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Herbert Giese

Eine der Gnaden des Künstlerseins besteht im Wirken über das eigene Leben hinaus. Der Tod des ein Oeuvre hinterlassenden Künstlers ist nicht das Ende seiner Kunst. Diese lebt nicht nur spirituell weiter, sondern vor allem durch die Existenz des Geschaffenen. Fraglich freilich ist die Akzeptanz. Diese ist Moden unterworfen, geistigen Strömungen auch, und dem tatsächlichen momentanen Bedarf.

Künstler sind ja Sinnsucher, Fragesteller und Antwortgeber; und es hat nichts mit ihrer Qualität zu tun, wenn gerade einmal die Fragen nicht (oder nicht mehr) gestellt werden, die ihr Werk, ihre lebenslange Anstrengung und Suche nach Erkenntnis, ausgemacht haben. Die Welt ist so schnelllebig und voll von flüchtigen Eingebungen, dass Präsenz und Aktualität kein Maßstab sein können für den Rang von Kunst. Und dem wahrhaften Künstler, dem ernsthaft Suchenden, braucht nicht bange zu werden um die Zuwendung der an Wahrheit Interessierten. Das kann zwar manchmal dauern, aber - es wird geschehen.

Kurt Regscheks lebenslanges künstlerisches Thema war die Untersuchung von Wirklichkeit. Als Kind einer Gesellschaft, die durch die Aufklärung geprägt war, wurde er Zeuge, wie wortreich und überzeugt diese Gesellschaft imstande war (und immer noch ist), die seit damals selig machende Wirklichkeit, die Wirklichkeit der Wissenschaft, zu argumentieren. Diese scheinbar unverrückbare Wirklichkeit, die nichts anders neben sich zulässt als was gemessen, gewogen und überprüft werden kann.

Als fein empfindender, Irritationen aufspürender, schöpferischer Mensch mit einem gesunden Hang zum Zweifel hat Kurt Regschek schon durch seine Berufswahl (romantischere Seelen nennen es Berufung) die Überprüfung abendländischer Wirklichkeit zu seinem Thema gemacht. Das Arbeiten »entlang der Natur« war ihm nicht nur ein Festhalten, es war ihm auch ein In-Frage-Stellen, ein Abtasten, wenn man will. Denn als Künstler ahnt man schon früh, dass es andere Wahrheiten, andere Erkenntnisse gibt als die naturwissenschaftlichen.

Erkenntnis für den bildenden Künstler kann eine rein durch die Sinne bestimmte sein. Eine, die sich mit den Sichtbarkeiten beschäftigt, den verborgenen wie den augenfälligen; die sich am Erscheinungsbild entlang tastet, um Wahrheit, vielleicht auch neue Wahrheit zu finden, ein Seinsgefühl und dadurch Befriedigung.

Erkenntnis kann aber auch das Ergebnis bewusster wie unbewusster Zusammenführungen von gewohnten Sichtbarkeiten sein. Eine Art Zusammenwürfeln verschiedener Wirklichkeiten, die im neuen Kontext plötzlich neue, bis dato nicht geahnte Wahrheiten entstehen lassen. Für einen Künstler des 20. Jahrhunderts konnte dieser Weg besonders verlockend sein.

Die Mittel des Realismus waren ja in all ihren Facetten ausgeschöpft. Wirklichkeit als optisches Problem, als Thema der Empfindung, als Momentaufnahme und als Gegenstand im Rahmen des Symbolismus war abgehandelt. Wirklichkeit als Mittel der Expression, ja der Reduktion und »Verkürzelung« waren Thema gewesen. Der Schritt vom Abbild des Gesehenen zur Wiedergabe einer Idee (einer Konzeption) war vollzogen. Was - nach der Demontage der sichtbaren Wirklichkeit - in der Luft lag, war die Dekonstruktion der herkömmlichen Logik. Der Surrealismus war eine mögliche Antwort. Ihm standen alle nur erdenklichen Wege offen. Er konnte - formal wie inhaltlich - aus dem Repertoire des bis dahin Geleisteten schöpfen. Er konnte als abstrakter Automatismus auftreten, aber genau so als das Motiv bannender Realismus. Die Irritation wurde seine Hauptaufgabe. Die Bandbreite war groß. Von der Ausschaltung des Bewusstseins über verblüffende, oft auch optische Täuschungen (das Trompe-1'oeil war ein beliebtes Stilmittel) bis hin zu komplizierten postsymbolistischen Inszenierungen war alles möglich. Yves Tanguy und Max Ernst waren Surrealisten wie Rene Magritte, Giorgio de Chirico oder Salvador Dali. Gemeinsam war ihnen allen die Verrückung der Wirklichkeit. Die Arbeit an einem Gegenentwurf für unsere oft allzu vernunftorientierte Welt.

Kurt Regschek hatte sich da erfolgreich eingeklinkt, gleichsam sich selbst unters Joch genommen, um seinen Anteil, seinen Beitrag zu leisten zu diesem größeren »Werk« der Eroberung neuer Wirklichkeiten. Er hatte erkannt, dass die Vernunft nicht alles kann; dass sie ein unsicherer Kantonist ist, der allzu schnell zu überzeugter Eindeutigkeit verführt.

Kurt Regscheks Werk ist eine nicht zu enden scheinende Kette von Anläufen durchdachter wie durch-fühlter Inszenierungen, die uns die Brüchigkeit der Wirklichkeit vorführen; ein unendliches Spiel mit vielen möglichen Realitäten, das in der verwirrten Frage münden muss: was ist nun wirklich wahr? Regschek nimmt mit seinen Bildern den Betrachter in die Pflicht. Er fordert ihn auf, innezuhalten und darüber nachzudenken (oder nachzufühlen), ob das, was er sieht und empfindet, der Weisheit letzter Schluss ist. Ob es gefestigter Grund ist, auf dem er baut.

Kurt Regschek ebnete damit den Boden für Nachdenklichkeit und Nachsicht, für ein Ahnen um eine Welt dahinter. Für innere Haltungen also, die den Einzelnen herausheben aus dem Meer an Intoleranz, Dummheit und Egoismus. Er hat dadurch ein Stück dessen erlangt, das zu erringen der kreative Mensch, der Künstler angetreten ist. Er hat Erkenntnis gewonnen und die Fähigkeit, diese mitzuteilen. Wenn wir heute auf Kurt Regscheks abgeschlossene Lebensarbeit zurückblicken, sind wir mit einem in sich geschlossenen Gesamtwerk konfrontiert, das sich durch die Formulierung der schöpferischen Grundfragen als gültig erweist. Er hat aufgezeigt, wie unsicher unsere Vorstellung vom Sein ist, und er hat dadurch beigetragen zur Sensibilisierung und Wachsamkeit - Eigenschaften, die den denkenden wie den schöpferischen Menschen auszeichnen.


© Bild und Texte Peter Diem und Anton Wladar