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DER ZENTRALWERT DER KASTE#

Die Sakralität des Kastenwertes#

Der Zentralwert der Kaste ist also jenes Moment, das als Basis für die Isolation dient. Das kastenhafte Verhalten soll gleichsam durch die Forderung nach Reinerhaltung des Kastenwertes entschuldigt werden. Die Isolation wäre jedoch nicht nötig, würde der Zentralwert der Kaste nicht gewissermaßen als bedroht empfunden durch die Personen, die nicht der Kaste angehören. Die Kaste ist sich ihres Wertes gleichsam nicht sicher. Außerdem kann der Kastenwert nicht nur verunreinigt werden, durch das Eindringen von kastenfremden Elementen würde er überdies entwürdigt, entweiht, entheiligt.

Hier sitzt das zentrale Moment der Kaste, das sie mit der Sekte in Zusammenhang bringt. Die Verwandtschaft der Kaste mit der Sekte soll uns nun zu einem Gedankenexperiment ermutigen:

Es gibt eine Reihe von Personen in der Gesellschaft, die Briefmarken sammeln. Sie tun dies mit mehr oder weniger großem Euer. Das Markensammeln verbindet in gewisser Weise jenen englischen König, der angeblich viele Marken sammelte, mit dem Mann aus der Vorstadt, der dies auch tut. Diese Gemeinsamkeit veranlaßt die Markensammler, Vereine zu gründen, deren Zweck darin besteht, Gelegenheit zum Austausch von Marken und Ideen zu geben. Es ist naheliegend, daß durch diese Gemeinsamkeit auch andere Bindungen entstehen. Die Markensammler lernen einander kennen und schätzen. Die Wahrscheinlichkeit, daß sie untereinander heiraten, wird größer. Die Kinder der Markensammlerfamilien spielen häufiger miteinander usw. So weit, so gut. Es ist gegen all das nichts einzuwenden, wenn nicht ein bedeutender Schritt weiter getan wird. Dieser Schritt wäre jedoch entscheidend. Gingen die Markensammler nämlich so weit zu erklären, daß das Markensammeln eine »heilige« Sache wäre, dann würden die »Diener der Marken« sozusagen »Propheten« des »Heils«. Wenn sie weiter erklärten, alle Nichtmarkensammler wären unrein und unheilig, dann würde die harmlose Sache langsam gefährlich. Dann läge es nahe zu fordern, daß Markensammlerkinder nicht mit Nichtmarkensammlerkindern spielen und Markensammler nur untereinander heiraten dürften, denn man müsse sich vor der Unheiligkeit des markenfreien Raumes schützen.

An diesem Gedankenexperiment sehen wir: die »heilige« Marke verbände und trennte in eigenartiger Weise. Die, die an der Marke teilhätten und ihren Kult pflegten, wären mit ihr sakralisiert, geheiligt und bildeten so mit ihrem Wert eine Identifikationseinheit. Mit der Zeit würden sie selbst gewissermaßen Marke. Alles bezöge sich darauf, und die Frevler an der Marke wären die Bösen, die Markensammler dagegen die Guten. Von Übel wäre also auch die Vermischung mit den Nichtmarkensammlem. Wer innerhalb der Markensammlergemeinschaft mit der Sakralisierung der Marke nicht einverstanden wäre, müßte die Gemeinschaft verlassen. Die Gemeinschaft der Markensammler müßte »rein« in ihrem Streben sein. Sie würde sich säubern, kasteien, indem sie die räudigen Schafe (ein sowjetischer Titel für Pasternak) ausstießen, auf daß nicht auch die andern räudig würden.

So würde sich die Markensammlergemeinde von allen andern Menschen isolieren. Die Identifikation mit einem innerweltlichen, absolut gesetzten Wert schafft also Isolation, Verteidigungs-Ideologie und einen bestimmten Kult. Aus dden normalen Grenzen, die ein einfacher Markensammlerverein zieht, würde plötzlich eine gravierende Kluft. Zwischen den Menschen stünde ihr Absolutum, an das sie fixiert sind.

Es ist naheliegend, daß häufig Akademiker Akademikerinnen heiraten und vorwiegend untereinander verkehren. Würde jedoch das »Akademische« sakral, dann würde das Unakademische profan und unheilig. Dann stünden auf einmal die Nicht-Akademiker vor der geschlossenen Pforte der akademischen Weisheit, die, nun sakrosankt, von den Uneingeweihten nicht durchschritten werden dürfte. Der akademische Grad wäre dann der Schlüssel zum Tempel und die Vorbereitung auf ihn das Einweihungsritual.

Nun wäre die Markensammlergemeinde keine Kaste, sondern eine Sekte. Denn jeder, der das Markenheiligtum anerkennen würde, könnte Mitglied werden, aus welcher Gesellschaft er auch immer käme. Der verabsolutierte Wert - die Briefmarke - wäre jedem Menschen der Gesellschaft zugänglich. Jeder hätte mit ihr in der einen oder andern Weise zu tun. Anders ist es, wenn das Akademische verabsolutiert wird. Hier wird ein Wert, der einer bestimmten Gruppe innerhalb der Gesellschaft zukommt, sakralisiert, und so entsteht eine Kaste. Auf diese Weise wird aus einer eben noch bestehenden Differenz ein fundamentaler Unterschied. In diesem Zusammenhang sind Redewendungen von großer Bedeutung, die im Rahmen unserer Kastenuntersuchung wiederholt gebraucht wurden. Wir zitierten schon eine Aussage des Bauern 2/2,12, der von den Angestellten sagte:

"Früher haben sie sich eingebildet, der Mensch fangt eist bei ihnen an."

Er bezieht hier eine Wendung auf die Angestellten, die weit mehr gegenüber den Adeligen und den Akademikern im Gebrauch ist und auch häufig in unseren Untersuchungen in diesem Sinn verwendet wurde. Also etwa:

Für die Leute »fängt der Mensch erst beim Baron an«, oder »... fängt der Mensch erst beim Akademiker (Doktor) an.«

Auf dieselbe Grundeinstellung gehen Wendungen im Zusammenhang mit den Begriffen »Familie« oder »Gesellschaft« zurück. So erklärte eine Klosterschwester aus einem vornehmen Orden:, als sie gebeten wurde, ein Kind (Nichte eines Universitätsprofessors) in die Schule aufzunehmen, indigniert (1959): »Aber sie gehört ja nicht zur Gesellschaft." (4)

Das Wort »Gesellschaft« wird hier in einem qualifizierenden distanzierenden, herablassenden Sinn gebraucht. Es wird darin ausgedrückt, daß die Menschen, die nicht zu dieser Gesellschaftsgruppe gehören, eigentlich überhaupt nicht zur Gesellschaft gehören, keiner Gesellschaft angehören.

Oder: im feudalen Raum sagt man wir kommen in anderem Zusammenhang noch darauf zurück , daß jemand, der nicht zum Adel gehört, »keine Familie« hat. Demnach hat nur der Adel »Familie«.

»Mensch«, »Familie«, »Gesellschaft« sind Prädikate, die hier nur bestimmten Kasten oder nur einer bestimmten Kaste zugerechnet werden. Dies bedeutete, daß es außerhalb der Kaste keine Menschen, keine Familien gäbe. Die Mitglieder der Kaste identifizieren sich mit ihrem Kastenwert, den sie als den eigentlich menschlichen, absoluten Wert ansehen, und erhalten damit eine besondere Qualifikation. Die restliche Gesellschaft steht außerhalb dieser menschlichen Qualifikationen, sie sind Menschen nur im uneigentlichen Sinn. Aus einem höchst relativen Wert wird also ein absoluter. Durch die Teilhabe an diesem absoluten Wert wird aus den gewöhnlichen Menschen der eigentliche Mensch: der vom Kastenabsolutum durch eine Art mystischer Emanzipation her bestimmte. Der außerhalb der Kaste stehende Mensch wird damit zum uneigentlichen, der die Vokabel Mensch eigentlich nicht verdiente. Er ist vom Menschen in der Kaste seinem Wesen nach verschieden.

Diese kastenhafte Haltung erscheint als durchaus logisch und konsequent, wenn man bedenkt, daß der Unterschied zwischen absoluten Wert und einem relativen naturgemäß sehr wesentlich ist. Wenn das einzelne Mitglied der Kaste durch die Identifikation mit dem Kastenwert Teilhaber des absoluten Wertes ist, sind die Kastentranszendenten jenseits des Heiligtums nicht im Bannkreis des zentralen Wertes. Dieser Unterschied stellt eine sehr tiefgreifende Trennungslinie dar, die, wäre das Absolutum nicht illusionär, tatsächlich eine Wesenstrennung bedeutete. Setzt man einen Gruppeneigenschaftskomplex absolut wie etwa den der »nordischen Rasse«, wird ein Mensch, der ihr nicht angehört, zum uneigentlichen Menschen, während der der ihr zugehört, sakralisiert wird. Der Unterschied zwischen dem nordischen Menschen und den anderen Menschen wird dann absolut, ein Wesensunterschied, der die zentrale menschliche Substanz betrifft.

Wir erkennen also, daß der Zentralwert einer Kaste absoluten Charakter hat. Hat er relativen Charakter, dann handelt es sich nicht um eine Kaste.

Die Sakraldistanz#

Wird der Unterschied zwischen den sogenannten Laien und den Priestern zu einem Wesensunterschied in dem Sinn, daß der eigentliche Wert innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft erst beim Priester anzusetzen sei, dann entsteht eine Kastenschranke. Nun sagten wir schon, daß es dort, wo für die Priester das Zölibat besteht, zu einer Kaste im Vollsinn des Wortes gar nicht kommen kann, doch können Angehörige des Klerus sich absondern und ihren Spezialwert - die spezielle priesterlichee und Sendung - absolutsetzen, so daß in einem weitgehenden Sinn eine Kaste entstehen kann.

Die heute leider noch verbreitete »salbungsvolle« Haltung der Priester distanziert die Laien von diesen nach unten. So gleitet die Äußerung des Kaplans 2/101 ins Salbungsvolle ab, die er als Antwort auf die Frage gibt, ob er sich anderen überlegen fühlt (Die Ausdrucksmodulation läßt sich hier leider nicht wiedergeben, man müßte sie auf dem Magnetophonband hören):

»Unter mir, gesellschaftlich, wo ich mich hinunterbeugen muß, ja daß ich als einer, der sicherlich ausgewählt ist und der drinnensteht in einem Beruf, der vorgezeichnet ist, unbedingt. ... net so von oben herunterschauend, weil mir von Natur aus das net liegt, und wenn es wäre, ich ankämpfen müßte dagegen und auch nicht als Seelsorger geachtet und wirken könnte, weil es mein zweites Wesen ist, mit allen Menschen nicht nur auszukommen, sondern dazustehen. Obwohl ich natürlich spür
Psychologe: »Kommen Sie sich als der Bessere vor?« »Der Bessere, na ja, der, der's leicht hat, der Bessere würd ich nicht in dem Si... ich steh schon über, dabei nicht verachtend irgendeinen anderen, das glaub ich nicht.«

Sehen wir uns diese Äußerungen genau an. Er »muß sich hinunterbeugen«. Wieso »muß«? Entweder weil er den anderen so, weit unten fühlt, daß er gar nicht anders Kontakt erhalten kann, als indem er sich hinunterbeugt wie ein Erwachsener gegenüber einem Kind. Oder das »muß« ist ein verpflichtender Imperativ hier wohl ein aus dem Christentum kommender Auftrag - dann hatte er, weil er ja »muß«, sich das Hinunterbeugen sogar abzuringen. Das »hinunterbeugen muß« setzt er fort als einer, »der sicherlich, ausgewählt ist, der darinnen steht in einem Beruf, der vor gezeichnet ist, unbedingt.

Weil 2/101 also in einem vorgezeichneten und unbedingt ausgewählten Beruf steht, muß er sich hinunterbeugen. Doch zeigt die unsichere Diktion schon die Unterminierung der rationalen Leitvorstellung an. Er verfällt in den leichten, in der resignierenden Aristokratie gebräuchlichen Wiener Dialekt (ohne die näselnde Tönung allerdings), der typisch ist für bagatellisierende Relativierungen: »Net so von oben herunterschauen, weil mir das von Natur net liegt.«

Er muß sich also zwar hinbeugen, darf aber dabei nicht hinunterschauen, mal setzt 2/101 zur Begründung dafür an, warum er nicht "abschauen darf, und jedesmal wird sie ihm vom Affekt zerschlagen. Denn obwohl es ihm »von Natur net liegt«, meint wenn "es so wäre«, das heißt, wenn doch und nun wohl wieder der von Natur aus der Drang bestehen sollte, hinunterzuschauen, er »ankämpfen müßte dagegen«. Aber warum ankämpfen, wenn es doch, wie er anfangs sagte, in der Natur des Priesterberufes liegt, »daß er ausgewählt... und ... vorgezeichnet ist, unbedingt...«?

Der neuerliche Begründungssatz, der wohl deshalb gewählt wurde weil ihm die Begründung von der Natur, von der aus es ihm »net liegt«, ungenügend erschien, ist positiv angesetzt, biegt aber ins rein Pragmatische um. Weil er »auch nicht als Seelsorger geachtet und wirken könnte«, darf er nicht hinunterschauen.

Auch hier eine Verwirrung. Es sollte ursprünglich heißen, und das geht tief: »Weil ich als Seelsorger nicht geachtet sein (oder werden) könnte.« Demnach gehört es zum Wesen des Seelsorgers, zum Grundbestand seiner Achtung, nicht hinunterzuschauen. Die pragmatische Abbiegung dient der Rechtfertigung. Nach »geachtet« zerschlägt er die Logik des Satzbaus und setzt fort: »wirken könnte«. Läßt man das die Grammatik störende »geachtet und« weg, bliebe: »auch nicht als ein Seelsorger wirken könnte.« Das heißt, die anderen würden es ihm übelnehmen, wenn er hinunterschaute. Damit er jedoch als Seelsorger wirken kann, schaut er nicht hinab, aber auch diese zwiespältig geratene Begründung genügt ihm nicht, er setzt neuerlich an: »Weil es mein zweites Wesen ist, mit allen Menschen auszukommen.« Aber gegen dieses »mit allen Menschen auszukommen« fühlt er sofort wieder Bedenken: »Obwohl ich natürlich spür. . .« Nun müßte er logisch fortfahren: »daß die andern doch weniger sind« oder »daß man mit ihnen doch nicht auskommen kann ...« Im letzten Moment jedoch zensuriert er, indem er so intensiv blockiert, daß er abbricht.

Hier hakt die Psychologin methodisch richtig und konsequent ein, indem sie den angesetzten Gedanken ausspricht. Er bejaht auch nolens volens: »Der Bessere, na ja.« Das heißt ja und nein zugleich, aber widerwillig doch eher ja. »Der's leicht hat, der Bessere würd ich nicht sagen, in dem Si. . .« Sinn wollte er sagen, blockiert aber schon wieder. Er meint offenbar zunächst, daß er es unverdientermaßen leicht hätte, weil er aus katholischer Familie stammt oder aus Gnade usw. Daß er also der Bessere sei, sei kein Verdienst, so stehe er darüber. Nur das kann wohl der Sinn sein von: »der's leicht hat.« Aber schon im nächsten Satz straft er sich wieder Lügen. Wenn sich nämlich dieser Satz auf »der's leicht hat« bezieht: »Der Bessere würde ich nicht sagen in dem Sinn.« Also in dem Sinn bin ich nicht der Bessere. Dafür wohl aber in einem anderen Sinn. Und am Schluß äußert er sich noch einmal ambivalent: ». .. ich steh schon über.« Er bricht aber wieder den Satz ab, um in die andere Linie einzulenken: »dabei aber nicht verachtend irgendeinen anderen.« Aber zu diesem Satz meldet er wiederum Zweifel an. »Das glaub ich nicht«, denn das heißt: »Ich weiß es nicht sicher.«

Vor uns spielte sich offenbar ein Gewissensdrama ab. Der Befragte schwankt zwischen zwei Haltungen und kann sich nicht entscheiden. Die eine wäre zu formulieren:

Ich bin nichts Besseres als die anderen. Ich habe keinen Grund, auf die anderen hinabzuschauen. Mein Priestertum hebt mich, rein menschlich gesehen, nicht aus den anderen heraus, und ich unterscheide mich daher auch nicht wesentlich von ihnen. Meine Funktion ist im Blick auf die gemeinsame menschliche Ebene etwas Sekundäres.

Die andere, gegenteilige Haltung wäre dagegen zu formulieren: Als Priester stehe ich über den andern, sehe auf diese wohl hinunter, denn sie unterscheiden sich wesentlich von mir dadurch, daß ich auserwählt bin, die andern aber nicht, daß ich in einem Beruf stehe, der unbedingt vorgezeichnet ist, während sie in einem Beruf stehen, der höchstens bedingt oder gar nicht vorgezeichnet ist. Ich bin daher der entscheidend Bessere, Höherstehende."

Der christlichere Standpunkt ist offenbar der erste. Es ist also christliches Gewissen, das weitgehend gesellschaftliches Über-ich wurde, das ihn hindert, einfach zwischen Priestern und der restlichen Menschheit einen Abgrund aufzureißen. Anders ist der Kaplan 2/106, der zu »Hochwürden« ironisch »die geistlichen Herren« assoziiert und zur Frage nach dem Hinunterschauen apodiktisch und plastisch erklärt:

"... Verstecktsein der eigenen Schwächen hinter Gittern; besonders an Prälaten. Minderwertigkeitsgefühle, die dann in violett aufscheinen. Liebe ist das Primäre."

In dieser Apodiktizität liegt eindeutig eine Aggression gegen Prälaten. Er hält das Verhalten vieler Prälaten für unchristlich. Daß sein Verhalten sicherlich nur zum geringeren Teil in einem Ressentiment begründet liegt, zeigt sich daran, daß er als Prälat hierfür spricht sein Typus vermutlich anders wäre. Der Priester 2/103 erklärt zum Wort »Kaste«:

»Ja, bitte, wenn Sie von Geistlichen sprechen wollen: gibt es auch da, aber nicht alle, vielleicht weniger als früher, die sich von vornherein in eine sakrosankte Einheit hineinversetzt fühlen, mit einem Nimbus von Recht und Privilegien ...«

Dort, wo der Fluß des Satzes durchbrochen wird, versucht er nur, eine absolute Behauptung zu verhindern. Er zielt aggressiv auf jenen Typus, der sich in eine »sakrosankte Einheit hineinversetzt fühlt, mit einem Nimbus von Recht und Privilegien.«

Der unbestrittene Heros der Kapläne 2/101, 2/103 und 2/106 ist Kardinal Innitzer, der kastenfremde Kardinal. Sie stecken voll Anekdoten über ihn. Etwa, daß er im Konsistorium, dabei in Gegensatz vor allem zu den deutschen Kardinälen geratend, rangjüngere Kardinäle zuerst begrüßte und ihnen Blockmalz anbot, daß er, als er am Eingang eines römischen Palazzo von zwei brennende Kerzen tragenden Lakaien empfangen wurde, um von ihnen die Treppe hinaufbegleitet zu werden, zunächst diese Kerzen ausblies, weil ihm diese Ehrung gar nicht gefiel. Daß er sich den Ring nur während des Zeremoniells küssen ließ und da nur ungern. Es wird auch erzählt, daß er in Rom Anstoß erregte, weil er sich nicht würdig genug benahm: er fuhr nicht mit dem Auto zur Kirche sondern ging zu Fuß. Sollte auch das eine oder andere davon nicht stimmen, so bliebe doch typisch, daß solche Anekdoten über ihn erfunden wurden. Sie zeugen von dem Bild, das man von ihm hat. Die Identifikation des Priesters mit seiner Sakralfunktion bei Verabsolutierung der Bedeutung dieser Funktion würde zur Verkastung der Priester führen: jeder, der gegen einen Priester etwas sagt oder tut, beleidigt demnach nicht nur, sondern er tut mehr. Und wer etwas gegen eine wissenschaftliche These eines solchen Priesters sagt, beleidigt oft leicht zugleich dessen Funktion. Eindeutig ambivalent sind die Ausführungen von 2/215, einer Angestellten mit Matura, zu »Priester«:

"Ich hab das schon oft beobachtet, wenn ich auf der Straße einen gesehen hab und der hat einen Zivilanzug angehabt, und ich hab gesagt, ich kann wetten, daß das ein Geistlicher ist. Und er war's wirklich. Das ganze Äußerliche, die ganze Art. Und umgekehrt: Wenn ich wieder Geistliche in ein anderes G'wand reinsteck', die sind wieder ganz ... denen würde man es überhaupt nicht anmerken. Aber manche ich vermute, das sind irgendwie die Älteren... Stören tut's mich absolut nicht. No gut, meiner Meinung nach muß man es denen nicht unbedingt an der Nasenspitze ansehen. Die Jüngeren, die wirklich mit der Jugend mittun - in ihren Grenzen natürlich -, die würden nicht unbedingt was dran finden. Und wenn man mit den älteren Typen spricht, die würden nie das tun. Er kann ganz normal sein. - No bitte, es kann sein, daß er gleich in seine Art verfällt. Daß er von seinem Beruf zu sprechen beginnt. Es kann auch sein, daß er ganz normal spricht über das tägliche Leben...

(Der negative war der Seelsorger in der Pfarrjugend): (Dem hat man es gleich von weitem angesehen g'habt, der ist schon so - ich weiß nicht - wie die Heiligkeit selber auf der Straßen gangen.«

2/215 gesteht dem Priester zu, daß er »ganz normal sein kann«, das bedeutet, daß er es ihrer Auffassung nach oft nicht ist. Es gelingt ihr natürlich nicht, die Grundlage jener Absonderlichkeit zu erfassen, die offenbar dann gegeben ist, wenn »er gleich in seine Art verfällt« und dann »wie die Heiligkeit selber auf der Straßen« geht. Auch ist ihre Ansicht interessant, daß es die älteren Priester seien, die dazu neigten, salbungsvoll zu sein. Positiv hat sie dagegen einen Menschen vor Augen, der unmittelbar zupackt, kein Obensein demonstriert und der es für keine Gnade hält, wenn er mit jemandem spricht. So ist der kastenfremde der »normale« Priester.

Der protestantische Diakon 2/405 zeigt, daß die evangelische »Sakralhierarchie« (wie jede Sakralhierarchie) natürlich mit den gleichen Problemen ringt.

»Ein wirklicher Priester soll für alles Augen und Ohren haben, mit der Zeit mitgehen, nicht viele Worte machen und nur von der Kanzel predigen. Es gibt da zwei Typen, den einen, der so denkt, und der andere, der viel Worte macht und immer Worte aus der Bibel zitiert oder aus den Psalmen, und dem die Menschen nach dem Mund reden.«

Die Feststellung, der Geistliche solle »nur von der Kanzel predigen«, zeigt an einem bestimmten Beispiel, daß er zwischen seiner Funktion und sich selber unterscheiden soll ein wesentlicher Grundsatz für jede Autorität. Schon bei unserem ersten Beispiel sahen wir in der Psyche des Kaplans einen Kampf zwischen seiner auf Verkastung der Priester abzielenden Versuchung und seinen kastenfremden Impulsen. Eine Priesterkaste in dem Sinn, daß alle Priester eine solche Kaste bejahen und leben würden, gibt es nicht. Doch die Tendenzen zur Kaste und ihr Darleben bestehen natürlich und die Ansätze hierzu sind festzustellen.

Unsere heutigen Priester sind mitunter ambivalent strukturiert, wobei eine Seite der Psyche zum kastenhaften Benehmen neigen mag, während die andere klar und nüchtern echte menschliche Gemeinschaft sucht.

Die Herrendistanz#

2/318 assoziiert zu »ein Herr«: »Ein Herr ist der, was andere befiehlt.« Und 2/411 assoziiert zum gleichen Reizwort einfach: »Befehl«, und 2/316: »Ja das, da kama Begriffe verstehen darunter, net; entweder das Geschlecht, der Herr und die Frau oder der Herr, da is, der was anschafft, der Vorsteher von Haus, und die andern san die Untergebenen.«

Mit dem Befehlen-können, »Anschaffen«-dürfen haben wir das konstituierende Moment des »Herrn« kennengelernt. In der konkreten Situation kommen noch andere Vorzüge hinzu: die größere Bildung, Familientradition usw. Trotzdem versuchen wir, hier möglichst die Vorrangigkeit des »Herrentums« isoliert zu betrachten.

Dem »Herrn« gegenüber steht jener, dem befohlen wird. Die Macht des jeweiligen »Herrn« ist verschieden groß. So eingeschränkt sie auch heute sein mag, so liegt doch jederzeit die Tendenz zur absoluten Herrschaft auf der Lauer. Entartet eine Herrschaft in dieser Richtung, so erhält der »Herr« göttlichen Nimbus, die Herrschaftlichkeit wird sakralisiert. Der Befehl des Herrn wird sakrosankt, und der Diener wird zum Sklaven. Bei vielen liegt auch eine Tendenz zu absoluter menschlicher Autorität als Gegebenheit vor, die im Vorgesetzten einen Gott zu sehen bereit ist. So sagt die Frau 2/510 zu »Generaldirektor«:

»Da brauch ich nur an den Generaldirektor von der Bundesbahn zu denken, da hat man immer so ein beklemmendes Gefühl, daß - der Mann ist Angestellter bei der Bahn - das ist der Vorgesetzte, der Gotthöchste bei der Bahn.«

In aggressiver Sicht wird ebenfalls die Gottheit mit den Vorgesetzten in Zusammenhang gebracht. 2/504 meint zu »Bonze«:

„Wenn ein Bonze glaubt, nur er allein ist heute auf der Welt, wird er sich täuschen. Das ist heute nicht mehr so, daß man sagen kann: Das ist unser Vorgesetzter, und das ist ein Bonze, den müssen wir anbeten, den müssen wir verhimmlichen und weiß ich was, auch dieser Mensch muß sich heute dem Volk nachgeben, und er muß sich einfügen in allem.«

Besitzt jemand diese quasi göttliche Autorität, dann ist es nur konsequent, wenn er auch Macht besitzt über Leben und Tod der »Untergebenen«. 2/103 erzählte über einen Verwandten in östlichen Bereichen, einen Feudalherrn:

„Er war der Herr, Herr über Leben und Tod, durfte nicht töten, sah es aber als Unrecht an, daß er nicht selber bestrafen kann, sondern zum Kadi gehen muß... das war eine Entwürdigung. Leibeigenschaft war aufgehoben, aber der Bauer war der Kleine. Bauer war das Schimpfwort...«

Die »Leibeigenschaft« war eine mildere Form der Sklaverei, die »Leibeigenen« eine freiere Ausgabe der »Sklaven«. Wie sehr die Tendenz zur absoluten Autorität unbewußt auf dem Sprunge ist, und mit ihr die Tendenz zur Versklavung, Instrumentalisierung der »Untertanen«, zeigt das Wort eines Mannes nennen wir ihn Minister , das tiefe Einblicke in den Mechanismus der Herrentümlichkeit gewährt. Wir wollen die Versuchsperson, da wir sie nicht der Gefahr von Schikanen aussetzen wollen, nicht nennen und auch den Vorgesetzten nicht näher bezeichnen. Wenn wir von Minister und Beamten sprechen, dann an Stelle anderer, aber durchaus analoger Bezüge. Es geht hier nicht um das Herausstellen einer bestimmten Hierarchie, sondern um das Problem der Herrentümlichkeit als solcher.

Der von der Versuchsperson berichtete und im obigen Sinn formulierte Ausspruch des Ministers lautet:

»Der E-Beamte ist die kleinste Schachfigur im Räderwerk des Staates.«

Dieser Ausspruch ist außerordentlich instruktiv. Wir können hier unsere Methode bis in subtile Details demonstrieren. Eine - unbewußte - Voraussetzung dieses Ausspruchs ist, daß der sogenannte Staatsbürger im Spiel bzw. im Räderwerk des Staates überhaupt nichts zu tun und zu sagen hat. Da nämlich schon der E-Beamte die kleinste Schachfigur ist, kommt jenseits von ihm nichts mehr, das mit dem Spiel, dem Getriebe des Staates etwas zu tun hätte.

Man könnte hier einwenden, daß der Apparat des Staates eben beim E-Beamten endet. Aber man kennt doch die Bedeutung, die angeblich die Regierung der Eigeninitiative, der tätigen Mitarbeit der einzelnen Bürger beimißt. Nun, davon merkt man in diesem Ausspruch wenig. Was nicht im direkten Machtbereich des Ministers liegt, hat nicht mit ihm zu tun. Aber dieser Aspekt, über den sich noch diskutieren ließe, bedeutet wenig gegenüber der Symbolik des gebrauchten Vokabulars. Denn hier verdichten (vermengen) sich zwei Bilder, deren jedes für sich mehr als genug spricht. Würden sich nämlich nicht zwei Bilder verdichten, würde vielmehr jeweils das einzelne Bild durchgehalten werden, dann würden die zwei Varianten folgendermaßen lauten:

»Der E-Beamte ist die kleinste Schachfigur im Spiel des Staates.«« »Der E-Beamte ist das kleinste Rädchen im Räderwerk des Staates.««

Wollen wir nun die beiden Aussagen genauer betrachten (5): Das Schachspiel ist der klassische Ausdruck der Zweikastengesellschaft Bauern und Offiziere, beide in je einer Reihe. Wir werden uns an anderer Stelle damit noch einmal befassen. Die ärmsten und kleinsten »Figuren« (Marionetten?) sind die Bauern. Wesentlich für sie ist ihre kleine Bewegungsfreiheit. Sie sind Instrumente in der Hand ihres Herrn. Diese Instrumentalität, mit ihrem Mangel an Spontaneität und Eigeninitiative unterstreicht die zweite Variante noch. Denn die unbewußte Voraussetzung, die durch das Bild »Räderwerk«« gegeben ist, besagt ja, daß der E-Beamte ein »Rädchen« ist, und zwar das kleinste Rädchen. Die Tatsache, daß die Vergleichselemcnte »Maschine« und »Apparat« sehr häufig gebraucht werden, macht den Vergleich, in dem sie verwandt werden, nicht besser. Wenn Dostojewski in seinen »Dämonen« es als etwas Fürchterliches hinstellt, wenn ein Mensch als Klaviertaste angesehen wird, hat er unbedingt recht. Zwar sollen alle Soldaten in allen Armeen »automatisch« gehorchen, und auch die Parteien haben ihre »Apparate«, doch sind alle diese Vergleiche, welche Menschen instrumentalisieren, unmenschlich und inhuman.

Wenn wir uns aber die Bedeutung des Verdichtungsvorgangs klarzumachen suchen, so erkennen wir einen unmittelbaren Ausdruck eines uneingestandenen sadistischen Affekts. Denn was geschieht, wenn die Schachfigur ins Räderwerk kommt? Sie hat kaum eine Chance des Überlebens, sie wird unweigerlich zermalmt.

Man könnte hier einwenden, die Schachfigur im »Getriebe« des Staates könne ja auch dieses stören. Denkt man jedoch daran, daß der E-Beamte die Schachfigur und das Getriebe der Staat ist, so ist die Sorge um die Schachfigur wohl berechtigter als die um das, ach so subtile Getriebe.

Hätte der Minister statt Schachfigur Sklave gesagt, dann hätte er nichts Schlimmeres sagen können.

Wir sehen hier: die Sklaverei stellt keineswegs nur noch ein Problem in Saudiarabien (6) oder in den Zwangsarbeitslagern der Sowjetunion dar, sie besitzt vielmehr eine konkrete mitteleuropäische wenngleich uneingestandene und verdrängte Realität. Natürlich besteht ein Unterschied darin, ob diese Sklaverei bewußt oder unbewußt intendiert wird, aber die gemeinsame Basis ist gegeben.

Auch im Sprachgebrauch kirchlicher Verlautbarungen sollte sorgfältig vermieden werden, Gruppen von Angehörigen der Kirche zu instrumentalisieren und wie es vorgekommen ist etwa zu sagen, die Laien seien »ein Instrument in der Hand der Hierarchie«. Ist es doch nicht gerade erhebend zu wissen, daß in dieser Formulierung nachweisbar Begriffsmerkmale nachgeistern, die Aristoteles bei seiner Definition des Sklaven verwandt hat.

Auch die uns von einem Ohrenzeugen berichtete, vor wenigen Jahren in Spanien von Seiten einer hohen kirchlichen Instanz gefallene Äußerung, Sache des katholischen Laien sei ausschließlich der Gehorsam gegenüber der Kirche, könnte mindestens nördlich der Pyrenäen erstaunte Fragen auslösen. Nun verliert das Herrschaftsmoment nicht etwa deshalb seine Bedeutung, weil der Vorgesetzte selbst Arbeiter ist, ein Arbeiterführer etwa oder ein sozialistischer Parteiminister. Das Herrentum als Befehlsbasis wird es wohl bis ans Ende der Zeiten geben. Aber es ist ein sehr großer Unterschied, in welchem Sinn eine solche Herrschaft sich darstellt. Die Problematik des Befehlsmoments tritt besonders dann hervor, wenn der Vorgesetzte sozialistisch oder gar kommunistisch geprägt ist. Denn der marxistisch geprägte Arbeiter hegt die Erwartung, daß es im sozialistisch geprägten Raum keine Befehlenden geben könne. Zwar hegt er diese Erwartung nicht bewußt, doch ist für ihn die Erfahrung einer Autorität, die nicht »kapitalistisch« ist, keineswegs immer sehr erfreulich.

Der sozialistische Funktionär 1/18 wurde gefragt, wie es mit dem Verhältnis zwischen Angestellten und leitenden Beamten innerhalb der (von den Sozialisten geführten) Gemeinde Wien bestellt sei. Diese Frage machte ihn außerordentlich nervös. Obwohl er sich zuerst ziemlich beherrscht verhielt, begann er nun, sich beunruhigt auf den Schenkel zu klopfen, und meinte, es ginge halt nicht ohne Autorität. Konsequent auf den Ursprung der Nervosität zielend, fragte der Psychologe, was er dazu sage, daß es in den USA Betriebe gäbe, in denen die Arbeiter ihren Chef am Morgen mit »Hallo Boss!« begrüßen. Er sagte daraufhin nur sehr irritiert: »So, das gibt es?« und war offenkundig sehr beunruhigt. Dies zeigt eindeutig, daß die Sozialisten in der Herrenfunktion keinen neuen Herrschaftsstil zu prägen imstande waren. Es scheint im Gegenteil so zu sein, daß das Sekundärherrentum gegenüber dem heutigen primären einen eher schlechteren Stil besitzt.

Neben der genannten Bestimmung des »Herrentums« gibt es aber noch andere. Denn zum Teil Jahrhunderte alte Herrschaftsformen haben einen Stil des Herrentums geschaffen, der auch heute noch sehr kräftig nachwirkt. Das »Herrentum«, das sich vom Rittertum ableitete, hatte als Kennzeichen Reitpferde, später dazu den Stiefel als Relikt der Rüstung, Hunde, die man zur Jagd benötigte. Das Auto kennzeichnet eine ganz andere Form des »Herrentums«, hat aber in seiner Bedeutung das Reitpferd noch nicht völlig verdrängt. »Hoch zu Roß« heißt, auf einem Tier sitzend, auf andere hinunterzuschauen, sie daher auch zu überschauen und ihnen so besser Befehle geben zu können. Neue, aufstrebende Schichten sehen es als besonders herrentümlich an, wenn sie sich ein Reitpferd halten können und Pferderennen besuchen. Hier verdient angemerkt zu werden, daß sich mit dem Begriff des Offiziers eine fast unbeschränkte Befehlsgewalt verbindet. Gerade das Stichwort Offizier sowie das darin noch enthaltene Feudalmoment leiten uns hin auf eine gewisse Form des äußeren Gehabens: Großsein und Obensein im übertragenen Sinn haben eine tiefenpsychologisch begründete Relation zueinander. Die Größe wird voll zur Geltung gebracht durch die Steifheit der militärischen Haltung. Es ist die dem Menschen nicht wirklich adäquate (Portmann) Haltung völlig aufgerichteter Strammheit (7). Ist der Betreffende groß, vermag er natürlich voll aufgerichtet auf den andern hinunterzuschauen. Ist er jedoch klein, muß er sich sogar etwa zurückbeugen, um die Haltung »von oben herab« aufrechthaltcn zu können. Vom Standpunkt eines solchermaßen traditionellen Herrentums und seiner Sekundärtypen aus kann natürlich ein Arbeiter oder ein Bauer niemals ein »Herr« sein, denn die Bauern waren zum Großteil einmal Leibeigene. 2/212, ein Bauer, meint auf die Frage, wie er sich das Essen mit einem Generaldirektor vorstellt:

»Die Gelegenheit werden wir gar nicht haben, mein' ich. Weil ich schon die Gelegenheit gehabt hab', auf den Generaldirektor zu warten. Da ist dorten Gemeinschaftsküche. Und da hat's geheißen, die Bauern können da essen, die Herren essen drüben im Speisesaal.«

Illustrativ ist auch die Erzählung einer Frau, 2/202, die im Geschäft einer Baronin gearbeitet hat:

»Der Baron und die Baronin haben nur nebeneinander gelebt. Sie haben gar nicht z'ammpaßt, die zwei. Sie war mehr so rechthaberisch und groß und stark in erster Linie, und er war mehr so ein schmächtiges Mandel, und er war wirklich ein feiner Mensch, so im Benehmen und so, wirklich fein, obwohl wir ja nur. . . eine Bedienerin haben sie g'habt, wenn sie kommen ist bei der Tür, hat er ihr den Vortritt lassen oder mir. Er war sehr, trotz allem, was mich auch nicht sehr berührt hat, das einzige, was mir auch nicht gefallen hat: Da hab ich jemandem die Tür aufgemacht... ein Arbeiter... ich sage: ,Herr Baron, ein Herr ist draußen...' Wie er schon fort war, hat er gesagt: ,Sie haben gesagt, ein Herr. Ein Arbeiter!' Aber sonst hat er nie so irgendwie, wir waren ja auch Arbeiter... Das hat damals nicht zu ihm gepaßt, das hat mich damals irgendwie berührt ... Hat Selbstmord begangen wegen organischer Leiden.«

Wenn wir sagten, daß sich mit Oben und Unten symbolische Affekte verbinden, so wird es auch verständlich, daß das Aufheben von Gegenständen gleichsam untertanhaft ist. Beim Aufbau einer indischen Industrie ergibt sich unter anderem die Schwierigkeit, daß brahmanische Arbeiter nicht bereit sind, hinuntergefallene Werkstücke aufzuheben, dies wäre unter ihrer Würde. Hierzu sind eigene Pariakolonnen nötig (8). In diesem Zusammenhang ist die Äußerung von 2/206 interessant:

»Wenn Sie jetzt einer höheren Kaste angehören, werden Sie nie ein Papierl, das Ihnen selber runtergefallen ist, aufheben, das muß ich aufheben.«

Ein sehr wesentlicher Aspekt der Herrentümlichkeit ist die Stellung des Herrn zur Frau. Nicht umsonst ist die Herrentümlichkeit vom Männlichen her bestimmt. Wenn etwa 2/211 zu »ein Herr« assoziiert: »Verheiratet, wenn man ist«, so zielt er auf die Tatsache, daß ein Mann gleichsam »Herrentümlichkeit« gewinnt, wenn er heiratet. Dies trifft zweifellos in der patriarchalen Gesellschaft zu, in der die Frau beherrscht wird. Der Mann erwirbt mit der Frau einen Herrschaftsbereich, wenn auch oft nur theoretisch. Umgekehrt suchen die Frauen das Herrentümliche auch wohl nur in der patriarchalcn Gesellschaft. 2/309 meint daher auch nicht vollständig unrichtig, wobei sicher ein Ressentiment mit anklingt, zu »ein Herr« nach 10 Sekunden:

ja, da erinner' ich mich... an, an Weiber, die es so schätzen, die das als eine Auszeichnung... Sie sagen immer: ,Ach er ist ja ein Herr' .. Und der Ausdruck dieser Frauen ist also... meistens hat das... so ir... mikrig sexuell... sag ma, die also doch gern kujoniert werden.«

In der patriarchalen Gesellschaft ist es so für den großen Herrn auch typisch, daß er sich unter Umständen mehrere Frauen »leisten« kann.

1/302: »Stalin, einer der größten Diktatoren, er hatte sechs Frauen.« Das stimmt zwar nicht, gehört aber in der Vorstellung der Versuchsperson offenkundig zu seiner Größe.

Nicht nur in der mohammedanischen Gesellschaftsordnung haben die großen Herren mehrere Frauen, sondern früher oft auch in der europäischen. Es gehört auch heute noch natürlich inoffiziell bis zu einem gewissen Grad zur Herrentümlichkeit. In diesem Sinn herrscht auch unter vielen »Herren« eine tiefere Übereinstimmung, die eine stillschweigende Voraussetzung für viele Gespräche in sogenannten »Herrenzimmern« abgibt.

Die Freiheitsdistanz#

Im allgemeinen hat der, der das Recht zum Anordnen besitzt, einen größeren Freiheitsspielraum als der, dem befohlen wird. Doch ist die größere Freiheit die Möglichkeit zu tun, was einem gerade beliebt nicht einfach identisch mit einem höheren Grad an Herrschaftlichkeit. Solche Freiheit ist bis zu einem gewissen Grad mit Selbständigkeit verbunden, und diese Selbständigkeit finden wir beim freien Beruf, beim Industriellen, Geschäftsmann, heutigen Bauern usw. 1/204 erklärt stolz:

»Als freier Bauer bin ich ungebunden, der Bauer ist selbständig.« Ähnlich r/401: »Der Bauer ist ungebunden, er kann machen, was er will, nur an die Arbeit ist er gebunden.«

Der Nachsatz zeigt aber die Problematik. Selbständigkeit ist ein Kastenvorzug, der zur Fundierung von Selbstbewußtsein beiträgt, also auch beim Unselbständigen zur Konstituierung von Minderwertigkeitsgefühlen. Die Selbständigkeit ist staatlicherseits weniger kontrollierbar. Das Schlagwort vom »freien« Bauern hängt wohl damit zusammen, aber auch die Erfahrung des Frondienstes, die heute noch nachwirkt. 2/506:

»Unfreie Menschen waren früher zum Beispiel die Bauern, die Frondienste leisten mußten. Ihnen gehörte nichts, nicht einmal das eigene Leben.«

Es gibt aber eine besondere Form der Freiheit, die auch mit einem besonderen Ressentiment besetzt erscheint. Die oben genannten Berufe zeichnen sich dadurch aus, daß sie Freiheit von der autoritativen Anordnung besitzen, daneben gibt es Berufe und Menschengruppen, die frei von der Ortsgebundenheit sind. Das geht wieder zum Teil mit Freiheit von der autoritativen Anordnung einher. Diesen Freiheitsstil pflegen die Nomaden, und auch in unserer Gesellschaft gibt es Gruppen von Personen, die sich durch eine solche Bewegungsfreiheit auszeichnen. Man darf nicht übersehen, daß die Einschätzung, die diese Gruppen vor allem auf dem Land erfahren, häufig stark von Neid durchsetzt ist. Zwischen dem wandernden Volk und den Proletariern besteht eine innige Beziehung. Historisch gesehen, lösen die Proletarier das fahrende Volk als Projektionsempfänger ab. Beiden gemeinsam ist die Besitzlosigkeit und die Freiheit auch von Konventionen und Bindungen. Dies macht sie verdächtig, anrüchig, gefährlich und faszinativ. So kommt es wohl, daß der Kleinlandwirt 2/514 zu der Frage nach einem Ehepartner für seine Kinder erklärt:

"Schleifer und Herumzieher jeder Art werden für mich und die Kinder abgelehnt."

Und 2/513, ein Mittelbauer, meint zur gleichen Frage:

»Schwiegertochter vom Bauernstand. Soll nit vom Adelsstand sein. Dürfte auf keinen Fall Kommunistin oder Zigeunerin sein.«

Die Frau eines Arbeiters 2/518 schließlich äußert sich zur Frage einer Schwiegertochter:

»Auch die Schwiegertochter sollte aus bürgerlicher Gruppe kommen oder wenn sie Angestellte ist oder Verkäuferin. Sie muß brav sein und arbeitswillig, daß sie einmal zu was kommen. Nicht kommen dürfte sie von Schleifern oder so irgendeiner Rasselbande.«

Wenn ein Selbständiger nicht über einen Stab von Mitarbeitern verfügt, erzeugt er viel weniger Ressentiments, da die Unsicherheit seines Berufs einen Großteil der Bevölkerung stört und ihm somit das Moment der Herrentümlichkeit abgeht. Freiheit, Ungebundenheit in dem Sinn, daß der Betreffende nicht an einen bestimmten Ort fixiert ist, und Freiheit im Sinn von selbständigem Beruf haben vieles gemeinsam.

Das Moment der Freiheit ist ein Wert, der kaum zum Zentralwert einer Kaste wird, jedoch als Zusatzwert, gemeinsam mit anderen, wirksam werden kann. Theoretisch ist natürlich die Kastenbildung um den Freiheitswert möglich. Daß er sehr intensiv das Selbstbewußsein der Nomaden mitbestimmt, ist fast sicher anzunehmen.