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PROBLEMSTELLUNG#

2/307: »Es kann auch ein Arbeiter bis zu einem gewissen Grad ein vornehmer Charakter sein, wenn er auch eine schwerere und eine etwas schmutzigere Arbeit verrichten muß.«

Die Versuchsperson 2/307, eine Büroangestellte mit Hauptschulbildung (die der deutschen Volksschulbildung entspricht), identifiziert sich völlig mit der »Kaste der Angestellten«, die sie relativ niedrig ansetzt. Sie grenzt affektiv ab. Der Angestellte reicht bis zum Abteilungsleiter. Ihre Direktoren empfindet sie aber nicht mehr als Angestellte sondern als Unternehmer. Ihr Angestelltenbegriff ist also affektiv ziemlich eng gefaßt, er ist mit einem subalternen Angestelltentum identisch, in das keine leitenden oder doch nur in begrenztem Rahmen leitende Funktionen eingeschlossen werden.

Wir sehen an ihrer Aussage eindeutig, daß die affektive Haltung mit der logisch-adäquaten Sicht keineswegs übereinstimmt. »Es kann der Arbeiter bis zu einem gewissen (?) Grad ein vornehmer Charakter« sein. Er kann es aber nur »auch« und nur »bis zu einem gewissen Grade«. Das heißt, normalerweise kann er es nicht und jenseits des »gewissen Grades« überhaupt nicht. Der Arbeiter kann also im Affektbereich der Versuchsperson eine bestimmte Schranke nicht überschreiten. Es fragt sich, warum über diese Schranke nicht hinauszukommen vermag. Keineswegs von ihr bewußt intendiert, erhalten wir von der Versuchsperson eine indirekte Auskunft. Sie gesteht ihm nämlich den »gewissen Grad« zu, »obwohl er auch eine schwerere und eine etwas schmutzigere Arbeit verrichten muß«. Das heißt - wenn wir die ungesagten Voraussetzungen der Aussage rekonstruieren (eine unserer wesentlichen Methoden) - ; daß man zunächst annehmen müßte, die »schwerere und etwas schmutzigere Arbeit« mache es unmöglich, einen vornehmen Charakter zu besitzen. Man ist aber bereit, etwas nachzugeben und dem Arbeiter trotzdem - allerdings nur bis zu jenem ominösen »gewissen Grad« — einen vornehmen Charakter zuzugestehen. Unschwer erkennt man den inneren Konflikt. Ohne diesen würde 2/307 ihren Affekten unzensuriert freien Lauf lassen, würde sie den Arbeiter auf Grund der Eigentümlichkeiten seiner Arbeit als prinzipiell unvornehm, also als »vulgär« ansehen.

In analoger Weise können wir die eigentümliche affektive Grenzziehung beim Angestellten erkennen. Vor die echte Wortbedeutung schiebt sich ein Affekt, der viel mehr Bedeutung für ihr Handeln besitzt als ihre Vernunft und der den Begriff entgegen den logischen Prinzipien verengt.

Wir erkennen also, daß es unmittelbare affektive Trennungslinien in der Gesellschaft gibt, genauer in den Einstellungen zur Gesellschaft, die, jedenfalls sehr häufig, nicht bewußt sind oder zumindest nur in geringer Weise. Diese affektiven Trennungslinien führen zu Grenzziehungen mit Folgen, die ebenfalls wenig bewußt sind.

Im Konflikt zwischen den Forderungen des gesellschaftlichen Über-ich und den Affekten werden sie zum Teil rationalisiert. Die Affekte, über deren Ursprung man sich keine Rechenschaft gibt, erhalten eine nachträgliche Begründung. Die Versuchsperson 2/307 meint etwa zu Straßenkehrer: »Notwendig, gewöhnlicher Mensch.« Und auf Aufforderung, sich näher zu äußern, erklärt sie schließlich:

»Man muß einen Straßenkehrer nicht unbedingt verachten. Er kann auch deswegen ein gutes Benehmen haben und muß nicht unbedingt ein 'dreckiger Prolet' sein« (lacht).

Sie meint also, man müsse ihn doch normalerweise verachten, denn er benähme sich offenbar schlecht. Das schlechte Benehmen dient zur Begründung der normalerweise bestehenden Verachtung. Das witzig sein sollende Wort vom »dreckigen Proleten« enthüllt aber recht deutlich, daß sie weniger das schlechte Benehmen fürchtet als den mit dem Straßenkehrer verbundenen Schmutz. Wir sehen hier eine Rationalisierung quasi in statu nascendi. Wir erkennen zwei Instanzen wiederholt miteinander im Kampf liegen, die bewußtere ist natürlich auch die bekanntere.

Aus all dem ergibt sich unser Problem. Zunächst zielt diese Arbeit auf die Erkenntnis der phänomenologischen Bestimmtheit der Kaste, weiterhin auf die der inneren Konfliktsituationen, die durch den Zwiespalt zwischen den kastenhaften Affekten und den antikastenhaften Tendenzen der Psyche entstehen, auf die Erkenntnis des Ursprungs dieser Affekte und auf die ihrer Dynamik.

Sie zielt darüber hinaus auf das Ausstrahlungsfeld dieser Affekte, das heißt auf ihre politische und sonstige Bedeutung für das Gemeinschaftsleben, und sie zielt schließlich — und dies gibt die Berechtigung für den Titel des Buches — auf die Gewinnung eines psychologisch adäquaten Gesellschartsbildes, das wir die »kastenlose Gesellschaft« nennen.

METHODEN#

Die Methodik dieser Arbeit ist sehr vielschichtig. Das Rückgrat bildet die tiefenpsychologische Erfassung von 200 Personen, wobei 100 im Rahmen von Voruntersuchungen, weitere 100 bei der vorliegenden Untersuchung, die eigens auf das Kastenproblem ausgerichtet war, getestet wurden. Die Auswahl der Personen entbehrt keineswegs der Einseitigkeit, wenn man an übernationale Verhältnisse denkt.

Der chinesische Reisbauer muß, um seiner Situation gewachsen zu sein, zwar sehr viele verwandte, doch auch sehr viele andersartige Tugenden entwickeln als ein österreichischer »Hörndlbauer«. Auch haben wir für Österreich die kastenhaften Tendenzen des Klerus vor allem am katholischen Beispiel vor Augen, während die protestantische oder russisch-orthodoxe Hierarchie nicht in unserem Gesichtskreis lag. Was natürlich nicht heißt, nur im katholischen Klerus fänden sich herrschaftliche Ansprüche.

Die verschiedenen Seiten der Kastenfrage sind jedoch derart fundamentaler Natur, daß wir sicher sind, außerordentlich wichtige Bezüge jeder Gesellschaftsschicht erfaßt zu haben, wobei es einzelne spezifisch österreichische Akzente geben mag. So wie es in Österreich eine aristokratische Spezialsprache gibt, so gibt es auch anderswo Spezialsprachen, die jedoch anders lagern. Die Bedeutung der Spezialsprache ist aber eindeutig gegeben, mögen auch die Unterschiede in Deutschland oder England andere sein als in Österreich. Dies sind jedoch Spezialfragen.

Die Untersuchung der 200 Personen erfolgte mit tiefenpsychologischen Methoden: Assoziationstests, Phantasieproduktionen, systematische Exploration und andere Tests fanden dabei Verwendung. Um die Erörterung für jene - die meisten Leser - nicht zu sehr zu belasten, die ihre Evidenzen nicht aus den Methoden, sondern aus der Bestätigung des Gesagten durch die Fremd- und Selbstbeobachtung ziehen, haben wir die Methoden im Anhang entsprechend erläutert.

Wir müssen jedoch noch eine kurze technische Zwischenbemerkung machen: Im Anhang finden wir Kurzangaben über die einzelnen Versuchspersonen, die eine ungefähre Orientierung ermöglichen sollen. Die Versuchspersonen der Voruntersuchungen und die der vorliegenden Arbeit werden gesondert angeführt. Zitieren wir eine aus den Voruntersuchungen, so steht zunächst die Zahl 1, dann ein Schrägstrich und schließlich die Nummer der Versuchsperson. Beispiel 1/502 bedeutet: Es handelt sich um die Versuchsperson 502 aus den Voruntersuchungen. Zitieren wir eine Versuchsperson aus der Hauptarbeit, dann steht an Stelle der Zahl 1 am Anfang die Zahl 2, also etwa 2/206. Dies bedeutet die Versuchsperson 206 aus der Hauptarbeit.

Wenn eine Versuchsperson zitiert wird, ist es für den Leser möglich, im Anhang auf Grund der Nummer der Versuchsperson einige Kurzangaben über den Betreffenden zu erhalten. Mehr konnte aus Gründen der Wahrung der Anonymität der Personen nicht angeführt werden. Wer sich für die Methoden im einzelnen interessiert, möge den methodischen Anhang lesen. Doch war von vornherein nicht daran gedacht, die Basis der Arbeit auf das Material zu beschränken, das die tiefenpsychologische Untersuchung von 200 Personen zu Tage fördert. Das Material wurde verschiedentlich ergänzt. So wurden Erfahrungen aus Psychoanalysen herangezogen, außerdem typische Darstellungen aus der Dichtung, schließlich Witze und Karikaturen. Die Ergebnisse der angeführten religionswissenschaftlichen und historischen Untersuchungen waren natürlich mit historischen Methoden erzielt worden; das gilt auch für einige andere Feststellungen. Im Anhang bringen wir zu den Auswertungen der einzelnen Methoden Beispiele, doch finden sich auch schon innerhalb des Textteils genug davon.

An den Voruntersuchungen nahmen noch andere als die genannten Untersucher teil, doch wurden deren Ergebnisse praktisch nicht für diese Arbeit verwertet. Die einzelnen Mitarbeiter der Hauptuntersuchungen behandelten jeweils 20 Fälle. Aus der Zitation geht der Bearbeiter jedes einzelnen Falles hervor. Wiederholte Gespräche mit allen Mitarbeitern vor und während der Arbeit trugen zu einer Abstimmung der Arbeiten bei. Die wichtigste Ausdeutungsmethode ist die Analyse der ungesagten Voraussetzungen, des Symbolgebrauchs, der Fehlleistungen der Versuchsperson bei Phantasieproduktionen und einfachen Aussagen. Da wir die Anwendung dieser Methoden immer wieder an einzelnen Beispielen zeigten, ist es nicht nötig, sie eigens zu erläutern.

Ein Hinweis sei noch gestattet. Wir können hier weder den Tonfall noch jeweils das Gesamtmaterial eines Falls wiedergeben. Das hat große Nachteile. Denn das Material über eine Person nimmt, neben einem 2-Stundentonband, oft bis zu 100 Seiten Untersuchung und Auswertung ein. Wenn wir nun eine Ausdeutung eines Ausspruchs vornehmen, dann meist auf der Basis umfangreicherer Grundlagen als hier untergebracht werden könnten. Immer aber werden wesentliche Komponenten sichtbar gemacht, wenn auch oft ein Großteil der Begründung nicht ausführlich dargelegt werden konnte.