KASTE UND IDEOLOGIE#

Die Ideologie ist eine mehr oder weniger lückenlos durchdach Vorstellung von der Welt und ihrer entsprechenden Ordnung. Was sie von der Religion im eigentlichen Sinn unterscheidet, ist ihre weltbestimmende Zielsetzung. Die Ideologie hat ein bestimmtes Bild von der gesellschaftlichen Wirklichkeit - von oben und unten, Vergangenheit und Zukunft. Der Stifter der Ideologie identifiziert sich, wie wir sehen werden, mit einer bestimmten Gruppe; dadurch ergibt sich dann das Bild der Gesellschaft und notwendigerweis auch jenes der Gegengruppe(n). Mit den Bildern der Identifikationsgruppe und der Gegengruppe(n), mit der symbolischen Lagerung von oben und unten, sind aber auch schon die Ansatzpunkte für die entsprechenden Affekt-Investments gegeben. Besser gesagt, die affektiven Lagerungen aus der Kindheit finden gesellschaftliche Konstellationen vor, die dann bei den Schöpfern der Ideologie zu einer entsprechenden Deutung der Vorgänge in der Gesellschaft führen. Die Ideologie gibt ihren Anhängern die Möglichkeit, ihre Affekte zu rationalisieren, jeder vermag sich entsprechend einzulagern, um seine Affekte zu rechtfertigen.

Diesen affektiven Anteil an der Ideologiebildung wollen wir an einzelnen wesentlichen Beispielen zeigen. Wir können sehen, wie die Ideologie als Waffe im Kastenkampf dient und zugleich verschiedenen infantilen Affektkonstellationen eine Heimat gibt. In den ersten vier Kapiteln werden wir jene Ideologien behandeln, die, zumindest vordergründig, eine Identifikation nach oben vollziehen, die also eher »konservativen««, negativ ausgedrückt, »reaktionären««, »konterrevolutionären«« Charakter besitzen, im folgenden letzten Kapitel die »revolutionären««, »aktionären« Ideologien. Sie entspringen wieder einer zumindest vordergründigen Identifikation nach unten.

KASTE UND RASSISMUS #

«... sie sollen den Rassenkampf haben, Rassenkampf bis aufs Kastrationsmesser.« (Dr. Georg) Adolf Josef Lanz (von Liebenfels) (136)

Wir wollen hier bewußt den Nationalismus außer acht lassen, den wir gesondert behandeln, da er, trotz wesentlicher Affinitäten, doch auch wesentliche Unterschiede zeigt. Wenn wir zeigen konnten, daß die Sieger gerne eine unterworfene Bevölkerung überschichten und dann selbst feudalisieren, dann haben wir den realen Bezug zwischen Kaste und Rasse bereits klargestellt. Wir können auch die Affinität zwischen heller Hautfarbe und Oberkastigkeit in Indien von hier aus verständlich machen. Etwas anderes jedoch als die reale Beziehung zwischen Rasse und Kaste ist die Rassenideologie, die von der Rassenproblematik her eine Gesamtdeutung der Welt geben möchte.

Der Grundzug der Rassenideologie ist, eine bestimmte Rasse (es können ganz verschiedene sein) als summum bonum darzustellen, die Idee, alle Kultur stamme von ihr, sie allein sei kulturschöpferisch und konstitutionell das positive Element in der Gesellschaft.

Daher ist ihre Reinzucht und kastenhafte Abtrennung von der übrigen Gesellschaft und die Beherrschung der Gesellschaft durch diese Rasse das zentrale Gebot, wenn man das Wohl aller will. Die Andersrassigen sind demgegenüber konstitutionell und für alle Zeiten kulturell impotent und daher zu unteikastigei Tätigkeit bestimmt - ihre Ethik besteht im »willigen Dienen« (137).

Wir erkennen den intensiven Zusammenhang zwischen der Rassenideologie und dem Feudalismus. Denn auch für den Feudalismus ist der Primärwert des Menschen durch seine Abstammung gegeben. Die primäre Herkunftswertung haben Feudalismus und Rassismus gemeinsam. Weiterhin ist die konstitutionelle Infantilität der Unterkasten, die prinzipiell regierungsunfähig sind, eine Feudalbehauptung, die im Rassismus wiederkehrt. Es liegt daher nahe, den Rassismus als einen konsequenten Sekundäifeudalismus anzusehen, als eine Möglichkeit für einzeln Mitglieder der Gesellschaft, sich als Feudale zu fühlen, ohne »eine Familie« zu haben und einen adeligen Stammbaum zu besitzen.

Der Rassismus stellt aber auch für einen in psychologischer Zersetzung des Selbstwertgefühls begriffenen Adeligen eine Rechtfertigungsideologie dar, wenn der betreffende Feudale sich zu der gerade als Herrenrasse erklärten Rasse zählen kann. Denn für den abessinischen oder japanischen Schwertadel gibt ein nordisch-arische Rassenideologie natürlich keine Rechtfertigungsideologie her.

In diesem Sinn ist die Rassenideologie spätfeudal, also ein Spätfeudalismus. Dieser hat mit dem Sekundärfeudalismus sehr vieles gemeinsam, so daß sie, wie im Nationalsozialismus, gerne zusammenmünden. Der in diesem Sinn Spätfeudale ist bereit, Unterkastige als oberkastig zu akzeptieren, wenn sie zugleich einer bestimmten Rasse zugehören bzw. das Herkunftsprinzip anerkennen. Zugleich distanziert er sich jedoch von den Feudalen anderer Rassen.

Zum Spätfeudalismus müssen wir die Rassenlehren Gobineaus (138) und Evolas (139) zählen, zum Sekundärfeudalismus die Hitlers bzw. Lanz (von Liebenfels'), von dem wir zeigen konnten, daß Hitler von ihm entscheidende Anregungen empfangen hatte. Gerade dieser ist zur Demonstration einer sekundärfeudalen psychischen Struktur sehr geeignet. Lanz entstammte einem bürgerlichen Lehrermilieu und war schon frühzeitig vom Rittertum fasziniert - im Maschinenzeitlter! Er identifiziert sich mit dem Rittertum den »Tempeleisen« , doch ist er selbst nicht adelig. Um adelig zu werden und die oberkastige Position wirklich zu realisieren, schlägt er zwei Wege ein: Erstens legt er sich einen Adelstitel zu. Während er in Wahrheit schlicht und einfach Lanz heißt, nennt er sich Lanz von Liebenfels. Zweitens entwickelt er eine Rassenideologie, die alle Blond-Blauen auffordert, sich zur Reinzucht zusammenzuschließen, eine abgeschlossene Herrenkaste zu bilden und die Minderrassen zu versklaven, denn deren einziges ethisches Prinzip sei das willige Dienen für die Blond-Blauen. Natürlich hat Lanz zugleich mit der Bewunderung für den Adel auch noch ein Ressentiment gegen ihn. Daher tadelt er die adeligen Frauen, die den Adel dadurch, daß sie sich mit rassenminderwertigen Männern eingelassen, minderwertig gemacht vertschandalisiert hätten. Den eigentlichen Adel stellen jetzt die blond-blauen Reinrassigen dar. Diese Kombination von Bewunderung und Ressentiment zeigt besonders gut ein Gedicht Otto von Melzers, das Lanz in seiner Zeitschrift »Ostara« abgedruckt hat:

Zweifelnd sehn die Diener auf das Herrchen,
Struppiges Haar, die Züge ganz des Knechtes.
Solches Blut gedeiht in Sklavenpferchen,
Nicht im Prunksaal adligen Geschlechtes.
Doch vorm Gitter wandert mit der Herde
Still der blonden Hirtin einzger Sproß,
An Gestalt ein Prinz und an Gebärde
Sinnend sieht die Gräfin aus dem Schloss.
(140)

Die Gräfin hat sich offenbar mit einem »Sklaven« eingelassen und hat nun ein »struppiges Herrchen« geboren. Demgegenüber hat die blonde Hirtin offenbar mit einem blonden Hirten (oder vielleicht gar mit dem Grafen?) einen einzigen Sproß gezeugt, der »an Gestalt ein Prinz und an Gebärde« wurde. Gobineau ist, wie Evola, Lanz gegenüber ein Spätfeudaler. In Frankreich hat die Aristokratie durch Eroberung und Überschichtung germanisch-fränkischen Charakter, ihre Sprache und Kultur übernahm sie allerdings zum größeren Teil von der kulturell überlegenen gallo-romanischen Unterschicht. Die französische Revolution ist auch vom Aspekt eines Aufstandes dieser Unterschicht gegenüber dem germanischen Element aufzufassen. Graf Gobineaus Rassenlehre ist eine Rechtfertigungsideologie seines Feudalismus.

Bild 'Marienburg'

Bei Evola liegt der Fall ähnlich. Wenn wir ein typisch hochfeudales Gebäude betrachten, wie es die obige Tafel zeigt, so besitzt hier der Ausdruck des Herrschens einerseits eine gewisse Selbstverständlichkeit, Unverfrorenheit könnte man sagen. Die Naivität des Herrschaftsausdrucks ist typisch für den Hochfeudalismus. Demgegenüber ist der Ausdruck des Spät- und Sekundärfeudalismus viel weniger naiv.

Bild 'Starhemberg'


Vergleichen wir oben das linke und rechte Bild miteinander, so können wir Parallelen und Unterschiede von Spät- und Sekundärfeudalismus sehen. Bei dem Bild auf der linken Seite handelt es sich um den österreichischen Heimwehrführcr Fürst Ernst Rüdiger von Starhemberg. Der Heimatschutz oder die Heimwehr war eine rechtsradikale Organisation, wenn auch keineswegs so fanatisch, so doch mit deutlichen Berührungspunkten mit dem Nationalsozialismus. Die beiden Bewegungen unterscheiden sich durch ihren spät- bzw. sekundärfeudalen Charakter. Das Bild Starhembergs zeigt ihn mit Stiefeln - Offiziers- und Feudalsymbolen. Diese Stiefel sind zwar auch bei ihm bereits funktionswidrig, aber Haltung und Eleganz zeigen deutlich, daß sicherlich eine entsprechende aristokratische Tradition gegeben war (einer seiner Vorfahren verteidigte Wien gegen die Türken). Diese machte ihn wohl auch zum Gegner des primär plebejischen Hitler. Der Hahnenschwanz, ein Jagdsymbol, hat viele assoziative Beziehungen und hängt auch mit dem »edlen Waidwerk« zusammen. Der Spätfeudalismus zeigt sich aber gerade im Funktionsloswerden der Stiefel.

Lanz wirkt demgegenüber wesentlich plebejischer. Er ist älter als Starhemberg, seine Kleidung altertümlicher und stammt von einem weniger guten Schneider. Er trägt keine Stiefel sondern Gamaschen, ein Jägerhütchen, wie viele Aristokratinnen heute noch, seine Haltung ist jedoch viel weniger wirklich diszipliniert und militärisch. Ähnlich ist seine Schrift weniger gespannt, sondern weichlich verschlungen. Und doch sind die Parallelen zwischen Spät- und Sekundärfeudalismus unzweifelhaft.

Ähnlich ist die Relation zwischen Balkon und Gesamtstil der spätfeudalen Hofburg in Wien (Tafel 2) und Balkon und Ge-samtstil des sekundär feudalen Bürgerhauses (Tafel 3). Der Balkon der Wiener Hofburg hatte den Sinn, dem Kaiser Gelegenheit zu geben, sich dem Volk zu zeigen, der Balkon vor der Hausherrnwohnung des Bürgerhauses hatte nur in einer mehr oder weniger bewußten Einbildung einen analogen Sinn. Der Balkon gab dem Hausherrn in seiner Wohnung im ersten Stock die latente Illusion, oben, über »seinem Volk« den Mietern stehen zu können.

Kehren wir zur Ideologie des Lanz zurück. Bei ihm zeigt sich nämlich das voll entwickelte Sohn- bzw. Ödipuskomplexinvestment. Zunächst sind Lanz und seine Blau-Blonden Abkömmlinge von Göttern den nordischen Äsen , er nannte sie daher auch Asinge. Lanz hat also auch die Feudalmythologien neu erweckt. Wie der Vater also absolut göttlich erlebt wurde, so sollen die Blau-Blonden Götter sein.

Lanz teilt die Frauen in blau-blonde Zuchtmütter und niederrangige Hetären ein. Für den blau-blonden Mann ist jeweils eine blau-blonde Zuchtmutter bestimmt, während die minderrassigen Frauen für die blaublonden Männer als Hetären und zusätzlich für die minderrassigen Männer bestimmt sind. Leider muß Lanz eine ganz anders geartete Realität vorfinden. Denn er meint, die schmutzigen, stinkenden Minderrassigen hätten, weil sie raffiniertere Verführer seien und außerdem ein größeres Genital besäßen, auf die blonden Frauen besonders stark gewirkt und diese daher den blond-blauen Männern weggenommen.

Bild 'Edelfrau'
Während die Blonden die eigentlichen Menschen bzw. Götter seien, gelten die Minderrassigen eigentlich als Tiere, er nennt sie »Äfflingc«. Sein Lieblingsbild (links) ist die Skulptur »Geraubt« von E. Fremie. Der Affe raubt die Edelfrau.

Die von Lanz behauptete Tatsache, daß Frauen an Minderrassigen Interesse bekunden, regt ihn maßlos auf: »Die Polizei läßt ruhig Neger, Mongolen und anderes farbige Gesindel in der ethnologischen Ausstellung' straflos mehr als halbnackt vor Frauen, Mädchen und Kindern umhergehen, läßt zu, daß sich dann diese armen weiblichen Geschöpfe, die nie in ihrem Leben einen nackten Mann ihrer Rasse sehen dürfen, bis zur erotischen Ekstase an diesen Halbaffen begeilen. Geht etwas über diese Teufelei? Ich sage ausdrücklich Teufelei?« (141)

Diese Tatsache erweckt bei ihm den Wunsch, die Minderrassigen zu kastrieren. »... Sie sollen den Rassenkampf haben, Rassenkampf bis auf Kastrationsmesser.« (142) Schließlich will er auch den Tod der Minderrassigen, ihre Ausmerzung. Lanz bietet uns also das vollständige Bild des Ödipalinvestments:

Bild 'Hochrassiger'

Es ist vom Gefühl der Überlegenheit der Minderrassigen unterlagert:

Bild 'Minderrassiger'








Die Lynchkastrationen an Negern in den US-Südstaaten, die intime Beziehungen zu weißen Frauen hatten, und der Mord an einem Farbigen in London, als dieser bei einer Weißen schlief, zeigen die analogen ödipalsadistischen Impulse, die wir bei Lanz ideologisiert fanden.

Die Sekundärfeudalen erweisen sich, aus schon früher dargelegten Gründen, als viel radikaler als die Primärfeudalen. Sie haben auch eine viel größere Durchschlagskraft und ziehen so, wie wir bei Hitler sahen, auch Primärfeudale in ihren Bann erwiesen sich diesen gegenüber auch eindeutig als überlegen.