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7 Mythologie

Vorbemerkung

Kurt Regschek besaß ein reiches Wissen über die Götter, Halbgötter und Heroen der griechischen und römischen Mythologie, aber auch über die biblische Tradition. Es verwundert nicht, dass sich daraus viele Inspirationen zur künstlerischen Umsetzung ergaben. Das Ergebnis konnte sich in zwei Formen manifestieren: entweder in einfacher Darstellung - die mythologische Figur wurde durch sparsame Ausstattung durch meist nur ein einziges Attribut definiert - oder in verfremdeter Darstellung. Im letzteren Fall wurde die Hauptfigur in einen neuen, phantastischen Handlungszusammenhang gestellt.

Eurydice
Eurydice (1973), Mischtechnik auf Leinwand, 94x70, PB

Orpheus in der Unterwelt

Was oben bei »Erato und H.C. Artmann« (1971) über den Frauenkörper bei Kurt Regschek gesagt wurde, gilt auch für dieses Bild. Eurydike, eine Baumnymphe, war die Gemahlin des Sängers Orpheus. Kurz nach der Hochzeit trat sie auf der Flucht vor dem zudringlichen Halbgott des Ackerbaus, Aristaios, auf eine Schlange, deren Biss sie tötete - hier durch den schwarz verhüllten Kopf angedeutet. Orpheus' Versuch, sie aus dem Hades zurückzuholen, scheiterte an der Nichtbeachtung des Gebots, sich vor Erreichung der Oberwelt nicht nach der Gattin umzudrehen. Wunderschön weich und in geradezu musikalischer Harmonie wird der stattliche Körper vom fließend bewegten Bildhintergrund umfangen, dessen blaugrüne Schlieren als zarte Schleier die Gesetze des Raumes zu durchbrechen vermögen und so zu flüchtigen Bestandteilen des Bildes werden. Deuten sie die Gesänge an, mit denen Orpheus seine geliebte Frau durch die Unterwelt geleitete? Sollen sie die Sehnsucht ausdrücken, mit der er ihr folgte?

Kurt Regschek:

»>Eurydice< wird bei mir mit >c< geschrieben -wegen des Films >Orphee< von Jean Cocteau (1949), den habe ich fünfundzwanzig Mal gesehen - schon wegen des Quecksilberspiegels. Es hat ausgesehen, als ob man in einem Spiegel ginge. Der Cocteau hat schon unglaubliche Ideen gehabt.«

Penelope
Penelope (1976), Öl/Tempera auf Leinwand, 65x90, PB

Erwartung...

Penelope, eine Prinzessin aus Sparta, muss zwanzig Jahre auf die Heimkehr ihres Gatten Odysseus warten. Sie wird von zahlreichen Freiern umschwärmt, vertröstet diese aber mit dem Vorwand, sie müsse erst ein Bahrtuch für ihren Schwiegervater weben. Da sie das am Tag Gewebte in der Nacht aber wieder auftrennt, kann sie sich die zudringlichen Freier drei Jahre vom Leib halten. Erst der Verrat einer Dienerin führt dazu, dass sie die auf die Königswürde spekulierenden Freier bei ihrer nächtlichen Tätigkeit überraschen. Zusammen mit seinem Sohn Telemachos bestraft der endlich heimgekehrte Odysseus die Frevler mit dem Tode.

Für Kurt Regschek ist die musterhafte Gattin des auf zwei Jahrzehnte herumirrenden Abenteurers Odysseus von großer Schönheit (»Sie hält Ihren Leib für einen griechischen Tempel«). Sinnend und sehnsuchtsvoll blickt sie von ihrem Palast in Ithaka auf das inselreiche Meer. Die Darstellung im Profil betont ihr Warten. Ob der Künstler mit dem im Raum gespannten, dunklen Tuch Bezug auf das oben erwähnte Trauergewebe nehmen wollte, und ob die jungen Olivenbäume die Zeit des Wartens oder einfach das Wesen des Weiblichen ausdrücken sollen, lässt sich in Kenntnis der sonstigen inhaltlichen und formalen Darstellungsweise Regscheks nicht ausschließen.

Das Urteil des Paris
Das Urteil des Paris (1977), Grisaille, 35x37, PB

Eine unkonventionelle Lösung

In einer imaginierten Naturlandschaft - den Höhen des Idagebirges - hat Paris, der anmutige, von Hirten aufgezogene Prinz von Troja, sein Urteil gefällt. Eris, die Göttin der Zwietracht, war zu einer Hochzeit nicht eingeladen worden und hatte aus Rache einen goldenen Apfel mit der Aufschrift »der Schönsten« unter die Gäste geworfen. Paris wurde als Schiedsrichter erkoren und entschied sich für Aphrodite, nicht aber für Hera oder Athene (Aphrodite half ihm später, Helena von Sparta nach Troja zu entführen). Die um den Titel der Schönsten wetteifernden Frauen werden von Kurt Regschek nur im Porträt dargestellt. Aphrodite, die glückliche und zufriedene Siegerin, erscheint ihm als Blondine mit zarten, ebenmäßigen Gesichtszügen, einem kleinen Naschen und ausgeprägten Lippen - eine etwas verträumte westliche Schönheit. Während die Reaktion der beiden Verliererinnen üblicherweise in Rachegefühlen gesehen wird, trösten sich die herbe Hera und die rassige Athene bei Regschek, indem sie sich zu intimer Zweisamkeit zurückziehen, was außer durch die Mimik und Gestik auch durch ihre Darstellung in einem schwebenden Würfel ausgedrückt wird.

Der Künstler:

»Der da ist Paris. Und die hat ihn gekriegt. Was ist aus den anderen beiden geworden? Die haben eine andere Möglichkeit gefunden ...«

Sirene
Sirene (1990), Öl auf Leinwand, 75x100, PB

Des Meeres und der Liebe Wellen

Sirene: In der griechischen Mythologie ein aus dem Meer stammendes Mischwesen von Mädchen und Vogel. Durch ihren betörenden Gesang lockt eine Gruppe dieser weiblichen Zauberwesen die vorbeifahrenden Seeleute an, um sie zu töten. Nur Orpheus und Odysseus vermochten sich ihrem Zauber zu entziehen. Der erstere übertönte ihren Gesang mit dem eigenen, der letztere befahl seinen Gefährten, sich die Ohren mit Wachs zu verschließen, und ließ sich selbst an den Mast seines Schiffes binden. Später wurden die Sirenen mit Meerjungfrauen gleichgesetzt. Bei Kurt Regscheks Sirene bleibt von der Mythologie nicht eben viel übrig. Wir treffen auf eine eher gelangweilte Strandschönheit, die versonnen eine ihrer langen Haarsträhnen zwirbelt.

Frage an Kurt Regschek:

»Was macht das arme Kind, wenn keine Schiffe vorbeikommen?« Antwort: »Sie bastelt Papierschiffe. Vive l'ironie.«

Pan
Pan (1994), Öl auf Hartfaser, 28x28, PB

Der göttliche Ziegenbock

Pan, der Schutzgott der Hirten und Herden, der Wälder und Weiden, ist ein Mischwesen aus Mensch und Ziegenbock. Im Gegensatz zu den Darstellungen der Mutanten zeigt dieses Bild keine deutliche Übergangszone zwischen den beiden Sphären, da es sich bei Pan, dem Sohn des Hermes und einer Nymphe, ja um eine Art »natürliches« Zwitterwesen handelt. Das plötzliche Erscheinen des Gottes in der sommerlichen Mittagsstille löste bei Mensch und Tier die nach ihm benannte »Panik«, den »panischen« Schrecken aus. Der Künstler drückt dies durch die bedrohliche Farbgebung des Bildes aus.

Demter
Demeter (1999), Öl auf Papier auf Hartfaser, 65x53, PB

Muttergöttin

Demeter, in der griechischen Mythologie Schwester und Geliebte des Zeus, war ursprünglich eine myke-nische Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttin. Als Hades ihre Tochter Köre mit Hilfe von Zeus in die Unterwelt entführte und zur Frau nahm, hinderte Demeter aus Verzweiflung über den Verlust ihrer Tochter Pflanzen und Tiere an der weiteren Vermehrung. Erst als sie ihre Tochter wieder für drei Viertel des Jahres zurückerhielt (drei Monate hat diese als Per-sephone im Hades zu verbringen), ließ sie Pflanzen und Tiere wieder wachsen. So wurde Demeter zur Erntegöttin, deren Attribut die Weizenähre ist.

Kurt Regschek, mit der griechischen Mythologie bis ins Kleinste vertraut, stellt die Göttin als mit dem Purpur der Titanentochter bekleidete Dame dar. Im teilweise verschleierten Antlitz bleiben die Augen frei, deren sinnend-trauriger Blick etwas vom schweren Mutterschicksal und den aus dem Verlust der Tochter abgeleiteten Verzweiflungstaten verrät.

Nereide
Nereide (2002), mischtechnik auf Leinwand, 30x24, PB

Das nasse Element

Nach der altgriechischen Mythologie hatte der Meeresgott Nereus mit seiner Gemahlin Doris 50 Töchter, die Nereiden. Diese galten als Meeresnymphen und Begleiterinnen von Poseidon. Zu ihren Aufgaben gehörte es, Schiffbrüchige zu beschützen und Seeleute mit Spielen zu unterhalten.

Wie so oft, gelingt es Kurt Regschek auch in diesem Bild, mit sparsamsten Mitteln - d.h. mit Hilfe eines einzigen Attributs, hier des blau schimmernden Wassertropfens - eine mythologische Gestalt zu definieren.

Europa
Europa (2003), Öl auf Leinen, 39x59, PB

Mythos Europa

Nach der griechischen Mythologie ist Europa die Tochter des phönizischen Königs Agenor. Zeus hatte sich in das schöne Mädchen verliebt. Um bei seiner eifersüchtigen Gattin Hera keinen Argwohn zu erregen, näherte er sich Europa in Form eines weißen Stiers. Der Götterbote Hermes trieb eine Herde von Stieren in die Nähe der spielenden Europa, wodurch es Zeus ein Leichtes war, das Mädchen auf seinem Rücken zu entführen und, über das Meer schwimmend, nach Kreta zu bringen. Der Stier ging mit seiner edlen Last bei Matala, der bekannten Höhlensiedlung an der Südküste Kretas, an Land (vergleiche den Bildhintergrund). Zeus verwandelte sich nun in einen Adler und brachte Europa weiter nach Görtys. Dort erschien er ihr als Gott und Mann. Mit Europa zeugte Zeus unter anderem den späteren König von Kreta, Minos.

Die Darstellung dieser Entführung durch Kurt Reg-schek ist eine genaue Wiedergabe des mythologischen Geschehens - bedächtig geht der stattliche, golden gehörnte Stier an Land, während Europa auf einem der Würde des Entführers entsprechendem Purpurtuch sitzt, ihr Haar noch im Winde wehend.


© Bild und Texte Peter Diem und Anton Wladar