aggressionen gegen die Weißen schuf, sondern dessen Verhinderung in der Vergangenheit. Die Kolonialnationen haben vieles verspielt, weil sie das »Untenhalten« zum großen Teil zum System machten; nicht immer und nicht alle, aber doch zu einem großen Teil. Der Sohnkomplex, die mit ihm verbundene, aus überkompensierter Angst gespeiste Arroganz gegenüber dem Kleinen, aber höchst Entwicklungsfähigen stellt die Grundlage aller Abwehrhaltungen der oberkastigen Nationen dar und ist ein schwer gemeinschaftstörendes Moment.

Nur klare und ernstgemeinte Schuldbekenntnisse können hier einen deutlichen Wandel schaffen und die psychologische Atmosphäre grundsätzlich ändern. Wird den unterentwickelten Völkern mit Überheblichkeit und Arroganz »geholfen« und besserwisserisch erklärt, was sie zu tun hätten, dann ist die psychologische Wirkung dieser Hilfe sehr zweifelhaft und erweckt statt Freundschaft Aggressionen.

Die UdSSR ist ein Land, das eben erst aufstieg oder im Begriff ist aufzusteigen. Die Distanz zu den unterentwickelten Ländern ist gering. Die Sowjets können leicht zeigen, daß sie ihr Herz bei den Proletariern der Welt haben und sich mit ihnen zu identifizieren verstehen. Die kulturell stagnierten, aber nun zu neuem Aufstieg ansetzenden Kräfte in den sogenannten unterentwickelten Gebieten sind anspruchsvoll, was die geforderte Achtung betrifft, und doch in vielem zurückgeblieben. Die eben erst in die Hochkultur emporwachsenden Kräfte sind jedoch noch empfindlicher. Sie fühlen sich wahrscheinlich noch mehr hinunterdistanziert, verachtet und nicht entsprechend ernst genommen. Ihre Kastenposition ist tief unten. Sobald sie sich mit den kulturell einmal hochgestandenen, doch dann stagnierten »Farbigen« identifizieren, erfahren sie damit noch eine Aufwertung. Dabei haben natürlich auch die Negerstaaten eine große Zukunft. Wenn es in den USA gelänge, die US-Neger wirklich zu integrieren, könnten diese eine wertvolle Brücke zu den jungen Negerstaaten bilden. (pd: Obama 2009 - ein halbes Jahrhundert nach diesem Text!)

Unsere vorliegende Skizze soll nur das Kastenmoment in seiner großen politischen Rolle andeuten. Wirklich entwickeln läßt es sich in diesem Rahmen natürlich nicht.