unbekannter Gast
Bild 'Die_gehenkte_Rose_small'

Bild 'Werkzeuge_des_Malers_small'

Bild 'Stilleben_mit_Muscheln_small'

Bild 'Triumph_der_Chemie_small'

Bild 'Rosa_Mystica_small'

8 Nature morte

Im Stillleben (franz. nature morte) arrangiert der Maler leblose Gegenstände, insbesondere Küchengeräte, Tafelgeschirr, Früchte, Blumen und andere Gebrauchsgegenstände zu einem geschlossenen Motiv, das durch besondere Licht- und Farbeffekte liebevoll ausgeführt wird. Besonders die niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts widmete sich dieser künstlerischen Form. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde das Stillleben in Österreich, Deutschland und Frankreich wieder entdeckt.

Kurt Regschek hat zwar auch einige Stillleben geschaffen, doch nimmt der französische Begriff bei ihm, dem phantastischen Realisten, eine zusätzliche Bedeutung an, nämlich jene der bedrohten, durch menschlichen Eingriff sterbenden, ja bereits toten Natur. Ab Mitte der sechziger Jahre schwächt sich bei Regschek die Auseinandersetzung mit Krieg, Kriegsfolgen und neuer Kriegsgefahr ab. Nun tritt die Sorge um das Absterben der Natur durch das verantwortungslose Vorgehen des Menschen in den Vordergrund. Es kommt zu radikaler Technik-Kritik, zur Auseinandersetzung mit den Folgen der Chemie, der Erdölwirtschaft und der Atomkraft. Ausdrucksmittel sind Motive aus der Alchemie, Landschaftsmotive sowie auch das Stillleben.


Atomfreies Österreich

Am 5. November 1978 sprachen sich die Österreicher und Österreicherinnen bei einer Volksabstimmung gegen die Inbetriebnahme des bereits fertig gestellten AKW Zwentendorf aus. Bei einer Wahlbeteiligung von 64,1% stimmten 50,47% mit »Nein«. Mit einer Mehrheit von nur einem halben Prozent entschied sich Österreich für eine atomfreie Zukunft.

Am 15. Dezember 1978 wurde das Bundesgesetz über das Verbot der Nutzung der Kernspaltung für die Energieversorgung in Österreich beschlossen. Seither wirbt die österreichische Politik für einen Ausstieg aus der Kernenergie, der jedoch nur in einem mit Wasserkraft reich gesegneten Kleinstaat wie Österreich wirklich realistisch erscheint.


Die gehenkte Rose
Die gehenkte Rose (1964), Mischtechnik auf Hartfaser, 74x40, Bundesministerium für Unterrricht

Werden und Vergehen

Bei der »gehenkten Rose« handelt es sich um einen jener Fälle, in denen der Künstler bekennt:

»Ich weiß bis heute nicht, was dieses Bild bedeuten soll. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass mir viele Bilder im Traum erscheinen oder beim Malen eines ganz anderen Bildes >einfallen<, d.h. ich sehe sie plötzlich - und oft nur für einen Augenblick - fix und fertig vor mir.«

Das Bild, das sich der im Jahre 2000 verstorbene Bundespräsident Rudolf Kirchschläger für die Präsidentenvilla entliehen hatte, folgt mehreren Prinzipien im Werk Regscheks:

  • Das Motiv erscheint vor einer in den Raum gespannten Stoffbahn (zusätzliche Betonung der Dimension »Raum«)
  • Alles Lebendige vergeht, da die Rose verwelkt (Auseinandersetzung mit der Dimension Zeit)
  • Motivelemente paaren sich auf irreal-phantastische Weise:
  • eine Rose wird gehenkt,
  • aus einem Wasserkrug erhebt sich eine magische Rauchfahne,
  • der Krug hängt an der in ihn getauchten Rose,
  • es verdorren mehr Zweige als an einem Stiel Platz haben,
  • Unten ist Landschaft und unten ist Schwere (der Tonkrug)

Die Botschaft des Bildes scheint also nicht ganz so rätselhaft: »Werden und Vergehen«, »Blühen und Verdorren«, »erdenschwere Materie - zum Himmel steigender Geist«.

Werkzeuge des Malers
Werkzeuge des Malers (1965), Mischtechnik auf hartfaser, 46x36, Landesmuseum Bregenz (Hugo v. Montfort-Preis

Engagierte Kunst

Hier hat ein Maler sein Werkzeug dazu verwendet, eine atomare Katastrophe abzubilden, die sich wie ein Tornado aus der Landschaft erhebt, um auf der im Raum gespannten Leinwand sichtbar zu werden. Das Bild will aufzeigen, dass der Künstler das Rüstzeug dazu besitzt, Bedrohungen des Menschen - vor allem solche durch Krieg, Gewalt und Umweltzerstörung - frühzeitig zu erkennen (besser: mit seinem verfeinerten Sensorium zu »erfühlen«) und bildlich darzustellen. Der Köcher mit Pinseln, Sticheln und einer großen Lupe sowie der daneben liegende Schwamm sind überproportional groß gemalt - so als würden sie ihren Eigentümer unmiss-verständlich dazu auffordern, ans Werk zu gehen. In räumlicher Hinsicht ist es dem Künstler bei diesem Bild gelungen, drei Ebenen organisch ineinander fließen zu lassen: Die Ebene, auf der das Werkzeug wie auf einem Tisch steht, geht unmerklich in eine fahle, leere Landschaft über, aus der sich wieder die bei Regschek häufige »virtuelle Leinwand«, eine sich im Raum aufspannende, oft blaue Malfläche, erhebt. Dass der dahinter sichtbare Himmel umso düsterer wirkt, je weiter man ihm nach oben folgt, ist im Hinblick auf das zentrale Motiv bedeutsam - lässt doch diese an sich nur räumliche Wirkung auch einen zeitlichen Vorgang erahnen. »Heller als tausend Sonnen« (Robert Jungk) - so wirkt das in Protuberanzen auslaufende, fleckig-glühende und explodierende Orange in der Bildmitte - bei Kurt Regschek immer auch das Zentrum des Geschehens.

Stilleben mit Muscheln
Stilleben mit Muscheln (1969), Öl auf Hartfaser, 48x58, PB

Gegenstände des Alltags

Kurt Regschek war ein großer Liebhaber von Muscheln - ihre oft bizarren Formen und das aus ihnen tönende geheimnisvolle Rauschen mögen sein Fernweh erweckt und ihn an seine vielen Reisen ans Meer erinnert haben. In diesem vor einer im Raum gespannten Stoffbahn »schwebenden« Stillleben dominiert die Spannung zwischen dem Vitriolblau der großen Flasche und dem Rostbraun des alten Türschlosses. Die Muscheln und der mediterrane Kerzenleuchter regen die Phantasie des Betrachters weiter an.

Triumph der Chemie
Triumph der Chemie (1970), Mischtechnik auf Hartfaser, 69x78, PB

Farbiges Gift

Dieses Bild wurde unter dem Eindruck der Industrielandschaft zwischen Köln und Bonn gemalt. Fährt man dort den Rhein entlang, säumen riesige Raffinerieanlagen fast die ganze Strecke, nur gelegentlich ist noch das natürliche Grün der Landschaft sichtbar. Kurt Regschek:

»Ein trauriges Bild des menschlichen Geistes, der - aus welchen Gründen immer - seinen Lebensraum lustvoll und mutwillig zerstört, obwohl er weiß, dass er ihn niemals wird wieder herstellen können.«

Wieder gegen die »virtuelle Leinwand« - hier im bedrohlichen violett-orangen Verlauf - wird das Bild von einer Anordnung rauchender Reagenzgläser, Glaskolben und Glastiegel in »giftigen« (IG) Farben dominiert. Die darunter liegende Landschaft ist wüst und leer, orangebraune Sandflächen und -hü-gel bedecken die Erde. Der Mensch hat sein grausames Werk getan, er selbst kommt nicht mehr vor.

Rosa Mystica
Rosa Mystica (1978), Mischtechnik auf Papier auf Hartfaser, 34x45, PB

Die geheimnisvolle Rose

Die rote und die weiße Rose sind als uralte abendländische Symbole äußerst vieldeutig. Die »mystische Rose« kommt schon in der Alchemie, bei Freimaurern und Rosenkreuzern vor. In jüngerer Zeit hat die kirchlich nicht anerkannte Marienerscheinung von Montichiari, südlich des Gardasees (1946) unter dem Namen »Rosas Mystica« einen Gebetskult um zahlreiche angeblich Blut weinende Marienstatuen entstehen lassen.

Gottfried von Einem hat unter der Bezeichnung »Rosa Mystica« acht Lieder zu Texten von H.C. Artmann komponiert.

In der Alchemie bedeutet »Rosa Mystica«, dass sich der Dampf in einen anderen Aggregatzustand verdichtet, gleichzeitig aber auch im Begriffswert steigt. Im übertragenen Sinn ist damit die Erringung von Weisheit gemeint. Kurt Regschek hatte ohne Zweifel einige dieser Bedeutungen im Kopf, als er dieses Werk schuf, bei dem die Rose sozusagen über sich hinauswächst, indem sie sich in den Raum verästelt.

Im Bildaufbau fungiert die Rose als farbliches Gegengewicht zu den dargestellten alchemistischen Gerätschaften. Das intensive, bedrohlich wirkende Vitriolblau der Flasche links (VITRIOL = Visita Inferiora Terrae Rectificando Invenies Occultum Lapidem - Suche das Untere der Erde auf, vervollkommne es, und du wirst den verborgenen Stein finden), die verlöschende Kerze und das im Hintergrund sichtbare Buch symbolisieren das vor sich gegangene alchemistische Werk, welches auf von Chemika-lien schwarzgrün gefärbtem Holztisch durchgeführt wird. Auch der helle Hintergrund trägt vielleicht von Experimenten verursachte Flecken.


© Bild und Texte Peter Diem und Anton Wladar