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Lebensgeschichte

Wen immer unter seinen Freunden und Bekannten man um eine Beschreibung der Person des Wiener Malers Kurt Regschek bittet - jeder der Befragten wird nicht nur die umfassende Bildung, den weiten Horizont und die technische Meisterschaft Kurt Regscheks hervorheben, sondern vor allem auch auf seine tiefe Menschlichkeit und große Bescheidenheit hinweisen. Auch bei den Gesprächen, die die Autoren mit Kurt Regschek selbst führten, um die wichtigsten Stationen seines Lebens festzuhalten, kam dies zum Ausdruck. So meinte er:

»Ich weiß, eine Biographie muss sein -aber ich mag es nicht, wenn sich Künstler selber zum Kunstwerk machen«.

Kurt Regschek war ein inspirierter Künstler. Sein Leben war nicht nur in künstlerischer Hinsicht reich und erfüllt, sondern war auch durch viele nicht alltägliche menschliche Erfahrungen geprägt. Zumindest einen Teil davon darzustellen ist notwendig, um die bestimmenden Hintergründe seines künstlerischen Schaffens auszuleuchten und seine Bilder besser verstehen zu können.

Kurt Regschek wurde am 29. Juni 1923 in Wien geboren. Sein Vater Rudolf Regschek war Bankbeamter und leitete zuletzt die Ungarische Bank Ecke Krugerstraße/Kärntnerstraße. Kurt wuchs zunächst in der Brestelgasse, einem winzigen Gässchen an der Ottakringerstraße im 16. Wiener Gemeindebezirk, auf. Später wohnte die Familie Regschek im 17. Bezirk, in der Röntgengasse 22. Die Häuser in dieser Gegend waren vom berühmten Wiener Architekten Adolf Laos geplante Siedlungshäuser.

Kurt ging in die Volksschule in Hernals und besuchte danach das Schottengymnasium, allerdings nur bis zur vierten Klasse.

»Das war eine Eliteschule, aber ich bin nicht lang dort gewesen, bis zur 4. Klasse, dann hat mein Klassenvorstand zu meiner Mutter gesagt: >Schauen Sie, das hat keinen Sinn, eigentlich müsste er repetieren. Ersparen wir ihm das, und ersparen Sie mir das Repetieren. Suchen Sie eine andere Schule und er kriegt von mir ein positives Zeugnis< So ist das zwei Mal geschehen, das erste Mal in der 4. und das zweite Mal in der 6. Klasse.«

Kurt wechselte zunächst in die Realschule in der Schottenbastei und schließlich in das Realgymnasium in der Albertgasse. Auf die Frage, ob er damals schon zu künstlerischer Tätigkeit neigte:

»Immer schon. Immer habe ich herumgezeichnet und herumgeschmiert. Die Zeichenprofessoren haben das nicht gern gehabt.«

Während seiner Mittelschulzeit arbeitete Kurt mehrmals in der Spanischen Hofreitschule:

Ich hatte einen Schulkollegen, dessen Vater Bereiter in der Hofreitschule war. Das hat mich interessiert. Dort arbeiteten junge Burschen. Damit man sie nicht bezahlen müsste, hat man sie Eleven genannt. Das hat angefangen so mit zehn, elf Jahren bis etwa vierzehn und ist dann so ausgeartet, dass mein Vater mir verboten hat weiterzumachen, wegen der Nachprüfungen und Versetzungen in der Mittelschule. Mein Vater wollte, dass ich einen Abschluss bekomme. Er hat gesehen, dass ich das nicht schaffe, wenn ich dort weiterarbeite, einfach weil ich die Zeit zum Lernen nicht gehabt habe. Ich bin um 5 Uhr aufgestanden, müsste um 6 Uhr in der Reitschule sein, den Stall misten und um 8 Uhr müsste ich in der Schule sein. Ich bin mit dem Rad gefahren und um 2 Uhr war ich wieder dort bis 6, 7, 8 Uhr abends, freiwillig noch länger. Im Sommer war es sehr schön, da waren die Pferde in Piber, dem Sommerquartier der Reitschule in der Steiermark.«

Den positiven Abschluss der 7. Klasse bildete die sogenannte »Kriegsmatura«:

Kurt Regschek
Kurt Regschek (2004)

»Das war Ende Mai, Anfang Juni 1940 - am 11. Juli war ich bei der Deutschen Wehrmacht. Ja, so war das damals, man wurde gedrängt, dass man entweder ROB wird, also Reserveoffiziersbewerber, oder dass man zur Waffen-SS geht. Und wenn sie böse waren, haben sie einen vor dem ROB noch ein halbes Jahr in den Arbeitsdienst gesteckt, Deich graben - die damalige >freie Wirtschaft. Ich habe das Einfachste gemacht - ich war diesbezüglich immer ein Opportunist - und habe mich als ROB gemeldet, da war ich noch lange kein Offizier, was ich auch nie wurde.«

»Ich wurde in die Rennwegkaserne eingezogen, war aber nicht lange dort. Ich war ein begeisterter Bergsteiger. Mein Vater war ja ein ungeheurer Bergfreak gewesen. Ich war überall mit ihm - am Großglockner mit elf Jahren, mit zwölf Jahren am Großvenediger und am Sonnblick und in den Ötztaler Alpen, ich war praktisch auf allen Bergen Österreichs. Mein Vater hatte das gern. Am liebsten war er im Gesäuse, ein sehr gefährliches Gebiet. Dort muss man nicht so sehr viel bergsteigerisch können, sondern vor allem viel Gefühl für das Wetter haben. Ich habe mich dann auch zu den Gebirgsjägern gemeldet. Die suchten ja Leute, die gute Bergsteiger sind, um ein Hochgebirgsbataillon aufzustellen. Da war ich dabei, und dann haben sie mir dort das Bergsteigen abgewöhnt...«

»Das war im Jahre 1940 und ich war damals 17 Jahre. Drei Wochen vorher haben wir Mathe-Schularbeit geschrieben, mit Integral und Differential, und sechs Wochen später hob ich aufgepasst, dass mir nicht die Russen in die Augen schießen. In einem Alter, in dem junge Männer sich sonst die Homer abstoßen, also z. B. in die Tanzschule gehen, musste ich um mein Leben kämpfen. Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, dass jemand noch auch nur einen Schritt macht, wenn sein Fuß eine einzige Eiterbeule ist. Oder mit ansehen zu müssen, wie Menschen von Menschen mit Flammenwerfern gebraten werden oder sonst wie massakriert werden oder dass ein Spital geräumt wird und die Menschen bei -30 Grad in den Hof gestellt werden.«

Vormarsch im Kaukasus
Der deutsche Vormarsch im Kaukasus, Sommer 1942
»Meine Heimatgamison war ein Jägerbataillon in Berchtesgaden. Nach der Grundausbildung ging es schnurstracks an die russische Front. Mein Haufen war >ausersehen< für den Kaukasus. Und ein kleiner Teil von meinem Bataillon, dem >ich anzugehören die Ehre hatte<, ist im August 1942 auch am Elbrus oben gewesen. Zunächst ging es von Berchtesgaden mit dem Zug nach Odessa. Das war endlos. Wir waren drei Wochen unterwegs. Wir waren bei Stalino eingesetzt, also ganz im Süden. Wir sind dann seltsamerweise zurückgegangen, denn wir waren dazu >ausersehen<, Kiew zu entminen. Wir hatten auch eine Minenausbildung bekommen. Kiew war so vermint, dass man nichts angreifen konnte. Da ist etwas am Tisch gelegen, man hat das genommen und - platsch - war die Hand weg. Alles war mit Drähten und Schnüren total vermint. Wir mussten alles stückchenweise, vorsichtig entminen. Wir kamen bis Noworossijsk, das liegt schon am Schwarzen Meer, also noch Vormarsch bis an die Ausläufer des Kaukasus. Mein Haufen ist auch hinaufgegangen, aber die Russen haben sich zurückgezogen von Rostow mit einem Affentempo ohne Schuss. Man hat Anfang August 1942 Krasnodar, Krasnogvardejskoje, Armavir und auch Majkop ohne einen Schuss eingenommen, aber dann als die Berge gekommen sind, dann sind wir keinen Schritt mehr weitergekommen. Das war ziemlich wild, das war richtiger Urwald, vollkommen ungepflegter, richtiger Urwald.
Dinskaya
Dinskaya (1942), Aquarell, 17x24, Privatbesitz (in der Folge: PB)
Dort bin ich das erste Mal verwundet worden, aber nicht arg, Fußdurchschuss, und bin auch nicht in die Heimat gekommen, sondern war dort in dem Feldlazarett. Das waren Zelte, dort habe ich das Fleckfieber bekommen, eine ziemlich arge Geschichte. Denn die meisten, die älter waren als 30 Jahre, sind daran gestorben. Man hat ja nichts dagegen gekannt. Man kennt ja selbst heute noch nichts dagegen. Das Fieber wurde durch Gewandläuse übertragen, das weiß man, aber was man dagegen tun kann, weiß man nicht. Man bekommt Fieber, 42, 43 Grad. Man glaubt immer, der Mensch stirbt mit 42, das ist aber nicht wahr. Man leidet entsetzlich, besonders in der Nacht. Am Tag schläft man, in der Nacht toben die Kranken. Bei mir hat sich das Fieber gegeben. Ich war ja damals noch ein ganz junger Spund, ich war 21, 22 Jahre alt. Da waren die Chancen auf Genesung gut. Ich wurde insgesamt sieben Mal verwundet, Kopfschuss, Nacken, immer >rasiert<. Kopfschüsse sind sehr angenehm, denn man weiß nichts, ich weiß überhaupt nichts davon, es tut nicht weh, man ist sofort weg.

Tscherkesse
Tscherkesse (1942), Aquarell, 17x19, PB
Wir kamen nicht und nicht nach vorne. Da war schon der Rückzug in der Zwischenzeit. Die Krim war schon wieder russisch. Zuletzt bin ich ganz schwer verwundet worden, am linken Fuß mit einem bösen Explosivgeschoss. Die Russen setzten Explosivmunition ein. Das war gegen das Völkerrecht, aber was ist schon Recht in einem Krieg. Die Explosivgeschosse sind reingefahren und drinnen explodiert. Das Unangenehme war, dass man davon Gasbrand kriegte. Und da wollten sie mir den Hax'n abschneiden, da habe ich aber gesagt, das möchte ich nicht. Ihr braucht's das gar nicht machen, denn dann gebe ich mir die Kugel. Kurz gesagt, die haben nicht recht gewusst, was sie mit mir machen sollen. Amputieren hätte ich nicht zugelassen und etwas anderes haben sie nicht recht gewusst. Die Ärzte, die unter diesen Umständen schwerste Operationen gemacht haben, waren wahre Helden - unglaubliche Menschen. Eines Tages fuhr ein Lazarettzug und unsere Kontingente waren noch nicht ganz voll. Da haben sie gesagt, da ist ja einer, nehmen wir den mit. Ich war also in dem Lazarettzug und bin nach Wiesbaden gekommen. Das war ein großes Glück. Dort war ich eine Weile und sie haben mich zusammengeflickt. «

Aus der Zeit, die Kurt Regschek an der Kaukasusfront und im Kubangebiet verbrachte, sind einige Zeichnungen erhalten, die er seinen Eltern nach Wien geschickt hatte.

Wie kam er dazu, unter solchen Umständen zu malen?

Temrjuk
Temrjuk (1942), Tuschpinsel, 7x21, PB

»Das hat sich aufgebaut. Vielleicht habe ich mal ein Stück Papier gehabt und zehn Minuten Zeit und habe in diesem ganzen Desaster irgendwo eine Bauemkate gesehen oder eine Kuh, die mit einem Kälbchen spielt. Ich weiß es nicht. Es hat also angefangen mit einem Stück Papier und Bleistift, irgendwann in einer Kate bei Petroleumlicht in der Ukraine. Darstellen, sich ausdrücken. Da sitzt einer. Der Mann fragt mich: Hast Du eine Zigarette für mich? Ich sage: natürlich, greife in die Tasche, gebe ihm eine Zigarette und - er ist tot, gefallen. Das prägt. Du fragst Dich: Was ist das Leben? Das ist nicht einmal, das ist hundert Mal passiert.« (Vgl. hiezu auch das Interview mit Monika Bugs)

1943, in der Heimatgarnison München, erhält Kurt Studienurlaub für die Akademie der schönen Künste.

Sterbender Soldtat
Sterbender Soldtat (1956), Öl auf Hartfaser, 70x50, PB

»Ich hatte schon vorher ein wenig studiert, bei meinen Verletzungen in München, da hatte ich schon inskribiert, im Urlaub, statt in der Kaserne herumzuhocken und zu warten, bis der Haxen wieder zusammenheilt, habe ich mich dort umgetan. Ich wusste aber damals noch nicht, ob ich Bildhauer werden wollte oder Maler. Das hat sich dann ganz von alleine ergeben. Die meisten Maler fragen sich ja, ob sie mehr Graphiker sind oder mehr Maler, aber alle Maler sollten Graphiker sein; heute allerdings nicht mehr - heute müssen sie nichts mehr lernen. Aber noch Kokoschka hat brav und schön zeichnen gelernt und Schieies Akademiezeichnungen sind meisterhafte Schülerzeichnungen. Die haben das noch gelernt.«

Wegen Fraternisierens mit einer Französin in München wurde Reg-schek des Landesverrats angeklagt und büßte beim Reichskriegsgericht in Torgau an der Elbe acht Monate Untersuchungshaft ab.

Der Kriegsgefangene
Der Kriegsgefangene (1948), Kreide, 56x37, PB

»Torgau war praktisch ein Hinrichtungslager. Dort wurden alle in der Früh vergattert, die noch nicht hingerichtet werden sollten. Ich erinnere mich auch daran, dass einmal eine ganze Kompanie exekutiert wurde, weil man im Suff in Russland auf Hitlerbilder geschossen hatte. Die Landser hatten eine Wodkafabrik aufgemacht und halt auf irgendetwas geschossen. Solche Eindrücke waren natürlich schauerlich. Ende 1943 bin ich wieder an die Front gekommen. Der Haufen, bei dem ich war, war vollkommen aufgerieben worden, da war nichts mehr da, ein paar Leute und die haben sie woanders reingesteckt. Aber die Einheit hat es noch gegeben. Sie war in der Zwischenzeit nach Afrika verlegt worden. So bin ich >zur Frontbe-währung< nach Afrika gekommen.

Dort geriet ich nach 36 Stunden in britische Gefangenschaft. Da aber die Engländer nicht wussten, was sie mit uns tun sollten, haben sie uns den Franzosen übergeben. Das war für mich ein unheimliches Glück, weil ich Französisch sprechen konnte. Mit der Entscheidung konfrontiert, entweder inhaftiert zu bleiben oder mich bis Kriegsende der Fremdenlegion zu verpflichten, wählte ich letzteres. Die Franzosen bereiteten zu dieser Zeit die Invasion bei Toulon vor. Dazu haben sie Leute gesucht, die bei der deutschen Wehrmacht waren, vor allem Österreicher - hauptsächlich deshalb, weil sie diese als sicherer angesehen haben - was zwar nicht stimmte, aber für mich natürlich günstig war. So wurde ich als >Hilfswilliger<, also als >Hiwi< zugeteilt. In meiner schönen Uniform war ich kaum zu kennen, wohl nur für Eingeweihte. Ich wurde dem Stab zugeteilt, denn die Franzosen wussten genau, wo ich überall war, in welchem Lazarett ich war und wie lange ...

Zuerst verstand ich nicht, worum es ging. Doch der Kommandant der Einheit war ein alter Haudegen, ein richtiger französischer Kolonialoffizier, Offizier der Fremdenlegion, der hat nur einen Fuß gehabt und nur eine Hand und nur ein Auge, der hat nichts anderes gekannt als Krieg und Militär. Er fragte mich, ob ich Bregenz kenne - ja das kenne ich sehr gut. General Feuerstein, der oberste Kommandierende der Truppen in Vorarlberg, hatte Vorarlberg zum freien Gebiet erklärt. Überall waren weiße Fahnen gehisst worden, aber ein paar versprengte SS-Truppen am Pfänder dachten sich, der kann uns erzählen was er will. Als die Franzosen mit ihren Panzern einrückten, wurden sie unter starkes Feuer genommen. Das lässt sich niemand gefallen, wenn man in eine Stadt hineinfährt, die weiß beflaggt ist. Darauf haben sie hineinbombardiert.

An der Oise
An der Oise (1946), Aquarell, 35x43, PB

Der Kommandant fragte, ob ich mich da auskenne. Ich antwortete, ich kenne den Feuerstein sehr gut, der sei ein Ehrenmann, und wenn der sagt, das ist ein freies Gebiet, so sind das sicher keine Truppen, die jetzt in seinem Auftrag die Franzosen angreifen. Der Franzose hat sich tatsächlich überzeugen lassen und ließ die Bombardierung einstellen, denn er meinte, das spiele ja keine Rolle, ob man in 16 Minuten in der Stadt ist oder in einer halben Stunde oder in dreiviertel Stunden. Man hat also die Bombardierung eingestellt und ist einfach mit der Infanterie und mit den Panzern hineingegangen. Und die, die geschossen haben, waren gar nicht in Bregenz, sondern die waren oben am Pfänder. So erlebte ich das Ende des Krieges in Bregenz als französischer Soldat und konnte im Jänner 1946 die Legion verlassen.«

Stilleben mit Äpfeln und Paradeisern
Stilleben mit Äpfeln und Paradeisern (1946), Aquarell, 38x53, PB

Nach seiner Entlassung aus der Fremdenlegion lebte Kurt Regschek fünf Jahre in Paris. Vier Jahre lang studierte er an der Ecole nationale su.perieu.re des beauxarts. Da ihn niemand nach seiner Staatsbürgerschaft gefragt hatte, galt er als Franzose. Auf Grund seiner Tätigkeit als Gerichtsdolmetscher sprach er ja auch die Landessprache ausgezeichnet. Die Akademie war damals keineswegs »überlaufen«. Kurt Regschek erinnert sich:

»Wir haben eine Klasse gehabt, da waren zwölf Leute drin, heute sind es 120. Es gab einen regulären Studiengang, Seminare und Pflichtseminare. Aktzeichnen war ein Pflichtseminar; Zentralperspektive, Kunstgeschichte, das waren die Seminare, da musste man den Nachweis erbringen, dass man diese besucht und eine Prüfung abgelegt hat.«

Auf die Frage, wie er seinen Lebensunterhalt verdient habe, antwortet der Künstler mit verschmitztem Lächeln:

Kampf mit dem Kubismus
Kampf mit dem Kubismus (1948), Bleistift, 21x14, PB

»Nun, da bin ich eben so herumgerannt und hob Geld verdient. Ich hatte ja keine andere Quelle. So hob ich gemalt in den Gassen und im Club. Das beste Geschäft waren die Ami-Clubs. Die G/s haben dort natürlich französische Mädchen gehabt und über die französischen Mädchen hat man seine Geschäfte abgewickelt. Das waren schlicht und einfach Huren, die das Geld auch von mir nahmen - aber nicht fürs Bett sondern im Rahmen eines Gegengeschäfts. Die hat zu dem gesagt, geh, lass mich doch malen. Da hat der gesagt, was kostet das? Und ich sagte, das kostet so und so viel. Damit war das Geschäft gemacht. Ich habe die Hälfte des Preises bekommen und die andere Hälfte hat Mademoiselle eingesteckt. Das ist nicht viel anders als mit einer Galerie. Täglich gab es oft mehrere solcher Aufträge. Man konnte gut davon leben. Wenn schönes Wetter war, ist man auf die Gasse gegangen - man musste nicht immer in den Clubs sitzen...«

Natürlich waren die Pariser Jahre künstlerisch sehr spannende Jahre, wie etwa das Bild »Kampf mit dem Kubismus« (1948) zeigt, in welchem der Österreicher Regschek den durchwegs eckigen Facetten der französischen Kubisten abgerundete Elemente entgegensetzt. Vor allem Pablo Picasso hat Regschek in seiner Pariser Zeit fasziniert und geprägt. Bis ins Alter hat Kurt Regschek Picasso für eine der hervorragendsten Persönlichkeiten der Malerei des 20. Jahrhunderts gehalten.

Trotz der immer wieder bestehenden Notwendigkeit, den täglichen Lebensunterhalt sicherzustellen, muss Paris für Kurt eine schöne Zeit gewesen sein. So strahlt sein mit Bleistift leicht hingeworfenes Selbstportrait aus dem Jahr 1950 Tatkraft und Optimismus aus.

1951 stand Kurt Regschek vor einer schwierigen Entscheidung: sollte er wieder nach Wien zurückgehen oder weiter in Paris bleiben? Die Entscheidung fiel zugunsten Wiens. Regschek hatte erkannt, dass ihn ein nur kurzer Besuch bei seinen Eltern und die darauf folgende Rückkehr nach Paris seiner Heimatstadt auf Dauer entfremden würde. Es war vor allem die Sehnsucht danach - so Regschek später -, wieder Wienerisch zu hören und selber zu sprechen, die ihn zurücktrieb. Der Künstler fasst die ersten Jahre nach seiner Rückkehr nach Wien in ergreifende Worte:

»Ich kam 1951 nach Wien zurück und hatte damals eine Frau und eine Tochter. Meine Ehe ist auseinander gegangen. Die Tochter ist geblieben. 1957 habe ich dann Lisl kennen gelernt - Lisl und ich hatten ein sehr gutes Verhältnis mit der Tochter. Doch starb meine Tochter an einem Hirntumor. Sie war 15 Jahre - 1955 war sie geboren, 1970 ist sie gestorben. Das ist eine unglaubliche Prägung. Ich habe das bis heute nicht überwunden. Das ist so, als ob man ein tiefes Loch hat. Man sichert den oberen Rand, so dass nicht alles hinein fällt. Aber das Loch bleibt. Ich kann das bis heute nicht überwinden. Obwohl das auch nichts anderes ist als der Tod, den ich tausendmal gesehen habe im Krieg. Aber es hat eine emotionale Bindung, die man nicht abschätzen kann, die man auch gar nicht analysieren kann, vielleicht auch gar nicht soll.«

1955 studiert Kurt Regschek als Gast an der Wiener Kunstakademie bei den Professoren Andersen und Boeckl. In dieser Zeit musste Kurt Regschek jegliche Arbeit annehmen, die ihm das Überleben sicherte. So war er einige Jahre als Gebrauchsgraphiker bei der »Patria«, einer Papierfabrik, angestellt und machte Hintersetzer für den jungen österreichischen Film, bei dem er auch manchmal als Statist fungierte. Dabei lernte er Fritz Muliar kennen, der ihm bis zuletzt ein lieber Freund und treuer Förderer blieb. Während er als Dekorateur, Exlibris-Zeichner und Portraitist jobbte, vervollkommnete Kurt Regschek seine Maltechnik. Im Folgenden erzählt Kurt, wie er die ersten schwierigen Nachkriegsjahre in Wien mit Hilfe seiner zweiten Gattin, Lisl Dohnal - die Wiener Offizierstochter war Absolventin der Modeschule Hetzendorf -, überlebt hat, ohne seine Seele als Künstler zu verkaufen:

Selbstporträt
Selbstporträt (1959), Bleistift, 48x35, PB

»In diesen fünf, sechs Jahren war ich in Wien, habe ein schönes Atelier gehabt und gearbeitet. Ich habe nur eines nicht getan: ich habe Kunst nicht verkauft wie Sauerbier. Um zu leben, habe ich Auslagen dekoriert, Gebrauchsgraphik gemacht, Werbeprospekte für die Cyba Geigi, Illustrationen für Zeitungen, Auslagen, Bücher. Ich habe vieles gemacht. Ich habe auch Kaffeehäuser mit Landschaften dekoriert. Das war Arbeit für mich. Ich hätte genau so gut Schuhe doppeln können. Als Gebrauchsgraphiker war ich nicht wählerisch. Hart manuell musste ich nicht arbeiten - doch war ich als Kulissenmaler für Filme in der Schweiz und in Österreich tätig und als Komparse in der Wachau. Auch als Skilehrer arbeitete ich. Das hat sich eben so ergeben. Der Parallelschwung war schon hoch >in<. Die Kandahar-Bindung ist gerade aufgekommen, die mit dem Drahtseil vorne. Und wenn es uns im Sommer ganz schlecht ging, bin ich nach Italien gefahren um zu malen, an die Riviera oder die Adria - davon konnte man leben.«

1958 gestaltete Kurt Regschek seine erste Ausstellung bei Ernst Fuchs, in der Millöckergasse, gleich neben dem Theater an der Wien. Der Vater von Ernst Fuchs war Alteisenhändler und hatte dort sein Geschäft. Kurt kannte Vater Fuchs gut. Ernst Fuchs wurde auch 1958 Trauzeuge der Regscheks. Kurt Regschek und Ernst Fuchs blieben Freunde, wenn sich auch ihre Wege bald trennten, die Kontakte spärlich wurden und gelegentliche Telefongespräche reichen mussten.

Hermine Regschek
Hermine Regschek (Mutter, 1948), Kohle, 63x44, PB

»Der Fuchs war sehr menschlich, er war unheimlich sozial und hat das eigentlich aus Idealismus gemacht. Er hat nur geschaut, dass ihn das nichts kostet und war schon zufrieden, wenn das hereinkommt, was ihn die Erhaltung der Galerie kostet. Er hatte auch Konrad Bayer dort sitzen als Geschäftsführer, denn er selbst hat sich keine Zeit dafür genommen. Der Bayer hat ohnehin nichts zu tun gehabt, der hat dort seine Stückerln geschrieben. Bei all den kleinlichen Dingen, die es gab, war Fuchs der weitaus kollegialste und vernünftigste Kollege. Er hat für die Maler - und nicht nur für die Maler der Wiener Schule, sondern für die Maler überhaupt - mehr getan als sämtliche Unterrichtsminister. Er hat im Grunde seine Galerie dafür gemacht, dass die Kollegen dort ausstellen können. Und er hat sie auch mit der Presse u.s.w. in Verbindung gebracht. Er war diesbezüglich viel förderlicher als die ganze so genannte >öffentliche Hand<. Außer der für uns unerreichbaren Galerie Würthle gab es damals ja keine Galerien.«

Trixi Regschek
Tochter Trixi Regschek (1964), Aquarell auf Pergament, 12x9,5, PB

»Fuchs war einfach ein Freund von mir; ich habe ihn sehr bewundert in seiner Akribie, seiner Zeichenkunst, denn er konnte unheimlich gut zeichnen. Das kann er bis heute, auch in seiner Malerei, vor allem hat er die klassische Mischtechnik beherrscht. Ich hob gesagt - geh, kannst du mir das zeigen, - klar komm her, ich zeig dir das. Er war von einer ungeheuren Liebenswürdigkeit und Kollegialität, nicht nur zu mir, sondern - was ich gesehen habe - auch zu anderen Kollegen. Wenn sich später diese Eigensucht und diese Egozentrik nicht entwickelt hätte, müsste die Wiener Schule heute eine weltumspannende bedeutende Gruppe sein. Ist sie aber nicht. Weil einer den anderen überall schlecht macht. Fuchs hat nicht nur mich gefördert. Er unterstützte auch den Arik Brauer, der damals noch wie ich unbekannt war. Der hat zu der Zeit nicht gewusst, ob er ein Musiker werden will oder ein Maler. Er hat gesagt, ich verdiene mit der Musik mehr und besser und leichter. Aber der Fuchs hat ihm halt doch zugeredet: schau, mach das so nebenbei - du kannst doch immer Musik machen, aber vergiss die Malerei nicht.«

Blick vom Atelier
Blick vom Atelier auf das zerbombte Hess-Hotel, 1959

Kurt Regschek erzählte besonders gerne, wie er 1954 zu seinem Atelier hoch oben in der Köllnerhofgasse Nr. 6 gekommen war.

»In der Köllnerhofgasse konnte man buchstäblich die ganze Wiener Haute volee (Kurt nennt sie auch scherzhaft >Haute voliere<) kennen lernen; die sind alle zu mir gekommen. Ich übernahm das Atelier von Roman Schliesser, und das kam so: Der damals beim >Express< als Gesellschaftsjoumalist tätige >Adabei< hat es mir geschenkt! Er fragte mich einmal - brauchst ein Atelier? Ich antwortete: Dringend - Na, nimmst meins, zahlst die Schulden, die ich dort hab? - Wie viel ist das? - Na, ein paar hundert Schilling - Na klar zahl ich die - Nur den Dreck musst du rausräumen. Roman Schliesser meinte, er brauche das Atelier nicht mehr. Es war ihm über den Kopf gewachsen. Ursprünglich hatte er geglaubt, das werde eine klasse Absteige. Aber er hat es kaum geschafft, den Schutt weg zu räumen. Er hatte zwar schon einiges weggebracht, aber ich habe dort noch Wagenladungen an Dreck weggeführt. Es war nämlich davor ein Kakteenzüchter drin. Man kann sich vorstellen, was dort an Erde, an Garteng'schirrln und Sand war - es war furchtbar. Schliesser hatte wohl die Absicht gehabt, die Kakteenzucht zu reaktivieren, aber das war ihm nicht gelungen oder es war ihm die Arbeit zu viel...«

Lisl näht
Lisl näht (1958), Öl auf Hartfaser, 57x41, PB

Lisl Regschek ergänzt den Bericht:

»Es war alles in einem, Wohnung und Atelier, es war sehr hoch, ganz oben. Mit schrägen Glasfenstem und Blick auf den unaus-gebauten Nordturm des Stephansdoms. Heiß im Sommer, kalt im Winter, so wie es sich für ein Künstleratelier gehört... Es gab da zwar einen Aufzug, aber das war ein >Seelenverkäufer<. Man konnte nicht hinunterfahren, denn da ist man zu sehr in den Keller gesunken.«

Nach seiner Heirat mit Lisl Dohnal (1958) konnte Kurt sich intensiver seiner Malerei widmen, da Lisl durch Nähen das unbedingt nötige Geld verdiente. Durch Regisseur August Rieger fand sie auch Arbeit als Kostümbildnerin - bei Stella Kadmon, Gerhard Bronner und in der Josefstadt. Als dann die ersten Erfolge und Ankäufe einsetzten, war Regscheks Erfolg als bildender Künstler nicht mehr aufzuhalten, und es war wohl seine Genugtuung, dass er bis zu seinem Tod am 26. Juli 2005 ausschließlich von seiner Kunst leben konnte.

Ernst Regschek
1963 mit Ernst Fuchs in der Galerie Basilisk
Lisl Regschek erinnert sich:

»Kurt hat zunächst sehr kämpfen müssen, seinen liebevollen Eltern auszureden, ihm irgendwelche Firmen zu gründen oder ihn sonst irgendwo einzukaufen. Unser ganzes Fortkommen hat sich jedoch auf wunderbare Weise ergeben, weil wir uns nicht gescheut haben, jede Arbeit zu machen. Ich selbst schneiderte für das Theater. Zunächst habe ich dilettiert, habe jahrelang für Stella Kadmon gearbeitet. Mit der Zeit ist es besser geworden. Wir haben immer das Glück gehabt, Menschen kennen zu lernen, die an Kunst interessiert waren und auch sehr viel beigetragen haben zu unserem Weiterkommen, z. B. die Familie Gerling. Frau Gerling besaß die größte Privatgalerie Europas. Heute würde man sagen, es ist ein Netzwerk entstanden.

Arbeit im Atelier
Arbeit im Atelier

Das Schöne an der Sache war, dass auch unter den Galeristen - bei uns sagt man Galeriebesitzer - in Deutschland Freundschaften entstanden sind. Die Zeiten waren für alle sehr schwierig. Ich kann mich erinnern, dass mir Hundertwasser einmal ein Aquarell, den magischen Würfel< um 500 Schilling verkauft hat. Ausgemacht war, wenn der Fritz Hundertwasser mehr bekommt als die 500 Schilling, dass der Kollege Regschek das Bild wieder zurückgibt, und der kann es dann teurer verkaufen. In diesen Jahren sagte Kurt eines Tages zu mir: >Du wirst sehen, es wird einmal die Zeit kommen, da werden wir keine Schulden haben und 200 Schilling. < Ich antwortete ganz ernst, nein das gibt es nicht, das glaube ich nicht. So viel zur Schilderung der damaligen Zeit.«

Theodor Körner Preisverleihung
Verleihung des Theodor Körner-Preises (1962)

Mit einer weiteren Einzelausstellung in der Galerie Fuchs 1959 begann sich Kurt Regscheks künstlerisches Schaffen in den sechziger Jahren in Wien und auch im internationalen Kunstgeschehen zu behaupten. Nach zwei wichtigen Auszeichnungen (1960 Förderpreis der Stadt Wien und 1962 Verleihung des Theodor-Körner Preises) wurden auch öffentliche Stellen auf Regschek aufmerksam. 1962 wurde er Mitglied des Wiener Künstlerhauses.

In diesen Jahren war Kurt Regschek mit seiner Gattin für den Theatermacher Conny Hannes Meyer und dessen Frau Ilse Scheer wiederholt als Ausstatter tätig. Die Freundschaft mit C.H. Meyer und Ilse Scheer blieb auch nach Beendigung der Theaterarbeit weiter bestehen.

Kulturnachrichten
Kulturnachrichten (1965/1978), Öl auf Holz, 76x61 (Das Manifest der Trennung), PB
Durch Regscheks Initiative und Beistellung des Kataloges kam 1963 die legendäre Ausstellung der gesamten Wiener Schule in der Galerie Basilisk (Besitzer Klaus Lingens und Robert Kettner) zustande, bei der jeder der Aussteller mit einem Bild vertreten war.

Regschek erwarb sich durch seine Organisationsgabe viele Verdienste für die Kollegenschaft. Dieser Umstand war wohl für die damals bereits renommierten Kollegen nicht ganz leicht zu verkraften und so begann schon damals die Tendenz der sogenannten »Fünf Großen«, sich zu einem festen Block zu formieren. Dies ließ eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr zu. So kam es 1965 zum endgültigen Bruch.

Mozart
200. Todestag W.A. Mozart, Radierung, 32x21, PB
Näheres zur Wiener Schule und zum Konflikt Regscheks mit seinen damaligen Kollegen siehe im Kapitel »Kurt Regschek und die Wiener Schule«.

Wenn sich Kurt Regschek auch von seinen ehemaligen Kollegen abgewendet hatte, so blieb er dennoch bis an sein Lebensende bei seinem eigenen, phantastisch-gegenständlichen Stil, einer durch konkrete Symbole ausdrucksstarken und handwerklich perfekten Malkunst, getreu seinem vom Vorarlberger Maler Rudolf Wacker übernommenen Motto »Die Wirklichkeit ist phantastisch genug«. Damit unterschied er sich radikal von den auch in Österreich immer stärker vordringenden abstrakten Malern. Kurt Regschek, ein Leben lang Kämpfer für das Gegenständliche in der Kunst:

»Bis 1960, 1965, ja noch länger, bis in die 70-er Jahre waren wir Avantgarde - wir, die Phantasten und die Surrealisten, und dann plötzlich waren wir altes Eisen ...«

... ein anderes Mal:

»Ich hab nichts gegen abstrakte Kunst, ich habe gegen nichts etwas, ich hab nur etwas dagegen, wenn einer kommt und sagt, alles andere außer dem, was wir jetzt machen, ist Scheiße und nicht Kunst. Und es gibt Leute, die das glauben und man kann nirgends mehr etwas machen, im Rundfunk oder so, wenn man nicht auf deren Linie liegt. Dagegen habe ich unerhört viel.«

Der große Meister
Der große Meister, Gouache, 17x13, PB

Und:

Richard P. Hartmann
Bildnis Richard P. Hartmann (1968), Öl auf Leinwand auf Hartfaser, 86x60, PB

»Ich habe schon öfter darauf hingewiesen, wie und mit welcher Konsequenz eine ganze Generation guter und wichtiger Künstler von den Medien in geradezu faschistoider Weise ausgegrenzt wird, weil sie den >Modediktaten< der internationalen Kunstmafia nicht zu folgen bereit sind und immer noch gegenständliche und verstehbare Kunstwerke schaffen.«

... oder auch:

»Wenn man meine Bilder anschaut, kommt man letzten Endes immer bei meinem Lebensmotto heraus: >Die Realität ist phantastisch genug<. Wenn ich meine, das ist ein Herz, dann male ich ein Herz hin und nicht irgendetwas und sage, es ist ein Herz.«

1967 übersiedelten die Regscheks in ein kleines Haus in Pötzleinsdorf. Hier lebte Kurt Regschek bis zu seinem Tod, hier entstanden in beinahe vier Jahrzehnten drei Viertel der Werke des Malers, von hier aus wurden viele künstlerisch fruchtbare Reisen unternommen.

Das Haus war auch das Heim vieler Tiere, denn Kurt Regschek war ein großer Tierfreund. 1968, zu seinem 45. Geburtstag, erhielt Kurt von seiner Mutter einen Papagei. Der hörte auf den Namen Florian (»Floo-rian, ein braver Bub«) und vertrug sich gut mit Mufti und Jussuf, den beiden Katzen des Hauses, ja vermochte sogar ihr Miau zu imitieren. Oft saß er auf Kurts Schulter und knabberte an seinem Hemdkragen. Nach Florians Tod mussten die späteren Katzengenerationen ohne einen gefiederten Freund auskommen.

Wichtige Schritte in der künstlerischen Entfaltung Kurt Regscheks waren die Ausstellungen im Alten Schloss in der Bregenzer Altstadt. Sie kamen durch Vermittlung des damaligen Festspielpräsidenten Albert Fuchs bei Familie Grellet-von Tscharner, die sich als großzügige Mäzene erwiesen, zustande:

  • 1964 wurde unter dem Titel »Phantastische Malerei« eine Schau mit Bildern von Enrico d'Assia, Clerici Fabricio, Leonor Fini und vielen anderen veranstaltet.
  • 1966 wurde Regschek in Bregenz der Hugo von Montfort-Preis für das Bild »Die Werkzeuge des Malers« (siehe Seite 200) verliehen.
  • 1968 entstand in Zusammenarbeit mit Richard P. Hartmann (München) eine zweite Ausstellung im Alten Schloss »Magie des Unbewussten (Magischer Realismus - ars phantastica)«.
  • 1970 wurde die dritte unter dem Titel »Faszination der Wirklichkeit« veranstaltet. Sie war mit Hilfe des Wiener Kunstsammlers Rudolf Hintermayer zustande gekommen. Kurt Regschek organisierte jeweils die Bilder, besorgte die Hängung und betreute mit seiner Frau die Ausstellungen.

In seinem 1974 erschienenen Buch »Malerei aus Bereichen des Unbewussten« beschrieb der Mediziner, Maler und Galerist Richard P. Hartmann künstlerische Wandlungsprozesse im LSD-Rausch. Unter anderem werden in diesem Buch 1968 durchgeführte Experimente mit den Wiener Malern Alfred Hrdlicka, Adolf Frohner, Kurt Regschek, Michael Coudenhove-Kalergi, Arnulf Rainer, Arik Brauer und Friedensreich Hundertwasser an Hand genauer Protokolle beschrieben.


Kurt Regschek als Freimaurer
Mitte der sechziger Jahre trat Kurt Regschek dem Bunde der Freimaurer bei und vertrat bis zu seinem Tod die Ansicht, dass dieser Bund der Entwicklung und Veredelung des Menschen diene und - neben der »Arbeit am rauhen Stein«, dem Menschen selbst - den »Bau des salomonischen Tempels« ermöglicht. Als Mitglied der Loge »Mozart« suchte Regschek den Sinn der Freimaurerei hauptsächlich in deren esoterischer Richtung. Er gewann dadurch viele Freunde und für ihn richtungsweisende Erkenntnisse, denen er sich Zeit seines Lebens verpflichtet fühlte. Als unabhängiger und durch nichts gebundener Künstler musste Kurt Regschek nie befürchten, dass ihm aus seiner Zugehörigkeit zum Bund Nachteile erwachsen könnten. Er hat deshalb seine freimaurerischen Ideale nie geheim gehalten. So erscheinen auch in vielen seiner Werke - für den nicht Eingeweihten freilich nicht immer erkennbar - maurerische Symbole.

LSD Bild
LSD-Bild (1968), Aquarell, 42x24, PB

In jene Zeit fiel auch die Begegnung mit Irene Gerling und ihrem Mann Hans Gerling, die sich später zu einer engen Freundschaft und Zusammenarbeit entwickelte. Kurt Regschek hatte 1970 gemeinsam mit seinem Freund, dem Bildhauer Stefan Pral, eine große Ausstellung von 100 Bildern in Gerlings Privatgalerie, in der »Baukunst-Galerie« in Köln. Zu dieser Zeit war Kurts Tochter bereits sehr krank, doch Irene Gerling - als weise Frau und gute Freundin - entließ ihn nicht aus seinem Vertrag, was ihm half, mit dem traurigen Geschehen besser fertig zu werden. In der kunstsinnigen Stadt am Rhein lernten einander Kurt Regschek und der Galerist Christoph Kühl aus Hannover kennen, in dessen Galerie Kurt Regschek noch viele Einzelausstellungen machen sollte (1970, 1972, 1975, 1976, 1990). Aus diesen Ausstellungen und Begegnungen ergaben sich viele enge Beziehungen mit Förderern, Sammlern und Mäzenen, und so war diese Zeit eine sowohl künstlerisch wie menschlich sehr kreative.

Auch Düsseldorf wurde für Kurt Regschek zu einer künstlerischen Heimat. Er stellte wiederholt bei Norbert Blaeser und in der »Galerie an der Dussel« aus. Bläser gründete in der Vulkaneifel eine Akademie, der Regschek wiederholt als Lehrer zur Verfügung stand.

Richard P. Hartmann
Porträt Richard P. Hartmann (LSD, 1974), Bleistift, 48x36, Albertina
Zu nennen wäre weiter auch die kollegiale Freundschaft mit den Bregenzer Malern Siegfried Kresser, Erich Smodics, Helmnth Fetz und Rudolf Zündel. Auch die lange und fruchtbare Zusammenarbeit mit Frau Ellen Peter-Sander (Galerie Blankenese} fällt in diese Zeit. Ellen Peter-Sander wurde eine enge Freundin der Familie Regschek und saß Kurt Modell für eine Reihe von Aktzeichnungen. In ihrer Galerie in Blankenese fanden viele Ausstellungen des Künstlers statt, die erste im September 1973.

Die Ausstellung war besonders reich bestückt mit Ölgemälden, Aquarellen, Radierungen; außerdem wurde das Mappenwerk »Labskaus« präsentiert.

Schon 1970 war Regscheks erstes Mappenwerk erschienen, das sich ausschließlich mit seiner Heimatstadt Wien befasste. Es trug den Titel »Kuriose Ansichten aus Kakaniopolis«

Im gleichen Jahr begann die Arbeit an der Mappe »Die fürstliche Residenz zu Liechtenstein«, die mit vielen anderen Arbeiten in der Galerie Haas in Vaduz anlässlich des 65. Geburtstages des Fürsten Franz-Josef II. von Liechtenstein gezeigt wurde.

Im Freihafen
Im Freihafen (1974), Farbradierung
Kurt Regschek wollte immer nur mit Menschen künstlerisch zu tun haben, von denen er spürte, dass sie auch im Lauf der Zeit zu wirklichen Freunden werden würden. Auch mit Mona und Peter Hierzenberger, die über Jahre in der Hinterbrühl eine Galerie führten, ergab sich ein überaus gedeihlicher Gedankenaustausch. Zwei weitere große Ausstellungen, die Regschek weiteres Schaffen be-einflussten, sind an dieser Stelle zu nennen:

1974 Galerie de Paris - zusammen mit Dachauer, Klitsch, Lehmden, Proksch und Swoboda. Hier lernte Kurt Regschek die Witwe von Kees van Dongen (1877-1968), die Enkelin Gauguins, und Mme. Manguin, die Besitzerin der Galerie und Witwe des berühmten Vauve-Malers Henri Manguin (1874-1949) kennen.

Die fürstliche Residenz zu Liechtenstein
Die fürstliche Residenz zu Liechtenstein (1971), Farbradierung
Angeregt durch die Freundschaft mit Architekt Johann Staber entstand in den Jahren 1973 und 1974 die Arbeit an der UNO-City Mappe, welche 1975 durch die IAKW AG präsentiert wurde. In diese Zeit fiel auch der Beginn der Freundschaft mit Gerhard Puschmann, dem kaufmännischen Direktor der IAKW und Franz Weich und deren Familien, die bis zu Regscheks Tod anhalten sollte.


Bewusstseinserweiternde Drogen
Die halluzinogene Wirkung von LSD entdeckte der Schweizer Chemiker Albert Hofmann im April 1943 nach Experimenten mit Mutterkornextrakt. Schon sehr kleine Mengen der Droge (ca. 50 mg) bringen die Grenzen zwischen sonst getrennten Hirnregionen zum Verschwinden, was zum Wegfall verschiedener geistiger Filtermechanismen führt. Dadurch entstehen Halluzinationen und die Zeit scheint viel langsamer abzulaufen. Töne werden als Farben erlebt, reale Gegenstände als besonders plastisch empfunden und beginnen sich zu bewegen, Außen- und Innenwelt scheinen ineinander zu verschmelzen. Die Schriftsteller Ernst Jünger (1895-1998) und Aldous Huxley (1894-1963) experimentierten schon in den frühen fünfziger Jahren mit LSD, aber erst 1965 wird die Droge durch die Hippie-Bewegung allgemein bekannt. Obwohl die Droge nicht abhängig macht, wurde sie nach diversen Selbstmorden im Drogenrausch und kollektivem Missbrauch (»Bad trips«) in den siebziger Jahren verboten.

Auf der Baustelle der Uno City
Auf der Baustelle der UNO-City (1974)

1976 folgte die große Schau von Klitsch, Proksch und Regschek in der Galerie David Findlay, New York, für welche Peter Jankowitsch, der österreichische UNO-Botschafter, den Ehrenschutz übernommen hatte.

Die Reise, die die Ehepaare Proksch und Regschek dann quer durch den Südwesten der Vereinigten Staaten unternahmen, fand in vielen Bildern ihren künstlerischen Niederschlag. Das große Interesse, das Regschek und seine Frau den amerikanischen Ureinwohnern, vor allem den Hopi- und Meti-Indianern entgegenbrachen, war Anlass, sich mit dem Gedankengut dieses Volkes auseinander zu setzen. Diese interkulturelle Begegnung sollte später durch zwei indianische Schamanen (Harley »Swiftdeer« Reagan und Hyemeyohst Storni}, die sie in Wien durch den Religionsphilosophen Arnold Keyserling kennen lernten, vertieft werden.

New York
Mit Dr. Peter Jankowitsch, New York 1976
Sowohl in der Wiener Postsparkasse als auch in der Galerie Prisma fanden in der Folge Ausstellungen mit Bildern mit indianischen Motiven aus den USA statt.

Ende der 70er Jahre hatte sich Kurt Regschek, der bis dahin fast ausschließlich Tafelbilder vor allem in der klassischen Mischtechnik nach Jan van Eyck (1390-1441) gemalt hatte, der Aquarellmalerei zugewendet. Aufgrund der Reisen, die ihn durch viele europäische Länder und den Südwesten der USA führten, bot es sich an, die einfach zu handhabende Aquarelltechnik anzuwenden. Viele Bilder wurden im Freien skizziert, um dann im Atelier akribisch vollendet zu werden - was Kurt Regschek bescheiden als »seine Fingerübungen« bezeichnete. Immer wieder tauchten aber auch in seinen Ölbildern Zitate aus den Landschaften auf, die er auf seinen Reisen festgehalten hatte. Später wendete er sich vermehrt seiner engeren Heimat zu, wobei die Wachau und Wien seine Lieblingsthemen wurden.

Alte Landstraße nach St. Michael
Alte Landstraße nach St. Michael (2000), Aquarell, 35x49, PB
1983 zeigte Kurt Regschek mit dem renommierten Fotografen Thomas David in der Galerie Prisma die Aquarellserie »Wien, der goldene Apfel«. Der Ausdruck spielt auf die nostalgische Sehsucht der Osmanen nach reicher Beute an, kann sich aber auch konkret auf die Kugel an der Spitze des Turmes von St. Stephan beziehen, der den Türken als erstrebenswertes Ziel vor Augen lag, das sie 1683 wie schon 1529 freilich verfehlten. 1983 erschien ein Bildband gleichen Titels mit Gouachen von Kurt Regschek und Photographien von Thomas David, kommentiert von György Sebestyen.

1983 entstand auch die zweite Mappe, die sich mit Wien-Themen befasste. Sie trug den Titel »Impressionen aus Kakaniopolis«. 1985 gab es in Blankenese eine siebentägige Ausstellung mit Gouachen aus dem Indianerland von Kurt Regschek und indianischem Schmuck von Heyoehkah Merrifield. Diese Kombination war außerordentlich gelungen und erfolgreich und führte zu einer langjährigen Freundschaft zwischen verwandten Seelen.

Felsen über Dürnstein
Felsen über Dürnstein (2001), Aquarell, 26x33, PB
Kurt Regschek arbeitete gerne mit Fotografen zusammen, um die unterschiedlichen Sichtweisen von Malerei und Fotografie zu illustrieren. So stellte er im Jahr 1986 mit Eva Grohmann gemeinsam im Wachaumuseum im Teisenhoferhof aus.

1987 wurde Kurt Regschek der Ehrentitel »Professor« verliehen.

Objekt Celleste
Objekt Celleste (1973-1975), PB
Anlässlich seines 70. Geburtstages fand 1993 im Wiener Künstlerhaus die repräsentative Ausstellung »Kurt Regschek Arbeiten aus vier Jahrzehnten« statt. Im Anschluss daran wurde Regschek der »Goldene Lorbeer« des Künstlerhauses verliehen.

In den Jahren 2000 und 2002 arbeitete der Künstler mit dem Fotografen Gregor Semrad zusammen. Es entstanden die Ausstellungen »Weißenkirchen, das Herz der Wachau« im Wachaumuseum und »Dürn-stein mit Stativ und Staffelei« im Stift Dürnstein, wo Pfarrer Hugo R. de Vlaminck ein großzügiger Gastgeber war.

Zum 80. Geburtstag im Jahre 2003 wurde im Schloss Pötzleinsdorf eine Ausstellung mit Werken aus diversen Privatsammlungen gezeigt. Diese Ausstellung hatte Lisl Regschek fast gegen den Willen des Künstlers organisiert, indem sie meinte: »ein Maler kann seinen 80. Geburtstag nur inmitten seiner Werke feiern.« Niemand konnte damals wissen, dass dies Regscheks letztes großes Fest werden sollte.

Das Ehepaar Klaus und Isabella v. Kreutziger aus Basel erwarb in Wien ein wertvolles altes Cello, das sich in einem alten Holzkasten befand. Kurt Regschek wurde gefragt, ob er das Futteral entsorgen könne. Statt es auf den Sperrmüll zu werfen, schuf er daraus mit handwerklicher Perfektion das oben abgebildete Objekt.

Lorbeeren

Immer wieder setzte sich Kurt Regschek mit dem Dom zu St. Stephan auseinander. Es ist daher wenig verwunderlich, dass auch sein letztes Werk diesem Motiv gewidmet war (siehe nebenstehende Seite).

Der Künstler hat weit über tausend Werke geschaffen, von denen er die meisten nach Deutschland und in die übrige Welt verkaufen konnte. Sein Leben war gekennzeichnet von Geradlinigkeit und Fleiß. Der Ernst, mit dem er an seine Arbeit heranging, war jedoch gepaart mit Heiterkeit und originellem Humor. Lassen wir Kurt Regschek noch einmal mit einem flammenden Appell gegen alle jene »Künstler« auftreten, die ihre Aufgabe nach seiner Meinung zu wenig ernst nehmen:

St. Stephan über den Wolken
St. Stephan über den Wolken (2005), Öl auf Hartfaser, 62x45, PB

»Wenn wir von >Kunst< reden, sollten wir uns stets vor Augen halten, dass - wie selbst Picasso sagte - niemand weiß, was >Kunst< wirklich ist. In vollendeter, vollkommener Form ist sie (sehr wahrscheinlich) eine Utopie. Doch das schließt keineswegs aus, dass der ernsthaft bemühte, künstlerisch begabte Mensch trachten sollte, sich mit seinen Arbeiten dem (also utopischen) vollkommenen Kunstwerk anzunähern.

Dass dies möglich ist (und immer schon möglich war) beweisen die unzähligen Meisterwerke, die sich z. B. in der Albertina, im Kunsthistorischen Museum, im Oberen Belvedere und natürlich auch in den unüberschaubar vielen Museen und Sammlungen auf der ganzen Erde befinden, und niemand kann ihre lebenserhaltende Kraft und Wirksamkeit auch nur in Frage stellen.
In diesem Zusammenhang ist es meines Erachtens unbedingt notwendig, an den entscheidenden Unterschied zu erinnern, der zwischen ernsthaften, also wirklichen Bemühungen und illusorischen Versuchen, um solche ernsthaften Bemühungen herumzukommen, bzw. sich an solchen vorbeizuschwindeln, besteht.«

© Bild und Texte Peter Diem und Anton Wladar