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Vermögens- und Bildungsdistanz#

Die Vermögensdistanz#

Die überaus großen Möglichkeiten, die eine große Menge von Geld und Besitz bieten, die Werte, die man sich auf dieser Basis anzueignen vermag, legen eine Verabsolutierung des Vermögens als eines Sozialwerts nahe. Die Habenden und die Nichthabenden stehen dann einander gegenüber, wobei der Unterschied zwischen beiden eigentlich ein fließender ist, denn welcher Grad des Vermögens schafft die Grenze? Zwar gibt es äußere Anzeichen des Reichtums genug, doch keines ist wirklich verbindlich. Jede Schranke auf Grund des Vermögens bedeutet somit etwas Willkürliches. Die psychologische Realität der Schranken ist deshalb allerdings nicht weniger bedeutsam. Hierzu ist eine Stelle bei Karl Marx sehr bezeichnend:

»Was durch das Geld für mich ist, d. h., was das Geld kaufen kann, das bin ich, der Besitzer des Geldes selbst. So groß die Kraft des Geldes, so groß meine Kraft. Die Eigenschaften des Geldes sind meine - seines Besitzers - Eigenschaften und Wesenskräfte. Das was ich bin und vermag, ist also keineswegs durch meine Individualität bestimmt. Ich bin häßlich, aber ich kann mir die schönste Frau kaufen. Also bin ich nicht häßlich, denn die Wirkung der Häßlichkeit, ihre abschreckende Kraft, ist durch das Geld vernichtet. Ich - meiner Individualität nach bin ich lahm,- aber das Geld verschafft mir 24 Füße: Ich bin also nicht lahm; ich bin ein schlechter, unehrlicher, gewissenloser, geistloser Mensch, aber das Geld ist das höchste Gut, also ist sein Besitzer gut, das Geld überhebt mich der Mühe unehrlich zu sein, ich werde also als ehrlich präsentiert; ich bin geistlos, aber das Geld ist der wirkliche Geist aller Dinge, wie sollte sein Besitzer geistlos sein! Zudem kann er sich die geistreichen Leute kaufen, und wer die Macht über die Geistreichen hat, ist der nicht geistreicher als der Geistreiche! Ich, der durch das Geld alles, wonach ein menschliches Herz sich sehnt, vermag, besitze ich nicht alle menschlichen Vermögen! Verwandelt also mein Geld nicht alle meine Unvermögen in das Gegenteil?« (9)

Hier wird natürlich sehr vereinfacht. Denn das Geld ändert andere Werte in Wirklichkeit nicht, ermöglicht aber in gewissem Maß deren Akkumulierung. Wer sich einen akademischen Grad kauft, erlebt immer noch eine Diskrepanz zwischen seinem tatsächlichen Können und dem Titel, den er trägt. Und wer sich einen Grafentitel in San Marino ersteht, erhält damit in Wirklichkeit noch keinen uralten adeligen Stammbaum. Allerdings kann ein Reicher bereits ein halbwegs intelligentes Kind studieren lassen, ein Armer jedoch sein begabtes häufig nicht. Vermögen ist zweifellos ein echter Wert, der erhöhte persönliche Chancen gibt.

Gilt Finanzkraft im Gesellschaftsleben häufig als ein Wertmesser persönlicher Tüchtigkeit, so trifft dies im wissenschaftlichen Raum in ungleich geringerem Grad zu. So wichtig also das Vermögen sein kann, so spielt es in der affektiven Kastenordnung keineswegs jene absolut dominierende Rolle, die ihm der Marxismus zuweist.

Eine Gruppe, in der aus naheliegenden Gründen der Besitz eine große Rolle spielt, sind die Bauern. 2/318 hat gegenüber den Großbauern das unangenehme und ihm peinliche Gefühl, nicht recht mitzukommen. Er hebt stolz die Tatsache hervor, daß es ihm als einzigem Kleinbauern gelungen sei, sich anläßlich eines bestimmten Ereignisses mit den Großbauern an einen Tisch zu setzen. Er erzählt dabei eine höchst aufschlußreiche Geschichte von einem Ort, in dem vier Großbauern ansässig sind. Sie treffen jeden Tag im Gasthaus zusammen und lassen sich, streng abgeschlossen von den andern, an einem Tisch nieder. Als Symbol ihrer Rangfolge legen sie ihre Hüte so auf den Tisch, daß der Hut des kleinsten Bauern zuunterst, der des größten ganz oben zu liegen kommt, und bezeichnen damit eine genaue Rangreihe des Besitzes. Der Bauer und der Arbeiter werden von dieser Versuchsperson sozial wenig unterschieden, auch die Differenzierung zwischen qualifizierten und unqualifizierten Arbeitern fällt weg. Bauer und Arbeiter, »die g'hören z'amm«, wie er sagt. Dementsprechend hat er nichts dagegen, seine Töchter Arbeitern zu Frauen zu geben. Und sicherlich stimmt es auch, daß er im Gasthaus, das er offenbar täglich aufsucht, mit Arbeitern zusammenkommt, sogar häufiger als mit Bauern, und daß er einen Arbeiter als seinen besten Freund bezeichnet.

Auch der wohlhabende sozialistisch wählende Malermeister 2>319 untermauert sein Selbstbewußtsein nicht ohne Selbstzweifel mit seinem Vermögen. Der Begriff »Besitzlosigkeit« wird abwertend gebraucht. Damit sucht er auch die verarmte Oberkaste zu treffen und kann über sie triumphieren: »A Graf war mit wurscht... in der heutigen Zeit san alle verarmt.« Er hat daher auch beim Essen »überhaupt keine Hemmungen heutzutag«! Ebenso wird der Baron, ähnlich wie oben der Graf, mit dem Hinweis, er sei ein »Habenichts«, abgewertet, und »Hofrat« ist ein »Titel ohne Mittel«.

Zum Wertbild des Sozialismus gehören die »kleinen Leute«, also in seinem Sinn die Nicht-Besitzer. Daher nennt sich der sozialistisch wählende Bauer 1/112 zum Beispiel einen »Häusler« (obwohl sein Grundbesitz gar nicht so klein ist), während »die Bauern« von der anderen Partei vertreten werden. Er wählt seine Partei, weil er in gewissem Sinn antikirchlich eingestellt ist. Damit er zu den aus antikirchlichen Gründen gewählten Sozalisten paßt, muß er vor sich selbst die Größe seines Besitzes abwerten. — 1/5 erzählt:

»In der Zeit, wo Vater ein armer Hascher war, hab ich sehr gelitten. Ich hatte Minderwertigkeitsgefühle, als ich als Beamter hineingekommen bin« (in den Staatsdienst). »Auch in der Schule behandelte man die Kinder der Reichen besser. Ein Professor erklärte einer Mutter: ,Wenn man kein Geld hat, läßt man keine Kinder studieren.'«

Ein wenig eingestandenes Motiv des Neides den Reichen gegenüber sind deren 'bessere Wettbewerbsbedingungen bei den Frauen. Karl Marx hat diese Seite der Problematik in der zitierten Stelle angedeutet. 2/501 meint:

»Die Frauen streben nach oben. Sie wollen den höheren Ständen angehören, da sie nach Besitz und Reichtum streben. (Sic meinen) ... ihres schönen Körperbaues wegen Recht auf Besitz zu haben.« In einigen Fällen wird sogar die Terminologie sexuell, so, wenn etwa gesagt wird, daß ein Reicher die Frauen besser »befriedigen« könne. Reichtum wird dergestalt zum Potenzsymbol. Schließlich sind auch die Modifikationen der Auszahlung des Gehalts wertbestimmend. Taglöhner, Wochenlöhner, Monatslöhner stellen eine aufsteigende Reihe dar. Bei 2/303 führt der Wunsch, auch zum Angestelltenstand zu gehören (er ist ihm nicht in Erfüllung gegangen), zu einer rationalen Abwertung der Angestellten:

»Der Unterschied ist nur noch, daß er durch seine monatlichen Bezüge anders bezahlt ist als der Arbeiter. Der Angestellte als solcher hat heute nicht mehr die Bedeutung, die er, sag' ma, vor 20 oder 30 Jahren gehabt hat... er muß gar keine große Schulbildung mehr haben usw.«

Wenn er den tatsächlichen Unterschied zwischen den beiden Kategorien auch nicht sieht, sondern auf eine sekundäre Differenz hinweist, so trifft er damit doch etwas Reales. Dem Wochenlöhner wird von der Gesellschaft gewissermaßen nicht zugetraut, daß er haushält. Man halt ihn für so infantil, daß er dazu nicht imstande ist. Wenn 2/204 zu "dreckiger Prolet« bemerkt:

»Ich stell mir da vor einen, der seinen Lohn sofort verjuxt«,

dann wird ein auf diese Art haltloser Typus geschildert. Wir sehen die Straßenkehrer nicht als etwas Negativeres an als andere Menschen, aber auch nicht als etwas Besseres. Wenn also die Straßenkehrer Monatslohn moralisch vertragen, warum nicht auch die Mechaniker und Elektriker? Die wöchentliche Auszahlung ist unter anderem sicherlich ein Rest jener Einschätzung der »Proleten«. Das mangelnde moralische und intellektuelle Vertrauen, das der Wochenlohn ausdrückt, wird noch ergänzt durch ein anderes Moment. Der Wochenlohn erreicht selten eine solche Höhe, daß der, der ihn nach Hause bringt, dabei auch einen großen Geldschein erhält. Ganz anders beim Monatslohn. Mit dem großen Schein nimmt man teil an der »großen Welt«, die dem Wochenlöhner unerreichbar erscheint, es sei denn, er spare eifrig. So hat auch die Vermögensschranke vielfältige Aspekte. Die Arroganz derer, die über einen »Haufen Geld« verfügen, steht dem Ressentiment derer, für die dies nicht gilt, häufig gegenüber. Selten gibt es hier eine freie Haltung, 1/111 besitzt sie in einem gewissen Grad:

»Besser, es gibt Reiche und Arme, als nur Arme. Mit der Enteignung hört der Wille zur Arbeit auf.« Dann meint er weiter: »Wenn ich viel verdien', bin ich doch hochgestellt. Andere sollen glücklich werden damit, Hauptsach ist, daß ich das verdien, was ich brauch.«

Sein dazwischenschießendes, etwas aufbegehrendes »Wenn ich viel verdien', bin ich hochgestellt«, das nicht in die Logik des Satzes paßt, durchbricht mit aggressivem Ton die innere Unabhängigkeit andeutenden anderen Satzteile. Die Ambivalenz durchbricht also auch diese Aussage, doch gibt es wenigstens eine gutmütig resignierende Seite, die den Vordergrund des Bewußtseins beherrscht.

Der Vermögensmaßstab als Zentralwert einer Gruppe ist auch dann gegeben, wenn der Mangel an Vermögen als verbindender Zentralwert gilt. Wenn der oben erwähnte sozialistische Bauer 1/112 meint, »tiefstapeln« zu müssen, um in die erwählte Partei zu passen, dann zeigt dies, daß er es für notwendig hält, seine Position entsprechend der Antivermögensposition seiner Gruppe ausstaffieren zu müssen.

Die Bildungsdistanz#

Die Bäuerin 2/317 hat unbedingt Respekt vor der Bildung; dies wird auch in ihrem Verhalten zum Versuchsleiter ziemlich deutlich. Eine mißverstandene (!) Frage beantwortet sie dahingehend, daß sie sich einem Akademiker gegenüber schon bescheiden benehmen würde, »weil's schließlich do .. .« Hier bricht sie den Satz ab, aber er ist klarerweise so fortzusetzen: »viel gebildeter sind als ich.« Im Assoziationstest spiegelt sich ihre Hochachtung vor dem Akademiker: »Dipl.-Ing.« — »studiert«; »Doktor« — »studiert«; »gebildet« — »Doktor« usw. Sie setzt sich hier in eine untergeordnete Situation, weil sie den Anspruch auf Bildung nicht realisieren konnte. Der Akademiker repräsentiert denjenigen, der das erreicht hat, was sie selbst einmal angestrebt hatte.

Die starke Anfangserregung, die bei ihr während der Untersuchung zu bemerken ist, ist mit ihrem ausgeprägten Intelligenzkomplex in Zusammenhang zu bringen. Sie hat Angst, falsche Antworten zu geben, wenn ihr beim Assoziieren nicht sofort ein Einfall kommt. Sie regrediert auf die Schülerinrolle und glaubt, geprüft zu werden. Die offensichtliche Angst, sie könnte sich bei der Untersuchung blamieren, und es könnte sich herausstellen, daß sie zu wenig weiß, um den Anforderungen der Untersuchung zu entsprechen, dürfte die eigentliche Ursache für schwere Hemmungen bilden. Sie äußert sich auch nachträglich höchst deprimiert darüber, daß sie nichts gewußt hätte und daß sie sicher nicht den Erwartungen entsprochen habe. Das Bewußtsein der Bildungsunterlegenheit läßt sich bei ihr insofern erklären, als sie ursprünglich nicht Bäuerin werden, sondern die Lehrerbildungsanstalt besuchen sollte, denn sie hatte in der Schule ausgezeichnet gelernt. Gegenüber dieser ursprünglich angestrebten Ausbildung ist sie auf einem reduzierten Bildungsstand verblieben, der ihr bewußt ist. Der Intelligenzkomplex ist ausgeprägt. Zum Begriff »unintelligent« fällt ihr zunächst überhaupt nichts ein, die Reaktionszeit ist auf 19 Sekunden verlängert (die zweitlängste des ganzen Tests), und dann folgt eine dem Affekt wirklich entsprechende Assoziation, die bisher alle Versuchspersonen gemieden haben. »A . . . Fallt ma nix ein« und nach Aufforderung »ich selbst«. Auch die Reaktionen zu »dumm« und »gescheit« sind etwas verlängert, ebenso zu »gebildet« und »ungebildet«. Der Bildungskomplex steht immer in engem Zusammenhang mit der Angst, nicht genug intelligent zu erscheinen, weil Wissen und Intelligenz m einen kausalen Zusammenhang gebracht werden, wie auch die Assoziation »gescheit« — »viel gelernt« beweist. Die Industriellengattin 2/313 ist ausgesprochen bildungsbeflis- 75

sen und versucht stets, ihre nicht ganz intakte Bildung (deswegen auch ein Komplex) zu ergänzen. Die Vielzahl der Akademiker ihrer Bekanntschaft ist neben dem Aspekt, von ihnen Wissen zu erwerben, wohl auch ein Aushängeschild nach außen, das die in der Familie nicht vorhandene akademische Bildung ersetzen soll. Sie fühlt sich zwar affektiv selbstverständlich der Oberkaste angehörig, entwickelt jedoch große Komplexe gegenüber Bildung und Intelligenz, während sie finanziell und von der Herkunft her (zumal ihre Mutter sich als durchaus oberkastig gefühlt hat, wie wir während der Untersuchung erfahren) weniger affekt-gebunden erscheint. Rational wird von ihr die Bildung am höchsten gewertet, wie auch aus ihrer Bemerkung hervorgeht, daß sie als Hauptkritcrium für die Unterscheidung der Kasten die Bildung ansähe. Tatsächlich bedeutet ihr rationale Bildung, gewissermaßen aufgeklärte Bildung, vor allem enorm viel. Sie entwickelt hier einen starken Komplex, wie auch der Assoziationstest veranschaulicht. Alle Reizwörter bezüglich Bildung haben eine verlängerte Reaktionszeit, und Bildung wird als wesentlicher Wert immer wieder hervorgehoben. Der Offizier zum Beispiel erfährt eine Abwertung mit dem Hinweis, daß er nicht wißbegierig sei. (Dies ist typisch für ihren durch und durch rationalen Charakter). Vom Geschäftsmann meint sie, daß er meist einseitig nur auf eine Sparte bedacht sei, und beim Wort »Akademiker« produziert sie:

»Da ich auch geistige Interessen habe, wird er mich in eine Sphäre führen, worüber es zu reden wieder ein Vergnügen sein wird.«

Der Maschinenschlosser 2/310 besitzt keine Bildung, die sich gewissermaßen durch Zeugnisse ausweisen läßt. Er besitzt jedoch eine sehr gute Ausdrucksfähigkeit. Es ist daher kein Wunder, wenn für ihn die sprachliche Überlegenheit geradezu das Mittel sozialer Deklassierung unterer Schichten wird. Vom Proletarier, der für ihn affektiv eine Realität ist, den er scharf abwertet, weil er die Konstruktion unterer Schichten braucht, um selbst »oben« sein zu können — er ist sogar bereit, den Ausdruck »Prolet« als Schimpfwort zu gebrauchen, was von den weitaus meisten Versuchspersonen vermieden wurde —, sagt er:

„Wenn heute einer kommt und ihm ein bissl geistig überlegen ist und das in Worten ausdrücken kann (!), dann führt er ihn an die Wand.«

Er assoziiert charakteristischerweise: »Vornehm« — »ich finde, daß das mehr angeboren ist, als daß man das anerziehen kann, also sich als gut ausdrückender und der Umwelt, woll'n ma sagen, angenehm erscheinender Mensch.« »Proletarier« — »ja, sehr einfacher Mensch, sich gewöhnlich ausdrückender Mensch und meistens mit Schlagworten zu eherrschender.« »Gewöhnlicher Mensch« — »ein sich ordinär ausdrückender Mensch.«

Intelligenz ist ein Attribut, das er ohne weiteres für sich geltend machen kann, ohne mit der Realität in (starken) Konflikt zu geraten. Sie wird daher für ihn überhaupt zum zentralen Merkmal des Obenseins, jedoch nicht so sehr die Intelligenz schlechthin als vielmehr ein spezifischer Faktor, der den Schwerpunkt seiner eigenen Begabung bildet, nämlich die verbale Intelligenz. Zweifellos ist er — in Anbetracht seines Berufs und seiner Vorbildung — auf verbalem Gebiet ungemein gewandt, und dieses aus dem Selbstbild entnommene Kennzeichen wird zum wesentlichen Merkmal der Oberposition in Hinsicht auf Kasten. Die Akzentuierung des verbalen Ausdrucks als Bildungskriterium ist natürlich aus seiner Situation zu verstehen.

Schon diese wenigen Versuchspersonen zeigen eine komplexe Bestimmung der Bildungsdistanz. Sie besitzt etwa folgende Komponenten:

1. Institutionalisierende Titel, Matura (Abitur), akademische Graduierung usw.
2. Sprachliche Ausdrucksfähigkeit, Verwendung von Hochsprache, großer Reichtum des Wortschatzes, Gewandtheit des Ausdrucks.
3. Gepflegtes, kultiviertes Benehmen, Versiertheit und Sicherheit, Weltgewandtheit.
4. Intelligenzbeweise, etwa Nobelpreis, Leistungen wie Bücher- und Artikelschreiben usw.
5. Originalität, Genialität.

Natürlich erfährt nicht jedes dieser Momente die gleiche Schätzung. Jene, die man sich selber zuschreiben kann, werden gerne in besonderer Weise herausgestellt. Der Schlossermeister 2/303 meint zu »Hilfsschüler«:

»Ein Kind, das irgendwelche Nachhilfestunden braucht.« (Nach Aufforderung) »Vielleicht irgendwie nicht entwickeltes Kind.«

Zu dieser Assoziation benötigt er 52 Sekunden. Er weist einen wenn auch nicht sehr schwerwiegenden Intelligenzkomplex auf, wie die verlängerten Reaktionszeiten bei den Reizwörtern »unintelligent« und »Hilfsschüler« zeigen. Stärker noch tritt eine affektive Unsicherheit gegenüber der Bildung auf. Er schätzt sie sehr hoch ein und ist daher für seine eigene Person unsicher. Auf Reizwörter, die einen diesbezüglichen Aufforderungscharakter haben, reagiert er meist mit verlängerten Reaktionszeiten, wie zum Beispiel auf »Gewöhnlicher Mensch« — »Leute mit geringer Schulbildung (!)« in 12,5 Sekunden. Nach »ungebildet« assoziiert er »dumm«, und nach Aufforderung, weiter zu assoziieren, »beschränkt«. Die Reaktion ist auf 24 Sekunden verlängert, er stöhnt dabei und rutscht auf dem Sessel herum. Der Akademiker nimmt in seinem Kastensystem die höchste Stelle ein, er stellt die Spitze der Pyramide dar, aber stärker in seinem rationalen System als im affektiven. Er wehrt sich natürlich auch hier gegen die Überlegenheit der Akademiker, die er ja im Beruf zu spüren bekommt: »Es ist schon so, daß der akademische Grad nicht das Privileg einer geistigen Überlegenheit der anderen Schicht ist«, und er meint, daß von 100 Akademikern nur 50 oder 60 es »im Leben zu etwas bringen werden«. Aber auf der anderen Seite werden die Intelligenzberufe zu den erstrangigen gezählt, wie aus der betreffenden Assoziation hervorgeht. Und seine Tochter möchte er auch am liebsten einem Akademiker zur Frau geben.

Die Akademiker sind bei ihm die Kaste, bei der rationale und affektive Bewertung am ehesten übereinstimmen. Bildung hat für ihn, wie bereits eingangs erwähnt, einen außerordentlichen Wert, Bildung wird auch noch am ehesten als Privileg anerkannt, vermutlich deshalb, weil hier ein rational überzeugendes Motiv für die Oberkastigkeit vorhanden ist. Außerdem erscheint ihm Bildung nicht unbedingt als geburtsgebunden; es liegt immerhin in der Möglichkeit jedes Menschen, einen akademischen Grad zu erwerben.

Die Bildung in ihren verschiedenen Formen ist also von einer sehr wesentlichen Bedeutung. Ihre Institutionalisierung ist von großer Wichtigkeit für das mögliche Abschließen der »Gebildeten« von der übrigen Bevölkerung. Der Künstler 2/309 zeigt dies in seiner Assoziation zu »Akademiker«:

»A, das hat was Unangenehmes... der Akademiker hat was von Hochmut und von... von, doch was, am ehesten was von Farbe-Tragen und... von Kastengeist... jedenfalls auch etwas nicht ganz eng Gestecktes... ja, ja, da denk ich am ehesten, also als Bildeindruck, an, an diese prominierenden Käppis oder Lesung von Kolben-heyer da in Linz ... es war ein Angsttraum, ein Gestalt gewordener ... die ganzen G'sichter, die man schon nicht, die so untergegangen sind in... waren alle wieder da, an die man sich aber glaubte zu erinnern.«

Die exklusiven Studentenverbindungen sorgen gerade durch ihre Uniform für eine betonte Distanzicrung von der übrigen Bevölkerung. Der Bildungsprotz ist eine sehr unangenehme Figur. Ludwig Thoma schildert ihn sehr anschaulich. Die Mutter des Lausbuben Ludwig und er selbst erhalten Besuch von Ludwigs Schwester und Schwager (einem früheren Mittelschulprofcssor des Lausbuben), die ihr Kind mitbringen (10):

"Meine Mutter und die Marie haben das kleine Mädel an der Hand geführt. Der Bindinger ist hinterdrein gegangen. Über die Stiege hinauf haben sie schon lebhaft miteinander gesprochen, und meine Mutter sagte immer: ,Also da seid ihr jetzt Kinder! Nein, wie das Mimili gewachsen ist! Das hätte ich nicht für möglich gehalten.' Ja, gelt Mama, du findest auch? Alle Leute sagen es. Doktor Steininger, unser Arzt, weißt du, findet es ganz merkwürdig, nicht wahr, Heini?'

Dann hörte ich dem Bindinger seine tiefe Stimme, wie er sagte: ,ja/ es gedeiht sichtlich, Gott sei Dank!'« (Die demonstrativ gewählte Aussage!) Meine Schwester gab mir einen Kuß, und der Bindinger schüttelte mir die Hand und sagte: ,Ach, da ist ja unser Studiosus! Der Cäsar wird dir wohl einige Schwierigkeiten machen? Gallia est omnis divisa in partes tres, haha!'« (Demonstrative lateinische Zitation!) ... »Meine Mutter sagte, daß sie schon lange nicht mehr so vergnügt gewesen ist, weil wir alle beisammen sind und Marie so gut aussieht und das herzige Mimili. Und ich hätte auch ein besseres Zeugnis heimgebracht als sonst.

Ich mußte es dem Bindinger bringen und er las es vor: ,Der Schüler könnte bei seiner mäßigen Begabung durch größeren Fleiß immerhin Besseres leisten.'

Dann kamen die Noten. Lateinische Sprache III. ,Hm Hm!', sagte der Bindinger, 'das entspricht meinen Erwartungen. Mathematik II - III, griechische Sprache III - IV.' ,Warum bist du hierin so schwach?' fragte er mich. ,Uber das Griechische klagt Ludwig oft', sagte meine Mutter, ,es muß sehr schwierig sein.'

Ich wollte, sie hätte mich nicht verteidigt, denn der Bindinger redete jetzt so viel, daß mir ganz schlecht wurde. Er strich seinen Bart und tat, als ob er in der Schule wäre. ,Wie kann man eine solche Ansicht äußern!' sagte er. ,Das ist sehr betrübend, wenn man diesen verkehrten Meinungen immer und immer begegnet. Gerade die griechische Sprache ist wegen ihres Ebenmaßes und der Klarheit der Form hervorragend leicht. Sie ist spielend leicht zu erlernen!' /Warum hast du dann III - IV?' fragte meine Mutter. ,Du mußt es jetzt sagen, wo es fehlt, Ludwig.'

Ich war froh, daß der Bindinger nicht wartete, was ich sagen werde. Er legte ein Bein über das andere und sah auf die Decke hinauf und redete immer lauter. ,Haha!' sagte er, ,die griechische Sprache ist schwierig! Ich wollte noch schweigen, wenn ihr den dorischen Dialekt im Auge hättet, da seine härtere Mundart gewisse Schwierigkeiten bietet. Aber der attische, diese glückliche Ausbildung des altjonischen Dialektes! Das ist unerhört! Diese Behauptung zeugt von einem verbissenen Vorurteil!'

Meine Mutter war ganz unglücklich und sagte immer: ,Aber ich meinte bloß ... aber weil Ludwig...' Marie half ihr auch und sagte: Heini, du mußt doch denken, daß es Mama nicht böse meint.' Da hörte er auf, und ich dachte, daß er immer noch so dumm ist wie früher.«

Der Mensch mit größerer Bildung hat auch mehr Chancen bei den Frauen. Ludwig Thoma bringt dies im gleichen Roman zum Ausdruck. Die Mutter Ludwigs und er erhalten Besuch von Cora, einer hübschen Verwandten, die aus Indien kommt. In diese verliebt sich Franz Reiser, ein Freund Ludwigs und Brauereipraktikant. Er hat jedoch Minderwertigkeitsgefühle, weil er kein Akademiker ist. Ludwig beschließt ihm zu helfen:

»Ich habe gedacht, ich will zu ihm helfen, weil ich ihn gerne mag, und beim Abendessen, da habe ich wieder daran gedacht. Wir ha-ben Schinken gegessen und Salat, wo harte Eier darauf waren, und das Bier war sehr frisch. Meine Mutter hat es gelobt und hat ge* sagt, sie freut sich den ganzen Tag schon auf ihr Quart Bier, und es schmeckt so gut. Da habe ich sie gefragt, ob sie meint, daß viel-leicht ein Professor mehr versteht als einer, der gutes Bier macht. Man kann es nicht vergleichen, hat sie gesagt, und wo einen der liebe Gott hinstellt, da muß man seine Pflicht erfüllen. Das ist die Hauptaufgabe. Ich habe gesagt, wenn einen der liebe Gott hinstellt, daß man Bier macht, warum tun dann die Menschen glauben, daß ein Professor mehr ist, weil er auf dem Gymnasium war. Die Cora hat furchtbar gelacht, und sie hat gesagt, ich bin auf einmal ein tiefsinniger junger Mann und sie hat einen Verdacht, daß ich jetzt Bier machen will. ,Um Gottes willen', hat meine Mutter gerufen; ,du hast doch keine solchen Gedanken nicht, Ludwig, daß du von dem Schimnasium weggehst?' Nein, habe ich gesagt, aber warum sie das Weggehen so erschreckt? Wenn mich doch der liebe Gott dazu hinstellen will, muß ich dabei roeine Pflicht tun. Ich habe gesagt, daß die Mädchen bloß deswegen glauben, das Gymnasium sei etwas Besonderes, weil sie selber nichts lernen.,Von welchen Mädchen sprichst du?' hat meine Mutter gefragt. ,Ich rede von allen Mädchen', habe ich gesagt, ,weil alle gleich sind. Sie meinen, wenn man eine Brille auf hat, ist man gescheit.'«

Das Städtchen veranstaltet dann ein Fest im Wald, mit Tanz und Musik.

»Wie es fertig war, sind sie wieder auf unsern Tisch, und der Reinhardt hat gesagt, es ist schade, daß es nicht Winter ist, sonst ladet er die Cora zu einem Offizierball ein. Der Seitz hat gesagt, vielleicht ist die Cora noch da, und sie muß einen Offizierball sehen, und sie muß auch auf einen Studentenball. Es ist ganz anders wie heute, und es ist vornehm. Da hat der Reinhardt gesagt, es ist heute ein bißdien gemischt, und er hat sein Glas in das Auge gesteckt und hat herumgeschaut in dem ganzen Garten.

Der Seitz hat einen Seufzer gemacht und hat gesagt, leider ist es gemischt, aber man kann es nicht ändern bei die Liedertafel, weil so viele ungebildete Elemente dabei sind. Da hat die Cora gesagt, es ist sehr nett, und sie hat nichts gemerkt von unanständigen Leuten. Der Seitz hat gesagt, er meint nicht unanständig, aber es sind so viele Menschen da, die keine Bildung nicht haben, und man fühlt sich bloß recht wohl bei die Leute, die eine Bildung haben. Auf einmal hat der Franz geredet, und er ist zuerst immer durch seine Haare gefahren, und er hat gesagt, es gibt viele Leute, die glauben, sie haben eine Bildung, aber sie haben keine, und es gibt so viele Leute, wo man glaubt, sie haben keine und sie haben eine. Alle haben den Kopf nach ihm gedreht, und der Seitz hat geschaut, als wenn er einen Feldstecher braucht, daß er ihn sieht, weil er so weit drunten ist.

Und er hat den Reinhardt angeschaut, und er hat ein bißchen gelacht und hat gesagt, entschuldigen Sie, ich habe Ihnen nicht verstanden. Der Franz ist ganz rot geworden, weil alle Obacht gegeben haben, und er hat gesagt, Sie haben gesagt, daß man hier bei die Leute ist, die keine Bildung nicht haben. Ich glaube, der Seitz traut sich gar nichts, aber er hat sich getraut, weil der Reinhardt bei ihm war, und er hat mit dem Finger auf den Tisch getrommelt, und er hat gesagt, ob es vielleicht nicht wahr ist, daß Leute da sind, die keine akademische Bildung nicht haben.

Da hat der Franz gesagt, es ist wahr, aber ob sie vielleicht schlechter sind und ob man sagen darf, daß sie schlechter sind, per Franz hat laut geredet, aber der Seitz hat geredet, als wenn unser Rektor mit dem Pedell redet. Er hat gesagt, entschuldigen Sie, aber er streitet nicht über so einen Gegenstand, und er streitet nicht vor die Damen, und er streitet nicht bei einem Fest.

Und er hat ihn angeschaut, als wenn er zum Fenster herunterschaut, und der Franz steht unten und hat hinauf geredet. Und dann hat er weggeschaut. Da hat meine Mutter zum Franz gesagt, der Herr Apotheker meint es nicht so, und er hat ihn nicht beleidigt, und er hat Achtung vor einem jeden Stand, bloß wenn man anständig ist, und der Franz muß nicht beleidigt sein. Der Franz ist aufgestanden, und er hat gesagt, er weiß schon, daß es meine Mutter gut meint, und sie muß entschuldigen. Und dann ist er weggegangen.

Der Reinhardt hat gefragt, wer dieser junge Mensch ist, und was der junge Mensch will. Da hat der Seitz mit die Achseln gezuckt und hat gesagt, er ist ein Bräubursche. Ich habe gesagt, es ist nicht wahr, er ist kein Bräubursche nicht, aber er kann alle Bräuburschen hinschmeißen. Meine Mutter hat gesagt, ich darf nicht hineinreden, und ich darf nicht immer vom Hinschmeißen reden, aber es ist wahr, der Franz ist kein Bräubursche nicht, er ist ein Praktikant und lernt das Biermachen. Der Seitz hat gesagt, er soll auch die Höflichkeiten lernen, und daß man nicht streitet vor die Damen. Da hat die Cora gesagt, sie glaubt er ist ganz höflich, aber er hat gemeint, der Herr Seitz will ihn beleidigen. Meine Mutter hat freundlich auf sie gelacht, und sie hat gesagt, die Cora hat recht, und es ist ein Mißverständnis, und wenn man es dem Herrn Reiser sagt, ist es wieder gut. Da hat die Musik gespielt, und der Knilling ist mit der Cora fort, und der Reinhardt ist mit unserem Ännchen fort.« -

»Der Seitz hat den Bogner gefragt, ob er gehört hat, daß er wen beleidigt hat. Der Bogner hat gesagt, er hat keine Beleidigung nicht gehört, aber diese Leute sind so empfindlich, wenn man von die akademische Bildung redet. Es ist auch keine Schmeichelei nicht, hat die Tante Theres gesagt. Meine Mutter hat zu ihr geschaut und hat die Augen gezwinkert. Aber die Tante Theres hat so stark gestrickt, daß es mit die Nadeln geklappert hat, und sie hat es noch einmal gesagt, es ist keine Schmeichelei nicht, daß man sagt, daß es nicht anständig ist, wenn man nicht bei der Akademie war.«

Der Lausbub geht schließlich zu seinem Freund, um ihn, der sich kränkt, weil er nicht studiert hat, zu trösten.

»Ich habe gesagt, er soll froh sein, daß er nicht muß (zur Schule gehen). Wenn man es nicht kennt, meint man vielleicht, es ist schön. Aber wenn man es kennt, ist es ekelhaft. Der Franz hat den Kopf geschüttelt. Ich habe gesagt, ob er glaubt, daß vielleicht der Seitz das Lateinische kann. Er hat gesagt, er braucht es nicht, aber er ist dabei gewesen. Die Hauptsach ist, daß einer dabei gewesen ist. Die Mädchen fragen nicht, ob einer was kann, sie fragen bloß, ob einer dabei war. Ich habe gesagt, er soll wieder mitgehen auf unseren Tisch. Aber er hat nicht gewollt. Er hat gesagt, es geht nicht. Wenn er kommt, schaut ihn der Reinhardt durch das Glas an, und die Mädchen sind vielleicht mitleidig, und sie behandeln ihn wie den Mann, der krank gewesen ist, und sie denken, man muß ihn schonen, weil er nicht dabei war, und vielleicht ist der schiefbeinige Salbenreiber ganz voller Erbarmung mit ihm und gibt ihm eine sanfte Rede ein, daß man sieht, wie der Seitz herumgeht wie ein Gockel auf dem Mist, und er mag nicht hören, wie er dem dummen Assessor die Cora erklärt, als wenn sie ein fremder Vogel ist, und er hat sie in seinem Käfig. Da habe ich gesagt, daß die Cora auch gesagt hat, er ist ganz höflich. Er hat gesagt, so so.

Und dann hat er gesagt, es ist wahr, er ist vielleicht höflich, und ein Fuhrmann ist höflich, und die vornehmen Leute sind zufrieden, wenn man bloß höflich ist. Aber er ist nicht gebildet, und er ist nicht anständig, und man laßt es ihn so stark merken. Ich habe gesagt, man muß den Seitz hauen, dann ist es besser. Er hat gesagt, er meint nicht den Seitz, aber die Cora redet mit ihm ganz anders als mit die Gebildeten. Sie redet mit ihm ganz gut, aber es ist so, als wenn man im Wagen sitzt und redet mit dem Kutscher. Gerade so freundlich ist es.«

Man erkennt hier die Problematik im Kampf um die Frau und die tiefen Minderwertigkeitsgefühle, die der Mangel an institutionalisierter Bildung schaffen kann. Man sieht aber auch, daß gegen die institutionalisierte Bildung eine andere, nicht institutionalisierte ins Feld geführt wird. Diese nennt man gerne die »Herzensbildung«, die ein Gegenstück zum »Herzensadel« darstellt; beide Worte klingen heute reichlich sentimental, die nicht institutionalisierte Bildung kann zweifellos sehr wertvoll sein. Einmal ist gerade das produktiv Schöpferische häufig keineswegs mit der entsprechenden Stellung in der Bildungshierarchie identisch, ähnlich wie die Heiligkeit mit der Stellung in der kirchlichen Hierarchie wenig zu tun haben muß.

Weiterhin verträgt sich die spezialisierte Bildung, die häufig mit akademischen Graden verbunden ist, mit unwahrscheinlicher Naivität auf anderen Sektoren des Lebens. Die karikaturistische Vorstellung vom zerstreuten Professor trifft bis zu einem gewissen Grad eine echte Wirklichkeit, die natürlich oft übertrieben wird. Die Einbildung, man könne überall qualifiziert urteilen, wenn man in seinem Fach etwas weiß, ist weit verbreitet, besitzt aber wenig reale und reelle Grundlage.

Die körperliche Ungeschicklichkeit, die man häufig bei spezialisierten Typen findet, dient oft als Ansatz, um akademische Überlegenheit abzuwerten. Das Ressentiment, das wir schon anläßlich der Ekelschranke erwähnten, zielt auch oft auf die Entwertung der geistigen Arbeit; nur die Handarbeit wird geschätzt. So meint 1/6, daß man beim RAD feine Kerle kennengelernt hätte, »die sehr nett waren, auch wenn sie nur mit dem Kopf gearbeitet« hätten. Das heißt, eigentliche Arbeit wird mit der Hand gemacht (außerdem muß man sich dabei schmutzig machen.)

Ein besonderer Unterschied besteht auch zwischen Maturanten (Abiturienten) und Akademikern. Diese Tatsache demonstriert, wie schwer eine das Wesen wirklich treffende Abgrenzung zwischen Gebildeten und Ungebildeten zu ziehen ist.

So erzählt 1/5:

1933 bis 1938 gab es im Amt eigene Tische für A- und B-Beamte.« (A-Beamte - Akademiker, B-Beamte - Maturanten)

Die Maturanten, diese sogenannten »Halbakademiker« — ein häßlicher Terminus —, sind oft sehr empfindlich und haben ein subtiles Organ für Rangordnung der Bildung. Die Bildung hat vielerlei Dimensionen. Die eindeutigste Schranke trennt wohl die institutionalisiert gebildeten Akademiker von den Nichtakademikern. Obwohl echte Bildung und Intelligenz bei einem Nichtakademiker viel größer sein können, gibt es hier doch eine eindeutig erlebte Grenze, mag sie auch noch so eingebildet sein. Die Distanz vom Maturanten zum Nichtmaturanten ist deshalb geringer, weil der Maturant nur in Ausnahmefällen (in Österreich Mittelschulingenieur) einen Titel hat.

Die Bildung als Zentralwert einer Kaste ist eine sehr tiefe Realität. Sie ist es auch in den kommunistischen Staaten, in diesen sogar besonders. Die Gründe dafür werden wir später zeigen.